Was bedeutet Stadt für Menschen?

Wie und warum Menschen verbringen ihre Zeit an bestimmten Orten der Stadt? Welche Diskurse, Narrative und Wertvorstellungen hängen mit Orten zusammen? Wie sind auch lebensgeschichtliche Erinnerungen an Orte geknüpft?

Kommen wir zurück zu den Eingangsfragen, die mich in diesem Projekt geleitet haben:

1.) Wie und warum bauen Individuen Beziehungen zu urbanen Räumen auf?

2.) Welche Bedeutungen bekommen urbane Orte für Individuen?

3. ) Wie bilden sich individuelle Netzwerke?

Die Stadt mit seinen Orten und Räumen hat viele verschiedene Bedeutungen für die unterschiedlichsten Menschen. So geschieht es auch, dass zu diesen diversen Orten verschiedenartigste Beziehungen aufgebaut werde.

Im Unterschied zu Person 1 lebt die befragte Person des Mental Mappings (Person 2) erst seit drei Jahren in Bremen, mittlerweile auch im Stadtteil Findorff. Sie sieht den Hauptbahnhof als das Zentrum an, worüber alle Wege letztendlich führen und erwähnt im Anschluss, dass daneben ihr persönliches Zentrum Findorff mit Zuhause und Freunden ist. Dementsprechend hält sie sich in Bremen in wiederholender Routine an denselben Orten auf und bewegt sich auf den gleichen Linien hin und her. Person 1 lebt ebenso in ihrer eigenen Welt in Findorff und schreibt diesem Stadtteil die größte Bedeutung in ihrem Leben zu. Somit besteht zwischen den beiden Personen die Gemeinsamkeit, dass spezielle Orte ihnen Gefühle von Sicherheit, Vertrautheit und auch Echtheit geben. Orte existieren niemals an zwei Stellen gleichzeitig und können in der Regel auch nicht versetzt werden, wodurch sie im Leben der befragten Menschen eine Konstante bedeuten. Die Bindung zu den meisten Orten geschah meist durch Ereignisse in der Vergangenheit, die tief in das Gedächtnis eingeprägt sind. Sie können dorthin immer wieder zurückkehren, tun dies auch in einer Regelmäßigkeit, erfahrungsgemäß aufgrund sozialer Beziehungen. Diese selbstausgewählten Orte sind authentisch und bedürfen keiner zyklischen Überprüfung der Bedeutungsebene. Sie verbinden mit diesen Orten neben Erinnerungen auch aktuelle Verpflichtungen, wodurch die Routine des Aufenthalts bzw. sowohl räumliche als auch geistige Nähe erhalten bleibt. Person 2 räumt aber ein, dass ihre Heimat Cuxhaven, auch wenn es für sie in Richtung Beruf und damit Zukunft nicht attraktiv ist, für immer ein bedeutungsvoller Pfeiler in ihrem Leben sein wird. Bremen wird deshalb nie vollständig ihr Zuhause sein, auch wenn sie es so benennt, sich dort zeitlich am meisten aufhält und ihre meisten Freunde dort leben. Vergleichbar damit ist die Motivation von Person 1 in Bezug auf den Wohnort, die für ein verlockendes Jobangebot aus Findorff (aber nicht zu weit) wegziehen würde. Entscheidend für beide Personen ist jedoch die Familie, die sie mit ihrer Heimat verbinden und die entscheidende Faktoren für das jeweilige Handeln sind. Außerdem bedeutsam sind Freizeitmöglichkeiten, die für beide ein Grund sind, zu anderen Orten außerhalb Findorffs zu fahren, vor allem bei Person 2, für die Findorff aber nicht der Heimatort ist.

Werden die unterschiedlichen Raumnutzungsmuster verglichen, lassen sich teilweise individuelle, aber auch kollektive (Wert)Vorstellungen in den Köpfen feststellen. Dies bedeutet, dass einige Motivationen persönlicher Natur sind und mit der Vergangenheit sowie aktuellen Bedingungen zusammen hängen. Andere lassen sich über die beiden Personen hinaus vermutlich noch bei vielen anderen finden, wodurch sie als kollektive Denkweisen und infolgedessen Handlungsmuster gesehen werden können. Eine weitere Zuordnung der Argumente entspricht der Unterscheidung von privat und öffentlich, wonach einige Orte bzw. Räume persönlich und intern sind und damit nicht von anderen Menschen als bedeutsam angesehen wird. Letzteres ist eher als öffentlich anzusehen, wenn viele Menschen, die sich gegenseitig nicht kennen, dauerhaften Zugang zu diesen Standorten oder Gebieten haben.

Vergleiche ich die beiden Methoden bewegtes Interview und Mental Mapping fällt mir zurückblickend auf, dass mir Ersteres leichter fiel. Dies liegt meines Erachtens tatsächlich an der Bewegung, die einen regelmäßig in eine neue Umgebung führt, dadurch immer wieder neue Fragen aufwirft und zum Erzählen anregt. Die Methode des Mental Mapping ist wesentlich statischer und verläuft im Grunde genommen wie ein normales narratives Interview ab, nur mit dem Zusatz des Kartierens. Dieser Zusatz hilft aber auf jeden Fall, um zu veranschaulichen, ist im Vergleich zum regelmäßigen Umgebungswechsel aber nicht so ergiebig.

Dies habe ich auch bei der Methode des Stadtwahrnehmungspazierganges erkannt und aus dieser heraus entwickle ich eine Aufforderung an jeden Menschen wieder vermehrt mit wirklich offenen Augen, ohne ein Mobiltelefon in der Hand und ohne Kopfhörer im Ohr durch die Straßen zu gehen und sich voll auf seine Umwelt zu konzentrieren: Es gibt so viele mehr zu entdecken – mitunter erst auf den zweiten Blick. Dies kann etwas Geduld und Konzentration erfordern, aber meiner Meinung nach lohnt es, sich Zeit zum spazieren gehen zu nehmen. Ich hoffe, dass auch die befragten Personen ihren Blick nach der Durchführung der Methoden zumindest etwas geändert hat.

