Forschendes Lernen in der Studieneingangsphase Politikwissenschaft

von Jörn Westphal

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Wie schreibe ich eine Seminararbeit, die den Standards der Politikwissenschaft entspricht? Im Seminar „Einführung in das politikwissenschaftliche Arbeiten“ werden die Erstsemester an die Arbeitstechniken ihres Faches herangeführt. Dazu durchlaufen sie einen ganzen Forschungszyklus, von der Entwicklung einer Fragestellung über die Recherche von Literatur und ersten Daten bis hin zum fertigen Text.

Das Seminar „Einführung in das politikwissenschaftliche Arbeiten“ in der Studieneingangsphase der Politikwissenschaft

Auch im Wintersemester 14/15 wird das Seminar „Einführung in das politikwissenschaftliche Arbeiten“ Studierende der Universität Bremen mithilfe des forschenden Lernens in die Aspekte des wissenschaftlichen Arbeitens fachspezifisch einführen. Es handelt sich bei dieser Einführungsveranstaltung um ein Bachelor-Pflichtseminar im ersten Semester im Modul 8 unter der Federführung von Julia Sievers. Es findet parallel in mehreren Seminargruppen statt. Das Seminar geht mit seiner forschungsorientierten Ausrichtung über das bloße Vermitteln wissenschaftlicher Arbeitstechniken hinaus.

Im Kern des Seminars steht die eigene Hausarbeit – und alle Schritte, die nötig sind, bis die Arbeit fertig gestellt ist. Das Überthema ist vorgegeben – Wahlen und Parteien – aber in diesem Rahmen suchen sich die Studierenden eine eigene Forschungsfrage und durchlaufen kleine, individuelle Forschungsprojekte. Ziel ist, die Studierenden an die Forschungslogik heranzuführen und ihnen dazu die grundlegenden Fertigkeiten des wissenschaftlichen Arbeitens zu vermitteln. Der Forschungsprozess beginnt mit der Problemerkennung und der Entwicklung einer Forschungsfrage und wird mit der Abfassung einer Hausarbeit von 15 – 20 Seiten beendet. Zwischenstände des Arbeitsprozesses werden durch das Einreichen von zwei schriftlichen Aufgaben abgefragt. Auf dem Weg zur fertigen Hausarbeit werden die Studierenden auch in Tutorien betreut. Im Seminar wird deutlich, dass solch ein Arbeitszyklus mit Höhen und Tiefen verbunden ist. Die Lehrveranstaltung ist für die meisten Studierenden der erste Kontakt mit dem wissenschaftlichen Arbeiten. In diesem ersten Kontakt wird erfahrbar gemacht, welche Erkenntnisinteressen die Disziplin hat und wie Politikwissenschaftler_innen vorgehen, um Antworten auf ihre Fragen zu erhalten. Welche Rolle spielen etwa politikwissenschaftliche Theorien und Konzepte? Was sind Hypothesen? Welche Daten sammeln und analysieren Politikwissenschaftler_innen – und wie gehen sie dabei vor? Und wie zitiere ich eigentlich richtig? Das Seminar soll den Erstsemestern außerdem eine Orientierung bieten, ob sie das für sie richtige Fach gewählt haben.

Begleitung durch Tutorien

Die Seminarsitzungen werden durch regelmäßige Tutorien begleitet. Sie sind der Ort für praktische Übungen zur Literaturrecherche, Zitationstechniken oder der Formatierung der Hausarbeit. Die Tutorien werden in enger Zusammenarbeit mit den Lehrenden von Studierenden aus höheren Semestern geleitet. Es hat sich gezeigt, dass die Distanz zwischen Studierenden und Tutor_innen geringer ist als zwischen den Studierenden und Lehrenden: Das schafft eine gute Umgebung für Erstsemester, um Fragen zu stellen, die sie gegebenenfalls nicht sofort an die Lehrenden richten möchten. Die Tutorien wurden in den Evaluationen immer wieder als hilfreiche Unterstützung für das Seminar genannt.

Den Forschungsprozess anstoßen

Bei der forschungsorientierten Ausrichtung des Seminars stellt sich die Frage, wie die Studierenden überhaupt vom sehr allgemeinen Thema Wahlen und Parteien zu ihrer eigenen Forschungsfrage kommen. Einerseits gilt es Neugier zu wecken, aber andererseits auch einen thematischen Rahmen abzustecken, der für Studierende des ersten Semesters überschaubar ist. In der Regel kommen Studierende ohne Vorkenntnisse der akademischen Disziplin an die Universität, worauf Rücksicht genommen werden muss.

