„Schnittstellen gestalten”: Das Zukunftskonzept für die Lehrerbildung an der Universität Bremen

von Sabine Oda Doff und Marion Wulf

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Wie kann es gelingen, (zukünftige) Lehrerinnen und Lehrer angemessen auf ihre aktuellen und sich laufend ändernden Aufgaben vorzubereiten? Dieser anspruchsvollen Herausforderung begegnet das Rahmenprogramm „Qualitätsoffensive Lehrerbildung“, mit dem Bund und Länder die herausragende Bedeutung von Lehrerinnen und Lehrern für den Erfolg des Bildungssystems unterstreichen. Der Bremer Antrag in diesem BMBF-Programm (vgl. BMBF 2016) wurde unter dem Titel „Schnittstellen gestalten – das Zukunftskonzept für die Lehrerbildung an der Universität Bremen“ (Laufzeit: 3.5 Jahre, Gesamtfördersumme ca. 2.7 Millionen Euro) erfolgreich eingeworben und wird im gleichnamigen Projektverbund seit Beginn des Jahres sukzessive umgesetzt.

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Die „Qualitätsoffensive Lehrerbildung“ als zweite innovationsfördernde Initiative des BMBF zur Verbesserung von Studium und Lehre (neben dem Qualitätspakt Lehre), will einen breit wirkenden Impuls geben, mit dem eine qualitativ nachhaltige Verbesserung für den gesamten Prozess der Lehrerbildung bis in die berufliche Einstiegsphase und die Weiterbildung inhaltlich und strukturell erreicht werden soll. Das Bund-Länder-Programm setzt 500 Millionen Euro ein, um Projekte in insgesamt 59 lehrerbildenden Hochschulen zu fördern, die eine Lehrerausbildung aus einem Guss ermöglichen und eine stärkere Abstimmung all jener an einer Hochschule sicherstellen, die für die Ausbildung von Lehrkräften verantwortlich sind. Das kann gelingen, indem die Inhalte der Ausbildung stärker aufeinander bezogen und die Zusammenarbeit von Fachwissenschaft, Fachdidaktik und Erziehungswissenschaft verbessert wird. Ziel der „Qualitätsoffensive Lehrerbildung“ ist es, eine praxisorientierte Ausbildung zu fördern, die die Schulwirklichkeit einbezieht. Dafür sollen von Anfang an schulpraktische  Elemente in der Lehrerausbildung verankert und die drei Ausbildungsphasen – Lehramtsstudium, Referendariat und Lernen im Beruf – eng miteinander verzahnt werden (vgl. BMBF 2016).

Hier setzt der Projektverbund „Schnittstellen gestalten“ an der Universität Bremen an und greift die zentralen Handlungsfelder des Bund-Länder-Programms in seinem Konzept auf: Praxisbezug, Studieninhalte, organisatorische Verankerung in der Hochschule, Forschungs- und Nachwuchsförderung, Kohärenz und Verzahnung der Phasen, Heterogenität. Unter dem Dach des Kollegs Reflective Practice, das alle Beteiligten an der Qualitätsoffensive Lehrerbildung versammelt, und dem Leitbild einer reflexionsorientierten Lehrerbildung (reflective practitioner) sind an der Universität Bremen vier Teilprojekte sowie das innovative Qualifizierungskonzept „Duale Promotion“ (Kombination von fachdidaktischer Promotion und Referendariat) gebündelt. Sie eint das übergeordnete Ziel, durch die Verzahnung von Theorie und Praxis sowie durch die Verzahnung der unterschiedlichen Elemente der Lehrerbildung die Kohärenz insbesondere (aber nicht ausschließlich) in der ersten Phase der Ausbildung von Lehramtsstudierenden zu stärken. Darüber hinaus soll die Verbindung zwischen forschendem Lernen und reflektiertem Handeln zur Stärkung der Reflexionskompetenz professionell gestaltet werden.

