Von der AG Weser zur Waterfront: Die Revitalisierung eines Werftgelände

Die Waterfront von oben. (Quelle: Hinrichs, J. (2012): Die Waterfront soll größer werden. Bremen: Weser Kurier.)

Der Bremer Bevölkerung ist das Areal im Ortsteil der Bremer Industriehäfen heute vor allem aufgrund des dort gelegenen Shopping-Centers „Waterfront“ bekannt. Doch die Geschichte des Gebiets ist vielfältig und Ausdruck eines wirtschaftlichen Strukturwandels. Im folgenden Beitrag wird dieser sowie die damit einhergehenden Umstrukturierungs-versuche des Gebiets näher beleuchtet. 

Schließung der AG Weser (1983)

Die Industriebetriebe in Bremen-Gröpelingen, zu denen unter anderem die AG Weser zählte, bildeten lange Zeit das wirtschaftliche Zentrum des Stadtteils (Zöller 2006: 159, Schuchmann 2002: 121). 

In den 1870er und 80er Jahren erlebte die bremische Wirtschaft einen Aufschwung. Im Zuge dessen wurde 1872 aus der ehemaligen Maschinenfabrik von Carsten Waltjen die AG Weser (Roder 2002: 63). Ende des 19. Jahrhunderts wurde die AG Weser von der Stephanikirchweide nach Gröpelingen umgesiedelt, hin zu dem Areal, auf dem sich heute die „Waterfront“ befindet. Zu der Zeit war die AG Weser vor allem für den Bau von Postdampfern verantwortlich (Roder 2002: 67). 

Im Zuge der zunehmenden Internationalisierung nach dem Ersten Weltkrieg schlossen sich 1926/27 mehrere Unternehmen um die AG Weser herum zur Deutschen Schiff- und Maschinenbau AG zusammen. In der folgenden Weltwirtschaftskrise und ohne die Unterstützung des Bremer Vulkan zerbrach dieser Zusammenschluss jedoch wieder (Roder 2002: 72). Der Zweite Weltkrieg schwächte die Bremer Wirtschaft stark und ließ große Areale der Bremer Häfen zerstört zurück. Darunter auch das Areal der AG Weser, die in der Nachkriegszeit neu aufgebaut werden musste (Roder 2002: 75). 

Eine weitere Wirtschaftskrise folgte in den 1970er Jahren, im Zuge dessen viele Unternehmen der verarbeitenden Industrie, darunter auch der Schiffbau schließen mussten (Roder 2002: 78). 1983 wurde schließlich auch die Bremer Werft AG Weser geschlossen (Schuchmann 2002: 121).

Eröffnung und Schließung des Space Parks (2004)

Ende der 1970er Jahre veränderte sich die wirtschaftliche Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland grundlegend. Die wirtschaftliche Produktion im sekundären Sektor verlagerte sich zunehmend in den tertiären Sektor. Auch Bremen musste sich an die Veränderungen, die mit dem Strukturwandel einhergingen, anpassen. Für Bremen als Wirtschaftsstandort war bislang die Produktion im sekundären Sektor, in den auch der Schiffsbau fällt, maßgebend. Der tertiäre Sektor spielte in der Wirtschaft dagegen kaum eine Rolle (Wauschkuhn 1998: 2). Um sich weiterhin im Standortwettbewerb behaupten zu können, musste sich das Land Bremen an die nationalen und globalen Entwicklungen anpassen (Wauschkuhn 1998: 3). Besonders relevant war hierfür eine Tertiärisierung der Wirtschaft (Wauschkuhn 1998: 6). 

Großes Potential wurde zu der Zeit im Technologiebereich gesehen (Wauschkuhn 1998: 10). Der Schwerpunkt lag hier in der Meeresforschung sowie der Luft- und Raumfahrtindustrie. Im internationalen Wettbewerb konnte sich die Raumfahrtindustrie in Bremen bereits erfolgreich durchsetzen (Wauschkuhn 1998: 10). Um dieses Image zu festigen, wurden unter anderem die Großprojekte Ocean Park und Space Park geplant. Mithilfe dieser Vergnügungsparks sollte die Wirtschaft gestärkt und Bremen als nationaler und internationaler Tourismusstandort gefördert werden (Wauschkuhn 1998: 12, Zöller 2006: 159). 

2004 wurde der Space Park auf dem ehemaligen Gelände der AG Weser eröffnet. Dieser war einer der ersten integrierten Entertainment- und Shopping-Center Deutschlands und stand ganz unter dem Motto „Raumfahrt und Zukunft“ (Zöller 2006: 159). Doch schon bei der Planung des Großprojektes konnte das Konzept des Space Parks nicht überzeugen. Im Einkaufsteil fehlte es an großen Namen der Einzelhandelsunternehmen, da diese nicht genügend Potential hinter dem Konzept vermuteten. Doch ohne sogenannte „Ankermieter“ mieteten sich auch keine kleineren Geschäfte ein. Das Fehlen einer florierenden Shopping Mall wirkte sich letztlich auch auf den Erfolg des Vergnügungsparks aus, dem es seit der Eröffnung an Besuchern mangelte (Zöller 2006: 161). Aufgrund zu geringer Nachfrage musste der Space Park nach nur sieben Monaten Betriebslaufzeit geschlossen werden (Zöller 2006: 161). Das Scheitern des Space Parks kostete Bremen rund 600 Mio. Euro und ist auch heute noch ein Sinnbild für fehlgeleitete Entwicklung (Miller 2008: 148).