Der Forschungsprozess wird mithilfe eines realweltlichen Szenarios durch eine induktive Herangehensweise initiiert. Ein Text wird analysiert und über Problemdefinitionen werden dann Anstöße zu Forschungsfragen gegeben (Den Szenariotext finden Sie hier). Im Seminar wurden gute Erfahrungen mit dieser speziell für die Ansprüche des Seminars ausgelegten Methode gemacht. In ihrer ursprünglichen Anwendung wird mit der Szenariomethode häufig ein zukünftiger Sachverhalt dargestellt, um Akteure und Zusammenhänge bewusst werden zu lassen. Der letztere Aspekt eignet sich hervorragend für die Anwendung innerhalb der Politikwissenschaft. Für das Seminar ist das Szenario nicht in die Zukunft, sondern in die Gegenwart gerichtet. Es werden hierfür Aspekte zu einer bestimmten realweltlichen Gegebenheit textlich zusammengetragen und von studentischer Seite analysiert. Studierende sollen mithilfe des realweltlichen Szenarios lernen, forschungsrelevante Thematiken, bildlich gesprochen, durch das Aufsetzen einer analytischen Brille zu betrachten.

Die Arbeit mit dem realweltlichen Szenario

Im vergangenen Wintersemester wurde im Seminar ein Szenario zur Bundestagswahl 2013 auf politikwissenschaftlich relevante Aspekte hin analysiert. Als Rahmen diente das Überthema Wahlen und Parteien. Das Szenario ist dabei die Beschreibung einer Situation, hier der Bundestagswahl 2013, mit möglichst vielen Akteuren und Interaktionen. Die Bereiche Parteien und Wahlen bieten eine thematische Eingrenzung und ergänzen sich gut mit parallel stattfinden Lehrveranstaltungen im ersten Studiensemester, womit Studierende Synergieeffekte nutzen können. Mögliche Themen, die über die Bundestagswahl 2013 hinausgehen, werden im Seminar gesammelt und diskutiert

Abbildung 1: Mind Map zum realweltlichen Szenario aus dem Seminar von Julia Sievers

Abb. 1: Mind Map zum realweltlichen Szenario aus dem Seminar von Julia Sievers

Im nächsten Schritt geht es darum, ausgehend von identifizierten Unterthemen, Fragen zu generieren. Was ist politikwissenschaftlich relevant und warum? In einer Art Brainstorming wird direkt darauf eingegangen. Herauskristallisierte Themen und Fragen werden dann unter Anleitung der Lehrenden in bearbeitbare Forschungsfragen überführt. Beispielsweise Koalitionsaussagen, die möglicherweise konträr zur ideologischen Ausrichtung der Parteien standen und die im Jahr 2013 erstmalig wieder leicht erhöhte Wahlbeteiligung wurden so zum Diskussionsgegenstand politikwissenschaftlicher Betrachtung im Seminar.

Das realweltliche Szenario wurde weitgehend angenommen. Vereinzelnd gab es kritische Anmerkungen hinsichtlich der starken Fokussierung auf die Bereiche Parteien und Wahlen, die einige Studierende als Einschränkung ihrer Kreativität wahrgenommen haben. Der thematische Schwerpunkt ergab sich nach einem früheren Wintersemester, in dem es diese Vorgaben nicht gegeben hatte. Damals wurden Schwierigkeiten bezüglich der thematischen Festlegung und Eingrenzung der Themen zu den Hausarbeiten deutlich, was dann zu einer Neujustierung führte.

Viele Studierende benutzten Forschungsfragen, die zum Seminarbeginn mithilfe des realweltlichen Szenarios generiert wurden. Andere hingegen wählten im Laufe des Seminars andere Forschungsfragen, die sie ebenfalls aus aktuellen Gegebenheiten ableiteten. Die Studierenden konnten allgemein sehr gut durch das realweltliche Szenario einen analytischen Blick entwickeln.

Erfahrungen aus dem Forschungsprozess

Die Lehrenden unterstützten bei der Auswahl/Eingrenzung der individuellen Forschungsfragen und bauten Brücken zur Literatur. Studierende begannen sich in Theorien und Forschungsstände zu ihren Themen einzulesen. Hierzu konnte auf bereitgestellte Einführungsliteratur zum Thema Parteien und Wahlen zurückgegriffen werden. Zeitgleich standen Recherchestrategien und der Umgang mit Datenbanken für wissenschaftliche Publikationen auf dem Seminarplan. Passende Literatur zu finden war zu Studienbeginn für viele Studierende eine Herausforderung, die sie im Verlauf des Kurses aber meist zielgerichtet angehen konnten.