Abbildung 1: Der reflektierte Praktiker (reflective practitioner)

Abbildung 1: Der reflektierte Praktiker (reflective practitioner)

Struktur und Steuerung des Projektverbundes „Schnittstellen gestalten“

Die „Qualitätsoffensive Lehrerbildung“ an der Universität Bremen besteht aus vier Teilprojekten (Forschungswerkstatt integriert – e-Portfolio – Studien-Praxis-Projekte – Spotlights Lehre) und dem Qualifizierungskonzept „Duale Promotion“. Knapp vierzig Personen aus den lehrerbildenden Fachbereichen wirken am Projektverbund mit und sichern so eine fast flächendeckende Verankerung der Konzepte und Maßnahmen in die gesamtuniversitäre Breite der Lehrerbildung. Die Steuerung des Projektverbundes erfolgt durch den Lenkungskreis, dem neben der Hochschulleitung (Konrektor für Lehre und Studium, Prof. Dr. Thomas Hoffmeister) und der Projektverbundleitung (Direktorin im Zentrum für Lehrerbildung, Prof. Dr. Sabine Doff) die fünf Teilprojektverantwortlichen (siehe im Einzelnen unten), der Leiter des ZMML (Prof. Dr. Karsten Wolf), die Geschäftsführerin im Zentrum für Lehrerbildung (Dr. Regine Komoss) sowie die Mitarbeiterinnen für Projektkoordination (Dr. Marion Wulf) und Evaluation (N.N.) angehören. In Rücksprache mit der Hochschulleitung ist der Lenkungskreis für die strategische Planung, Adaption und gegebenenfalls Neuausrichtung des Projektverbundes zuständig.

Der reflektierte Praktiker (reflective practitioner)

Die erfolgreiche Umsetzung des Gesamtprojekts wird begleitet und gewährleistet durch das am Zentrum für Lehrerbildung angesiedelte Kolleg Reflective Practice. Das Kolleg setzt sich aus allen am Projekt Beteiligten zusammen, fördert deren Austausch und begleitet den Projektverbund „Schnittstellen gestalten“ während der gesamten Laufzeit in theoretischen und methodischen Fragen. Begonnen wurde mit der Entwicklung eines projektspezifischen Leitbilds zum Konzept reflective practitioner. Die Ergebnisse aus dem 1. Workshop im Juni dieses Jahres lassen bereits deutliche projektspezifische Konturen erkennen: Der reflektierte Praktiker handelt theoriegeleitet und methodenkompetent; er durchläuft einen komplexen zirkulären Prozess zwischen theoretischem Wissen, Erkenntnisgewinn durch forschendes Lernen und Praxiserfahrungen, und entwickelt so seine Handlungs- und Reflexionskompetenz beständig weiter. In Ergänzung zur individuellen Reflexion in (reflection-in-action) und nach der Handlung (reflection-on-action), wie bei Schön (1983, 1987), beinhaltet das Leitbild vom reflektierten Praktiker zudem die kollegiale bzw. kooperative Reflexion mit einem kompetenten Gegenüber (z.B. Lehrkraft). Der reflektierte Praktiker ist in der Lage, in seinen Reflexionsprozess die spezifischen Rahmenbedingungen (z.B.  individuelle Lernausgangslagen der Schülerinnen und Schüler sowie aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen) professionell einzubeziehen. Als Erweiterung des strukturtheoretischen Ansatzes (professionales Handeln durch Bewältigung von nicht vorausplanbaren Situationen), werden in die Entwicklung des Leitbilds reflective practitioner der systemtheoretische (Rahmenbedingungen) sowie der pädagogisch-theoretische Ansatz (Haltung, Lehrkompetenz und Lehrstil) mit einbezogen. Der reflektierte Praktiker sieht bereits in der Unterrichtsvorbereitung eine Gelegenheit zur Reflexion seines Handelns: reflection-for-action.

Vielfältige Strategien

Teilprojekt 1: FIT – Forschungswerkstatt integriert

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Lehrerbildung benötigt bereits während des Studiums eine stärkere Berufsfeldorientierung, um von Studierenden, Referendaren und Berufseinsteigern erlebte Brüche zwischen Studium und Beruf abzumildern sowie Theorie und Praxis in einen fruchtbaren Austausch zu bringen (vgl. u.a. Terhart 2000). Für eine gelingende Gestaltung der Theorie-Praxis-Verzahnung werden in dem Teilprojekt 1 „FIT – Forschungswerkstatt integriert“ zentrale Kompetenzen forschenden Lernens und Studierens systematisch auf- und ausgebaut, indem (1) eine Anwendungspraxis empirischer Methoden im Studium etabliert und (2) eine phasenübergreifende Abstimmung forwerschenden Lernens im Studium und in der Berufspraxis institutionalisiert werden.

