Ein Ausschnitt aus dem Leben eines Lehramtstudis

Monat: Juni 2020

Über jüdisches Leben reden – (k)ein Tabu? Zum Umgang mit Antisemitismus in Bildungsinstitutionen (RV10)

  1. Welche Berührungspunkte hatten Sie bereits mit dem Thema Antisemitismus? Beschreiben Sie für Sie wichtig erscheinende Situationen und wie Sie diese vor dem Hintergrund dieser Vorlesung bewerten würden.
    Am Flughafen stand vor uns bei der Check-In-Kontrolle eine jüdische Familie mit Kippas und Löckchen. Alle Umstehenden starrten sie an, als ob sie noch nie jüdische Menschen gesehen hätten und verhielten sich vorsichtig und misstrauisch. Niemand war offen antisemitisch, aber herzlich und unvoreingenommen genauso wenig.
    Im Hintergrund der Vorlesung halte ich dies für ein Phänomen unzureichender Aufklärung und Tabuisierung.
  2. Welche Fragen haben sich für Sie durch den Vortrag ergeben? In welchen Bereichen fühlen Sie sich noch unzureichend informiert oder vorbereitet, um sich mit Antisemitismus in der Schule als Lehrkraft zu befassen?
    Es haben sich mir zwei Fragen auferlegt:
    – Eigentlich müssten wir, auch in unserer Rolle als Deutsche, besonders gut den Umgang mit jüdischen Mitmenschen erlernen und ausleben. Wahrscheinlich fühlen viele Menschen ein Teil dieser „Schuld“, die durch die grausamen Verbrechen begangen wurde, noch in sich und weiß nicht, wie man heute damit umgehen soll. Ist man sich jüdischen Mitmenschen anders verpflichtet?
    – Was ist alles Antisemitismus? Darf eine Kritik am israelischen Staat nicht ausgesprochen werden? Ich glaube, gerade in der Schule muss klar differenziert werden, zwischen faktenorientierter, neutraler Debatte und eine Projektion auf die Religion des Landes. Gerne hätte ich eine Definition dieser Grenze gehört. Kann man beides voneinander trennen? Darf man das?
  3. Beschäftigen Sie sich mit folgendem Szenario: Ein Elternteil spricht Sie persönlich als Lehrkraft darauf an, dass ein Schüler Ihrer Klasse von verbalen antisemitischen Übergriffen betroffen war. Überlegen Sie, wie ein konstruktiver Umgang mit dieser Situation aussehen könnte.
    Im ersten Schritt würde ich mit dem*der Betroffenen persönlich reden und mir in Ruhe und detailreich alles schildern lassen. Auch würde ich weitere Schritte gemeinsam besprechen. Mein Angebot wäre eine offene Aussprache im Unterricht über den Vorfall. Es ist gut, solche Übergriffe und ihre Auswirkungen zu thematisieren, damit das Bewusstsein in der Klasse geschafft wird, wie verletzend, diskriminierend und falsch so ein Verhalten ist. Ich würde versuchen, einen geführten Dialog zu schaffen, zwischen den Verursachern und der*dem Betroffenen und eine friedliche Aussprache sowie Entschuldigung hervorzurufen. Ich würde mit den Eltern sprechen, damit sie sich betreut und ernst genommen fühlen. Natürlich würde dieser Vorfall ins Rektorat gemeldet werden und auch andere Kollegen sensibilisiert werden. Gerne würde ich dann – als vorbeugende Maßnahme – einen Tag an der Schule organisieren, an dem über Antisemitismus heute, Antisemitismus an der Schule und den Folgen gesprochen wird, um aufzuzeigen, dass so etwas wirklich nicht cool ist.

