„Exploring Diversity!“ – Diversität und Forschendes Lernen entdecken und gestalten: Eine inter- und transdisziplinäre Kooperation

von Ayla Satilmis und Maike Voß

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Wie hängt Forschendes Lernen mit Diversität zusammen und wie lassen sich diese Verbindungen operationalisieren? – Mit diesen Fragen hat sich im Wintersemester 2016/17 eine inter- und transdisziplinäre Kooperation auseinandergesetzt. Erkenntnisse aus der Zusammenarbeit und Chancen eines solchen fächerübergreifenden Austauschs werden in diesem Beitrag beleuchtet, um Impulse für kooperatives Lehren-Lernen-Gestalten zu geben wie auch für eine Umsetzung der Leitbilder für Studium und Lehre.

Das Leitbild für Studium und Lehre – Forschendes Lernen, Partizipation und Vielfalt – spiegelt das Selbstverständnis der Universität Bremen wider und formuliert zugleich zentrale Ziele und Aufgaben bei der Weiterentwicklung der Qualität von Lehre und Studium. Es bildet den Rahmen für strategische Maßnahmen wie auch für das operative Handeln und zielt auf „eine Studienkultur gegenseitiger Wertschätzung, in der fachspezifisch unterschiedliche Methoden ein lebendiges und erfolgreiches Studium ermöglichen“ (http://www.uni-bremen.de/lehre-studium/leitbild-lehre.html).

Dem Leitbild entsprechend laufen aktuell drei Pilotprojekte an den Fachbereichen Biologie,
Kulturwissenschaften und Human- und Gesundheitswissenschaften. Gefördert durch
Hochschulpaktmittel geht es bei den Projekten darum, die Profilbildung bestehender Studiengänge unter dem Gesichtspunkt des Forschenden Lernens zu unterstützen und Studiengänge curricular und didaktisch neu aufzustellen. Laut Ausschreibung müssen die Projekte u.a. folgenden Kriterien genügen: „Berücksichtigung von Heterogenität der Studierenden (Geschlecht, Herkunft, Voraussetzungen und Bedingungen) und Eröffnung von Freiräumen für Studierende, ihren Motivationen und Interessen nachzugehen“ sowie „Maßnahmen zur Kooperation und Fortbildung der beteiligten Lehrenden und Einbeziehung von Studierenden“. (Ausschreibung “Forschendes Lernen an der Universität Bremen – Förderung der Profilbildung”: http://www.uni-bremen.de/lehre-studium/projektfoerderung/forschendes-lernen-profilbildung.html).

Vor diesem Hintergrund und mit der Frage, wie Heterogenität bei der Projektumsetzung einbezogen werden können, sind Mitarbeiter*innen der geförderten Pilotprojekte an
e n t e r s c i e n c e (vgl. Infobox) herangetreten. Die daraus entstandene inter- und transdisziplinäre Kooperation zeichnen wir im Folgenden nach und skizzie-ren zentrale Erkenntnisse und Ergebnisse der Zusammenarbeit. Darüber hinaus geht es darum,
den Mehrwert eines fächerübergreifenden Austauschs für die einzelnen Projekte und für
die Universität Bremen zu beleuchten und damit Impulse für die Umsetzung der Leitbilder für Studium und Lehre zu geben, wie sie aktuell auch auf der Agenda der Hochschulrektorenkonferenz stehen. (vgl. https://www.hrk-nexus.de/fileadmin/redaktion/hrk-nexus/07-Downloads/07-01-Tagungen/07_01_44-Bochum/Programm_Jahrestagung.pdf)

Diversität als Querschnittsthema

Seit Mitte 2015 verfolgen die drei ausgewählten Pilotprojekte „FLexeBel – Forschendes
Lernen zur Vorbereitung auf komplexe und interdisziplinäre Berufsfelder“ (FB 11) im Masterstudiengang Public Health – Gesundheitsversorgung, -ökonomie und -management
(GVÖM), „FLASP – Forschendes Lernen als Studiengangsprofil im BA Kulturwissenschaft“ (FB 9) und „Forschendes Lernen im Bachelorstudiengang
Biologie“ (FB 2) verschiedene Schwerpunktsetzungen, um ihre Fächer im Hinblick auf Forschendes Lernen zu stärken. Diversität ist als Querschnittsthema in allen drei Pilotprojekten enthalten. Nur: Wie lässt sich Diversität in Verbindung mit Forschendem
Lernen operationalisieren?