1) Das Vorhaben Research in Education sieht die Entwicklung, Erprobung und Evaluation eines Online-Kursangebots zu empirischen Methoden und Methodologien im Forschungsfeld von Schule und Bildung vor. Mit dem Onlinekurs entsteht ein Angebot, das, aufbauend auf dem Kreislaufmodell des Forschens und innerhalb eines Blended-Learning-Szenarios, forschendes Studieren im Lehramt unterstützt und auf Erfahrungen mit diesem Lehr-Lernkonzept reagiert (vgl. Komoss; Peters 2016). Der Kurs entwickelt hierzu drei Säulen: Multimediale Vermittlungsmodule führen in zentrale Fragen und Grundtechniken von Wissenschaft und Forschung sowie in ausgewählte Methoden empirischen Forschens ein. Ein durch onlinegestützte und interaktive Wissens- und Handlungsanregungen gestalteter Kommunikationsraum bietet Studierenden die Option, Materialien eigener Forschungsprozesse zur kollaborativen Bearbeitung im Seminar online freizuschalten. Die dritte Säule sieht ein Portal zur Veröffentlichung studentischer Forschung in Form von beispielsweise Postern oder Abstracts vor.

2) In „Schule innovieren – phasenübergreifendes Ausbildungskonzept“ entwickeln fachspezifische Arbeitsgruppen kompetenzorientierte Curricula für alle Phasen der Lehrerbildung. Die Arbeitsgruppen Englisch, Biologie und Politik setzen sich aus Mitgliedern der Universität Bremen, des Landesinstituts für Schule Bremen und der Schulpraxis zusammen. Sie entwickeln für die lehrerbildenden Studiengänge an der Universität Bremen, das Referendariat sowie die Fortund Weiterbildungen von Lehrkräften sowie aufbauend auf den Strukturen und Vorarbeiten der bereits bestehenden Sozietäten für Fremdsprachen, Naturwissenschaften und Sozialwissenschaften ein kompetenzorientiertes phasenübergreifendes Curriculum (Fokus: „Forschendes Lernen“) mit dem fachübergreifenden Ziel, Kompetenzen im KMK-Kompetenzbereich „Innovieren“ phasenübergreifend zu stärken.

Über die in beiden Bereichen zentralen Kompetenzen forschenden Studierens und Lernens findet in dem Expertendialog „Forschendes Lernen und Lehren interdisziplinär“ ein Austausch zwischen Lehrenden aller in der Lehrerbildung vertretenen Disziplinen statt. Mit dem Ziel, gemeinsam interdisziplinäre Lehrformate forschenden Lernens zu entwickeln, werden darüber hinaus Formate der Praxisforschung, wie z.B. Fallarbeit oder Design-Based Research, diskutiert.

Mitwirkende am Projekt FIT und Autoren/Autorinnen: Prof. Dr. Doris Elster (FB 02), Tim Giesler (FB 10), Dr. Silvia Thünemann (FB 12), Prof. Dr. Karsten Wolf (ZMML), Julia Neuhof (FB 08), Sabrina Tietjen (FB 12)

Teilprojekt 2: e-Portfolio

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1. Das Lehramtsstudium an der Universität Bremen weist einen hohen Anteil an schulpraktischen Studien auf. Im Bachelorstudiengang sammeln die Studierenden erste Erfahrungen in einem Orientierungspraktikum (OS) im Studiengang Erziehungswissenschaften sowie in Praxisorientierten Elementen (POE) in den gewählten Studienfächern. Im Masterstudiengang entwickeln die Studierenden ihr professionelles Selbstkonzept in einem halbjährlichen Praxissemester (PS) weiter, das von den Erziehungswissenschaften und den Fachdidaktiken semesterbegleitend betreut wird. Bisher erstellen die Studierenden zur Reflexion der Praxisphasen für jede Fachdisziplin ein separates Portfolio. Reflexionen und Rückmeldungen aus den Praktika werschenden den daher wenig aufeinander aufbauend und kaum interdisziplinär in den gesamten Studienverlauf einbezogen.

