ForstA-Projekt der Fremdsprachendidaktik Englisch macht Schule – Dritte Arbeitstagung zur „Professionalisierung im Umgang mit Heterogenität im Englischunterricht“

Von Fatou Julia N’Jie

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Unter dem Titel „Materialflut im Lernbüro = kommunikative Ebbe in der Klasse?“ fand am 21.05.2014 die dritte Arbeitstagung im Rahmen des ForstA-Projekts „Professionalisierung im Umgang mit Heterogenität im Englischunterricht“ statt. Die Veranstaltung umfasste unter anderem einen Plenarvortrag von Wolfgang Hallet, zwei Workshops und die Präsentation einer Online-Datenbank mit Lehr- und Lernmaterialien. Sie wurde von der Fremdsprachendidaktik Englisch, dem Zentrum für Lehrerbildung an der Universität Bremen und dem Landesinstitut für Schule (LIS) gemeinsam ausgerichtet. Auch in diesem Jahr beteiligten sich wie bei den beiden vorangegangenen Veranstaltungen 2012 und 2013 Lehramtsstudierende, die gemeinsam mit vier TutorInnen Ergebnisse ihrer Mikro-Projekte zum Themenkomplex „Heterogenität im Englischunterricht“ auf Postern präsentierten.

(Kurz- ) Beschreibung des Projekts

Das ForstA-Projekt „Professionalisierung im Umgang mit Heterogenität im Englischunterricht“ ist verankert in der Studieneingangsphase der Fremdsprachendidaktik Englisch für Studierende im Studiengang BA English-Speaking Cultures mit Lehramtsoption. Es dient der frühen Einübung eines forschenden Habitus („reflective practicioner“) und setzt curricular an der Stelle des ersten fachbezogenen Praxiskontakts der Lehramtsstudierenden an. Thematisch beschäftigen sich die Studierenden im Rahmen des Projekts mit dem Oberthema „Heterogenität im Englischunterricht“ und werden so mit aktuellen Herausforderungen an zukünftige Englischlehrkräfte konfrontiert.

Die Studierenden haben während ihres ersten Praxiskontakts im Rahmen des Englischunterrichts (3. BA-Semester) die Möglichkeit, die in Bremen mit der Reform des Bildungswesens vom Juni 2009 ins Leben gerufene Oberschule, näher kennenzulernen und erste Praxiserfahrungen als zukünftige Englischlehrkräfte in dieser Schulform zu sammeln. Darüber hinaus erforschen die Studierenden mithilfe von selbstentwickelten, fachspezifischen Fragestellungen die Unterrichtspraxis im Fach Englisch an Bremer Oberschulen. Die Mikroforschungsprojekte, die während der Praxisphase entstehen, werden anschließend im Rahmen unserer Arbeitstagungen präsentiert und der interessierten Öffentlichkeit zugänglich gemacht, um auf dieser Grundlage einen Austausch zwischen Studierenden und Lehrkräften zu ermöglichen. Das Projekt fördert damit die Theorie-Praxis-Rückkopplung sowie die Verknüpfung der ersten Phase der (Englisch-)LehrerInnenausbildung an der Universität Bremen mit der Berufspraxis.

Abbildung 1: Curriculare Einbettung des forschenden Studierens

Abb. 1: Curriculare Einbettung des forschenden Studierens

Thematischer Hintergrund der dritten Arbeitstagung

Die hohe Teilnehmerzahl der diesjährigen Tagung von ca. 70 Lehrkräften zeigte, dass Bremer Lehrkräfte offenbar noch großen Bedarf sehen, sich im Umgang mit Heterogenität weiterzubilden. Dies ist insofern verständlich, da die aktuellen Forderungen nach Differenzierung, Individualisierung und Lernerautonomie Lehrkräfte vor neue, tiefgreifende Herausforderungen stellen. Möglichst viele Lerntypen sollen entsprechend ihren Voraussetzungen optimal gefördert und gefordert werden. Lehrkräfte stehen vor der Aufgabe, der Heterogenität der Schülerschaft durch eine geeignete Differenzierung der Lernwege und -inhalte konstruktiv zu begegnen.