Abbildung 1: Interdisziplinäre Kooperation „Exploring Diversity!“ der Pilotprojekte zum Forschenden Lernen „FLexeBel“ und „FLASP“ mit „e n t e r s c i e n c e“, entsprechend dem Leitbild für Studium und Lehre der Universität Bremen: Forschendes Lernen, Partizipation und Vielfalt

Abbildung 1: Interdisziplinäre Kooperation „Exploring Diversity!“ der Pilotprojekte zum Forschenden Lernen „FLexeBel“ und „FLASP“
mit „e n t e r s c i e n c e“, entsprechend dem Leitbild für Studium und Lehre der Universität Bremen: Forschendes Lernen, Partizipation
und Vielfalt

 

en t e r s c i e n c e – ein interdisziplinäres Projekt für Studierende aller Fachrichtungen, FB 9

 

Als fächerübergreifendes Angebot der Universität Bremen initiiert und unterstützt e n t e r s c i e n c e die diversitätssensible Gestaltung von Lehr-Lern-Räumen. Zentral ist der Ansatz des „Forschenden Lernens“, um Wissenschaft sozial erlebbar zu machen und partizipative Wissensgenerierungsprozesse zu ermöglichen. Die Auseinandersetzung
mit und die Sensibilisierung für Diversität und Ungleichheiten im Hochschulkontext sind Kernbestandteile der Angebote, die auf eine soziale Öffnung des Wissenschaftsbetriebs zielen. Die Handlungsfelder des Projekts bauen auf Austausch und Kooperationen inner-
und außerhalb der Universität. Dabei wird die Idee der Diversität auf unterschiedlichen Ebenen lebendig und vielfältige Erfahrungen, Fähigkeiten und Perspektiven können zusammengeführt werden. (weitere Infos unter http://www.fb9.uni-bremen.de/de/enterscience.html)

 

1) Konzeption und Anliegen der interdisziplinären Kooperation

Schon zu Beginn der Kooperation stellte sich bei einem Austausch von Mitarbeitenden der
drei geförderten Pilotprojekte mit e n t e r s c i e n c e heraus, dass in den Projekten FLASP (vgl. Infobox und Beitrag Kaufmann et al. in dieser Resonanz-Ausgabe) und FLexeBel (vgl. Infobox und Voß et al., 2016) basierend auf einem ähnlichen Konzept Tutor*innen (FB 9) bzw. Mentor*innen (FB 11) mitarbeiten. Vor diesem Hintergrund haben Mitarbeiterinnen der Projekte e n t e r s c i e n c e und FLexeBel zusammen mit der Diversity-Expertin Dr. Margrit E. Kaufmann einen zweitägigen Workshop entwickelt, der auf die Qualifizierung der Tutor*innen bzw. Mentor*innen abzielt, die beim Forschenden Lernen in der Lehre mitwirken. Gemeinsamer Ausgangspunkt ist, dass die Tutor*innen- bzw. Mentor*innenarbeit für die Begleitung und Weitergabe von Erfahrungen und Wissen bei Prozessen des Forschenden Lernens von grundlegender Bedeutung sind. Schließlich bekommen sie studentische Bedarfe in Lern- und Forschungsprozessen unmittelbar mit und können diese weitervermitteln; dabei übernehmen sie eine „kommunikative Brückenfunktion“ zwischen Lehrenden und Studierenden.
Dieser Workshop hat als General Studies Angebot „Exploring Diversity!“ mit insgesamt 17
Mentor*innen bzw. Tutor*innen aus dem MA Public Health – GVÖM und dem BA Kulturwissenschaft im Wintersemester 2016/2017 stattgefunden; die konkrete Konzeption und Durchführung des Workshops oblag den beiden Autorinnen und umfasste einen transdisziplinären und einen fachspezifischen Teil.