Ansätze zur Entwicklung einer interkulturellen gendersensiblen Pädagogik (RV09)

Zuallererst soll angemerkt werden, dass im Folgenden – ausnahmsweise und nur weil die Vorlesung dies auch so behandelt! – wenn von Gender gesprochen wird, lediglich Bezug genommen wird auf Jungs und Mädchen, um den Sachverhalt zu erleichtern. Dies soll keinen ganzheitlichen, realitätsentsprechenden Anspruch haben. Die volle Gender-Bandbreite verdient eine ganz eigene Betrachtung und soll hier aber nicht im Hauptaugenmerk liegen.

1. Spannungsfeld zwischen Inszenierung und Zuschreibung in Bezug auf Genderdynamiken und -pädagogik in der Schule.
Jungen und Mädchen werden von unterschiedlichen Seiten bestimmte Vorlieben, Stärken und Schwächen zugeordnet. Das typische „Mädchen mögen rosa, Jungs dagegen schwarz“ äußert sich genauso in der Schule als „Mädels sind besser in Deutsch und Jungs besser in Physik“, aber auch „Frauen können eben besser mit jungen Schüler*innen, Männer sind für härtere Jobs bestimmt“. Wo kommt das her?
Dass es eine (zumindest in Teilen) künstliche Zuschreibung ist, erkennt man an der Tatsache, dass sie sich im Laufe der Jahre gewandelt hat. Heute wissen wir, dass auch Frauen die Fähigkeit besitzen zum Studieren und für sich selbst entscheiden können. Durch Erziehung in der Familie und in der Gesellschaft werden wir in einer Welt groß, die uns geschlechterabhängig mit unterschiedlichen Erfahrungen und Erwartungen konfrontiert. Selbst in der Schule werden die gleichen Leistungen von Jungen in sprachlichen Fächern anders bewerten als solche von Mädchen, weil die Erwartungen jeweils anders ausfallen und dies sich in der unbewussten Notengebung der Lehrer*innen äußert.
Dies führt zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeihung, denn die Fächer und Eigenschaften, die genderspezifisch auf ein bestimmtes Kind zutreffen, werden verstärkt und gefördert und führen schlussendlich tatsächlich zu einer signifikant unterschiedlichen Tendenz in der Leistung, die später unterschiedlichen Berufswahlen mit sich zieht. Eine sich selbst erfüllende Prophezeihung also? In der Wissenschaft geht man von der Koexistenz von „nurture“ und „nature“ aus. Aber einer genderspezifischen künstlichen Trennung der Interessen und Stärken sollte auf jeden Fall entgegen gearbeitet werden. Oder einfach “ die Unterscheidungen „Ruhenlassen“ “ für eine
„Entdramatisierung von Geschlecht“, wie Weber 2006 vorschlug.
2. Reflektieren Sie ihre bisherigen Praxiserfahrungen aus der eigenen Schulzeit und ersten Praktika zum schulischen „Genderplay“, möglichst unter Bezugnahme auf mindestens ein anderes Heterogenitätsfeld der Ringvorlesung, wie Sprache, soziokultureller Background, Leistung, Inklusion.
Auch auf meiner Schule waren die durchschnittlichen Leistungen von Mädchen im Allgemeinen besser als die der Jungen. Und die von Schüler*innen mit Deutsch als Zweitsprache hinter denen mit Deutsch als Erstsprache.
Ich kann nicht mehr sagen, ob wirklich genderspezifische Unterschiede gemacht wurden, außer in der Benotung im Sportunterricht – wo dies durchaus biologisch sinnvoll erscheint. Ich glaube eher, dass es genau die gleiche Behandlung von Schüler*innen als homogene Masse war, die Unterschiede vergrößert hat. Es gibt einfach unterschiedliche Bedürfnisse auf die mit unterschiedlicher Intensität eingegangen werden sollte. Als Lehrer*in mit einer Jungsgruppe, die sich für die Deutschlektüre nicht begeistern lässt, könnte man gerade diese Jungs die nächste Lektürewahl machen lassen, sodass der Unterricht mehr an ihre Interessen angepasst werden können. Oder man könnte den Deutschunterricht inklusiver für alle ethnischen Hintergründe gestalten. Statt nur Literatur der deutschen „Dichter und Denker“ und vielleicht ein bisschen Shakespeare, wieso nicht auch Autoren des Nahen Ostens lesen, die uns von ethnischen Minderheiten der Klasse vorgestellt werden. Solche Entscheidungen haben meine Lehrer*innen selten getroffen.
3. Formulieren Sie eine Beobachtungsaufgabe für kommende Praktika zum Thema „gendersensible Pädagogik“, auch hier möglichst unter Bezugnahme auf mindestens ein anderes Heterogenitätsfeld der Ringvorlesung, wie Sprache, soziokultureller Background, Leistung, Inklusion, um deutlich zu machen, dass die Kategorie Gender nicht für sich steht, sondern andere Dimensionen von Heterogenität oftmals wesentlich mit beeinflusst.
Beobachten Sie aktive Rücksichtsnahmen auf gender- oder herkunftsspezifische Unterschiede. Versuchen Sie hierbei zu beurteilen, ob diese Unterschiede die bestehenden Vorurteile verstärken/inszenieren oder begründet getätigt wurden. Wann kann eine Differenzierung Sinn machen?