Bei der letztjährigen Arbeitstagung im Juni 2013 folgten wir den Anregungen der Lehrkräfte, die bereits an unserer vorherigen Tagung im Juli 2012 teilgenommen hatten. Es wurden daher fachdidaktische Angebote (z.B. in Form von Lernaufgaben und Materialien, u.a. in Verbindung mit mobilem Lernen) konkretisiert sowie, in Verknüpfung mit schulpädagogischer Expertise, relevante Konzepte im Themenfeld Heterogenität genauer gefasst und diskutiert. Die stark theoretische Auseinandersetzung mit Lehr- und Lernmaterialien wurde jedoch anschließend von einigen Lehrkräften bemängelt. Darüber hinaus hat die letztjährige Tagung auch gezeigt, dass es zwar bereits eine Fülle von differenzierenden Materialien z.B. für den Einsatz im Lernbüro oder bei der Wochenplanarbeit gibt, dass diese jedoch das primäre Ziel des Englischunterrichts, die kommunikative Kompetenz, noch zu wenig berücksichtigen.

Um den Forderungen der Lehrkräfte nachzukommen, wurde die diesjährige Tagung deutlich praxisorientierter und interaktiver ausgerichtet. Aufgabenformate und Handlungsempfehlungen wurden nicht nur vorgestellt, sondern im Rahmen der Workshops auch gemeinsam von Lehrkräften und Studierenden erprobt. Die Lehrkräfte erhielten außerdem viele Materialien, die sie im Anschluss an die Tagung mit ihren SchülerInnen ausprobieren können.

Konzeption der Arbeitstagung 2014

Für den ersten geplanten Workshop konnten wir Wolfgang Biederstädt als Referenten gewinnen, der Englischlehrer und Schulleiter an der Eichendorff- Realschule in Köln ist, als Herausgeber für aktuelle Lehrwerke arbeitet und in der EnglischlehrerInnenfort- und -ausbildung aktiv ist. Unter dem Titel: „Alle machen das gleiche aber nicht jeder dasselbe“ veranschaulichte er Realisierungsmöglichkeiten für gelingenden differenzierenden Englischunterricht im Sinne der Inklusion.

Der zweite Workshop wurde von Susanne Quandt geleitet, die Fachmoderatorin für das Fach Englisch an niedersächsischen Gesamtschulen ist und als Englischlehrerin an der KGS Hambergen arbeitet. Auch sie arbeitet als Beraterin für aktuelle Lehrwerke und leitet bundesweit Workshops und Fortbildungen. Im Rahmen ihres Workshops mit dem Titel „Binnendifferenzierende Materialien anpassen und einsetzen: Zum Umgang mit Heterogenität im Englischunterricht in der Sek I“ zeigte sie konkrete Aufgabenbeispiele für differenzierenden und individualisierten Englischunterricht und gab den teilnehmenden Lehrkräften und Studierenden die Möglichkeit diese in Partnerarbeit zu erproben.

Der Plenarvortrag wurde von Wolfgang Hallet gehalten, der seit 2004 Professor für Didaktik der englischen Sprache und Literatur an der Justus-Liebig Universität in Gießen ist. Sein Vortrag fokussierte „Heterogenität und Differenzierung in der Arbeit mit der komplexen Kompetenzaufgabe“. Die TeilnehmerInnen erhielten hier Anregungen, wie theoretisch fundierte, kompetenzentwickelnde Lernarrangements und Aufgaben im Englischunterricht konzipiert seien können, um Fähigkeiten, Fertigkeiten, Kenntnisse und Einstellungen zu vermitteln, die fremdsprachliche Partizipation an gesellschaftlichen Diskursen möglichst individuell passend ermöglichen.

Zudem beteiligten sich die Cornelsen Schulbuchverlage an der Arbeitstagung und stellten Anschauungsmaterialien für die anwesenden Lehrkräfte und Studierenden zur Verfügung.

