„Orientalische Demokratie oder Wie die Demokratie nach Athen kam“ – Studierende bereiten eine Ausstellung vor

Von Claudia Horst

Foto der Autorin

Unter dem Titel „Orientalische Demokratie oder Wie die Demokratie nach Athen kam“1 wurde am 19. Oktober 2013 im Antikenmuseum im Schnoor (AMiS) eine zusammen mit Studierenden erarbeitete Ausstellung eröffnet. Die Idee zu diesem Projekt ist in einem kleinen Mastermodul der Alten Geschichte entstanden, in dem das klassische Bild von Athen als Wiege Europas und als Wegbereiterin für Freiheit, Aufklärung und Demokratie infrage gestellt wurde. Die Studierenden haben die Vorstellung, dass die Demokratie in Griechenland erfunden worden sei, überprüft und sich auf die Suche nach Vorläufern der Athenischen Demokratie gemacht. Für die demokratischen Herrschaftsformen, wie sie in Griechenland praktiziert wurden, haben sie sowohl in der archaischen Zeit (8.-6. Jh.) als auch im Alten Orient Vorbilder gefunden, dort also, wo man sie am wenigsten erwarten würde.Wie vielfältig die Beziehungen zwischen Ost und West waren, konnte für die Bereiche Religion, Literatur und Mythos in der Forschung bereits gezeigt werden. Das politische Denken der Griechen und ihre Demokratie werden hingegen erst allmählich zu den Verhältnissen im Alten Orient in Beziehung gesetzt, da der Gegensatz zwischen einem „Orientalischen Despotismus“ und der Athenischen Demokratie teilweise bis heute verteidigt wird. Auch in unserer eigenen Gegenwart erleben wir, dass es uns trotz des „Arabischen Frühlings“ und der zahlreichen Proteste und Revolutionen noch immer fremd ist, „den Orient“ mit demokratischen Verfassungsstrukturen in Verbindung zu bringen. An diese aktuellen Forschungsfragen, die nicht zuletzt für unsere eigene Gegenwart relevant sind, wollte das Seminar anknüpfen.

Definition von Demokratie

Zu Beginn war es notwendig, einen Demokratiebegriff zu definieren, der eine Vergleichbarkeit zwischen Griechenland und dem Alten Orient in Hinblick auf die Entstehung der Demokratie ermöglichen kann. Ausgehend von neueren demokratietheoretischen Überlegungen, die hervorheben, dass auch in Demokratien Macht- und Herrschaftsstrukturen unumgänglich sind, haben wir die Demokratie nicht nur als eine egalitäre Struktur untersucht, sondern auch als einen Interaktionsmodus zwischen Herrschern und Beherrschten. Dabei wurden institutionelle Mechanismen, die dem Volk Freiräume gegenüber den Herrschenden verschafften, ebenso berücksichtigt, wie die im Tiefengewebe der Gesellschaft verankerten sozialen Praktiken, Normen und Menschenbilder, die ebenfalls auf die zwischen dem Volk und seinen Repräsentanten stattfindenden Interaktionsformen einwirkten und die Entstehung einer demokratischen Kultur unterstützen sollten.

Das starre Bild vom „Orientalischen Despotismus“ wurde recht bald durch die Lektüre der altorientalischen Quellen korrigiert, die uns zahlreiche Beispiele für politische Gegenkulturen gaben, die despotische Machtverhältnisse verunsicherten und den Königen deutlich machten, dass nur demokratische Herrschaftsformen zu stabilen Machtverhältnissen führen können. Die bereits im Alten Orient gesammelten Erfahrungen mit despotischen und demokratischen Formen der Machtausübung erleichterten es den Griechen, die Etablierung ihrer Demokratie in großen Schritten voranzutreiben. Die Beziehungen zwischen Griechenland und dem Alten Orient, die bis in die Bronzezeit zurückreichen, haben sich insbesondere während der sogenannten Orientalisierenden Epoche (8.-5. Jh.) intensiviert, in der auch die Athenische Demokratie entstand.

Vorbereitung der Ausstellung

Das Ziel der Ausstellung war, Plakate zu konzipieren, die mittels Text und Bild verdeutlichen, welche politischen Ideen aus dem Alten Orient von den Griechen aufgegriffen und möglicherweise als Vorbild für ihr eigenes demokratisches Denken verwendet wurden. Um einen Überblick über die großen geographischen und zeitlichen Räume zu geben und die Frage zu beantworten, auf welchen Wegen die politischen Ideen möglicherweise transferiert worden sind, ist die Idee entstanden, als Ergänzung zu den thematischen Plakaten eine Karte zu erstellen, die den Kulturtransfer physisch zu verorten versucht.

Für die Konzeption der einzelnen Plakate haben wir uns im Seminar mehrere kleine Arbeitsschritte vorgenommen. Nach einer thematischen Einarbeitung, die auf der gemeinsamen Lektüre und Interpretation von Quellen und der Forschungsliteratur beruhte, haben die Studierenden für ihre jeweiligen Themen – jede Person hat die Konzeption eines Plakates übernommen – eine Bibliographie erstellt und einen Essay geschrieben. Auf der Grundlage dieser Vorarbeiten mussten wir überlegen, wie wir von diesen Textformen, die dem studentischen Alltag vertraut sind, zu Texten gelangen, die knapp, aussagekräftig und für ein allgemeines Publikum verständlich sind. Eine weitere Herausforderung bestand darin, geeignete Bilder auszuwählen, Bildkommentare zu verfassen und die Texte der Plakate mit den Bildern in Beziehung zu setzen.