2. In der gesamten Lehrerbildung in Bremen ist das Thema Heterogenität, d.h. der professionelle Umgang mit zunehmend diversen Lernausgangslagen der Schülerinnen und Schülern, durchgängig präsent. Noch vor den Praxisphasen wird das Thema Heterogenität in den Modulen 1. „Pädagogische Professionalität entwickeln: Einführung in das lehrerbildende Studium“ und 2. „Umgang mit Heterogenität“ von den Erziehungswissenschaften aufgegriffen. Dabei fließen fachdidaktische und erziehungswissenschaftliche Perspektiven ein. In fachdidaktischen Modulen wird der Umgang mit Heterogenität ebenfalls thematisiert. Eine systematische Vernetzung der Inhalte zwischen der Erziehungswissenschaft und der einzelnen Fächer untereinander insbesondere auch mit Blick auf die Praxisphasen ist bisher noch nicht realisiert.

Für alle Lehramtsstudierenden wird in Zusammenarbeit mit dem ZMML (s.o.) ein e-Portfolio im Sinne einer individuellen Lern- und Dokumentationsplattform entwickelt und evaluiert. Dieses dient in erster Linie der Darstellung und Reflexion der Lernprozesse, in denen die Praxisphasen mit dem Schwerpunkt „Umgang mit Heterogenität“ verbunden werden. Dabei besteht das e-Portfolio aus auf die eigene professionelle Entwicklung zielenden, reflexionsorientierten, fachübergreifenden und fachspezifischen Teilen. Es werden Aufgabenformate entwickelt, die sich in allen Fachdisziplinen in ähnlicher Weise wiederfinden. Ziel ist, dass die Studierenden zukünftig nicht einzelne Portfolios in den Fächern erstellen, sondern über das gesamte Studium an einem digitalen Portfolio arbeiten, das zudem flexible Anschlussmöglichkeiten für die zweite Phase der Lehrerbildung bietet. Vorteil der digitalen Verfügbarkeit des e-Portfolios ist außerdem, dass im Zuge diverser Professionalisierungsprozesse die beteiligten Akteure (Studierende, Peers, Mentoren und Mentorinnen sowie Dozenten und Dozentinnen) flexible Möglichkeiten haben, an den Entwicklungsprozessen teilzuhaben und sich darüber auszutauschen. Mit der e-Portfolioarbeit sollen die Studierenden eine Grundhaltung als reflective practitioner aufbauen und einüben, die sie befähigt, Lernprozesse systematisch zu reflektieren und zu steuern.

Mitwirkende am Projekt e-Portfolio und Autoren/Autorinnen: Dr. Christoph Fantini (FB 12), Georgia Gödecke (FB 10), Stephanie Grünbauer (FB 02), Prof. Dr. Andreas Grünewald (10), Prof. Dr. Yasemin Karakasoglu (FB 12), Prof. Dr. Anne Levin (FB 12), Katja Meyer-Siever (FB 12), Prof. Dr. Sven Nickel (FB 10), Dr. Dörte Ostersehlt (FB 02), Prof. Dr. Karsten Wolf (ZMML), Melanie Zylka (FB 12)

Teilprojekt 3: Studien-Praxis-Projekte

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Der Lehrerberuf ist eine komplexe professionelle Tätigkeit. Lehrkräfte sollen in ihrem beruflichen Alltag theoriegeleitet und reflektiert handeln. Dabei müssen sie wissenschaftliches Wissen mit dem sich aufgeschichteten Erfahrungswissen zusammenbringen, Entscheidungen kritisch überprüfen und Handlungsroutinen enttäuschungsfähig halten – und das möglichst nicht im einsamen Nachdenken, sondern im Team. Dies ist keine triviale Herausforderung, da sich bildungswissenschaftliches Wissen nicht einfach in die Praxis umsetzen lässt, sondern stets flexibel auf konkrete Situationen hin verwendet werden muss. Die von Donald Schön idealtypisch als reflective practitioner bezeichnete professionelle Lehrperson erkennt die Schnittstellen zwischen Theorie und Praxis sowie zwischen bildungs- und fachwissenschaftlichen Wissensbeständen, reflektiert sie kritisch und nutzt sie für ihr professionelles Handeln (Schön 1983, 1987).