Abbildung 2: Austausch von Studierenden und Lehrkräften bei der diesjährigen Tagung

Abb. 2: Austausch von Studierenden und Lehrkräften bei der diesjährigen Tagung

„Teach and Reach“ eine Online-Materialsammlung für Englischlehrkräfte

Da unsere Erfahrungen der vorangegangenen beiden Jahre gezeigt haben, dass es häufig nicht ausreicht Materialien nur zu präsentieren, sondern Lehrkräfte auch den Wunsch haben fertige und vor allem hilfreiche Materialien an die Hand zu bekommen, entstand die Idee einer Online-Materialsammlung. Diese wurde im Rahmen des Projekts erstellt und beinhaltet differenzierendes Material für das Fach Englisch.

Mithilfe der Online-Materialsammlung mit dem Namen „Teach and Reach“, soll es Bremer Englischlehrkräften erleichtert werden differenzierende Materialien für alle Jahrgangstufen zu erhalten. Bei den bislang zur Verfügung gestellten Materialien handelt es sich hauptsächlich um von Studierenden erstellte, erprobte und im Rahmen des ForstA-Projekts überarbeitete Dokumente. Über die gemeinsame Weiterarbeit an dieser Materialsammlung soll zukünftig eine enge Kooperation zwischen Schule und Universität verstetigt werden. Es wird angestrebt, über diesen Weg einen „Arbeitskreis Englischunterricht an der Oberschule“ zu etablieren, um gemeinsam mit Studierenden, dem Landesinstitut für Schule (LIS), interessierten Lehrkräften und Kooperationsschulen an der Weiterentwicklung von Lehr- und Lernmaterialien für Differenzierung im kommunikativen Englischunterricht zu arbeiten.

Die Online-Materialsammlung stieß auf sehr großes Interesse bei den anwesenden Studierenden und Lehrkräften; sie wird von nun an im Rahmen des ForstA-Projekts stetig weiterentwickelt. Zurzeit erarbeiten Bremer ReferendarInnen weitere Materialien und auch Bachelor- und Master Studierende der Universität Bremen werden im kommenden Semester erneut Material für die Datenbank erstellen. Bremer Lehrkräfte haben ebenfalls die Möglichkeit Material für die Datenbank zur Verfügung zu stellen.

Mikro-Forschungsprojekte von Bachelor Studierenden

Neben den Vorträgen, Workshops und der Präsentation der Online-Datenbank wurden auch in diesem Jahr Mikro-Forschungsprojekte zum Thema „Heterogenität im Englischunterricht“ von Bachelor Studierenden präsentiert.

Die Bachelor Studierenden des Studiengangs English Speaking Cultures mit Lehramtsoption erfahren im Rahmen der Lehrveranstaltung „Introduction to English Language Teaching Practice“ ihren ersten fachbezogenen Praxiskontakt. Während dieser Praxisphase generieren die Studierenden selbstständig eine Forschungsfrage zum Themenfeld „Umgang mit Heterogenität und Differenzierung im Englischunterricht“ und gehen dieser mithilfe eines geeigneten Forschungsdesigns nach. Die Studierenden sollen sich in diesem Zusammenhang intensiv mit dem bisherigen Forschungsstand zum Themenkomplex „Heterogenität im Englischunterricht“ auseinandersetzen, um Diskrepanzen zwischen Theorie und Praxis sowie mögliche Forschungslücken zu entdecken. Mithilfe von speziell geschulten Masterstudierenden, die als TutorInnen fungieren, entwickeln die Bachelorstudierenden ein Forschungsdesign und führen ihre Forschung in Kleingruppen im Kontext Schule durch.

Die so entstandenen Forschungsergebnisse wurden auch in diesem Jahr, in Form von Forschungspostern, auf der Arbeitstagung präsentiert. Auf diese Weise werden die Ergebnisse der Studierenden entsprechend gewürdigt, kritisch reflektiert und in Kooperation mit Lehrkräften weiterentwickelt. Das ForstA-Projekt ermöglicht den Studierenden somit alle Phasen eines Forschungszyklus zu durchlaufen und legt wichtige Grundlagen, um die Studierenden adäquat auf das Schreiben ihrer Abschlussarbeiten vorzubereiten.