Abbildung 1: Plakat das innerhalb des Projektes entstanden ist

Abb. 1: Die Ausstellung im Antikenmuseum: Das Fries

Doch nicht nur die Auswahl und Interpretation der Bilder, sondern auch die praktische Frage nach den Lizenzen musste in diesem Zusammenhang berücksichtigt werden. Einige Studierende haben Kontakte zu Museen aufgenommen, um Informationen über die Bildrechte einzuholen und sich ggf. die Verwendung einzelner Bilder genehmigen zu lassen.

Der passende Ort

Es war unser Wunsch, die Ausstellung im Bremer Antikenmuseum zu zeigen, da einige auf den Plakaten dargestellten Bilder, die einen unmittelbaren Einblick in den Mythos und damit in die kulturelle und politische Ideenwelt der Zeit geben, den dort ausgestellten Vasen entnommen sind und somit einen unmittelbaren Bezug zu den Objekten im Museum hatten. Die Vasen, die mit den Plakaten korrespondierten, sind durch Aufsteller in den Vitrinen hervorgehoben und durch kommentierende Texte in den Kontext der Ausstellung einbezogen worden. Die Zusammenarbeit mit dem Museum ebnete den Studierenden schließlich auch den Weg zu den Gegenständen der Klassischen Archäologie, die an der Bremer Universität als Fach nicht vertreten ist und in den althistorischen Seminaren oftmals nur als eine Nachbardisziplin der Alten Geschichte berücksichtigt werden kann.

(Lern-)Erfolge der Ausstellung

Das projektorientierte Arbeiten förderte nicht nur die Motivation, es ermöglichte auch schon während des Semesters ein strukturiertes Arbeiten an den Einzelprojekten. Da die einzelnen Plakate nicht für sich stehen sollten, sondern in der Ausstellung als Fries gezeigt wurden, war es notwendig, immer wieder zu überprüfen, ob die eigenen Arbeiten noch eine hinreichende Anbindung an das allgemeine Thema haben. Die Teamarbeit wurde durch dieses Vorgehen selbstverständlich, da auch der Erfolg der eigenen Arbeit letztlich von ihr abhängig war. Auch die Aneignung komplexer Inhalte wurde durch die Visualisierung wissenschaftlicher Inhalte erheblich unterstützt.

Um die Plakate professionell gestalten lassen zu können, wurden für diese Aufgabe in kleinem Umfang Drittmittel beantragt. Die Gestaltung lag in den Händen von Feliks Oldewage, der über die erforderlichen technischen und gestalterischen Kenntnisse verfügt und auf der Grundlage der im Seminar erarbeiteten Ergebnisse die Ausstellung von Anfang an inhaltlich und konzeptionell begleitet hat. Auch wenn die Studierenden mit einigen Aufgaben, wie beispielsweise der Gestaltung oder der Einwerbung von Drittmitteln nicht direkt betraut wurden, konnte ihnen das Projekt berufsrelevantes Wissen vermitteln und ihnen einen kleinen Einblick geben, wie Wissenschaft der Öffentlichkeit vermittelt werden kann.

Abbildung 2: Gestaltete Vitrine

Abb. 2: Vasen und Fries in der Ausstellung

Die Ausstellung wurde in einem Zeitraum von sechs Wochen, vom 19. Oktober bis zum 30. November 2013, im Antikenmuseum gezeigt. Während der Eröffnungsveranstaltung und der Finissage fanden Vorträge statt, die einen Raum für öffentliche Diskussionen und Gespräche boten. Zudem wurden begleitend zur Ausstellung Führungen sowohl für Schülerinnen und Schüler als auch für ein breiteres Publikum angeboten.

Die Ausstellung wird im Herbst 2015 in erweiterter Form im „Haus der Wissenschaft“ gezeigt. Auch in diesem Zusammenhang soll die Ausstellung wieder von Vorträgen begleitet werden, die altorientalistische und althistorische Themen ebenso berücksichtigen wie moderne politikwissenschaftliche Überlegungen. Darüber hinaus sollen im Kontext der Ausstellung szenische Darbietungen angeboten werden, da insbesondere die antiken Tragödien verdeutlichen, dass die Transformationsprozesse von autoritären zu demokratischen Gesellschaftsordnungen nicht allein durch institutionelle Veränderungen, sondern insbesondere auch durch die Wandlung von Mentalitäten und Menschenbildern vorangetrieben wurden. Die Studierenden haben wieder im Sommer 2015 die Gelegenheit, an einem auf die Ausstellung vorbereitenden Seminar teilzunehmen.

Über die Autorin:

Claudia Horst ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Alte Geschichte an der Universität Bremen. Derzeit arbeitet sie an ihrem Habilitationsprojekt.


Bildnachweis:

  • Autorinfoto: Claudia Horst (privat)
  • Abb. 1/2: Claudia Horst (privat)
  1. Das Seminar und das Thema der Ausstellung knüpft an mein Habilitationsprojekt „Der Alte Orient und die Entstehung der Athenischen Demokratie“ an. []

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