Fakt vs. Fiktion – Warum Unterhaltungsliteratur so wertvoll ist
Die Welt ist ruhig. Der Trubel von Weihnachten und Silvester ist vorbei und ich sitze eingekuschelt auf dem Sofa am Fenster, während draußen bereits seit Stunden dicke Flocken nieder rieseln und die Welt in eine weiße Decke hüllen – das perfekte Wetter, um damit zu beginnen, meinen Neujahrsvorsatz in die Tat umzusetzen und nach einem der Bücher zu greifen, die ich zu Weihnachten geschenkt bekommen habe und die nun darauf warten, verschlungen zu werden.
Es ist ein Vorsatz, den ich mir fast jedes Jahr setze; eine bestimmte Anzahl von Büchern zu lesen oder auch einfach mal häufiger meiner Lektüre nachzugehen, statt mal wieder nur Doomscrolling auf Instagram zu betreiben. Doch genau bei dieser letzteren Tätigkeit fällt mir auf: Während in den Selbstoptimierungsbubbles der sozialen Medien Ratgeber über Ratgeber angepriesen werden, stellen wieder andere Influencer*innen stolz ihre vermeintlich hochintellektuelle Philosophielektüre zur Schau. Dagegen finden sich in meinem Bücherregal – wie in denen so vieler anderer Lesebegeisterten auch – fast ausschließlich Romane. Unterhaltungsliteratur, eben, und dann natürlich bevorzugt Fantasy. Manch einer der selbsternannten Lifestyle-Coaches und Hobbyphilosophen mag darüber die hoch erhobene Nase rümpfen und Belletristik wie diese als nutzlos oder minderwertig abstempeln. Doch stimmt das wirklich? Ist Unterhaltungsliteratur tatsächlich weniger wertvoll und „unbrauchbar“ für das reale Leben? Muss es denn immer nur um trockenen Wissenserwerb gehen? Nun, dass meine subjektive Antwort darauf eindeutig „Nein!“ lautet, ist wohl offensichtlich. Doch tatsächlich stützt sich diese Meinung auf weitaus mehr als nur meine ganz persönliche Begeisterung für Drachen, Schwertkämpfe und heldenhafte Abenteuer. Auch Untersuchungen im Bereich der Literaturwissenschaften, Medienwirkungsforschung und Psychologie zeigen: die Bereicherung der persönlichen Entfaltung durch Romane wird oft stark unterschätzt!
Dass das Lesen von fiktionaler Literatur mit ihren detaillierten Beschreibungen unbekannter Schauplätze und Handlungen das Vorstellungsvermögen und die Fantasie anregt, ist hinlänglich bekannt. Auch der eigene Wortschatz, das Ausdrucksvermögen und der persönliche Schreibstil werden durch die Lektüre bildhafter, deskriptiver Geschichten deutlich gefördert. Ausgiebig zu schmökern kann jedoch auch weniger erwartbare Folgen haben: So fördert das Lesen fiktionaler Literatur nachweislich das Empathievermögen – je stärker die Immersion, also das Gefühl des Eintauchens in die Geschichte, hierbei ist, desto größer ist auch dieser Effekt. Weiterhin wird Stress durch die Lektüre fiktionaler Literatur um bis zu 68% reduziert (und damit wesentlich stärker, als es Literatur aus dem Bereich Sachliteratur vermag). Das bekannte „Lesen vor dem Schlafengehen“ hat also durchaus einen Sinn und Zweck. Und auch kognitive Fähigkeiten sowie das Gedächtnis werden durch regelmäßiges Lesen unterstützt, womit potentiell das Demenzrisiko signifikant gesenkt werden könnte.
Von diesen eher unterschwelligen Effekten mal abgesehen spielen natürlich auch die in Romanen angesprochenen Themen eine wichtige Rolle im Alltag, selbst, wenn es auf den ersten Blick nicht so scheinen mag – ja, sogar bei Fantasyromanen! Die Eigenschaften unserer Lieblingsfiguren können inspirierend wirken, Geschichten über erfolgreich bewältigte Schwierigkeiten Hoffnung schenken, soziale und politische Auseinandersetzungen einen kritischen Blick auf gesellschaftliche Themen der realen Welt eröffnen. Selbstreflexion, Moralempfinden, Neugier oder auch Humor – zahlreiche Eigenschaften werden beim Mitfiebern mit den Figuren ganz nebenbei erworben und gestärkt.
Unterhaltungsliteratur kann so viel mehr, als nur das tun, wonach sie benannt ist, sie ist eine wichtige Stütze in individuellen und gesellschaftlichen Entwicklungen, Wüste erweitert unsere Horizonte und zeigt uns neue Wege auf.
Aber wenn all diese Gründe noch nicht reichen, um den Mehrwert von Belletristik anzuerkennen, bleibt immer noch eine unbestreitbare Tatsache: Sie macht einfach viel mehr Spaß.
Hier könnt ihr’s nachlesen:
https://letterpressproject.co.uk/media/file/The_Benefits_of_Reading_for_Pleasure.pdf
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/38316632/
Segschneider, Anja: Empathie und Parteilichkeit gegenüber fiktionalen Figuren in Videospielen. Eine Analyse von narrativen Strategien am Beispiel von „The Last of Us Part II“. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden, 2022. DOI: https://doi.org/10.1007/978-3-658-39046-4.
Raney, Arthur A.: The Role of Morality in Emotional Reactions to and Enjoyment of Media Entertainment. In: Journal of Media Psychology (Band 23, Heft 1), 2011. DOI: https://doi.org/10.1027/1864-1105/a000027.










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