Aus dieser persönlichen Motivation die Methoden nicht nur der Ergebnisse halber durchzuführen fiel es mir insofern aber oft schwer mich zurückzuhalten und nicht meine eigene Meinung mitzuteilen. Dadurch hätte sich die Befragung zu einem gleichgewichteten Gespräch gewandelt, wodurch die befragte Person ihre Erfahrung nicht mehr so ausführlich hätte mitgeteilten können. Um dies auszugleichen, habe ich die Form des Blogs gewählt, in dem ich mich und meine Ergebnisse in emischer Perspektive in persönlicher Form mitteilen kann.

Auswertung des Mental Mapping

Die Methode soll der Untersuchung der „Beziehung von Menschen zu ihrer unmittelbaren sozialräumlichen Umwelt in biographischer Perspektive“ (Behnken/Zinnecker 2010: 547) dienen. Dementsprechend gehen die Ergebnisse in Form der Karten weiter als nur einfache Übersichtskarten einer Stadt und visualisieren das gesamte persönliche Umfeld der ausgewählten Personen. Werden die Ergebnisse eingehend betrachtet, können viele subjektiven Beziehungen (erweitert durch die verbalen Erläuterungen) gut wahrgenommen werden.

Die befragte Person hat als erstes den Hauptbahnhof eingezeichnet, welcher für sie als genereller Orientierungs, „Dreh- und Angelpunktpunkt“ in der Stadt gilt und von dem alles ausgeht. Außerdem führe der Weg nach Cuxhaven zur Familie über den Bahnhof, auch innerhalb Bremens lässt sich der Weg darüber im Normalfall nicht vermeiden. Als Zweites erwähnt sie ihr Zuhause in Findorff, als Drittes die Uni als Ausbildung- und Lernort, der außerhalb des Zentrums liegt. Danach erwähnt sie die Innenstadt zusammen mit der Domsheide als sekundärer zentraler Ort, das „Viertel“ (Oster- und Steintorviertel) und ergänzend die Schlachte (Restaurantmeile nahe „Am Brill“) als Freizeitorte. Außerdem spricht sie von der Weser als „ausschlaggebend für Bremen“, weil dieser Fluss für sowohl die Bewohner als auch die Stadt selber prägend ist. Anschließend führt sie den Weg in die Neustadt zu alter Wohnung in der Nähe der Haltestelle „Pappelstraße“ an, zu der sie viele negative Erinnerungen hat aufgrund einer misslungenen Nachbarschaft.Weg nach Hastedt zur Arbeit; Bürgerpark; Findorff als zweiter Wohnort in Bremen wie Zufluchtsort, in dem sie sich jetzt bis auf den Weg im Dunkeln sehr wohfühlt, da dort auch viele Freunde aus der Heimat (Cuxhaven) wohnen und deshalb gut zu erreichen sind.

Auf der Skizze hat sie auf Anfrage Grenzen gezogen, die ihre Karte in einzelne Bereiche einteilt: Chronologisch aufgezählt hat sie danach die Teile „Zuhause/mein Viertel“ (Findorff), das „Zentrum als Orientierungspunkt“ (Hauptbahnhof und Stadt), „Freizeit und Spaß“ (Viertel, Schlachte, Weser, Deich, und Werdersee) und „Ausbildung und Job“ (Universität und Arbeit) und den früherer Wohnort in der Neustadt.

Sortiert sie die Orte nach Bedeutung, entsteht folgende Reihenfolge: 1. Zuhause (Findorff), 2. Freunde in Findorff und 3. Hauptbahnhof. Sortiert sie die Orte nach Aufenthaltsdauer, entsteht eine ähnliche Reihenfolge: A) Zuhause, B) Freunde und C) Freizeit und Spaß.

Es gibt andererseits auch Orte, die sie so gut wie es geht vermeidet oder hintenanstellt, weil sie Unwohlsein hervorrufen: Erstens wäre das ein Teil vom Weg vom Bahnhof nach Hause, auf dem sie durch einen Tunnel gehen muss, der vor allem in der Dunkelheit beängstigend sei; zweitens die Neustadt durch die Erinnerung an das ehemalige Wohnverhältnis und drittens der Werdersee, weil sie nur auf Bitte ihrer Freunde anstatt zum Weserdeich zu ersterem geht.

Orte, an denen sie sich noch nie aufgehalten habe, sind Regionen, die sich weiter außerhalb des Stadtgebietes befinden, z.B. Oberneuland oder Tenever. Ein Grund für die Abneigung gegenüber diesen Orten sei ihrer Meinung nach ein schlechter Ruf. Gröpelingen im Vergleich ist auch nicht ihr Lieblingsviertel, allerdings findet sie diesen Stadtteil interessant. Sie würde in diese Viertel nicht fahren, wenn sie nicht muss. Auch zu dem Bereich, der zwischen dem Zentrum und der Uni bzw. der Arbeit liegt, habe sie keinen Bezug (bis auf ein paar Ausnahmen). Sie fährt sonst maximal durch dieses Gebiet, um zu einem bestimmten Ort zu kommen, aber sie würde sich dort nicht explizit aufhalten, wenn es keinen weiteren Grund gäbe. Dies könnte sich jedoch z.B. durch den Zuzug von Freunden oder der Eröffnung einer „coolen Bar oder einem guten Restaurant“ ändern. Als Verbesserungsvorschläge hält sie außerdem den Ausbau der Verkehrsstruktur sowohl in den genannten Stadtvierteln als auch in Findorff für sinnvoll. Eine bessere Verbindung (z.B. durch S-Bahnen) zwischen den Stadtvierteln würde bereits einen großen Beitrag leisten.

Ihre wesentlichen Zeichnungen und eigens angeführten Erzählungen beendet sie mit „Ich glaube ich habe so alle Punkte, die für mich in meinem Leben in Bremen irgendwie ein Rolle spielen aufgemalt und ich glaube das wären auch die Sachen, die ich jemandem zeigen würde, der nicht von hier kommt – außer vielleicht die Arbeit“.