Doing it wrong, doesn’t make it wrong. Inklusive Pädagogik und ihre Umsetzung (RV07)

1.) Reflektion über die Konsequenzen der Aussonderung von Schüler*innen mit Förderbedarf

Man sollte sich bei einer leistungsorientierten Segregation von Schüler*innen die Frage stellen, welche Folgen und Teufelkreise damit initiiert werden.

Einerseits verschwinden Kinder und Jugendliche mit Förderbedarf aus der gesellschaftlichen Bildfläche und es entsteht ein verschobenes Bild von Normalität. Diese soziale Ausgrenzung im frühen Alter perpetuiert auch eine spätere soziale Ausgrenzung. Schüler*innen ohne Förderbedarf kommen zu wenig in Kontakt und verlernen einen gesunden Umgang mit Heterogenität. Eine Begegnung auf Augenhöhe, zu der jede*r etwas beisteuern kann, wird beiden Gruppen verweigert.

Andererseits verstärkt eine schulische Segregation bestehende Unterschiede stark. Bildungstechnisch wissen wir, dass in einer Schule für alle größere Erfolge erzielt werden können, da Schüler*innen viel voneinander lernen und die Vorbildfunktion nicht vernachlässigt werden sollte.  Darüber hinaus ist der Stempel „Sonderschule“ als Stigmatisierung wirkt und für das Selbstbewusstsein und die Selbstwahrnehmung genauso schädigend ist wie für die Fremdwahrnehmung im Allgemeinen, sowie konkret auf dem späteren Arbeitsmarkt oder bei Berufswünschen. Diese frühe Aussonderung führt in häufigen Fällen zu einer lebenslangen Aussonderung.

Wir sollten uns dessen bewusst werden, dass eine Schule ohne Kinder und Jugendliche mit Förderbedarf eigentlich eben keine normale Schule ist.

2.) Diagnose „Förderschwerpunkt Wahrnehmung & Entwicklung“ bzw. „Förderschwerpunkt Lernen“. Welche Informationen werden von betroffenen SuS benötigt, um den Unterricht ggf. anzupassen?