FLexeBel – Forschendes Lernen zur Vorbereitung auf komplexe und interdisziplinäre Berufsfelder in dem Masterstudiengang Public Health – Gesundheitsversorgung, -ökonomie und -management am FB 11

 

Ziel des Projektes ist es, den Masterstudiengang Public Health – Gesundheitsversorgung, -ökonomie und -management nach dem Prinzip des Forschenden Lernens so umzustellen, dass er den Anforderungen an ein komplexes Berufsfeld besser gerecht wird. Forschendes Lernen geht über die Vermittlung von Fachwissen hinaus und fördert überfachliche Kompetenzen, wie Kreativität, Selbstbewusstsein und die Fähigkeit, begründete Entscheidungen zu treffen. In dem Studiengang führen Studierende ein dreisemestriges Forschungsprojekt eigenständig
mit externen Partner*innen des Gesundheitswesens durch. (weitere Infos unter http://www.uni-bremen.de/fb11/studiengaenge/gesundheits-und-pflegewissenschaften/public-health-gesundheitsversorgung-oekonomie-und-management-ma.html)

FLASP – Forschendes Lernen als Studiengangsprofil im BA Kulturwissenschaft am FB 9

Bei diesem Pilotprojekt zur Profilbildung geht es darum, den Studienverlauf diversitätssensibel und studierendenorientiert zu gestalten. Um die Passung von Studierenden und Studiengang genauer zu erkunden, werden mittels einer Begleitforschung die Vorstellungen und Erwartungshaltungen der Studiengangsgestaltenden und Lehrenden mit dem Studierendenerleben des Curriculums in Bezug gesetzt; dies wiederum unter Berücksichtigung von Diversitätsaspekten. Dabei werden die Moduldurchführungen unter der Perspektive des Forschenden Lernens hinsichtlich intermodularer Zusammenhänge und besserer Verknüpfungen neu ausgerichtet und expliziert. (siehe auch http://www.kultur.uni-bremen.de/de/public-anthropology/forschendes-lernen/forschendes-lernen-als-studiengangsprofil-flasp.html)

2) Umsetzung und Inhalte des Workshops

Unser Hauptanliegen bei der Realisierung des Workshops war es, eine Auseinandersetzung mit Heterogenität und Forschendem Lernen in ihren Verknüpfungen zu befördern (vgl. auch Kaufmann/Satilmis 2015). In interdisziplinär angelegten Reflexionsräumen sollten Studierende Erfahrungen, Kompetenzen und Fragen zu ihrer Arbeit als Tutor*innen bzw. Mentor*innen austauschen und sich mit Konzepten von studentischer Partizipation in der Lehre intensiver befassen (vgl. Punkt a). Darüber hinaus
ging es uns darum, Forschendes Lernen konzeptuell zu reflektieren und studiengangsbezogene Umsetzungspraxen zu beleuchten (dazu Punkt b). In der Auseinandersetzung mit den Zusammenhängen zwischen Forschendem Lernen und Diversität, so unsere Annahme, bekommen sie Anknüpfungspunkte für die Übertragung und können den Mehrwert des Forschenden Lernens für sich und ihre Kommiliton*innen besser nachvollziehen (Punkt c).

Diversität im Studienkontext

Um das Bewusstsein der Teilnehmenden für Diversität im Studienkontext zu schärfen, beschäftigten wir uns am ersten Workshoptag zunächst mit Heterogenitätsdimensionen, die im Studium von Bedeutung sind. Als Grundlage diente das von A. Satilmis entwickelte Modell zu studienrelevanten Heterogenitätsdimensionen (Satilmis i. E.).

Entlang der Fragen, was die Teilnehmenden im Workshop vereint und was sie unterscheidet, erarbeiteten die Studierenden für sie bedeutsame Heterogenitätsaspekte und stellten folgende Punkte heraus:
• externe, strukturelle Aspekte: z.B. sozio-ökonomischer Hintergrund, familiäre Aufgaben
• direkt studienbezogene Aspekte: Semesterzahl, Fachkombination, Studienmotivation, Auslandserfahrung                                                                                                                   • zusätzliche Dimensionen wie z.B. die Bildungsbiografie, Vorerfahrungen durch Ausbildung oder Erststudium, Gesundheit