Vor diesem Hintergrund wird das endemische Theorie-Praxis-Problem im Lehrerberuf verständlich. Und es wird auch klar, dass es besonderer Formate im Lehramtsstudium bedarf, um die Fähigkeit zu fördern, Theoriewissen in praktische Problemzusammenhänge zu übersetzen. Studien-Praxis-Projekte (SPPs) sind ein solches im Rahmen der „Qualitätsoffensive Lehrerbildung“ geschaffenes Arrangement zur Förderung eines kompetenten Umgangs mit Theorie in der Praxis. Ausgehend von aktuellen Problemsituationen an ihrer Schule formulieren Lehrkräfte Themenvorschläge, die sie gemeinsam mit einem Team von Studierenden in einem Praxisprojekt angehen. Die Studierenden bringen sich ein, indem sie z.B. Unterrichtsmaterialien (weiter-)entwickeln, Lernstandserhebungen durchführen oder schulbezogene Förderkonzepte entwerfen – abgestimmt mit und unterstützt durch praxiserfahrene Lehrkräfte. Im universitären Bereich werden sie von Hochschullehrenden und durch Seminare begleitet. Die Lehrkräfte werden durch SPPs in ihrer schulischen Arbeit unterstützt und erhalten für ihre Anliegen konkret nutzbare Ergebnisse. Die Studierenden gewinnen wertvolle Erfahrungen in der Unterrichts- und Schulentwicklung, jenseits der etablierten schulpraktischen Ausbildungssettings, wo selten Platz für gemeinsame Entwicklungsprojekte ist. Ein forschungspraktischer Beitrag und somit der Übergang zu erweiterten Formen des forschenden Studierens ist möglich, wenn Studierende im Rahmen des SPPs ihre Masterarbeit verfassen.

Die Aussicht, dass die in diesem Projektsetting erarbeiteten Ergebnisse in Schulen tatsächlich zum Einsatz kommen, hat ein hohes motivationales Potenzial. Weil die Studierenden nicht alleine, sondern mindestens in Zweierteams und gemeinsam mit den erfahrenen Lehrkräften arbeiten, nehmen SPPs im günstigsten Fall das Zusammenwirken in Communities of Practice (Wenger 1998) vorweg. Darüber hinaus stärken SPPs die Kooperation zwischen den Schulen und der Universität Bremen.

Mitwirkende am Projekt SPP und Autoren/Autorinnen: Prof. Dr. Dagmar Bönig (FB 12), Prof. Dr. Natascha Korff (FB 12), Prof. Dr. Horst Schecker (FB 01), Andreas Henke (FB 01), Joana Kahlau (FB 12), Christina Tietjen (FB 12)

Teilprojekt 4: Spotlights Lehre

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Während Studierende des Lehramts fachdidaktische Anteile im Studium aufgrund ihres unmittelbaren Bezugs zur Unterrichtspraxis häufig sehr begrüßen, erschließt sich ihnen die Relevanz fachwissenschaftlicher Module für den Lehrberuf in der Regel weniger. Nicht selten werden beide Studienanteile als separiert erlebt. Damit Studierende eine professionelle fachbezogene Handlungskompetenz aufbauen können, müssen sie fachwissenschaftliches und fachdidaktisches Wissen aufeinander beziehen können und als Lehrwissen etablieren (Ball et al. 2008, Shulman 1986, Shulman 1987). Hier setzt das Teilprojekt Spotlights Lehre an. Ziel ist die Entwicklung innovativer Lehrkonzepte (Spotlights), die fachwissenschaftliche und fachdidaktische Elemente in der universitären Lehrerbildung systematisch miteinander verzahnen, um der Fragmentierung entgegenzuwirken sowie Fach und Fachdidaktik vernetzende Handlungskompetenz bei den Studierenden anzulegen. In einem kompetitiven Verfahren wurden zwei Spotlights Lehre (am Fachbereich 3: Spotlight-Y, am Fachbereich 10: Varieties of English Language Teacher Education) vom ForstA-Expertenausschuss ausgewählt, die als Pilotprojekte im Rahmen der Projektverbundes „Schnittstellen gestalten“ eine Vollförderung erhalten (s.u.). Eine Teilförderung erhalten voraussichtlich ferner die beiden Spotlights-Anträge Literaturvermittlung hoch³ (FB 10) sowie Dis/ability (FB 08 / FB 12).

