Lerneinheit 11: Kolonialismus & postkoloniale Perspektiven

Wer sinnvoll über den Hafen nachdenken will, kommt kurz über lang nicht am Thema Kolonialismus vorbei. Koloniale Produkte wie Baumwolle, Tabak, Rohkaffee und Reis spielen in der Bremischen Hafengeschichte eine große Rolle und ein nicht unerheblicher Anteil der historischen Profite der hiesigen Hafenwirtschaft basieren auf kolonialer Ausbeutung und Sklavenarbeit (Beckert 2014, Rössler 2016). Bremen war eine Hochburg der kolonialen Bewegung (Mamzer et al. 2016). Auch heute kann man gerade an Häfen und ihren Verbindungen neokoloniale Abhängigkeitsverhältnisse ablesen. Beides, das koloniale Erbe und die neokoloniale Gegenwart, erfahren in jüngster Zeit immer mehr Aufmerksamkeit und Politisierung (Chigudu 2020, Beckert/Pepijn 2020, Jessen 2020). Es könnte also kaum einen besseren Zeitpunkt geben, sich mit diesem Thema zu beschäftigen.

Lernvideo 11

Im Zuge der aktuellen #BlackLivesMatter Protestwelle sind neben Polizeigewalt und Alltagsrassismus auch schnell viele Spuren kolonialer Unterdrückung und Gewalt zum Gegenstand einer Repolitisierung und heftigen Kontroverse, nicht nur in den USA sondern u.a. auch in Großbritannien (#RhodesMustFall, #ColstonHasFallen), Belgien (#LeopoldII), den Niederlanden und zunehmend auch in Deutschland (Projekt „Tear this down“). Die öffentliche Ehrung von Kolonisatoren und Rassisten empfinden viele Menschen, die heute unter Rassismus leiden, als nicht mehr hinzunehmende Demütigung und Teil der kolonialen Amnesie des Westens. Die breite Öffentlichkeit wird somit wieder stärker mit dem kolonialen Erbe konfrontiert, auch wenn der Umgang vieler Demonstrant*innen mit kolonialen Statuen sicherlich nicht allen gefällt.

Die Debatte über den Charakter des Kolonialismus und seine Nachwirkungen für heutige Gesellschaften im Norden und im Süden ist dabei keinesfalls neu, erreicht aber nun eine neue Vehemenz. 2017 machte der Artikel „A Case for Colonialism“ in der wissenschaftlichen Zeitschrift Third World Quarterly Furore, der sich eines alten kolonialen Legitimationsdiskurses bediente, demzufolge Kolonisierung mit zivilisatorischem Fortschritt verbunden sei. Das Argument war nicht neu, hat aber in jüngerer Zeit selten auf diese Weise Anspruch auf wissenschaftliche Gültigkeit erhoben. Nach massiven Protest wurde der Artikel zurückgezogen, hatte zwischenzeitlich viele Antworten provoziert, die erneut auf die Gewaltsamkeit und Entmenschlichung des Kolonialismus hinwiesen (Heleta 2017, Robinson 2017).

Schließlich war der Kolonialismus ab 1492 charakterisiert durch politische, ökonomische, kulturelle und ideelle Dominanzstrukturen, die nicht nur Landraub, Enteignung und Plünderung, sondern auch Entrechtlichung, Gewalt und Vernichtung beinhalten konnten (Fanon 1961, do Mar Castro Varela/Dhawan 2015). Die damit verbundenen teils ungeheuerlichen Verbrechen konnten nur mit der rassistischen Konstruktion einer Differenz zwischen den Kolonisierenden und den Kolonisierten und der Fiktion einer „terra nullis“ oder „tabula rasa“, also einer Gegend ohne eigene wertzuschätzende Vorgeschichte als vermeintlich legitimiert gelten (do Mar Castro Varela/Dhawan 2015: 22, 27). Hier liegt auch die Verbindung von Rassismus und Kolonialismus, die aktuell so in den Fokus rückt, die rassistische Entmenschlichung der Kolonisierten war eine notwendige Bedingung für die Kolonialisierung, die wiederum rassistische Stereotype perpetuierte und sozioökonomische Ungleichheiten erzeugte und auf Dauer stellte. Schließlich ist die heutige globale Verteilung von Reichtum und Armut nicht zuletzt eine Folge der 500jährigen Kolonialgeschichte (Beckert/Pepijn 2020).