Schaubild 2: „Studienrelevante Heterogenitätsdimensionen“

Abbildung 2: Studienrelevante Heterogenitätsdimensionen

Insbesondere der Aspekt Gesundheit wurde intensiv diskutiert und von den Teilnehmenden als Querschnittsthema aufgegriffen. Gesundheitliche Bedingungen und Auswirkungen wie Behinderung, individueller Umgang mit Stress und die Pflege von Angehörigen stellen Komponenten der unterschiedlichen Dimensionen dar. Sie können sich im Studienverlauf verändern – auch deshalb kommt ihnen eine hohe Relevanz zu. Andere Faktoren, wie z.B. die Frage der wissenschaftssprachlichen Ausdrucksfähigkeiten wurde von den Studierenden hingegen nicht thematisiert; ebenso wenig wie der Aspekt der Sozial- und Problemlösungskompetenzen oder die Verfügbarkeit von Netzwerken, die in ihren Verknüpfungen ausschlaggebend für das Gelingen des Studiums sein können.

Mit diesem Einstieg ging es uns darum, Perspektiven auf Diversität – jenseits kategorialer
Zuschreibungen – aufzuzeigen und das Zusammenwirken verschiedener Faktoren, die
Einfluss auf den Studienverlauf und -erfolg haben, zu verdeutlichen. Diese Überlegungen
galt es im Folgenden zu vertiefen und auf Forschendes Lernen zu übertragen. Dafür war es wichtig, die Lehr-Lern-Praxis in den beiden Studiengängen in Verbindung mit den Konzepten studentischer Einbindung beim Forschenden Lernen genauer anzusehen.

a) Konzepte studentischer Partizipation beim Forschenden Lernen

In der Gruppendiskussion wurde schnell klar, dass die Formate zur studentischen Partizipation in der Lehre in den beiden Studiengängen überraschend viele Differenzen aufweisen.

In dem Mentoring-Programm im Studiengang MA Public Health – GVÖM begleiten acht Studierende des dritten Semesters als Mentor*innen die 16 Studierende des ersten Semesters in dem Modul 6 „Forschungsprojekt – Grundlagen“. Die Mentor*innen haben die ersten zwei Semester des dreisemestrigen Forschungsprojektes bereits absolviert. Das Mentoring zielt darauf ab, bedarfsorientierte Lern- und Arbeitsstrategien
aufzuzeigen sowie bei konkreten Anlässen im Forschungsprozess zu unterstützen.
Die Qualifizierung der Mentor*innen erfolgte zusätzlich durch Supervisionen mit dem
FLexeBel-Team. Die Mentor*innen erhalten für die Workshops zur Qualifizierung und die Begleitung der Mentees 5 Credit Points.

Tutor*innen im BA Kulturwissenschaft sind vor allem in den Einführungs- und Methodenmodulen tätig; bspw. begleiten im grundlegenden Methodenmodul vier Tutor*innen insgesamt rund 80 Studierende im Profilfach (Pflichtmodul im dritten Semester). Die zentrale Aufgabe der Tutor*innen besteht darin, Studierende beim
Prozess des Forschenden Lernens diversitätssensibel zu unterstützen. Da die Tutor*innen das Modul bereits durchlaufen haben, bringen sie ihre Erfahrungen in die Forschungsprozesse mit ein und gewährleisten darüber die Weitergabe des Erworbenen im Sinne der Qualitäts- und Nachhaltigkeitssicherung. Ihre Mitarbeit erfolgt über studentische Hilfskraftverträge.

Weitergabe von Wissen auf Augenhöhe

Die am Workshop beteiligten Studierenden beider Studiengänge eint, dass sie durch ihre prozessualen, organisatorischen und persönlichen Vorerfahrungen sowie Fach- und Methodenwissen über relevante Kompetenzen verfügen. Diese geben sie Kommiliton*innen jüngeren Semestern begleitend und auf Augenhöhe weiter, dabei festigen sie ihr eigenes Wissen.