Spotlight-Y (FB 3): Der Übergang von der Schule in die Hochschule ist für viele Studierende der Mathematik schwierig, da ihr Charakter sich von allgemeinbildender und intuitionsorientierter Schulmathematik hin zu der deduktiv geordneten, formal abstrakten Fachwissenschaft Mathematik ändert. Nach dem Studium wird es als große Herausforderung gesehen, das gelernte fachliche Wissen für den Schulunterricht zu nutzen. Spotlight-Y bereitet den zweiten Übergang, d.h. von der Universität in die Schule, vor. Durch Vernetzung von Fachwissenschaft und Fachdidaktik im Master sollen die fachliche Kompetenz für die Schule vertieft und die fachliche Identität der zukünftigen Lehrkräfte gestärkt werden, indem modellhaft das Anwenden von Fachwissen zur Konstruktion von Lernumgebungen eingesetzt wird. Die Y-Modell-Idee wird in Spotlight-Y genutzt, um eine Fachvorlesung nach zwei Dritteln der Zeit in die beiden Y-Zweige aufzuteilen. Der Lehramtszweig bereitet durch professionsspezifisches Fachwissen in Kombination mit einer parallel laufenden Didaktikveranstaltung die Konstruktion von Lernumgebungen zum Inhalt der Vorlesung vor.

Varieties of English in Foreign Language Teacher Education (FB 10): Das Englische als Lingua Franca verfügt über eine enorme Variationsbreite und äußert sich, mehr als andere Sprachen, in einer Vielzahl nationaler und regionaler Erscheinungsformen. Aktuell orientiert sich der traditionelle Englischunterricht jedoch nahezu ausschließlich an den beiden großen Referenzvarietäten, während andere nationale Standardvarietäten, regionale Varietäten sowie die Postcolonial Englishes kaum Berücksichtigung finden – obwohl das Behandeln dieser seit langem von Bildungsstandards und Bildungsplänen gefordert wird. Um die oben beschriebene Ausgangslage aufzugreifen, wird ein Lehrkonzept für die universitäre Lehrerbildung entwickelt, das sprachwissenschaftliche und fremdsprachendidaktische Elemente miteinander verzahnt. Hierfür wird ein innovatives Seminar im fachwissenschaftlichen Mastermodul für Lehramtsstudierende konzipiert, das in Kooperation von Lehrenden aus der Sprachwissenschaft und Fremdsprachendidaktik unterrichtet wird. Dabei werden in Zusammenarbeit mit Studierenden auch neuartige Unterrichtsmaterialien zur Thematik erstellt und in der Praxis erprobt. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse sollen schließlich so aufgearbeitet werden, dass die Lehramtsausbildung im Fach Englisch um die sprachlichen und soziokulturellen Besonderheiten der verschiedenen Englischvarietäten ergänzt wird und Lehrkräfte dazu befähigt werden, diese Thematik wissenschaftlich fundiert und fachdidaktisch durchdacht zu unterrichten.