Für den deutschen Imperialismus galt dabei lange der Mythos des harmlosen weil kurzen Kolonialismus, der aber in jüngster Zeit immer mehr hinterfragt und durch neue geschichtswissenschaftliche Studien widerlegt wurde (z.B. Conrad 2012). Um 1900, 16 Jahre nach dem offiziellen Beginn der Kolonialerwerbungen, war das deutsche Kolonialreich schon das weltweit viertgrößte (Conrad 2012: 19) mit Kolonien in Südwest-, West- und Ostafrika sowie im Pazifik und in Nordostchina. Diese Kolonien wurden mit brutalster Gewalt, einschließlich des Genozids an Herero und Nama etabliert und in Kolonialkriegen verteidigt. Innenpolitisch war die Kolonialfrage zwar nicht unumstritten, aber Kolonialpropaganda und koloniale Imaginationen in Form von Reiseliteratur, Völkerschauen (z.B. „Deutsche Afrika-Schau beim Bremer Freimarkt 1937) und Kolonialausstellungen sorgten für eine ausreichende Zustimmung (Conrad 2012: 68f.). Zu den Motiven des deutschen Kolonialismus gehörten neben außen- und innenpolitischen Erwägungen vor allem die Handelsinteressen. Es verwundert in diesem Zusammenhang nicht, dass die Einrichtung der Kolonie „Deutsch-Südwestafrika“ im heutigen Namibia auf die Initiative des Bremer Kaufmanns Adolf Lüderitz zurückging. Schon vor der Errichtung der (perfiderweise als Schutzgebiete bezeichneten) Kolonien, haben nicht nur Missionar und Erkundungsreisende, sondern v.a. Händler den Grundstein für die koloniale Ausbeutung gelegt, womit wir wieder im Hafen wären.

Was können nun postkoloniale Perspektiven sichtbar machen? Die postcolonial Theorie ist einer von vielen wissenschaftlichen Zugängen zum Kolonialismus, die es sich zum Ziel gesetzt hat, historische und anhaltende koloniale Machtverhältnisse und antikolonialer Widerstandspraktiken sichtbar zu machen und zu theoretisieren (Boatca 2015, do Mar Castro Varela/Dhawan 2015, Reuter/Karentzos 2012, Ziai 2016). Sie versteht sich dabei immer auch als Intervention in eurozentrische Diskurse und orientiert sich methodologisch an Foucault, Derrida und Lacan. Sie liest die Kolonialgeschichte gegen den Strich und schreibt sie neu. Postkoloniale Theorie verweist dabei auch auf die “entagled histories” (Shalini Randeria) von Norden und Süden und auf den Charakter der westlichen Moderne als „koloniale Moderne“ (Walter Mignolo, Aníbal Quijano und andere). Damit ist gemeint, dass sich im Grunde keine Gesellschaft den Nachwirkungen des Kolonialismus entziehen kann. Ein weiter von der postkolonialen Theorie besonders betonter Aspekt ist die epistemische Gewalt, also die Marginalisierung oder Auslöschung präkolonialen Wissens und die Monopolisierung der Wissensproduktion im globalen Norden (Brunner 2020). Daran knüpft auch die Forderung nach einer Dekolonisierung unseres Wissens und unserer Seminarpläne an.

