Forschend Lehren am Institut für Ethnologie und Kulturwissenschaft – Über Erfahrungen mit dem Forschenden Lehren und die Bedeutung der Beziehungsebene zwischen Studierenden und Lehrenden

Von Henning Koch

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Am Institut für Ethnologie und Kulturwissenschaft (kurz: IFEK) wird seit August 2013 ein Projekt zur Strukturierung der Studieneingangsphase und zum Umgang mit Diversität im Bachelorstudiengang Kulturwissenschaft durchgeführt. Das Projekt ist Teil des universitätsweiten Programms „ForstA -Forschend Studieren von Anfang an – Heterogenität als Potenzial“, mit dem sich die Universität Bremen stärker in Lehre und Studium profilieren will. Das Programm „ForstA“ fördert dazu Projekte, die sich Themen des Forschenden Studierens und der Heterogenität der Studierenden widmen.Das Projekt am IFEK betrachtet die Themen „Forschendes Studieren“ und „Heterogenität der Studierenden“ gemeinsam und fokussiert dabei auf die Studieneingangsphase im Bachelorstudiengang Kulturwissenschaft. Im Zuge einer evaluierenden Begleitforschung werden Einzelgespräche mit Lehrenden sowie Gruppendiskussionen mit Studierenden durchgeführt. Aus den Ergebnissen dieser Forschung werden mögliche Inhalte für eine hochschuldidaktische Supervision der Institutsmitarbeitenden sowie Ideen für neue Veranstaltungsformate abgeleitet.

Abbildung 1: Das ForstA-Logo

Abb. 1: Das ForstA-Logo

In einem ersten Schritt habe ich, der Projektdurchführende, nun die Lehrenden des Instituts zu ihren Erfahrungen mit dem Konzept des „Forschenden Studierens“ befragt. Dieser Artikel gibt Einblicke in den laufenden Forschungsprozess. Er schildert konkrete Erfahrungen der Lehrenden, thematisiert den Umgang mit studentischer Heterogenität und verdeutlicht die Bedeutung der Beziehungsebene zwischen Studierenden und Lehrenden. Bevor dies geschieht, wird einleitend der Begriff des Forschenden Studierens geklärt.

Forschend Studieren –  Was ist das?

Die Idee des Forschenden Studierens geht auf das Konzept des Forschenden Lernens zurück. Dieses orientiert sich im Kern am humboldtschen Ideal einer Universität, in der Lehre und Forschung eine Einheit bilden. Dazu sollte sich die Lehre möglichst aus einem Forschungsprozess ableiten und den Studierenden die Möglichkeit bieten, einen solchen Forschungsprozess selbst zu durchlaufen und eigene Forschungsergebnisse herbeizuführen. Im deutschsprachigen Raum wurde diese didaktische Idee von Ludwig Huber geprägt, der heute die Universität Bremen als Mitglied im ForstA-Expertenkreis unterstützt (mehr Infos unter: http://www.uni-bremen.de/forsta/expertenkreis.html).

Je nach Blickwinkel ergeben sich unterschiedliche Begrifflichkeiten in Zusammenhang mit dieser didaktischen Idee: Möchte man die Perspektive der Lehrenden einnehmen, wird oftmals vom Forschenden Lehren gesprochen. Die Perspektive der Studierenden bildet sich hingegen besser im Begriff des Forschenden Lernens oder eben im Begriff des Forschenden Studierens ab, der sich in der Abkürzung „ForstA“ wiederfindet. Da es in diesem Artikel vorwiegend um die Perspektive der Lehrenden geht, wird hauptsächlich der Begriff des Forschenden Lehrens verwendet.

Der Umgang mit studentischer Heterogenität ist in der Idee des Forschenden Lehrens konzeptionell verankert

Um mehr über die Erfahrungen bei der Umsetzung des Forschenden Lehrens im Sinne des Projektes herauszufinden, waren in meinen Gesprächen mit den Lehrenden am IFEK zwei Fragen von zentraler Bedeutung:1.) Welche Erfahrungen machen die Lehrenden mit dem Forschenden Lehren? und 2.) welche Bedeutung messen sie dabei der studentischen Heterogenität bei? Aus diesen Gesprächen entstanden Gesprächsprotokolle, auf die ich beim Verfassen dieses Artikels zurückgreifen konnte.