Für die anwesenden Lehrkräfte sind die Mikro-Forschungen der Studierenden insbesondere deswegen interessant, da im Lehreralltag in der Regel nicht ausreichend Zeit bleibt, den eigenen Englischunterricht zu reflektieren. Die Forschungsergebnisse bieten dementsprechend eine gute Grundlage für einen Dialog zwischen Lehramtsstudierenden und Lehrkräften. Die Erfahrung der vergangenen zwei Jahre hat gezeigt, dass alle Beteiligten diese Form des Austauschs sehr schätzen und dass die Studierenden für die Vorbereitung, Durchführung und Ergebnispräsentation ihrer Mikro-Forschungsprojekte in diesem Rahmen eine engmaschige Betreuung durch DozentInnen und TutorInnen benötigen, die derzeit durch das ForstA-Projekt gewährleistet ist.

Abbildung 3: Posterausstellung der Mikro-Forschungsprojekte von Bachelorstudierenden

Abb. 3: Posterausstellung der Mikro-Forschungsprojekte von Bachelorstudierenden

Abbildung 4: Posterausstellung der Mikro-Forschungsprojekte von Bachelorstudierenden

Abb. 4: Posterausstellung der Mikro-Forschungsprojekte von Bachelorstudierenden

(Lern-) Erfolge der Arbeitstagung

Durch die diesjährige Tagung konnte der bereits in den Vorjahren begonnene Dialog mit der interessierten Öffentlichkeit, insbesondere mit Bremer Lehrkräften und VertreterInnen des LIS, fortgesetzt und ausgebaut werden. Die Idee diese Form der Zusammenarbeit auch über die Arbeitstagung hinaus, im Rahmen eines „Arbeitskreises Englischunterricht an der Oberschule“ weiterzuführen, stieß insgesamt auf großes Interesse bei den anwesenden Studierenden und Lehrkräften. Zudem wurde die deutlich stärkere Praxisorientierung, die Präsentation der Online-Materialsammlung, sowie die großen Mengen an kostenlosen Materialien von einem Großteil der TeilnehmerInnen als sehr positiv bewertet. Die diesjährige Arbeitstagung kann insgesamt als voller Erfolg gewertet werden und stellt für uns einen weiteren Meilenstein auf dem Weg zu einer engeren Kooperation zwischen Universität und Schule sowie bei der Weiterentwicklung unseres Konzepts des forschenden Lernens dar.

Um an diesen Erfolg anzuknüpfen, veranstaltet die Fremdsprachendidaktik Englisch im Wintersemester 2014/15 eine Ringvorlesung mit dem Titel „Heterogenität und Diversität im Englischunterricht der Sekundarstufe: Reflexion, Potenziale, Perspektiven“. In diesem Zusammenhang soll die Heterogenität und Diversität der Lernenden aus fachdidaktischer Perspektive kritisch reflektiert und diskutiert werden. Hierzu werden sowohl interdisziplinäre als auch internationale Perspektiven betrachtet. Zusätzlich soll das erste Treffen des „Arbeitskreises Englisch an der Oberschule“ in Form eines Workshops an die Ringvorlesung gekoppelt werden (Weitere Informationen hierzu sowie das Programm der Ringvorlesung finden Sie auf unserer Website: http://www.fb10.uni-bremen.de/anglistik/fd/news.aspx

Über die Autorin:

Fatou Julia N’Jie ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Fremdsprachendidaktik Englisch (FB10) und ist seit April 2014 für das Projekt „Professionalisierung im Umgang mit Heterogenität im Englischunterricht“ im Rahmen der ForstA – Säule 2 zuständig.

 

 

Bildnachweis:

  • Autorinfoto: Fatou Julia N’Jie (privat)
  • Abb. 1/2/3/4: privat

 

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