Da das Thema Heimat und zu Zuhause bereits in der anderen Methode von großer Bedeutung war, habe ich es auch hier angesprochen: Das Verhältnis zwischen ihrem Heimatort und Bremen sei aber insofern schwierig, als dass es von verschiedenen Komponenten beeinflusst werde. Was ihren Heimatort (Cuxhaven) angeht, hänge sie sehr daran, weil sie ein Familienmensch sei und sich gerne zu Hause aufhalte, gerne auch mal eine längere Zeit. Aber sie kann dort beruflich nichts machen, weshalb es dort in Richtung Zukunft keine erfolgsversprechenden Aussichten gäbe. Dazu kommt, dass ihre Freunde aus der Jugend auch alle weggezogen sind und sich somit außer ihrer Familie dort niemand mehr dauerhaft aufhält. Der Gegenpol Bremen wird gleichzeitig immer interessanter, weil viele ihrer Langzeitfreunde mittlerweile in Bremen leben sowie neue Freunde, die sie durch das Studium kennengelernt hat. „Ich glaube ich könnte nicht genau sagen, wo ich mich wohler fühle oder wo ich lieber bin.“ Vom Stadtbild her gesehen fände sie Cuxhaven schöner. Bremen biete zwar einige Vorzüge wie durch gut ausgebauten öffentlichen Verkehr, Freizeitangebote, etc., Cuxhaven liege aber wie Bremen auch am Wasser und hat dazu einen schönen Strand und Hafen zu bieten. Im Anschluss berichtet sie, dass sie bereits nach sehr kurzer Zeit an einem neuen Ort den Begriff „Zuhause“ oder „nach hause gehen“ verwendet und dass Bremen für sie auf jeden Fall ein Stück Zuhause sei, weil sie hier nun seit drei Jahren lebe. Ergänzend erzählt sie, dass Heimat für sie „eigentlich da ist, wo man herkommt, wo die Wurzeln liegen“.

Vor und während der gesamten Methode muss durchgehend Acht gegeben werden auf sämtliche Formulierungen, um Suggestivfragen und konkrete Handlungsanweisungen zu vermeiden, um die befragte Person nicht richtungsweisend zu beeinflussen. Dies beginnt bei der Zeichenaufforderung, bei der bereits mit der Nennung des Wortes „Karte“ eine Assoziation zu einer topografischen karte bewirkt werden kann. Möglicherweise hatte die Person eine andere Art und Weise der Skizzierung im Kopf, wodurch letztere verdrängt wird durch die Idee einer einfachen Stadtkarte mit wenig kreativen Eigenanteil. Andererseits ist es z.B. wichtig vor dem Skizzieren ein wenig geografisch einzugrenzen, damit zwischen den beiden Methoden Vergleiche gezogen werden können. Alle Formulierungen beeinflussen den Inhalt und die Qualität des Ergebnisses (Helfferich 2014: 245).

Bei der Karte geht es weiterhin nicht um Ästhetik und dass das Resultat in irgendeiner Art und Weise schön aussieht: Das Ziel ist erreicht, wenn eine möglichst persönliche Darstellung der eigenen Lebenswelt erfolgt ist und die dazugehörigen Erläuterungen die Zeichnung vervollständigen. Dies ist in dem Sinne ein Vorteil, dass zu dem Gesprochenen eine Visualisierung hinzugefügt wird, die das Hineinversetzen erleichtert. Ebendiese kann z.B. bei Forschungen helfen, die Probanden mit vielfältigen Persönlichkeiten befragen wie Kinder, Nicht-Muttersprachler, etc. . Natürlich gibt es Kritik an der Methode, da kognitive Karten ihren Ursprung in der wirklichen Stadt haben, die dreidimensional ist und durch die Zeichnung auf zwei Dimensionen beschränkt wird. Dazu kommt, dass sinnliche Erfahrungen schwierig zeichnerisch zu erfassen sind und dadurch oft außen vor gelassen werden (Ziervogel 2011: 203-204). Dennoch sind Mental Maps meiner Meinung nach ein guter Ansatz, um räumliche Bedeutungen, Zusammenhänge und Handlungen zu erfassen und nachzuvollziehen. Vor allem im Vergleich lässt sich demnach gut feststellen, ob es sich bei dem sichtbar gewordenen Gedankengut um individuelle oder kollektive Ideen handelt.

Zum Vergleich der drei Methoden hier (XXX Link XXX) entlang!

Auswertung des bewegten Interviews

Die Methode ist neben der örtlichen Vielfalt durch die Bewegung sehr gut geeignet, um biografische Forschungen zu betreiben und alltägliche Tagesabläufe und die Beziehung von Menschen zu Orten und Objekten zu erfassen. Die Bewegung im Raum und die Verantwortung zu konkreten persönlichen Räumen zu führen wirken als Impuls und Motivation und nehmen mögliche Bedenken oder Hemmungen bezüglich der Befragung bzw. Erzählung. So gelangt die befragte Person in einen Erzählfluss, an dem ich als Forscher teilhaben und nebenbei beobachten kann. Dabei gibt die Ortswahl der Person einen Einblick in das subjektive Raumerleben, in denen die Orte und Gegenstände selbst zu Akteuren und „anregenden Konversationspartnern“ werden (Keding/ With 2014: 133). Diese würden im klassischen Interviewsetting an einem Ort womöglich ausgelassen werden, weil der konkrete Impuls durch die direkte räumliche Wahrnehmung gefehlt hätte. Es gibt während dem Interview zwar ab und zu Pausen, die Stille währenddessen empfinde ich ab nicht als unangenehm, da die Person in Erinnerungen schwelgt und sich an weitere Teile ihrer Vergangenheit erinnert.

Mir wurde durch das bewegte Interview Zugang gewährt zu individuellem Erfahrungs- und Praxiswissen einer Person von einer Region, in der ich mich sonst nicht aufhalte. Ich erfuhr, wie eine Person welche Qualitäten bestimmten städtischen Räumen im Verhältnis zum gesamten Stadtraum zuschreibt (Keding/Weith 2014: 132).