Viele weitere Themen werden im Lernvideo 11 angesprochen und es lohnt sich wirklich weiter zu lesen, denn dieser Blogbeitrag ist nur als Eröffnung und Impulsgeber für unsere letzte Lerneinheit gemeint. Wer über Häfen und Kolonialismus forschen möchte, kann auf vielfältige Forschungsdaten zurückgreifen. Hier ist zunächst der hervorrangende Quellenband zum Projekt „Bremen – Stadt der Kolonien?“ aus der Reihe „Aus den Akten auf die Bühne“ zu nennen (Mamzer et al. 2016), der viele Zeitdokumente von Bremer*innen beinhaltet. Unternehmenchroniken und Bestände aus dem Bremer Staatsarchiv können auch sehr hilfreich sein. Über die Rolle kolonialer Produkte für die Bremischen Häfen gibt die Hafenstatistik Auskunft (z.B. Hafenspiegel). Es bietet sich schließlich natürlich auch an, mit Menschen aus Vereinen und Initiativen zu diesem Thema ins Gespräch zu kommen, z.B. decolonize Bremen, AK Hafen, Afrika-Netzwerk Bremen, Verein „Der Elefant“.

Aktuelle Medienberichte zum Thema (Auswahl, Verlinkung ist kein endorsement):

Was hat das jetzt alles mit den Bremischen Häfen zu tun, könnten Sie fragen. Das erfahren wir in den zahlreichen Blogbeiträgen zu dieser Lerneinheit:

Literatur

  • Beckert, Sven (2014): Empire of Cotton. A new History of Global Capitalism. London: Penguin.
  • Boatca, Manuela (2015): Postkolonialismus und Dekolonität. In: Karin Fischer, Gerhard Hauck & Manuela Boatca (Hrsg.), Handbuch Entwicklungsforschung. Wiesbaden: Springer VS, S. 113-123.
  • Brunner, Claudia (2020): Epistemische Gewalt. Wissen und Herrschaft in der kolonialen Moderne. Bielefeld: transcript.
  • Conrad, Sebastian (2012): Deutsche Kolonialgeschichte. München: C.H. Beck.
  • do Mar Castro Varela, Maria/Dhawan, Nikita (2015): Postkoloniale Theorie. Eine kritische Einführung. 2. überarbeitete Auflage. Bielefeld: transcript.
  • Fanon, Frantz (2014 [1961]): Die Verdammten dieser Erde. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • Heleta, Savo (2017): The Third World Debacle. In: africasacountry.com 24.9.2017
    https://africasacountry.com/2017/09/the-third-world-quarterly-debacle
  • Mamzer, Anna/Schöck-Quinteros, Eva/Witkowski, Mareike (Hrsg.) (2016): Bremen – Eine Stadt der Kolonien? Bremen: Universität Bremen.
  • Reuter, Julia/Karentzos, Alexandra (Hrsg.) (2012): Schlüsselwerke der Postcolonial Studies. Wiesbaden: Springer VS.
  • Robinson, Nathan (2017): A quick reminder why colonialism was bad. In: Current Affairs, 14. September 2017. https://www.currentaffairs.org/2017/09/a-quick-reminder-of-why-colonialism-was-bad
  • Rössler, Horst (2016): Bremer Kaufleute und die transatlantische Sklavenökonomie 1790 – 1865. In: Bremisches Jahrbuch hrsg. in Verbindung mit der Historischen Gesellschaft Bremen vom Staatsarchiv Bremen, Band 95, S. 75-106.
  • Ziai, Aram (Hrsg.) (2016): Postkoloniale Politikwissenschaft. Theoretische und empirische Zugänge. Bielefeld: transcript.

Ein Gedanke zu „Lerneinheit 11: Kolonialismus & postkoloniale Perspektiven

  1. Weitere Literaturempfehlung:
    Dritte-Welt-Haus Bremen und Bremer Informationszentrum für Menschenrechte und Entwicklung (Hrsg.) (1984): Bremen – Schlüssel zur Dritten Welt. Bremen: Selbstverlag.

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