Virtuelle Betriebe – eine flexible und innovative Lernform für Studierende in heterogenen Lebenslagen

Von Tobias Bernhardt

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Zwei Seminare in den Gesundheitswissenschaften…

Der Fachbereich 11 Human- und Gesundheitswissenschaften, genauer: der Bachelor-Studiengang Public Health/Gesundheitswissenschaften möchte die Studierenden für unterschiedliche Tätigkeiten im Gesundheitswesen, vor allen in den Bereichen Prävention und Gesundheitsförderung sowie Gesundheitsplanung und Management vorbereiten. Dazu werden unter anderem Seminare zum Betrieblichen Gesundheitsmanagement (BGM) angeboten.

…greifen das Thema  Heterogenität auf…

Unter den angehenden Gesundheitswissenschaftlern finden sich Studierende verschiedener Studiengänge, die bereits vor Aufnahme des Studiums eine Berufsausbildung abgeschlossen und teilweise mehrere Jahre gearbeitet haben. Sie studieren gemeinsam mit Menschen, die gleich im Anschluss an das Abitur die Hochschule besuchen. Doch nicht nur in Hinsicht auf die Berufserfahrung und -sozialisation finden sich Differenzen. Auch in Bezug auf den kulturellen Hintergrund gibt es Besonderheiten. Deutsche lernen zusammen mit Nicht-Deutschen aus anderen Kulturkreisen. Zudem finden sich im Studiengang Personen, die für die Betreuung bzw. Pflege von Kindern und Verwandten zuständig sind.

Wir können festhalten, dass sich die Studierenden vor allem in Hinblick auf die Dimensionen:

  •        Studiengang,
  •        Alter,
  •        Berufsausbildung und -erfahrung,
  •        kulturellem Hintergrund und
  •        Pflege-/Betreuungsverpflichtung

unterscheiden.

… verstehen sie als Chance …

Aus den Unterscheidungsdimensionen lässt sich für die Lehre verschiedener Nutzen ziehen. Studierende aus unterschiedlichen Studiengängen können ihre jeweilige Fachkompetenz in das Seminar einbringen.

Beim Alter kann angenommen werden, dass ältere Personen oftmals über andere Werte, Normen, Einstellungen etc. verfügen als Jüngere (vgl. Walter et al., 2006). Bei Personen mit einer Ausbildung/mit Berufserfahrung liegt der Schluss nahe, dass sie einen anderen Erfahrungsschatz besitzen, als Menschen, denen eine solche Passage im Lebenslauf fehlt (z.B. Heinz, 1995). Der Aspekt der Internationalität spielt dahingehend eine Rolle, dass hierbei ein formelles aber auch informelles Wissen unterschiedlicher Kulturkreise zugänglich gemacht werden kann (vgl. Rothlauf, 2012). Die genannten Punkte sollen als Potential mit in die Lehre einfließen. Dies lässt sich sicherlich auch teilweise auf die Pflege bzw. Betreuung übertragen. In erster Linie ist dieser Punkt jedoch unter dem Gesichtspunkt Work-Life Balance (WLB) von Interesse. In der Arbeitswelt wird zur Unterstützung der WLB z. B. auf flexible Arbeitszeitenregelungen, Telearbeit oder Kinderbetreuungsangebote zurückgegriffen (Hämmig & Bauer, 2010).

Nun können wir nicht während des Seminars parallel eine Kindergruppe ins Leben rufen (nebenbei bemerkt: eine Studentin bringt regelmäßig ihren Sohn ins Seminar mit, was von allen Teilnehmenden akzeptiert wird). Allerdings sind die beiden anderen genannten Strategien durchaus auch in der Lehre umsetzbar.

Flexible Arbeitszeiten erreichen wir dadurch, dass es nicht über das gesamte Semester hinweg Seminarzeiten gibt, an denen die Studierenden anwesend sein müssen. Zwischendurch werden mehrere Gruppenphasen eingebaut, in denen die Studierenden sich in Kleingruppen verschiedene Seminarinhalte erarbeiten. Wann und wo sie dies tun, bleibt ihnen hauptsächlich selbst überlassen. Um auch den Punkt Telearbeit, also das Arbeiten an einem selbst gewählten Ort, abzudecken, werden über Stud.IP verschiedene Tools angeboten, welche die Kommunikation und Zusammenarbeit unter den Studierenden unterstützen.