Da die befragte Person in Findorff geboren und aufgewachsen ist, hat sie zu dem Stadtteil eine tiefe Bindung. Urbanistisch gesehen wäre der Hauptbahnhof die Mitte des Geschehens. Für sie ist jedoch Findorff das Zentrum, welches sie nur aus studien-, berufstechnischen oder wenigen freizeitlichen Aktivitäten verlässt. Sie verbindet den Stadtteil mit vielen Erinnerungen an ihre Vergangenheit, die noch bis jetzt reichen.

Als ersten Ort erwähnt sie eine Eisdiele als Treffpunkt mit Familienmitgliedern und Freunden, die sie sowohl in der Vergangenheit als auch heute noch besuchen und dort als Stammgast bekannt sind. Familie ist für sie ein zentraler Begriff, der sich durch das gesamte Interview zieht und der Beweggrund für jegliches Handeln oder Nicht-Handeln ist: Eltern, Großeltern, Partner, dazu auch Freunde. Sie sind ihre erste Priorität und ihr Zuhause. Obwohl sie in eine eigene Wohnung gezogen ist, die nicht weit entfernt und zu Fuß gut und schnell erreichbar ist, benennt sie das Elternhaus, in dem ihr ehemaliges Zimmer bereits umgestaltet wurde, als „Zuhause„. Es dauere ihrer Meinung nach sehr lange, um einen anderen Ort als den Ort des Aufwachsens als Zuhause zu bezeichnen. Dennoch habe sich die „häusliche Umgebung“ seit ihrem Auszug geändert und sie ist gleichzeitig verwundert darüber, dass sie ihre Eltern trotz der Nähe nicht so regelmäßig sieht wie erwartet. Das Leben in einer neuen Wohnung in einem fremden Haus ist wesentlich anonymer durch die unübersehbar vielen Parteien, wodurch es selten dazu kommt, seine Nachbarn wirklich kennenzulernen. Im Vergleich dazu erlebt sie die Umgebung des Elternhauses und damit ihrer Vergangenheit wesentlich schöner durch Elemente wie Nachbarschaft, Gemeinschaft und die familienfreundliche und bunte Umgebung.  Für die Zukunft könnte sie sich auch vorstellen außerhalb von Bremen zu ziehen, jedoch nur in der direkten Umgebung wie in einer Vorstadt. Die Familie ihres Partners wohnt dort nicht allzu weit entfernt, weshalb sie sie regelmäßig mit dem Auto besuchen fahren. Die Ruhe und der viele Platz wären ein Argument für sie, aus Findorff in so eine Vorstadt zu ziehen. Es wäre allerdings auch die maximale Distanz, die sie zwischen sich und dem Rest ihrer Familie in Findorff haben möchte. Eine Ausnahme wäre dabei ein verlockendes  Arbeitsangebot in der Umgebung von Bremen bis Hamburg, ansonsten würde sie aus Bremen nicht komplett weg ziehen. Dazu ist ihre innere Verbundenheit mit dem Stadtteil zu eng.

Ein weiterer entscheidender Moment in ihrer Vergangenheit ist das Freiwillige soziale Jahr in einer Kinderkrippe in der Nähe ihres Elternhauses: Selbst die Erinnerungen an den Weg, den sie den Tag gegangen ist und wir nun auch, sind romantisiert. Sie verbindet viele schöne Momente der Gemeinschaft mit diesem Ort und empfindet selbst nach dieser langen Zeit noch Nähe, welche auch räumlich noch besteht. Viele der Kinder kennt und erkennt sie und wird von ihren Eltern erkannt, welches ihr immer wieder ein Gefühl des Wohlbefinden. Durch Babysitting muss sie oft noch bei der Krippe und ihrem eigene Kindergarten vorbei gehen, was positive Erinnerungen weckt. Allgemein wirkt  sie glücklich und zufrieden in vertrauter Umgebung, verlässt diese vermutlich aber auch nicht so gern. Auf einer Karte eingezeichnet würden ihre alltäglichen Routen immer wieder über die gleichen Wege laufen: Sie geht in der Regel die gleichen Wege im Alltag, um auf schnellsten Weg das Ziel zu erreichen und besucht dabei immer die gleichen „spezielle Plätze“. Seit kurzer zeit hat sie aber wieder neue Orte durch eine Freundin kennengelernt, die in dem Stadtteil neu und dadurch viel erkundet. Außerdem würden ihre Großeltern mittlerweile öfters im Bürgerpark spazieren und einkehren, wodurch sie nun auch öfters dort ist.

Gleichermaßen wichtig lautet der Aspekt der Mobilität: Ihr Auto besitzt sie ca. seit dem Auszug aus dem Elternhaus nicht mehr, was infolgedessen ihre Mobilität einschränkt hat. Es kommt nun oft zu einem Zögern bei der Entscheidung den Stadtteil zu verlassen, weil streng genommen fast alle Wünsche und Bedürfnisse im eigenen Stadtteil befriedigt werden können. Sie kauft bei denselben Orten ein wie vor dem Auszug, geht zum gleichen Fitnessstudio und hat viele Freunde immer noch in der Nähe der neuen Wohnung. Was diese Dinge angeht ist, ist besondere Mobilität letztendlich nicht vonnöten. Deshalb ist sie auch mehr mit dem Fahrrad unterwegs und umgeht damit die Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel, mit denen sie zum Beispiel zu ihrer Praktikumstelle nahe Hauptbahnhof gelangte.

Mit dem Freizeitangebot ist sie sehr zufrieden, es wachse tendenziell und mache Findorff dadurch sogar noch attraktiver als Wohnviertel. Letzten Endes sei Findorff perfekt für sie, weil es eine gute Kombination aus Nähe zu Familie und Freunden, ausreichendem Freizeitangebot für junge Leute und einem positive Lebensatmosphäre ausstrahlendes Stadtviertel ist.