Die jeweiligen studentischen Rollen, die Art ihrer Einbindung in die Lehre und ihre Aufgaben in den Fächern unterscheiden sich jedoch: So organisieren die Mentor*innen des FB 11 den Kontakt zu ihren Mentees auf freiwilliger Basis je nach Bedarf und stehen im engen und regelmäßigen Austausch mit dem FLexeBel-Team. Demgegenüber sind die Tutor*innen im FB 9 direkt in die Lehre eingebunden, um dort Lehrende bei der Anleitung zu Forschungsprojekten zu entlasten. Darüber hinaus üben sie konkrete wissenschaftliche Techniken mit Studierenden. Während im MA Public Health – GVÖM das Verhältnis Mentor*in zu Mentees 2:4 ist, stehen im BA Kulturwissenschaft in der Regel einer/einem Tutor*in rund 20 Studierende gegenüber. Entsprechend fallen ihre Betreuung und Beratung seitens der Lehrenden und die Aufgaben, die den Tutor*innen zusätzlich übertragen werden, sehr verschieden aus. Diese disparaten Betreuungsverhältnisse sind vor dem Hintergrund der Art und Größe der Studiengänge zu betrachten.

Im fachspezifischen Teil der Kooperation, der getrennt nach Disziplinen durchgeführt wurde, befassten sich die Studierenden intensiver mit ihrer eigenen Profession sowie den Rollen und Aufgaben als Tutor*in bzw. Mentor*in. In beiden Gruppen wurden die zuvor erarbeiteten Heterogenitätsaspekte konkret in ihrer Bedeutung für den Studienalltag, wie auch bei der Ausgestaltung ihrer Arbeit reflektiert und darüber diskutiert, unter welchen Bedingungen eine bedarfsorientierte und diversitätssensible Begleitung gelingen kann.

Mentoring

Der Begriff des „Mentoring“ stammt ursprünglich aus der griechischen Mythologie und beschreibt die Funktion des Begleitens und eines Vorbildes. Nach heutigem Verständnis hat der/die Mentor*in (also die Person, die begleitet) die Funktion den/die Mentee (die Person, die begleitet wird) an persönlichen Erfahrungen teilhaben zu lassen und Weiterentwicklung in diesem Fall innerhalb des Studiums individuell zu begleiten. Dabei spielen das Aufzeigen von neuen Perspektiven, strategisches Vorgehen, Umsetzung von fachspezifischen Handlungsweisen und der Zugang zu eigenen Netzwerken eine Rolle. Die Unterstützung zielt darauf ab, dass Mentees ihre Persönlichkeit weiterentwickeln, vor allem in schwierigen Situationen und vor Entscheidungen (Forum Mentoring, 2017).

Schaubild 3: „Lehr-Lern-Beziehungen Mentor*in/Tutor*in und Studierende“

Abbildung 3: Lehr-Lern-Beziehungen Mentor*in/Tutor*in und Studierende

b) Was bedeutet Forschendes Lernen und wie wird es in den Studiengängen umgesetzt?

Der zweite Workshoptag, der einige Wochen später stattfand, fokussierte die konzeptionelle Ebene des Forschenden Lernens. Zum Einstieg haben die Beteiligten – bezugnehmend auf die Ansätze von Huber (2009) und Tremp/ Hildbrand (2012) – ihr Verständnis von Forschendem Lernen zusammengetragen: Forschendes Lernen ist für sie das Erlernen und gleichzeitige Erleben der Forschungspraxis unter Anleitung und Begleitung der Lehrenden. Anknüpfend an eigene Interessen und Erfahrungen ermöglicht dieses Format ihnen Forschungsthemen zu bearbeiten, die an bestehendes Wissen und an eigenen Interessenanknüpfen und in ihrer Aktualität für Dritte relevant sind. Wissenschaft wird so konkrete soziale Praxis, die Theorie und Praxis miteinander verbindet und ermöglicht, sich methodisch auszuprobieren, auch über die Grenzen von universitären Settings hinaus.

Darauf aufbauend diskutierten die Studierenden folgende Fragen:
1. Welche Gemeinsamkeiten weisen die Forschungsprozesse in den jeweiligen      Studiengängen auf?
2. Was unterscheidet die Forschungsprozesse voneinander? Was davon ist fachspezifisch?
3. Welche Fragen bleiben offen?