…um Lernziele zu erreichen…

Den Studierenden soll die Möglichkeit gegeben werden, eigene Lösungsansätze im Betrieblichen Gesundheitsmanagement zu finden. Da wir es mit einer heterogenen Studierendenschaft zu tun haben, sind auch die individuellen Zugänge zu den Wissensinhalten unterschiedlich. Daher erachte ich einen von den Studierenden selbst gewählten Zugang zum Wissen als sinnvoll. Die Erarbeitung in Gruppen schlägt nicht nur Brücken zwischen den teils sehr unterschiedlichen Personenkreisen, sondern hat auch noch den Nebeneffekt, die eigenen (überfachlichen, z.B. Sozial-) Kompetenzen zu verbessern. Außerdem werden den Studierenden flexible Arbeitsweisen näher gebracht, was gerade auch in Hinblick auf das spätere Berufsleben von Bedeutung ist. Ich erhebe den Anspruch, praxisnahe Seminare durchzuführen, daher ist mein Anliegen eine Verknüpfung von Lernstoff und praktischer Anwendung. Das bedeutet auch, nicht alltägliche Pfade zu beschreiten.

…und neue Wege zu gehen

Dies soll durch „virtuelle Betriebe“ ermöglicht werden. Diese greifen die Studieninhalte und -methoden der Veranstaltung auf und simulieren sie in entsprechenden Praxissituationen, ähnlich wie bei einem Planspiel. Die Studierenden übernehmen verschiedene Rollen (und erleben den Übungsverlauf aus dieser Perspektive), werden vor Aufgaben gestellt und lösen diese in Gruppenarbeit (vergleichbar mit Beratungsteams, Arbeitskreisen o.ä. in Betrieben). Sie „gehen“ dazu in die Betriebe und spielen einen kompletten BGM-Prozess sowie gegebenenfalls auftretende Problemsituationen durch. Der virtuelle Betrieb reagiert (koordiniert durch den Dozenten) auf die Entscheidungen der Studierenden und bildet so die betrieblichen Prozesse realitätsnah ab. Durch die Auseinandersetzung mit tatsächlichen Problemlagen werden die Studierenden in die Lage versetzt, eigenständig Lösungsansätze zu finden. Das selbständige Erarbeiten kann außerhalb der räumlichen und zeitlichen Vorgaben einer konventionellen Veranstaltung erfolgen und so zur Vereinbarkeit von Studium und familiärer Einbindung beitragen. Ein zusätzlicher Effekt ist das Erreichen einer höheren Verarbeitungstiefe durch eigenständiges Problemlösen sowie Erarbeiten der relevanten Wissensinhalte, was einen nachhaltigen Effekt auf den Lernerfolg hat (vgl. Craik & Lockhart, 1972).

Um dies zu erreichen, gliedert sich das Seminar in verschiedene Teile. Um die einzelnen Abschnitte greifbarer zu machen, verwende ich dafür die Begrifflichkeiten „Lernen“, „Üben“ und „Trainieren“ aus dem Sport (einige der Studierenden kommen aus den Sportwissenschaften).

In der „Lernen“- Phase, die drei Wochen umfasst, geht es darum, den Studierenden wichtige Grundlagen und Konzepte zu vermitteln. Das Ziel ist, am Ende ein gemeinsames Niveau an Wissen zu besitzen. Aus Gründen der Didaktik und der Motivation bietet sich nach meiner Erfahrung eine Mischung aus Dozentenvorträgen, Diskussionen und Kleingruppenarbeiten an. Bereits in diesem Teil sollen die Studierenden aktiviert und nicht passiv durch Vorträge „berieselt“ werden.