Nach Ludwig Huber gehört es „idealtypisch gesehen, zweifellos zu Forschendem Lernen, dass die Studierenden selbst eine sie interessierende Frage- oder Problemstellung entwickeln.“ (Huber 2004: 32). Diese zentrale Feststellung Hubers markiert auch den subjektorientierten Charakter des Forschenden Lehrens. Denn: Indem die Studierenden selbst Fragen entwickeln, bringen sie sich mit ihren individuellen Ausgangslagen und Ausgangsinteressen ein und artikulieren Forschungsinteressen, die nicht unabhängig von ihren persönlichen Hintergründen sind. Somit ist der Umgang mit Heterogenität bereits konzeptionell in der Idee des Forschenden Lehrens enthalten und sollte berücksichtigt werden.

Auch im Spiegel der didaktischen Umsetzungen am IFEK lässt sich dieses Ideal des Forschenden Lehrens betrachten: Wenn sich forschendes Lehren anbietet, würde ein didaktisches Konzept entlang der thematischen Schwerpunkte der Lehrveranstaltung entwickelt. So berichteten mir Lehrende des Instituts. Damit erfährt das aufgeführte idealtypische Konzept Hubers in seiner Umsetzung zwei ganz pragmatische Einschränkungen:

1.) Nur wenn das Konzept in Bezug auf das Thema der Lehrveranstaltung als sinnvoll und umsetzbar aufgefasst wird, kommt es auch zur Anwendung.

Für den Bachelorstudiengang Kulturwissenschaft lässt sich jedoch feststellen, dass sehr viele Lehrveranstaltungen von den Lehrenden als geeignet für das Konzept des Forschenden Lehrens erachtet werden und das Konzept auch dementsprechend oft angewandt wird. Dies gilt besonders für die Studieneingangsphase im Bachelor Kulturwissenschaft, in der in unterschiedlichen Modulen forschend studiert wird. In meinen Gesprächen habe ich mit keinem Lehrenden gesprochen, der noch keine persönlichen Erfahrungen in der Umsetzung des Konzepts gemacht hat. Dementsprechend groß ist auch der Erfahrungsschatz, auf den die Lehrenden zurückgreifen.

2.) Die Forschungsinteressen der Studierenden müssen sich am Thema der Lehrveranstaltung orientieren.

Eine gleichsam übertragbare Einschränkung findet sich auch bei Huber. Denn die von den Studierenden entwickelten Frage- und Problemstellungen sollen nicht nur zufällig subjektiv bedeutsam (insofern also nicht nur an den Studierenden orientiert), sondern, ähnlich wie bei Forschenden, auf die Gewinnung neuer Erkenntnisse gerichtet sein und einer Suchbewegung folgend von einem konkreten Fall oder Problem ausgehen (vgl. Huber 2004: 32). In der Studieneingangsphase des Bachelor Kulturwissenschaft bietet es sich jedoch regelmäßig an, Fragestellungen aus den unterschiedlichen persönlichen Hintergründen und Interessen der Studierenden abzuleiten.

Eine leitende Frage bei der Konzeption von Lehrveranstaltungen kann lauten: „Wer sind die Studierenden in meinen Veranstaltungen und Betreuungssituationen?“ Als einen weiteren Weg der Umsetzung wurde mir in meinen Gesprächen dementsprechend die Möglichkeit genannt, auf Grundlage der bewusst wahrgenommenen studentischen Heterogenität Angebote zu schaffen, die sich an den individuellen Ausgangslagen und –zielen der Studierenden orientieren. Bei der Konzeption solcher Lehrveranstaltungen leitet die Frage an: „Wer sind die Studierenden in meinen Veranstaltungen und Betreuungssituationen?“ Lässt sich diese Herangehensweise mit den inhaltlichen Themen einer Lehrveranstaltung verknüpfen, zeichnet sich hier eine Chance ab, studentische Heterogenität als wertvolles Potential didaktisch zu berücksichtigen und in spannende studentische Forschungsprojekte münden zu lassen.

Speziell für das Fach der Kulturwissenschaft und die Forschungsfragen, die sich dieses Fach stellt, erweisen sich dabei unterschiedliche Sichtweisen, die sich aus den diversen Perspektiven der heterogenen Studierendenschaft ergeben, als besonders wertvoll. Die unterschiedlichen Alltage und Hintergründe der Studierenden werden so bereits in der Studieneingangsphase zu einem wesentlichen Erfahrungsschatz, der über das Konzept des Forschenden Lehrens zugänglich wird und eine Wertschätzung erfährt.