In den ersten Seminarwochen wurde die individuelle Forschungsfrage samt der Ausführung ihrer politikwissenschaftlichen Relevanz in schriftlicher Form eingereicht. Lehrende gaben dazu ein schriftliches Feedback. Einige Studierende präsentierten in ihrer Seminargruppe die Ergebnisse dieser Aufgabe. In einer anschließenden Diskussion stand dabei die Reflexion der eigenen Fortschritte und der erkannten Probleme im Arbeitsprozess im Mittelpunkt. Zu erfahren, dass man nicht nur selbst Probleme hatte und Schwierigkeiten auch bei Kommiliton_innen auftraten, war dabei ein wichtiger Erkenntnisgewinn.

In dem obligatorischen Analyseteil der empirisch-analytischen Hausarbeit unternahmen viele einen Vergleich, der zur Beantwortung der Forschungsfrage beitragen sollte. Dies waren beispielsweise analytische Vergleiche von Koalitionsaussagen der Parteien, Wahlprogrammen, Wahlbeteiligungen oder Wahlergebnissen. Einen fachlichen Input erhielten sie hierzu in den Seminaren. Die Datenbeschaffung erfolgte selbstständig. Von Seiten der Lehrenden wurde auf die Machbarkeit der Analyse geachtet.

Auf dem Weg zum Abfassen der Hausarbeit reichten die Studierenden ein Exposé ein, das ebenfalls im Seminar diskutiert und reflektiert wurde. Angeeignetes Wissen zu der gewählten Thematik, dem Forschungsdesign einer wissenschaftlichen Arbeit und den Zitationsregeln mündeten dann in das Abfassen einer Hausarbeit.

Die Erfahrung, dass Forschungsprozesse wie auch Schreibprozesse meist nicht linear ablaufen, konnten viele Studierende positiverweise im Seminar machen. Insbesondere nach tieferer Literaturrecherche und der Datensichtung passten Studierende häufig ihre thematischen Ausrichtungen an.

Zeitmanagement und der Umgang mit Texten in der Studieneingangsphase

Studierende sind in der Regel sehr gut in der Lage, fachliche und inhaltliche Anforderungen umzusetzen, dies zeigen Ergebnisse der eingereichten Hausarbeiten. Es sind häufig Probleme überfachlicher Natur, die vermehrt in der Studieneingangsphase auftreten. In Gesprächen mit Nachzüglern, also Studierende, die ihre Hausarbeit verspätet abgeben, zeigte sich, dass es teilweise als schwierig empfunden wurde, den zeitlichen Rahmen des Forschungsprozesses mit dem individuellen Zeitgefühl und der Selbstorganisation in Einklang zu bringen. Dies kann dazu führen, dass die Abgabe einer Hausarbeit zwar stattfindet, jedoch vielfach erst zum zweiten oder gar dritten Termin. Viele Studierende planen also zu wenig Zeit ein, um eine Hausarbeit pünktlich zum Abschluss zu bringen. Doch gerade der professionelle Umgang mit der Eigenverantwortung in puncto Selbst- und Zeitmanagement ist für ein erfolgreiches Studium sehr wichtig.

In der Studieneingangsphase Politikwissenschaft lernen Studierende wissenschaftliche Lektüre kennen. Die für viele fremde wissenschaftliche Sprache, die sie lesend erfahren, aber auch schreibend umsetzen müssen, scheint ebenfalls häufig eine Herausforderung für Studierende des ersten Semesters zu sein.

Zusatzangebote zur Entwicklung überfachlicher Kompetenzen

Im Wintersemester 13/14 konnten mit fachlicher Unterstützung der Studierwerkstatt zwei thematisch unterschiedliche Coachings im Seminar angeboten werden. Geschulte studentische Coaches gaben ihr Wissen zu „Selbst- und Zeitmanagement“ und „Lese- und Schreibtechniken“ mit zahlreichen Übungen an die Erstsemester weiter. Ziel war es auch, dass mehr Studierende die Hausarbeit pünktlich zum ersten Abgabetermin einreichen. Die Teilnehmerzahl war zwar geringer als erwartet, die Zusatzangebote wurden von den Studierenden aber generell begrüßt.