Die „Üben“- Phase dient dazu, dass sich die Studierenden eigene Gedanken zu dem bisher Gelernten machen. Die neuen Wissensinhalte sollen miteinander verknüpft sowie auch kritisch hinterfragt werden. Hierzu wird folgender Arbeitsauftrag formuliert: Die Studierenden sollen sich in Gruppen zusammenfinden. Im ersten Schritt geht es darum, ein Oberthema aus der „Lernen“- Phase zu finden, das vertieft werden soll. Im zweiten Schritt sollen sich die Mitglieder innerhalb der Gruppen gegenseitig Forschungsfragen zu dem Oberthema stellen und diese dann ausformulieren. Da dieser Auftrag mit einem Findungsprozess, sowie intensiven Recherchen einhergeht, veranschlage ich für die Phase ebenfalls drei Wochen. In dieser Zeit findet kein Seminar statt. Meine Rolle beschränkt sich in dieser Zeit darauf, den Studierenden als Ansprechpartner bei Problemen zu helfen, bei Bedarf Literatur bereitzustellen etc.  Die schriftliche Ausarbeitung wird benotet.

Gerüstet mit einem soliden Handwerkszeug gehen die Studierenden in der „Trainieren“- Phase in ihren virtuellen Betrieb, um das theoretische Wissen in der Praxis anzuwenden. Dies ist die zeitlich umfangreichste Phase mit sechs Wochen. Gerade in der Anfangsphase muss ein intensiver Austausch zwischen den Studierenden und mir stattfinden. In den sechs Wochen treffen wir uns zwei Mal als ganzes Seminar, um die Zwischen- beziehungsweise Endergebnisse zu präsentieren. Die Phase endet mit einem Projektbericht, der ebenfalls benotet wird.

Da so eine Art der Seminarkonzeption für die meisten Studierenden neu ist, bedeutet es gerade zu Beginn der jeweiligen Phasen viel Informations- und Aufklärungsarbeit für das Lehrpersonal. Effektiver, wenn auch zeitaufwändiger, ist, sich mit jeder Gruppe einzeln zusammenzusetzen, da in diesem vertrauteren Rahmen meiner Erfahrung nach eher Fragen geäußert werden. Außerdem kann so auf die individuellen Bedürfnisse der Studierenden („Was will ich eigentlich?“) besser eingegangen werden.

Während der Gruppenphasen, in denen über Wochen hinweg oft kein persönlicher Kontakt zustande kommt, finde ich es praktikabel, elektronisch (Email, Stud.IP) mit den Studierenden zu kommunizieren.

Hoch motivierte Studierende, teils sehr gute Studienleistungen sowie viel positives Feedback bestärken mich darin, auch im kommenden Semester in meinen Seminaren mit den virtuellen Betrieben zu arbeiten.

Über den Autor:

Tobias Bernhardt ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Sozialpolitik und leitet das Projekt der „ForstA – Säule 2: Reform der Studieneingangsphase“.

Literatur:

Craik, Fergus & Lockhart, Robert S.: Levels of processing. A framework for memory research. Journal of Verbal Learning and Verbal Behavior, 11 (1972), 671-684.

Hämming, Oliver & Bauer, Georg F. (2010). Work-Life Balance: ein Thema der betrieblichen Gesundheitsförderung. 229-239. In: Faller, Gudrun:  Lehrbuch der betrieblichen Gesundheitsförderung. Bern: Huber.

Heinz, Walter R. (1995). Arbeit, Beruf und Lebenslauf. Eine Einführung in die berufliche Sozialisation. Weinheim & München: Juventa.

Rothlauf, Jürgen (2012). Interkulturelles Management : mit Beispielen aus Vietnam, China, Japan, Russland und den Golfstaaten. 4., überarb. und aktualisierte Aufl. München: Oldenbourg.

Walter, Ulla et al. (2006) Alt und gesund? Altersbilder und Präventionskonzepte in der ärztlichen und pflegerischen Praxis. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften.

 

 

Bildnachweis:

  • Autorfoto: Tobias Bernhardt (privat)

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