 

Bei dieser Methode habe ich mich wieder bewusst gegen die Dokumentation durch Fotos entschieden als auch gegen das Einzeichnen der Route (Wegprotokoll): Zunächst wird somit die genaue örtliche Zuordnung der befragten Person verhindert. Außerdem ist es meiner Meinung nach interessanter, sich über das Zuhören einen Zugang zu der persönlichen Lebenswelt der befragten Person zu verschaffen und nicht konkrete Orte, die einem möglicherweise bekannt sind, vorzustellen und damit die eigene Fantasie zu blockieren.

Wie sind deine Gedanken zu dieser Methode des bewegten Interviews? Oder auch zum Inhalt: Geht es dir ähnlich und stellst eine intensive Verbindung zu deinem Zuhause und der umliegenden Nachbarschaft fest? Oder ist Mobilität eine wichtige Bedingung für die Wahl deines Wohnortes, um schnell auch weiter entfernte Orte zu erreichen?

Hinterlass unten gerne ein Kommentar!

Auswertung Wahrnehmungsspaziergang

Da dies die erste Methode war, der ich mich bediente, fühlte ich mich zu Beginn etwas unwohl und unbeholfen, vor allem, als mir Menschen entgegen kamen und mich dabei beobachteten wie ich scheinbar mit einem unsichtbaren Menschen sprach. Allerdings habe ich mich nach und nach daran gewöhnt und da ich oft in Straßen abgebogen bin, die nicht Hauptverkehrswege waren, hat sich dieses „Problem“ allein gelöst.:

Meine Umgebung hat sich von Ecke zu Ecke, wenn auch nur minimal, konstant geändert. Dabei gab es diverse Komponenten, die mein Wohlbefinden und meine Orientierung beeinflusst haben: Erstens wäre da der Unterschied zwischen bekanntem und unbekanntem Terrain, welcher meine Aufmerksamkeit grundlegend beeinflusst. Denn auch, wenn ich versuche möglichst viel wahrzunehmen, sendet das Gehirn in bekannten Regionen bestimmte Signale, sodass es trotz erhöhtem Fokus nur neue Dinge in der Umgebung wahrnimmt und somit die Konzentration sinkt. Zweitens wäre da der Unterschied zwischen dem allein sein und ein Teil der Menschenmasse zu sein: Die Anwesenheit von egal ob vertrauten oder fremden Menschen hat auf mich eine sehr große Wirkung. So tut es mir von Zeit zu Zeit gut, unbegleitet zu sein und meine Umwelt ohne den Aufwand einer hohen Konzentration wahrnehmen zu können. Ich stimme dem zu, dass Orten oftmals erst durch ihr passieren Bedeutung auferlegt wird, dh. die Straßen auf der Route von meiner S-Bahn-Haltestelle bis zu meiner Haustür werden erst zu meinem „Nachhauseweg“, wenn ich sie dazu erhebe. Ohne diesen Fokus, der durch die Ablenkung durch zu viele Menschen auf dem Weg erfolgt, bekomme ich ein Gefühl von phsysischer Abwesenheit, obwohl ich physisch an diesem Ort anwesend bin. Menschen ziehen meine Aufmerksamkeit auf sich, egal ob Kind oder Erwachsener, egal ob Mann oder Frau. Ich beginne sie zu analysieren und frage mich woher sie kommen, wohin sie wollen, was in ihrem Kopf passiert und wer sie sind. Auch ihr Schritttempo hat eine Auswirkung auf meine Aufmerksamkeit und mein Wohlbefinden, denn je gefüllter die Wege, desto eher habe ich das Gefühl, mich dem Schritttempo anpassen zu müssen, um nicht aufzufallen.

Menschen führen diverse Motivation und Aktivitäten in Gebiete mit vielfältiger Raumnutzung: Nebenstraßen bedeuten dabei in den meisten Fällen (so wie bei mir auch) der einfachste und schnellste Weg zum Ziel, wobei der Umgebung tendenziell weniger Aufmerksamkeit geschenkt wird. In ihnen befinden sich selten oder nur vereinzelt öffentliche Orte. Je öffentlicher und besser zugänglich Orte sind, desto eher werden sie angesteuert: Hauptstraßen mit vielen Angeboten gelten im Gegenzug als Ziel des Weges, z.B. liegen an der Kreuzung Friedrich-Ebert-Straße und Pappelstraße viele verschiedene Geschäfte und die S-Bahn-Haltestelle Gastfeldstraße, wodurch sie zu einem vielbesuchten Ort wird. Menschen könnten schnell viele Punkte von ihrer To-Do List streichen, weil  zwischen den einzelnen Anlaufstellen nur kurze Strecken liegen. An diesen Orten und weiter in Richtung Pappelstraße werden bewusste Aktivitäten wie einkaufen, stöbern, Kaffee trinken, essen, usw. ausgeführt. Diese sind zeitaufwendige Aktivitäten, denen ich als Beobachter gerne nachgegangen wäre und die meine Emotionen während des Spazierganges beeinflusst haben. Ich habe mich gerne in die Rolle der beobachteten Menschen gesetzt und mir in Gedanken vorgestellt, entspannt in der Sonne am Tisch zu sitzen, jemandem bei der Arbeit zu helfen und zum Beispiel eine neue Wohnung einzurichten.

Auch Architektur und damit verbundene Elemente habe ich während des Spazierganges besonders beachtet. Ich bin momentan auf der Suche nach einer neuen Wohnung, was meine Wahrnehmung für Häuser bzw. potenzielle Wohnungen in ihnen, Balkone, etc maßgeblich beeinflusst hat. Mein Schritttempo war dementsprechend relativ langsam, weil ich viele aneinanderliegende Häuser betrachtet und analysiert habe. An anderen Orten habe ich einen schnelleren Schritt eingelegt, um für mich uninteressantere Strecken mit vergleichsweise wenig Fokus auf die Umgebung zurückzulegen, was zum Beispiel in nicht so schönen Wohngebietend „abseits vom Schuss“ der Fall war.