Mitwirkende am Projekt Spotlights Lehre und Autoren/Autorinnen: Prof. Angelika Bikner-Ahsbahs (FB 03), Prof. Marcus Callies (FB 10), Prof. Dr. Sabine Doff (FB 10), Prof. Marc Keßeböhmer (FB 03), Prof. Maike Vollstedt (FB 03), PD Dr. Hendrik Vogt (FB 01), Dr. Ingolf Schäfer (FB 03), Dr. Kurt Falk (FB 03), Heather Haase (FB 10), Leonie Wiemeyer (FB 10), Nelli Mehlmann (FB 10)

Duale Promotion

Zur Stärkung der Lehrerbildung als Querschnittsaufgabe leistet die Universität Bremen einen substantiellen Beitrag in Form der Einrichtung eines innovativen, in Deutschland bislang einzigartigen Dualen Qualifizierungsprogramms, das von dem im Rahmen der Exzellenzinitiative finanzierten Zukunftskonzepts geförderten interdisziplinären fachdidaktischen Forschungsverbund „Fachbezogene Bildungsprozesse in Transformation“ (Creative Unit FaBIT, vgl. FaBiT 2016) in der jetzigen Form erarbeitet wurde. Das Konzept der Dualen Promotion sieht eine Kombination von zweiter Ausbildungsphase (Referendariat) und fachdidaktischer Promotion in einem Zeitraum von vier Jahren vor. Im Bremer Konzept ist die Duale Promotion an die wissenschaftliche und praktische Maßnahmen verbindende Forschungsmethodologie Design-Based Research gebunden (Doff et al. 2014, Peters & Rovirò 2017); dadurch werden Synergie-Effekte zwischen Berufsfeld und Forschung (Schnittstelle von Praxis und Theorie) für die Lehrerbildung nutzbar gemacht. Die Universität Bremen finanziert auf Grund der erfolgreichen Einwerbung des BMBF-Projektverbundes „Schnittstellen gestalten“ im Rahmen der „Qualitätsoffensive Lehrerbildung“ sechs Promotionsstipendien für die erste Kohorte der regulär Dual Promovierenden (Start: 01.10.2016). Ambitionierte Hochschulabsolventinnen und -absolventen erhalten so die Möglichkeit, sich wissenschaftlich und berufsorientiert weiterzuentwickeln, Hochschulen gewinnen perspektivisch (dringend benötigten) qualifizierten Nachwuchs für die Fachdidaktiken und für Schule stehen u.a. für die Übernahme von Leitungsfunktionen sehr gut qualifizierte Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger zur Verfügung. Zum Wintersemester 2016/17 werden die ersten sechs Stipendiaten ihre vierjährige Duale Promotion in den Fächern Biologie, Deutsch, Kunst, Mathematik, Musik und Spanisch beginnen. In den ersten zehn Monaten konzeptualisieren sie ihre Forschungsvorhaben in enger Verzahnung mit den Schulen. Danach absolvieren sie ihr 18-monatiges Referendariat und erheben gleichzeitig die Daten für ihre Dissertation. In der restlichen Promotionszeit werden die Forschungsergebnisse abschließend bearbeitet. Die Dual Promovierenden gehören während der Gesamtlaufzeit dem am Zentrum für Lehrerbildung angesiedelten Graduiertenprogramm „Duale Promotion“ an.

Verantwortliche für die Konzeptentwicklung „Duale Promotion“ im Rahmen der Creative Unit „FaBiT“: Prof. Dr. Andreas Grünewald (FB 10), Dr. Regine Komoss (ZfL)

Abbildung 2: Lenkungskreis und Kolleg Reflective Practice

Abbildung 2: Lenkungskreis und Kolleg Reflective Practice

Promotionskolleg „Schnittstellen gestalten“

In allen Teilprojekten des BMBF-Projektverbundes ist die Anfertigung von Promotionen (insgesamt 10) vorgesehen. Die Promotionsthemen sind eng an die Inhalte und Ziele des Projektverbundes geknüpft. Um die Promovierenden gut begleiten und inhaltlich sowie methodisch in ihrer Arbeit unterstützen zu können, sie miteinander zu vernetzen und den Kontakt mit den Promovierenden des Graduiertenprogramms „Duale Promotion“ zu fördern, wurde ein am Zentrum für Lehrerbildung angesiedeltes Promotionskolleg „Schnittstellen gestalten“ ins Leben gerufen. Das Kolleg bietet die Möglichkeit zum inhaltlichen Austausch und zur Diskussion theoretischer und methodischer Themen, aber auch zum Austausch von Erfahrungen, die im Forschungsprozess gewonnen wurden. Begleitet wird das Kolleg durch das Einbringen inhaltlicher Expertise von verschiedenen Vertreterinnen und Vertreter aus dem Projektverbund „Schnittstellen gestalten“ sowie durch spezifische Workshop-Angebote.