Ausblick: Das Seminar im Wintersemester 14/15

Das Seminar ist konzeptionell gut strukturiert und wird allgemein positiv von den Studierenden angenommen, dies zeigen die Evaluationen. Im Kern soll es auch im aktuellen Wintersemester 14/15 für Studierende wieder darum gehen, forschend zu erlernen, was es heißt, Politikwissenschaft zu studieren. Hierbei sollen die Seminareinheiten mit der Erfahrung des vergangenen Wintersemesters an die Herausforderungen, die sich häufig für Studierende des ersten Semesters ergeben, angepasst werden.

Aktualisierung des realweltlichen Szenarios

Für das Wintersemester 14/15 ist angedacht, ein realweltliches Szenario zum Thema „Die Bundesrepublik Deutschland in der Europäischen Union“ im Seminar zu benutzen. Der Fokus auf Wahlen und Parteien wird zwar bestehen bleiben, aber der thematische Bezug zur Europäischen Union und somit sicher auch zur Wahl des Europäischen Parlaments in diesem Jahr wird für Studierende einen größeren Rahmen bieten, interessante Forschungsfragen zu entwickeln und ambitioniert auf deren Beantwortung hinzuarbeiten.

Coaching auch im aktuellen Wintersemester

Studierende werden wieder überfachliche Kompetenzen erwerben und ausbauen können. Hierzu wird, finanziert mit ForstA-Mitteln, auch im Wintersemester 14/15 ein Coaching mit fachlicher Unterstützung der Studierwerkstatt angeboten. Thematisch wird das Coaching voraussichtlich auf „Lese- und Schreibtechniken“ ausgerichtet sein. Weitere Coachings in anderen Themenfeldern überfachlicher Kompetenzen sind wünschenswert, dies bedarf aber zusätzlicher Finanzmittel. Studierende sollen von Anfang an auf die Relevanz überfachlicher Kompetenzen für den Studienerfolg aufmerksam gemacht werden. Es gilt, Studierende früh für die Angebote der Universität Bremen in diesen Bereichen zu sensibilisieren. Dazu wird auch ein Besuch von Vertreter_innen der Studierwerkstatt im Seminar beitragen.

Fachlichen Austausch unter Studierenden fördern

Studierende sollen verstärkt zum fachlichen Austausch in Kontakt miteinander treten können. Die Seminarsitzungen bieten dafür durch festgelegte Termine Gelegenheit. Für einen kontinuierlichen Austausch sind die Seminarsitzungen aus zeitlichen Gründen jedoch nur bedingt geeignet. Im aktuellen Wintersemester sollen die Tutorien stärker als Ort der Diskussionen und des Austauschs in das Seminar eingebunden werden. So kann die geringe Distanz zwischen den Studierenden, die die Tutorien leiten und den Studierenden, die die Tutorien besuchen, zu einer konstruktiven Diskussionskultur beitragen. Studierende sollen in den Tutorien intensiver als bisher über ihre Arbeitsfortschritte sprechen und sich austauschen können. Diskussionsergebnisse und offengebliebene Fragen können dann konzentriert in das Seminar getragen werden. Das Ziel soll dabei immer sein, dass Studierende miteinander kommunizieren und sich, wie es im Forschungsprozess der Normalfall sein sollte, in ihren Projekten gegenseitig unterstützen.

Erfolgreich fortsetzen und den Fokus nicht verlieren

Mit der Ausrichtung des Seminars „Einführung in das politikwissenschaftliche Arbeiten“ auf das forschende Lernen gibt es in der Politikwissenschaft der Universität Bremen die Möglichkeit, Studierende von Anfang an das Forschen heranzuführen. Es sollte darauf geachtet werden, das Seminar weiterhin mit ausreichenden Ressourcen auszustatten, beispielsweise damit die zurzeit noch temporären Zusatzangebote zum Erwerb überfachlicher Kompetenzen langfristig integrativer Bestandteil des Seminars werden können. Studierende werden durch den Ansatz des forschenden Lernens stark gefordert. Besonderheiten der Studieneingangsphase, die hier erwähnt wurden, machen das Seminar für Studierende aber auch für Lehrende zu einem ambitionierten Projekt. Die Freiheiten im Seminar sind gleichzeitig eine Herausforderung, die Studierende wie auch Lehrende gerne annehmen.

Über den Autor

Jörn Westphal betreut das ForstA-Projekt in der Studieneingangsphase Politikwissenschaft. Hierzu ist er auch als Dozent im Seminar „Einführung in das politikwissenschaftliche Arbeiten“ tätig.

 

 

Bildnachweis:

  • Autorfoto: Jörn Westphal (privat)
  • Abb. 1: Julia Sievers (privat)

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