Eröffnung der „Waterfront“ (2008) 

Trotz des Misserfolgs mit dem Space Park fand das Hafenareal 2006 einen neuen Investor. Die LNC Property Group aus Dublin sah Potential in der Immobilie am Wasser. Das Areal war bereits vollständig erschlossen. Die Architektur war hochwertig und die Immobilie lag unmittelbar am Wasser. Es gab bereits eine Anbindung an den ÖPNV und mehrere tausend Parkplätze. Auch ein Hotel und ein Multiplexkino waren dort bereits angesiedelt (Miller 2008: 148). Hinzu kam, dass der Kaufpreis vergleichsweise günstig war. Auch hatte sich die Kritik rund um die Entstehung des Space Parks mittlerweile wieder gelegt und ein Neubeginn wurde ermöglicht (Miller 2008: 149).

Bei der Planung des neuen Einkaufszentrums wurde vor allem darauf geachtet, aus vergangenen Fehlern zu lernen. So wurde beispielsweise darauf verzichtet, das Thema Luft- und Raumfahrt in die neuen Entwürfe zu integrieren. Auch sollten nicht mehr die touristischen Freizeitattraktionen im Vordergrund stehen, sondern die Bedürfnisse der Einwohner (Miller 2008: 150). Das neue Einkaufszentrum sollte außerdem stärker in die Region integriert und das Potential der Wasserlage mehr ausgenutzt werden (Miller 2008: 151).

2008 wurde auf dem ehemaligen Werftgelände schließlich das Einkaufszentrum Waterfront eröffnet. Das Einkaufszentrum hat eine Verkaufsfläche von 44.000 qm2 (Gabriel, Ludwig, Salot 2015: 95).

Literaturverzeichnis

Gabriel, S./Ludwig, T./Salot, M. (2015): Strukturwandel in Bremen. Befunde und Herausforderungen. Bremen: Arbeitnehmerkammer Bremen.

Miller, J (2008): Vom Space-Park-Debakel zur neuen Freizeit- und Shoppingdestination am Wasser. In: Busch, A. (Hrsg.): IBW-Symposium 2008. Projektentwicklung brachgefallener Flächen und Immobilien. Kassel: Kassel University Press GmbH, S. 145-160.

Roder, H. (2002): Bremens Wirtschaft im Wandel (1850-2000) oder Bremen – ein notorischer Spätzünder? In: Bremisches Jahrbuch hrsg. in Verbindung mit der Historischen Gesellschaft Bremen vom Staatsarchiv Bremen, Band 81, S. 55-82.

Wauschkuhn, M. (1998): Strukturwandel und standortpolitischer Handlungsbedarf im Land Bremen. Bremen: Materialien des Universitätsschwerpunktes „Internationale Wirtschaftsbeziehungen und Internationales Management.

Schuchmann, J. (2002): Projektentwicklung Space Park Bremen. Revitalisierung eines historischen Werftgeländes. In: Symposium 2002. Projektentwicklung brachgefallener Flächen. Kassel: Kassel University Press GmbH, S.121-134.

Zöller, S. (2006): Erlebnishandel im Automobilvertrieb. Machbarkeitsstudie und Nutzungkonzeption für ein Autothemencenter. Wiesbaden: Deutscher Universitäts-Verlag.

3 Gedanken zu „Von der AG Weser zur Waterfront: Die Revitalisierung eines Werftgelände

  1. Die hohen Kosten des Space-Parks waren mir bisher noch nicht bewusst, also vielen Dank für die Hintergründe! Da der Space-Park ja schon 2004 geschlossen wurde, kann ich mich als “jüngerer” Bremer leider auch nicht mehr wirklich daran erinnern. Waren möglicherweise Andere von diesem Hafenseminar damals vor Ort?

    Die Waterfront scheint mit ihrem Konzept ja gut zu funktionieren, wobei auch die großen Einkaufszentren gespannt in die Zukunft mit dem zunehmenden Onlinehandel blicken dürften.

  2. Interessant wäre noch ein kritischer Blick auf die Bedeutung der Waterfront für den Stadtteil Gröpelingen. Wird das Einlaufszentrum dort als Bereicherung angesehen oder eher als Problem? Das ist wahrscheinlich gar nicht so einfach herauszufinden …

  3. Innerhalb der Stadtentwicklung unterstelle ich dann auch eine leichte Konkurrenz der Stadtteile, denn der Weserpark und die Waterfront sind sich von ihrem Angebot ja ähnlich. Einwohner aus den nicht unmittelbar nahen Stadtteilen können schließlich wählen.

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