  • Förderschwerpunkt Wahrnehmung und Entwicklung:
    Dieser Förderschwerpunkt inkludiert im Allgemeinen meist SuS mit Behindertung und kann sehr verschiedenartig ausfallen.
    Für einen gelungenen Unterricht muss also im Vorfeld geklärt werden, ob es sich eher um eine körperliche, um eine emotionale und soziale oder vordergründig um eine geistige Entwicklungseinschränkung handelt. Körperliche Beeinträchtigungen können u.a. motorisch, akustisch oder visuell ausfallen und daher unterschiedliche Anpassungen erfordern. Eine wichtige Rolle spielen auch weitere Rollen, die durch diese Kategorien nicht eingefangen werden: ist der*die Schüler*in depressiv, zurückgeszogen oder eher aggressiv und störend. Hat er*sie Angst oder ist er*ihr Verhalten anders auffällig? Das sind Aspekte, die den Unterricht maßgeblich beeinflussen und auf jeden Fall erfasst werden müssen.
  • Förderschwerpunkt Lernen
    Die offizielle Beschreibung lautet:  „Bei Schülerinnen und Schülern mit Beeinträchtigungen des Lernens ist die Beziehung zwischen Individuum und Umwelt dauerhaft bzw. zeitweilig so erschwert, dass sie die Ziele und Inhalte der Lehrpläne der allgemeinen Schule nicht oder nur ansatzweise erreichen können. Diesen Kindern und Jugendlichen und ihren Eltern muss Hilfe durch Angebote im Förderschwerpunkt Lernen zuteil werden …“ (Drave, Rumpler, Wachtel 2000, S. 300). Ein sonderpädagogischer Förderbedarf zum Förderschwerpunkt Lernen entsteht  also durch die nicht gelungene und fehlende Passung zwischen den individuellen Lernmöglichkeiten des Kindes und der normativen Erwartungshaltung der Schule.
    Um hier erfolgreich unterstützen zu können, sollte im Vorfeld geklärt werden, welche Lernarten für das Kind die präferierten sind. Oft können Lebensweltbezug, geeignetes Anschauungsmaterial (z.B. Silbenschrift bei Texten, Illustrationen) und regelmäßiges Reflektieren des Gelernten oder auch Patenschaften oder ein Tutorensystem aushelfen. Auch hier spielt natürlich wieder die emotional-soziale Entwicklung eine große Rolle, s.o.
    Man muss das passende Modell für der*die Lernende*n finden.

3.) Zugänglichkeit und Anschaulichkeit von Medien/Materialien im Unterricht

Wissenserwerb geschieht auf drei Ebenen: enaktiv (handelnd), ikonisch (bildhaft) und symbolisch (sprachlich). Gute Unterrichtsmaterialien zielen also auf Verständnis auf allen Ebenen ab und versuchen unterschiedlichen Zugang zu Lernenden zu erhalten. Außerdem geschehen Lernerfolge immer in Schritten, die von den Lernenden unterschiedlichen schnell erfasst werden. Wichtig ist es also, keine Lernschritte auszulassen, damit das Verständnis fundiert und real ist. Solche geeigneten Unterrichtsmaterialien existieren häufig schon und können sowohl im Internet als auch im Lehrerkollegium ausgetauscht werden.
Auch konkrete technische Hilfen, wie EduPens, die einerseits Schreibschwierigkeiten zu diagnostizieren hilft, andererseits Kinder hierbei auch unterstützt, wären denkbar. Man muss das Rad nicht neu erfinden.

4.) Begründete Empfehlung dieses Lernvideos von path2in.uni-bremen.de

Ich kann Euch dieses Video wärmstens empfehlen!

Das Video zeigt Carina, die von ihrem Alltag berichtet, von vergangenen Erfahrungen und Vorurteilen, mit denen sie konfrontiert wurde und ihre persönliche Wahrnehmung einer scheinbar künstlichen Aussonderung von Menschen mit Trisomie-21. Sie selbst ist Aktivistin für Gleichberechtigung, tritt in Sendungen auf und moderiert. Außerdem ist sie Schauspielerin und kritisiert trotz großer Lust am Schauspiel ihre Rollen, die sie immer als „Person mit Downsydrom“ darstellen – mit größeren Beeinträchtigungen als sie eigentlich hat. Sie fordert eine Gleichbehandlung, die Betonung der Leistungen statt der Defizite und einen unvoreingenommenen Zugang zu Menschen und der Gesellschaft. Besonders schön, das aus erster Hand und so einleuchtend und klar zu hören. Sehr zu empfehlen!