Denke ich zurück an den Spaziergang, fällt mir auf, dass ich Gerüche relativ wenig wahrgenommen habe. Gerade weil ich an vielen duftproduzierenden Orten vorbeigekommen bin, hätte ich eher das Gegenteil erwartet. Nur durch das Rosenbeet im Park habe ich mich länger an einem Ort aufgrund eines Duftes. Die gehörten Geräusche waren mir alle bekannt und vertraut. Dies lag daran, dass ich in einem bekanntem Stadtteil herumgelaufen bin. Aber wäre dies in einem anderen Stadtteil oder vielleicht sogar einer anderen Stadt anders verlaufen? Letztendlich sind die Städte alle mit Menschen gefüllt, die sich unterhalten, sich fortbewegen, einkaufen und ihrem Leben nachgehen, dementsprechend würden höchstens die Umgebungsgeräusche variieren. Es ist allerdings auch die Frage, inwiefern das Gehirn herausfiltert und einem die Entscheidung zur Identifikation der Geräusche bereits beim Hören abnimmt.

Ich habe mich bei dieser Methode bewusst gegen die Dokumentation mit Fotos entschieden, weil dies meiner Meinung nach die Aufnahme und das Verständnis des wiedergegebenen Inhalts maßgeblich beeinflusst. Einen Text zu lesen hat sinnlich gesehen eine ganz andere Auswirkung als sich eine Reihe von Fotos anzuschauen, da durch letzteres die Produktion von Bildern durch die eigene Fantasie weitgehend verhindert wird.

Die Zeit ging relativ schnell um, ich hatte aber gleichzeitig auch das Gefühl, viel gesehen und realisiert zu haben. Im Nachhinein würde ich deshalb behaupten länger auf den Straßen unterwegs gewesen zu sein, dh. dass die gefühlte Zeit länger war als die tatsächliche Zeit.

Es stellt sich bei Auseinandersetzung mit dem Stadtwahrnemungsspaziergang natürlich die Frage, wie wissenschaftlich diese Methode ist: Eine Person spaziert durch die Straße und hält ihre persönlichen Eindrücke fest. Keine Literatur, wenig Objektivität – im Gegenteil: Michael Krieger spricht hier sogar von einer „maximalen Subjektivität“, die aus unterschiedlichen Perspektiven und der Sichten diverser Schulen die Wissenschaftlichkeit ausmacht oder eben nicht. Die spontane Auswahl der Route geschehe nach Guy Debord dabei eher nicht aus Zufallsgründen (Debord 2005: 64). Jedenfalls wird hier deutlich erkennbar, dass die Methode nicht nur in den Kulturwissenschaften angewendet wird, sondern auch in Gemeindeentwicklungskonzepten Anwendung findet: Menschen werden durch bestimmte Quartiere oder Viertel begleitet, um die gefühlsmäßige Reaktion auf ein Projekt zu konstatieren. Architekten und Stadtteilplaner haben oftmals andere zu beachtende Auflagen am Anfang ihrer Liste, wodurch Aspekte, die direkt die Bewohner betreffen wird oder betrifft, außer Acht gelassen werden könnten. Mit der Ausführung eines oder mehrerer Wahrnehmungsspaziergänge wird diesen Ansprüchen genüge getan und beispielsweise die Entstehung von sogenannten „blinde Flecken“ von vornherein vermieden. Somit wird sie in diesem Zusammenhang als gleichberechtigte unter anderen anerkannten Raumanalysemethoden genehmigt. (Weiteres Beispiel: Für Niederösterreich wurde eine ganze Broschüre zur „Ortsplanung mit der Bevölkerung“ erstellt, in denen unter anderem Wahrnehmungsspaziergänge geplant wurden.)

Die Aktivität des bewussten Wahrnehmens, welche besonders diese Methode ausmacht, hat meiner Meinung nach mit zunehmender Technologisierung im heutigen Zeitalter abgenommen. Menschen sind selten ohne ein bestimmtes Ziel in der Stadt unterwegs und interessieren sich tendenziell weniger für ihre Umgebung, wenn sie nicht aus dem Feldzugang der Kulturwissenschaften kommen. Städtische Strukturen werden oftmals als einfach gegeben akzeptiert und daher nur bei wenigen Menschen als Objekt der Neugierde erfasst. So trägt zum Beispiel die Verwendung von GPS, dem Navigationssystem zur Positionsbestimmung, dazu bei sich weniger für seine Umwelt zu begeistern und durch eine genaue Rotenplanung möglichst schnell das geplante Ziel zu erreichen.

Vom Ort zum Raum — vom Ort zum Nicht-Ort

„Insgesamt ist der Raum ein Ort, mit dem man etwas macht. So wird zum Beispiel die Straße […] durch die Gehenden in einen Raum verwandelt. – Michel De Certeau, 1988.

Wie der Titel dieses Beitrages bereits verrät, werde ich nun ein bisschen mehr Theorie einfließen lassen. Bisher habe ich Begriffe wie Ort und Raum einfach verwendet ohne wirklich zu erläutern, was hinter dieser Terminologie steckt! Doch damit nun ein Ende: Verschiedene Theoretiker haben sich zu einigen Begrifflichkeiten geäußert, welche ich nun nacheinander vergleichen und einige interessantere Aspekte gesondert herausnehmen werde. Außerdem werde ich einige weitere Termini aus dem Bereich erwähnen, die mir in dem Zusammenhang wichtig erscheinen und das Feld erweitern.

Michel de Certeau, Historiker des 20. Jh., gelingt es meiner Meinung nach sehr gut, früh die Unterscheidung von Ort und Raum zu veranschaulichen: Eingeleitet wird das Kapitel 4 „Berichte von Räumen“ mit einem Zitat von Pierre Janet: „Die Erzählung hat die Menschheit geschaffen.“ Im Anschluss wird erklärt, dass das Wissen und der Wert der Menschheit durch vielfältige Kommunikation im Alltag der Menschen selber festgehalten wird. Durch die Interaktion zwischen den Menschen werden Orte zu Räumen:

„Jeden tag durchqueren und organisieren sie die Orte; sie wählen bestimmte Orte aus und verbinden sie miteinander; sie machen aus ihnen Sätze und Wegstrecken. Sie sind Durchquerungen des Raumes“ (De Certeau 1988: S. 215).