Die Gemeinsamkeiten in beiden Studiengängen sind eine Forschungsfrage selbst zu entwickeln, eine passende Methodik zu wählen, das Forschungsfeld praxisnah zu analysieren sowie Ergebnisse zu produzieren, die sie ihren Kommiliton*innen, Lehrenden und zum Teil auch der Öffentlichkeit zur Diskussion stellen. In beiden Studiengängen schließt der Forschungsprozess mit einer Prüfungsleistung in Form eines Abschlussberichtes ab; ihre Ergebnisse können die Studierenden auf studentischen
Konferenzen vorstellen.

Zur Vielfalt Forschenden Lernens

Unterschiede ergeben sich in der Dauer der studentischen Forschung, in der Arbeitsweise, im Feldzugang, in der Ausrichtung des Forschungsprozesses und in der Dissemination der Forschungsergebnisse. Public Health-Studierende führen ihre Forschungsprojekte semesterübergreifend in Kleingruppen und in Verknüpfung mit anderen Module durch. Sie forschen an Themen mit externen Praxispartner*innen, die für sie zuvor ausgewählt wurden. Das Ziel ihrer Forschung ist es, Lösungen für konkrete Probleme zu entwickeln. Demgegenüber erklärten die beteiligten Studierenden aus der Kulturwissenschaft, dass sie ihre Forschungen innerhalb eines Semesters in Einzel- oder Gruppenarbeit durchführen; den vergleichsweise kurzen zeitlichen Rahmen empfinden sie als herausfordernd. Dabei entwickeln sie ihre Fragestellung und Forschungsdesigns weitestgehend eigenständig, auch der Zugang zum Forschungsfeld obliegt ihnen. Ihr Forschungsansatz ist eher induktiv und erkenntnisorientiert.

Offene Fragen stellen sich beiden Gruppen beim Zugang zum Forschungsfeld, vor allem unterethischen Gesichtspunkten, für deren Klärung es bislang keine institutionellen Richtlinien gibt. Die Teilnehmenden gaben zudem zu bedenken, dass sie für sich und für die Lehrenden einen deutlich erhöhten Aufwand durch Forschendes Lernen sehen, der in der aktuellen Debatte um die Implementierung solcher Lehr-Lern-Ansätze zu wenig berücksichtigt würde; dies gelte auch für die damit verbundene Frage der zeitlichen
und personellen Ressourcen. – Die hier nur angedeuteten Fragen und Probleme, die die
Studierenden vor dem Hintergrund ihrer Studienrealitäten diskutierten, verweisen auf grundlegende Strukturprobleme, die es lohnt im Zusammenhang mit der Weiterentwicklung der Qualität der Lehre genauer zu bearbeiten.

c) Wie hängt Forschendes Lernen mit Diversität zusammen – und was bringt es?

Nach dem erfahrungsbezogenen Austausch zur Lehr-Lern-Praxis in den Studiengängen
wandten wir uns im Workshop stärker theoretisch- konzeptionellen Fragen zu und beschäftigten uns mit den Wechselverhältnissen von Forschendem Lernen und Diversität. Dazu gab es einen Input, basierend auf dem Konzept von e n t e r s c i e n c e (ausführlich dazu Satilmis i. E.). Demnach lassen sich folgende Ebenen unterscheiden:

Forschendes Lernen …
• als didaktisches Prinzip berücksichtigt und unterstützt die Diversität von Lebenslagen,
Bedarfen und Interessen der Studierenden;
• als Lehr-Lern-Format beinhaltet und erzeugt inhaltliche sowie methodische Pluralität und
damit auch diverse Kompetenzen;
• ist ein Vehikel, das Partizipation ermöglicht und Perspektivenvielfalt befördert.
Umgekehrt bietet Diversität eine wichtige Grundlage für Forschendes Lernen. Das Format
baut konzeptionell auf epistemologischer Vielfalt auf und lebt von der Unterschiedlichkeit
der Akteur*innen, ihrer Herangehensweisen und Perspektiven.

