Was bedeutet Stadt für Menschen?

Wie und warum Menschen verbringen ihre Zeit an bestimmten Orten der Stadt? Welche Diskurse, Narrative und Wertvorstellungen hängen mit Orten zusammen? Wie sind auch lebensgeschichtliche Erinnerungen an Orte geknüpft?

Kommen wir zurück zu den Eingangsfragen, die mich in diesem Projekt geleitet haben:

1.) Wie und warum bauen Individuen Beziehungen zu urbanen Räumen auf?

2.) Welche Bedeutungen bekommen urbane Orte für Individuen?

3. ) Wie bilden sich individuelle Netzwerke?

Die Stadt mit seinen Orten und Räumen hat viele verschiedene Bedeutungen für die unterschiedlichsten Menschen. So geschieht es auch, dass zu diesen diversen Orten verschiedenartigste Beziehungen aufgebaut werde.

Im Unterschied zu Person 1 lebt die befragte Person des Mental Mappings (Person 2) erst seit drei Jahren in Bremen, mittlerweile auch im Stadtteil Findorff. Sie sieht den Hauptbahnhof als das Zentrum an, worüber alle Wege letztendlich führen und erwähnt im Anschluss, dass daneben ihr persönliches Zentrum Findorff mit Zuhause und Freunden ist. Dementsprechend hält sie sich in Bremen in wiederholender Routine an denselben Orten auf und bewegt sich auf den gleichen Linien hin und her. Person 1 lebt ebenso in ihrer eigenen Welt in Findorff und schreibt diesem Stadtteil die größte Bedeutung in ihrem Leben zu. Somit besteht zwischen den beiden Personen die Gemeinsamkeit, dass spezielle Orte ihnen Gefühle von Sicherheit, Vertrautheit und auch Echtheit geben. Orte existieren niemals an zwei Stellen gleichzeitig und können in der Regel auch nicht versetzt werden, wodurch sie im Leben der befragten Menschen eine Konstante bedeuten. Die Bindung zu den meisten Orten geschah meist durch Ereignisse in der Vergangenheit, die tief in das Gedächtnis eingeprägt sind. Sie können dorthin immer wieder zurückkehren, tun dies auch in einer Regelmäßigkeit, erfahrungsgemäß aufgrund sozialer Beziehungen. Diese selbstausgewählten Orte sind authentisch und bedürfen keiner zyklischen Überprüfung der Bedeutungsebene. Sie verbinden mit diesen Orten neben Erinnerungen auch aktuelle Verpflichtungen, wodurch die Routine des Aufenthalts bzw. sowohl räumliche als auch geistige Nähe erhalten bleibt. Person 2 räumt aber ein, dass ihre Heimat Cuxhaven, auch wenn es für sie in Richtung Beruf und damit Zukunft nicht attraktiv ist, für immer ein bedeutungsvoller Pfeiler in ihrem Leben sein wird. Bremen wird deshalb nie vollständig ihr Zuhause sein, auch wenn sie es so benennt, sich dort zeitlich am meisten aufhält und ihre meisten Freunde dort leben. Vergleichbar damit ist die Motivation von Person 1 in Bezug auf den Wohnort, die für ein verlockendes Jobangebot aus Findorff (aber nicht zu weit) wegziehen würde. Entscheidend für beide Personen ist jedoch die Familie, die sie mit ihrer Heimat verbinden und die entscheidende Faktoren für das jeweilige Handeln sind. Außerdem bedeutsam sind Freizeitmöglichkeiten, die für beide ein Grund sind, zu anderen Orten außerhalb Findorffs zu fahren, vor allem bei Person 2, für die Findorff aber nicht der Heimatort ist.

Werden die unterschiedlichen Raumnutzungsmuster verglichen, lassen sich teilweise individuelle, aber auch kollektive (Wert)Vorstellungen in den Köpfen feststellen. Dies bedeutet, dass einige Motivationen persönlicher Natur sind und mit der Vergangenheit sowie aktuellen Bedingungen zusammen hängen. Andere lassen sich über die beiden Personen hinaus vermutlich noch bei vielen anderen finden, wodurch sie als kollektive Denkweisen und infolgedessen Handlungsmuster gesehen werden können. Eine weitere Zuordnung der Argumente entspricht der Unterscheidung von privat und öffentlich, wonach einige Orte bzw. Räume persönlich und intern sind und damit nicht von anderen Menschen als bedeutsam angesehen wird. Letzteres ist eher als öffentlich anzusehen, wenn viele Menschen, die sich gegenseitig nicht kennen, dauerhaften Zugang zu diesen Standorten oder Gebieten haben.

Vergleiche ich die beiden Methoden bewegtes Interview und Mental Mapping fällt mir zurückblickend auf, dass mir Ersteres leichter fiel. Dies liegt meines Erachtens tatsächlich an der Bewegung, die einen regelmäßig in eine neue Umgebung führt, dadurch immer wieder neue Fragen aufwirft und zum Erzählen anregt. Die Methode des Mental Mapping ist wesentlich statischer und verläuft im Grunde genommen wie ein normales narratives Interview ab, nur mit dem Zusatz des Kartierens. Dieser Zusatz hilft aber auf jeden Fall, um zu veranschaulichen, ist im Vergleich zum regelmäßigen Umgebungswechsel aber nicht so ergiebig.

Dies habe ich auch bei der Methode des Stadtwahrnehmungspazierganges erkannt und aus dieser heraus entwickle ich eine Aufforderung an jeden Menschen wieder vermehrt mit wirklich offenen Augen, ohne ein Mobiltelefon in der Hand und ohne Kopfhörer im Ohr durch die Straßen zu gehen und sich voll auf seine Umwelt zu konzentrieren: Es gibt so viele mehr zu entdecken – mitunter erst auf den zweiten Blick. Dies kann etwas Geduld und Konzentration erfordern, aber meiner Meinung nach lohnt es, sich Zeit zum spazieren gehen zu nehmen. Ich hoffe, dass auch die befragten Personen ihren Blick nach der Durchführung der Methoden zumindest etwas geändert hat.

Aus dieser persönlichen Motivation die Methoden nicht nur der Ergebnisse halber durchzuführen fiel es mir insofern aber oft schwer mich zurückzuhalten und nicht meine eigene Meinung mitzuteilen. Dadurch hätte sich die Befragung zu einem gleichgewichteten Gespräch gewandelt, wodurch die befragte Person ihre Erfahrung nicht mehr so ausführlich hätte mitgeteilten können. Um dies auszugleichen, habe ich die Form des Blogs gewählt, in dem ich mich und meine Ergebnisse in emischer Perspektive in persönlicher Form mitteilen kann.

Zur Werkzeugleiste springen