Doch müssen dafür auch die Umstände passen: Diese subjektorientierte Form der Umsetzung scheint sich an den aktuellen Vorrausetzungen für die Lehre an der Uni Bremen und im Studiengang Kulturwissenschaft zu reiben. Aufgrund personeller Unterbesetzung und daraus resultierenden großen Teilnehmer_innenzahlen, speziell in den Modulen der Studieneingangsphase, sei die Entscheidung für diese Vorgehensweise auch eine Entscheidung für Mehrarbeit im Vergleich zur „klassischen“ Vorlesung.

Forschen ist ein sozialer Prozess – auch zwischen Studierenden und Lehrenden

Ludwig Huber umschreibt den allgemeinen Prozess, den Lehrende in ihren Seminaren initiieren und begleiten sollen, mit folgenden Worten: „Das Wichtige am Prinzip des Forschenden Lernens ist die kognitive, emotionale und soziale Erfahrung des ganzen Bogens, der sich vom Ausgangsinteresse, den Fragen und Strukturierungsaufgaben des Anfangs über die Höhen und Tiefen des Prozesses, Glücksgefühle und Ungewissheiten, bis zur selbst (mit-)gefundenen Erkenntnis oder Problemlösung spannt.“ (Huber 2004: 33).

Forschendes Lehren zielt somit auf ein fertiges Endprodukt in Form einer neuen Erkenntnis oder einer Problemlösung, das präsentiert und öffentlich gemacht werden kann. Dies wird mir auch von den Lehrenden als ein Vorteil des Konzepts beschrieben, denn für die Studierenden bleibe etwas zurück und das sichere die Nachhaltigkeit. Der prozessartige Charakter des Forschenden Lehrens werfe aber auch Fragen auf. Insgesamt bestehe eine Gefahr des Konzeptes in seiner Tendenz, die Studierenden zu überlasten. Diese Gefahr bestehe gerade vor dem Hintergrund der modularisierten Studiengänge und der sich daraus ergebenden zeitlichen Einschränkungen. Es müsse folglich darauf geachtet werden, den Studierenden einen angemessenen Workload abzuverlangen. Außerdem müsse entschieden werden, was am Ende eigentlich bewertet werden solle: Das Endprodukt oder eine Prozessreflexion?

Forschendes Lehren durchläuft neben dem Forschungsprozess auch soziale Prozesse. So wird in den Seminaren am IFEK Forschendes Lehren häufig über Formen der Gruppenarbeit organisiert. Die einzelnen Mitglieder dieser Gruppen stellen sich im Laufe des Forschungsprozesses gemeinsam verschiedenen Forschungssituationen, die für sie gleichzeitig auch Lernsituationen darstellen (vgl. Huber 2004: 36). Über die gemeinsame Arbeit in der Gruppe können so Schlüsselkompetenzen, wie Kommunikations-, Team- und Präsentationsfähigkeit oder interkulturelle Kompetenzen erworben werden. Aus dem Lehrteam des IFEK wird mir berichtet, dass die Arbeit in Gruppen dabei den Vorteil habe, dass oftmals schwächere Studierende durch ihre Arbeitsgruppe „mitgenommen“ würden. Manchmal habe Gruppenarbeit aber auch den Nachteil, dass einzelne Studierende die Arbeit in ihrer Gruppe erschweren würden. Unverkennbar tut sich hier eine neue Verantwortung für die Lehrenden auf. Diese liegt darin, in die Beziehungsarbeit mit den Studierenden zu gehen und Gruppenbildungsprozesse auch unter Berücksichtigung von studentischer Heterogenität zu steuern und zu gestalten.

Diese studentische Heterogenität bildet sich für die Lehrenden am IFEK über ganz unterschiedliche Dimensionen ab, die nicht zwingend den „klassischen“ Ungleichheitskategorien entsprechen. Neben der Frage, ob Kulturwissenschaft im Haupt- oder Nebenfach studiert werde, gehörten dazu beispielsweise auch die unterschiedlichen Fächerkombinationen in denen studiert werde, die Unterschiede in den Wissensständen oder Modul-Wiederholer_innen.

Eine Schwierigkeit im Umgang mit Heterogenität bestehe jedoch darin, die Heterogenität nicht dazu zu nutzen, den Anderen zum Anderen zu machen. Folglich liege für die Lehrenden ein Problem oftmals in der Ansprache und es scheine hilfreich, eine Atmosphäre zu schaffen, in der Heterogenität einen Platz bekomme und als selbstverständlich aufgefasst werde.