Weiterführende und aktuelle Informationen unter:

http://www.uni-bremen.de/zfl/qualitaetsoffensive.html

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Über die Autorinnen

Sabine Oda Doff leitet das Qualitätsoffensive Projekt „Schnittstellen gestalten“, ist Professorin für Anglistik und Fremdsprachendidaktik Englisch, Direktorin im Zentrum für Lehrerbildung und Sprecherin der Creative Unit „Fachbezogene Bildungsprozesse in Transformation“.

Marion Wulf ist Koordinatorin des Qualitätsoffensive Projekts „Schnittstellen gestalten – das Zukunftskonzept für die Lehrerbildung“ an der Universität Bremen. Sie leitete von 2012-2016 ein Qualitätspakt-Lehre-Projekt an der Hochschule Osnabrück und arbeitet und forscht seit 1999 zu Personalentwicklung und Hochschuldidaktik.

Literatur

Ball, Deborah Loewenberg et al.: Content Knowledge for Teaching: What Makes It Special? In: Journal of Teacher Education 59:5 (2008), 389-407.

Bund-Länder-Programm „Qualitätsoffensive Lehrerbildung“, Bundesministerium für Bildung und Forschung (2016): https://www.bmbf.de/de/qualitaetsoffensive-lehrerbildung-525.html.

Doff, Sabine; Bikner-Ahsbahs, Angelika; Grünewald, Andreas; Komoss, Regine; Peters, Maria; Lehmann-Wermser, Andreas; Róviro, Bàrbara (2014): „Change and continuity in subject-specific educational contexts“: Research report of an interdisciplinary project group at the University of Bremen, in: Zeitschrift für Fremdsprachenforschung, 25/1, 73-88.

Creative Unit: Fachbezogene Bildungsprozesse in Transformation (FaBiT 2016): www.uni-bremen.de/cu-fabit.

Komoss, Regine; Peters, Maria: Das Praxissemester an der Universität Bremen, in: Renate Schüssler u.a. (Hrsg.) (2016): Im Praxissemester forschend Lernen – Umsetzung in Schule, Universität und Studienseminar. Bad Heilbrunn: Klinkhardt, i. E.

Peters, Maria; Roviró, Bàrbara: Fachdidaktischer Forschungsverbund FaBiT: Erforschung von Wandel im Fachunterricht mit dem Bremer Modell des Design-Based Research, in: Doff, Sabine; Komoss, Regine (2017): Making Change Happen. Wandel im Fachunterricht analysieren und gestalten. Wiesbaden: Springer, 19-32.

Shulman, Lee S.: Those Who Understand: Knowledge Growth in Teaching, in: Educational Researcher 15:2 (1986), 4-14.

Shulman, Lee S.: Knowledge and teaching: Foundations of the new reform, in: Harvard Educational Review, 57:1 (1987), 1-22.

Schön, Donald A. (1983): The Reflective Practitioner. How Professionals Think in Action. New York: Basic Books.

Schön, Donald A. (1987): Educating the Reflective Practitioner. San Francisco: Jossey-Bass.

Terhart, Ewald (Hrsg.) (2000): Perspektiven der Lehrerbildung in Deutschland – Abschlussbericht der von der KMK eingesetzten Kommission. Weinheim und Basel: Beltz.

Wenger, Étienne (1998): Communities of Practice. Learning, Meaning and Identity. Cambridge: Cambridge University Press.

 

 

Bildnachweis:

  • Autorinnenfoto: Sabine Oda Doff (Universität Bremen); Marion Wulf (privat)
  • Abb. 1: Sabine Oda Doff; Marion Wulf
  • Foto Teilprojekt 1: Maria Peters (privat); Andreas Klee (Universität Bremen)
  • Foto Teilprojekt 2: Anne Levin (Julia Baier)
  • Foto Teilprojekt 3: (C. Wolf)
  • Foto Teilprojekt 4: Angelika Bikner-Ahsbahs (privat)
  • Abb. 2: Sabine Oda Doff; Marion Wulf

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