Forschendes Lernen und Selbstwirksamkeit

Auf diese Ausführungen bezugnehmend tauschten sich die Teilnehmenden darüber aus,
welchen Mehrwert sie im Forschenden Lernen für ihr Studium sehen. Dabei gab es große Einstimmigkeit darin, dass sie über dieses Lehr-Lern-Format einen „neuen Zugang“ zum Lernenbekommen haben wie auch neue Perspektiven auf ihr Studium. Es komme den verschiedenen studentischen Interessen und Bedarfen entgegen. Die Einschätzung der Relevanz des eigenen Tuns habe sich durch das Forschende Lernen geändert, das Selbstwirksamkeitserleben wurde offenbar gestärkt. Positiv wurde die tiefe Auseinandersetzung und schleifenförmige Reflexion der eigenen Forschung erlebt, die zu
einer forschenden Haltung beiträgt. Diese Haltung ist u.a. zur Vorbereitung auf die zukünftigen Berufsfelder hilfreich. Forschendes Lernen wird als ein geschützter Raum aufgefasst, der sich durch Fehlerfreundlichkeit auszeichnet (im Sinne der Option von try-and-error). Dennoch ist Forschendes Lernen mehr als Simulation der
Praxis, denn die durchgeführten Forschungsprojekte sind gelebte Wissenschaftspraxis.
Des Weiteren wurde festgestellt, dass sich die durch Forschendes Lernen erlangte fachliche Expertise zusammen mit dem persönlichen Erleben der Forschungspraxis positiv auf das Zugehörigkeitsgefühl zur scientific community auswirken. Die Studierenden betonten, Forschendes Lernen schaffe eine Brücke im Sinne von Berufsorientierung wie auch einen guten Übergang zwischen Studium und Beruf. Insgesamt verdeutlichten ihre Beiträge, dass ihnen der Mehraufwand beim Forschenden Lernen gegenüber anderen Formaten durchaus bewusst ist, sie dennoch das Format des Forschenden Lernens aufgrund des Nutzens für ihr Studium und darüber hinaus sehr zu schätzen wissen, sich deshalb gerne einbringen und ihr Wissen weitergeben.

Schaubild 4: „Aufbau des Workshops“

Abbildung 4: Aufbau des Workshops

3) Fazit und Ausblick

Bilanzierend können wir festhalten, dass die interdisziplinäre und explorativ angelegte Kooperation den Beteiligten nicht nur viel Freude bereitet hat, sondern auch auf verschiedenen Ebenen gewinnbringend und inspirierend war. Dies zeigt sich im durchweg positiven Feedback seitens der Studierenden: Die Vermittlung konzeptioneller Zusammenhänge und die transdisziplinäre Diskussion über Forschendes Lernen und Diversität wurden in der abschließenden Feedbackrunde als hilfreich und wichtig für ihr weiteres studentisches Wirken eingestuft. Studierende betonten, dass sie durch den Workshop nicht nur ein genaueres Verständnis vom Forschenden Lernen gewinnen konnten, sondern auch – aufgrund der fächerübergreifenden Konzeption – vielfältige
Impulse bekommen haben hinsichtlich der Möglichkeiten, die das Forschende Lernen bietet. Die fachspezifischen Kontrastierungen legten offen, so eine Teilnehmerin, „was sonst so selbstverständlich erscheint und nicht hinterfragt wird“. Zugleich haben Studierende angemerkt, dass die Frage der Übertragung und die kurzfristige
Umsetzung für die Arbeit als Tutor*in/Mentor*in nicht abschließend geklärt werden
konnte. Im Hinblick auf die unterschiedlichen Ansätze der studentischen Mitarbeit gab es sowohl fachübergreifend wie auch innerhalb der Studiengänge einige „Aha-Momente“, die angeregt haben, über Mitgestaltungsmöglichkeiten und -bedingungen neu nachzudenken. Insgesamt haben wir im Workshop, so das Resümee einer Studentin, „Diversität nicht nur erkundet, sondern auch erlebt und ausgelebt“.