Als Lehrende_r zum Teil eines Teams werden

Zentrale Herausforderungen die sich beim Forschenden Lehren unter der Bedingung studentischer Heterogenität ergeben, scheinen somit durch die Kommunikation und die Beziehungsarbeit zwischen Lehrenden und Studierenden gelöst werden zu können. Eine Investition in die Beziehungsarbeit stütze das Konzept des Forschenden Studierens, so sprechen die Erfahrungen der befragten Lehrenden. Um die Bindungsarbeit zu intensivieren, fehle aber oftmals die Zeit. Bedenkenswert schien mir in diesem Kontext auch, dass der Mehrzahl der befragten Lehrenden aus den Modulen der Studieneingangsphase im BA Kulturwissenschaft momentan nur eine gesicherte Anstellung an der Universität Bremen geboten wird, die unter der Dauer des durchschnittlichen Bachelor-Studiums ihrer Studierenden liegt. Sichere Beschäftigungsverhältnisse für den akademischen Mittelbau wären somit sicherlich auch im Sinne des Forschenden Lehrens und würden eine längerfristige Investition in die Beziehungsebene zu den Studierenden über den Studienverlauf erst möglich machen.

Von diesen Umständen abgesehen, scheint das Forschende Lehren in der Studieneingangsphase des Bachelorstudiengangs Kulturwissenschaft insgesamt eine integrierende Funktion in das soziale System Hochschule einzunehmen. Auf Seiten der Studierenden wecke es die Neugierde und Bereitschaft, sich gegenüber anderen mit Ideen und persönlichen Hintergründen zu öffnen, beobachten Lehrende des Instituts. Und auch die Erfahrungen der Lehrenden lassen sich positiv resümieren: Forschendes Lehren anzuwenden und Forschungsprojekte anzuleiten, mache Spaß, denn innerhalb des Forschenden Lehrens werde man selbst zum Teil eines Teams.

Im Rahmen des hier vorgestellten Projektes wird sich der Blick nun im kommenden Sommersemester auf die Studierenden der Studieneingangsphase im Bachelorstudiengang Kulturwissenschaft richten und ihre Erfahrungen mit dem Forschenden Studieren untersuchen. Parallel werden die Erkenntnisse aus den Gesprächen mit den Lehrenden in eine hochschuldidaktische Supervision münden, in der es unter anderem um die Gestaltung der Beziehungsebene zu Studierenden gehen wird.

Wer Einblicke in das Forschende Studieren und Lehren am Institut für Ethnologie und Kulturwissenschaft erhalten möchte, sollte sich den universitätsweiten Tag der Lehre am 4. Juni 2014 vormerken. An diesem Tag stellen Studierende ihre Forschungsarbeiten vor und ein Erfahrungsaustausch zwischen Lehrenden und Studierenden in Form einer Podiumsdiskussion ist vorgesehen.

Zur Information:

Am 4. Juni 2014, dem Tag der Lehre an der Universität Bremen, geben Studierende der Kulturwissenschaft in Form von Vorträgen und Poster-Präsentationen Einblicke in ihre Forschungsarbeiten. Informieren Sie sich rechtzeitig unter Aktuelles auf der Seite www.kultur.uni-bremen.de und schauen Sie vorbei!

Semesterschwerpunkt im Sommersemester 2014:
„Gegen Grenzen denken – kritische Perspektiven auf Flucht und Asyl“
Im Sommersemester 2014 bildet dieses Thema einen Semesterschwerpunkt am Institut für Ethnologie und Kulturwissenschaft (IFEK). In zahlreichen Veranstaltungen kann über diese aktuellen Felder geforscht und gelernt werden. Ausgewählte Projekte werden am Tag der Lehre präsentiert. Informieren Sie sich unter Aktuelles auf der Seite www.kultur.uni-bremen.de!

Über den Autor:

Henning Koch führt als wissenschaftlicher Mitarbeiter dasProjekt im Rahmen von „ForstA – Säule 2: Reform der Studieneingangsphase“ am Institut für Ethnologie und Kulturwissenschaft (IFEK) durch.

Literatur:

Huber, Ludwig: Forschendes Lernen. 10 Thesen zum Verhältnis von Forschung und Lehre aus der Perspektive des Studiums. In: die hochschule, 13. Jahrgang/Heft 2 (2004), S. 29- 49.

 

 

Bildnachweis:

  • Autorfoto: Henning Koch (privat)
  • Abb. 1: Universität Bremen

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