Orte haben neben ihrer räumlichen Instanz gleichzeitig eine Gesetzmäßigkeit inne, nach der sich die einzelnen Orte selber nur nebeneinander befinden können, dementsprechend niemals zwei Orte auf einer Lokalität liegen können. Jeder Ort habe folglich seinen “ ‚eigenen‘ und abgetrennten Bereich, den es definiert“, der geregelt und beständig sei . Davon ausgehend bilden sich Räume, die im Gegensatz zum einfachen Ort einem Netzwerk von wandlungsfähigen Gliedern entsprechen und weder eindeutig noch zuordenbar seien. Der Raum ist in dem Sinne dehnbar, dass er wie ein Wort in unterschiedlichen Dialekten und Mündern ausgesprochen werden kann und dadurch abhängig wird von Faktoren wie Bewegung, Aktivität, Richtung, Geschwindigkeit und Zeit (De Certeau 1988: 218).

Um auf die bildliche Darstellungsebene zurückzukommen: „Jeder Bericht ist ein Reisebericht – ein Umgang mit dem Raum […]. Diese erzählten Abenteuer, die gleichzeitig Handlungsgeographien produzieren, […] lenken tatsächlich Schritte“ (De Certeau 1988: 216). Dies bedeutet, dass sämtliche Auskünfte über räumliche (oder virtuelle räumliche) Erfahrungen, die außerhalb der normalzugänglichen Alltagswelt der meisten Menschen liegt, den Horizont erweitert und im wahrsten Sinne des Wortes richtungsweisend für die große Masse der Bewohner einer Stadt ist.

Ähnliche Gedanken entwickelt Marc Augé, Ethnologe des 20. Jh., in seinen Arbeiten. Im Vergleich zu De Certeau allerdings verwendet er anstatt „Raum“ den Begriff „Nicht-Ort“: Seiner Meinung nach sei „ein Ort durch Identität, Relation und Geschichte gekennzeichnet“; ein Raum, der diese drei Eigenschaften nicht besitze, müsse schlussfolgernd als „Nicht-Ort“ bezeichnet werden (De Certeau 1994: 92). Dabei sei hingegen zu beachten, dass weder Ort noch Nicht-Ort in ihren absoluten Formen bestehen, denn Orte können sich nur bis zu dem Maße auflösen wie Nicht-Orte sich niemals ausformen können – keiner der Prozesse ist über kurz oder lang vollständig (De Certeau 1994: 94). Seine Hypthese enthält die negativ konnotierte Ansicht, dass „die »Übermoderne« Nicht-Orte hervorbringt, also Räume, die selbst keine anthropologischen Orte sind und […] die alten Orte nicht integrieren […]“ . Damit in Relation setzt er, dass sich immer mehr „Transiträume“ bilden, immer mehr Orte, zu denen Individuen keine langfristigen, intimen Beziehungen eingehen können, da sie reine Mittel zum Zweck sind bzw.  „der Durchreise, dem Provisorischen und Ephemeren überantwortet“ (De Certeau 1994: 93). Dennoch seien diese Nicht-Orte ein Merkmal De Certeaus Zeit, welches nach seiner Idee interessanterweise messbar sei, indem die Strecken aller Verkehrsmittel, Knotenpunkte, Freizeitangeboten und Leitungen virtueller Informationsübermittlung addiert werden.

Wenn du an diesem etwas theoretischeren Beitrag gefallen gefunden hast, folge diesem Link zu einem Blog zu Interessensräumen über Europa, Politik, Technik, Organisationen, Gesellschaft und persönlichen Interessen.

Hier geht es zu einem weiteren interessanten Blog bzw. einer Sammlung eines Hamburger Studenten Kollektiv., auf dem theoretische Inhalte mit zeitgenössischen Gedanken verbunden werden.

Assoziative Aufgabe: Werde dir deiner Stadt bewusst!

Was bedeutet für dich die Stadt? Was assoziierst du damit? Woher kommt dein Verständnis von Stadt? Denkst du positiv über die Stadt als Lebensraum der Menschen? Oder bist du eher ein Dorfkind? …

Denk über diese Fragen nach. Wenn du ein bisschen nachgedacht hast, dann scroll nach unten!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Fragen über Fragen. Dabei bin ich eigentlich nich nicht am Ende. Aber fangen wir mal am Anfang des Wirrwarrs an: Jeder Mensch weiß, was eine Stadt ist. Doch irgendwie auch nicht: könntest du jetzt sofort eine objektive Definition des Begriffes Stadt nennen ohne dich von deinen persönlichen Erfahrungen ablenken zu lassen? Vermutlich nicht – mir würde dies auch schwer fallen. Aber ein Versuch ist es wert, nicht wahr? Also los: Was bedeutet eigentlich Stadt? …

Wenn du ein bisschen nachgedacht hast, dann scroll nach unten!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Laut Duden ist eine Stadt eine „größere, dicht geschlossene Siedlung, die mit bestimmten Rechten ausgestattet ist und den verwaltungsmäßigen, wirtschaftlichen und kulturellen Mittelpunkt eines Gebietes darstellt“. Weiterhin beschrieben wird sie als „große Ansammlung von Häusern [und öffentlichen Gebäuden], in der viele Menschen in einer Verwaltungseinheit leben“.

So viel zur Theorie. Stimmst du dem zu? Oder ist es dir viel zuviel Gerede um den heißen Brei herum?

Wenn du ein bisschen nachgedacht hast, dann scroll nach unten!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kommen wir zur Praxis: Was denkst du, wenn du durch die Stadt gehst? Letztendlich ist die Stadt eine künstliche Konstruktion von uns Menschen selber, ohne uns würde es die Stadt als solche gar nicht geben, ja selbst den Begriff haben wir erfunden und definiert. Wie würde es ohne die Stadt Bremen aussehen? Komplett unberührte Natur? Die Weser würde unbeschwert durch Norddeutschland fließen – wie sie es vor dem 9. Jahrhundert auch noch getan hat. Magst du die Stadt oder bleibst du lieber bei dem romantischen Naturbild, welches sich gerade gebildet hat?