Schaubild 5: „Fotodokumentation - Eindrücke aus den Workshops“

Abbildung 5: Fotodokumentation – Eindrücke aus den Workshops

Auch aus der Perspektive der Projekte e n t e r s c i e n c e, FLexeBel und FLASP
erwies sich der fächerübergreifende Austausch als sehr fruchtbar und kann anderen Studiengängen wärmstens weiterempfohlen werden. Die vielfältigen Einblicke in aktuelle Prozesse curricularer Gestaltung und die Möglichkeiten der Implementierung durch modulare Verzahnungen sowie semesterübergreifende Lehrgestaltung waren erhellend, insbesondere auch wenn sie auf ihre Übertragbarkeit hin diskutiert wurden. Durch den Austausch konnten vertiefte Einsichten in die Arbeit der Kolleg*innen mitsamt der Potentiale und Hürden in den jeweils anderen Bereichen gewonnen werden, die wichtige Impulse für und neue Perspektiven auf die eigene Praxis bieten. Diese Impulse der
Kooperation zum Forschenden Lernen in Verbindung mit Diversität an andere Projekte und Studiengänge weiterzugeben und in die Universität zu tragen, dient der Weiterentwicklung der Lehr-Lern-Qualität – und füllt das Leitbild für Studium und Lehre mit Leben.

 

Über die Autorinnen:

Ayla Satilmis ist wissenschaftliche Angestellte am Fachbereich 9 und verantwortlich für das fächerübergreifende Projekt e n t e rs c i e n c e; Konzeption und Durchführung von ungleichheitssensiblen Lehr-Lern-Veranstaltungen und Workshops mit Fokus auf Forschendes Lernen und Diversität.

Maike Voß ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in dem Projekt „FLexeBel“ – Forschendes
Lernen zur Vorbereitung auf komplexe und interdisziplinäre Berufsfelder in dem Masterstudiengang Public Health – Gesundheitsversorgung, -ökonomie und -management.

Literatur:

  • Forum Mentoring (2017): Der Begriff Mentoring. Bundesverband Mentoring in der Wissenschaft. Aufgerufen am 15.02.2016 unter http://www.forum-mentoring.de/index.php/mentoring_top/mentoring/begriffsklarung/.
  • Huber, Ludwig (2009): Warum Forschendes Lernen nötig und möglich ist. In: Ders. et al.: Forschendes Lernen im Studium. Aktuelle Konzepte und Erfahrungen. Bielefeld: UniversitätsVerlag Webler, S. 9‐35.
  • Kaufmann, Margrit E.; Satilmis, Ayla (2015): In-Between Disciplines: Forschendes Lernen als Frame für die Gestaltung transkultureller und -disziplinärer Lernräume. In: Schelhowe, Heidi et al. (Hg.): Teaching is Touching the Future. Academic Teaching within and across Disciplines. Bielefeld: UniversitätsVerlag Webler, S. 349-352.
  • Kaufmann, Margrit E. et al. (2017): „Wir befinden uns in ungewohnten Situationen und lernen daraus“: Über Erkenntnismomente beim Forschenden Lernen, In: Resonanz. Magazin für Lehre und Studium an der Universität Bremen, Sommersemester 2017.
  • Satilmis, Ayla (i. E.): Forschendes Lernen und Heterogenität. In: Mieg, Harald/Lehmann, Judith (Hg.): Forschendes Lernen. Wie die Lehre in Universität und Fachhochschule erneuert werden kann. Frankfurt/Main: Campus, S. 419-429.
  • Satilmis, Ayla (2015): Lernen und Forschen im Zeichen von Partizipation und Empowerment. In: Ghaffarizad et al. (Hg.): Diversity@Uni Bremen: exzellent und chancengerecht?! Bremen, S. 35-37.
  • Tremp, Peter; Hildbrand, Thomas (2012): Forschungsorientiertes Studium – universitäre Lehre: Das «Zürcher Framework» zur Verknüpfung von Lehre und Forschung. In: Brinker, Tobina/ Tremp, Peter (Hg.): Einführung in die Studiengangsentwicklung. Bielefeld: W. Bertelsmann Verlag. S. 101-116.
  • Voß, Maike; Koch, Jennifer und Gerhardus, Ansgar (2016): „Das ist wie ein großes Puzzle! Am Ende ergibt jedes Teil seinen Sinn“ – Forschendes Lernen im Masterstudiengang Public Health – Gesundheitsversorgung, -ökonomie und -management. In: Resonanz. Magazin für Lehre und Studium an der Universität Bremen, Wintersemester 2016/2017, S. 36-41.

 

 

Bildnachweis:

  • Autorinnenfotos: Ayla Satilmis (privat); Maike Voß (privat)
  • Abb. 1 / 2 / 3 / 4 / 5: Ayla Satilmis; Maike Voß

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