Begib dich nun in das Getümmel, versuche auf alle Reize zu achten, die auf dich einwirken und benutze alle deine Sinne. Schließ mal die Augen, atme tief ein und versuche eine längere Strecke geführt an einem Geländer blind entlangzugehen und auf deine Sinne zu vertrauen. Im nächsten Moment kannst du sie wieder aufmachen und überprüfen wie du deine Umgebung vielleicht anders wahrgenommen hast und was dir jetzt auffällt. Berichte deinen Freunden davon und werdet euch gemeinsam eurer Stadt bewusst! Wenn ihr mögt, könnt ihr hier unter dem Beitrag Kommentare hinterlassen und eure Erfahrungen kundtun. Inspiration gibt es hier!

Viel Spaß! 🙂

Material zum Mental Mapping

Die Anweisung, die die ausgewählte Person erhielt, lautet: „Skizziere dein persönliches Bild der Stadt Bremen. Wichtig dabei ist es, Dinge zu zeichnen bzw. zu nennen, die dir spontan einfallen und die dir persönlich wichtig und dazugehörig erscheinen. Um die Zeichnung verständlicher zu machen, kannst du mir nebenbei die einzelnen gemalten Elemente erklären.“

Die befragte Person ist weiblich, 25 Jahre alt und ist für ihr Studium 2014 aus Cuxhaven erst in die Neustadt, dann nach Findorff gezogen, wo sie jetzt lebt.

Zum Anschauen der Skizze hier klicken!

Zum Anhören des Interviews hier klicken!

Einleitung Mental Mapping

Narrative Landkarten als Methode

Um die urbane Perspektive einer zweiten Person kennenzulernen, bediene ich mich der Methode des Mental Mapping. Sie stammt aus den Kognitionswissenschaften und geht von einem relativistischen Raumbegriff aus, der Raum gegensätzlich zum allgemeinen Verständnis nicht als fest definiert versteht. Räume sind zusätzlich sozial und kulturell bedingt, dass heißt von Mensch zu Mensch subjektiv unterschiedlich wahrgenommene Bereiche. Mental Maps sind infolgedessen die Veranschaulichung dieser Bereiche, sie repräsentieren die virtuellen Stadtkarten in den Köpfen der Menschen, anhand derer sie sich orientieren können. Sie beinhalten sowohl individuelle als auch kollektive Bilder von Räumen der Stadt, sind vielschichtig und werden einzigartig durch Verknüpfungen mit persönlichen und sinnlichen Erfahrungen, Emotionen und Beziehungen (Ziervogel 2011: 192).

Eine Erweiterung dieser Methode lautet „Narrative Landkarte“, bei der Mental Maps mit biografischen Interviews kombiniert wird (Behnken/Zinnecker 2010). Um diese Methode durchzuführen, habe ich eine zweite Person ausgewählt: Zuerst habe ich der Person die Methode und das Vorgehen grundsätzlich erklärt, sodass sie weiß, was auf sie zukommt. Die ausgewählte Person erhält zunächst einen Stift und ein weißes Blatt Papier und zeichnet (kartiert) nach dem Eingangsimpuls ihre kognitive Karte der Stadt Bremen. Währenddessen erläutert sie ihre Zeichnung verbal, was ich mit einem Aufnahmegerät festhalte. Das Ende der Methode erfolgt zu dem Zeitpunkt, wenn die Person nichts mehr zu ergänzen hat. Nach Ablegen des Stiftes können sowohl Verständnisfragen – um einzelne Aspekte hervorzuheben – als auch narrative Nachfragen gestellt werden , die im Vorhinein auf einer Leitfragenliste festgehalten werden. Um nachträglich auf der Zeichnung zu ergänzen, können Farbstifte verwendet werden, damit von der ursprünglichen Zeichnung unterschieden werden kann.

Hierlang zum Material!

Durchführung: Bewegtes Interview

Die befragte Person ist weiblich, 21 Jahre alt und lebt seit ihrer Geburt in Findorff.

Die einleitende Frage lautet: „Was wäre ein Ort, wo du als erstes hingehen würdest?“

Zum Anhören des Interviews hier klicken!

Zur Auswertung hier entlang!

Vorstellung der Methode: Bewegtes Interview

Die erste Methode, die ich zur Untersuchung einer fremden persönlichen Stadtwelt auswähle, nennt sich bewegtes Interview: Die befragte Person wird währenddessen zum Experten ihrer alltäglichen, vertrauten Lebenswelt und führt mich durch sie hindurch als ortskundiger Guide. Die verschiedenen angesteuerten Orte und die Bewegung arbeiten dabei als katalysierendes Element. Sie regen den Guide dazu an, die mit den Orten verbundenen Erlebnisse und Erfahrungen zu verbalisieren. Somit wird einer einfachen Beobachtung das Gespräch hinzugefügt und ich erfahre zusätzlich die Emotionen und Praktiken der befragten Person (Keding/ Weith 2014: 137 ff.).

Zu diesem Zweck suche ich eine Person, die mich durch ihre vertraute Umgebung führt. Starten wird die Ausführung bei der Person zuhause, wo ich erste grundsätzliche Fragen zur Routenplanung stelle, um eine grundlegende Ahnung über den Verlauf zu bekommen. Ab dem Punkt beginnt die Aufzeichnung des Interviews durch ein Aufnahmegerät: Wir werden das Haus verlassen und ich begleite die Person auf ihrem Weg von Bedeutungspunkt zu Bedeutungspunkt. Bei Bedarf flechte ich vorbereitete Fragen in das Gespräch ein, welches ansonsten von der befragten Person gelenkt wird. Ich nehme dementsprechend eine zurückhaltende Rolle ein und lasse mich ganz auf die Person ein.

Hierlang zum Interview!

Zur Werkzeugleiste springen