Durchgängige Sprach­bildung goes Uni

Im Bild sind viele farblich gestaltete Buchstaben zu sehen. Diese liegen ungeordnet auf einer Oberfläche.

von Sarah Brommer, Andrea Daase und Swantje Weinhold — Bild: Surendran MP / Unsplash

Stetig mehren sich Klagen von Lehrenden, dass die Sprachkompetenzen der Studierenden abnehmen, was sich insbesondere, aber nicht ausschließlich, im schriftlichen Bereich zeigt. Besondere Sorgen bereiten die Lehramtsstudierenden im Fach Deutsch: Als zukünftige Lehrpersonen tragen sie wesentlich Verantwortung dafür, dass Kinder und Jugendliche Sprache und Schrift als einen Schlüssel für gesellschaftliche Teilhabe sicher erlernen.

Insbesondere im Land Bremen, dessen Bevölkerung die mit Abstand höchste Armutsquote aller Bundesländer sowie den höchsten Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund aufweist – zwei Aspekte, deren Korrelation in Deutschland spätestens seit PISA bekannt ist – und das bei Schulleistungsstudien regelmäßig auf den hinteren Plätzen landet, ist die Bedeutung von Lehrpersonen für die Deutschkenntnisse der Schüler*innen zentral. Es zeigt sich aber, dass nicht alle
Deutsch-Studierende dies durch z.T. erhebliche sprachliche und metareflexive Bedarfe in Registerwahl, Rechtschreibung und Grammatik hinreichend gewährleisten können und Hochschullehrende diesem Umstand noch nicht angemessen begegnen. 

Um sich diesen Herausforderungen zu stellen, gründete sich 2020 die fachbereichsübergreifende (FB 10 & 12) AG „Schriftsprachliche Mindeststandards im Lehramt Deutsch – Diagnose, Reflexion und Förderung“. Die Mitglieder dieser AG eint ihr Interesse an Schreibdidaktik, Schreibdiagnostik und Schreibförderung, welche gleichermaßen eine heterogene Schüler*innen- wie Studierendenschaft im Blick hat. 

Von einer Problem- und Defizitorientierung wandelte sich der Blick und Diskurs der Gruppe hin zur Frage, wie die Schwierigkeiten und Bedarfe der Studierende im Lehramt Deutsch erkannt und wie diese bestmöglich in ihren deutschsprachlichen Kompetenzen gefördert und damit auf ihren Bildungsauftrag vorbereitet werden können. In diesem Sinne sollte der identifizierten Problemlage im Rahmen des Projektes durch einen Paradigmenwechsel sowohl auf der Wahrnehmungsebene auf Seiten der Studierenden und Lehrenden als auch auf der strukturellen Ebene begegnet werden.

Das Projekt „Durchgängige Sprachbildung goes Uni“

Das auf der Arbeit der AG aufbauende SKILL-Innolab „Durchgängige Sprachbildung goes Uni“, initiiert und geleitet von Prof. Dr. Sarah Brommer, Prof. Dr. Andrea Daase und Prof. Dr. Swantje Weinhold, hat sich das Konzept der Durchgängigen Sprachbildung zum Vorbild genommen. Dieses Konzept, das seit dem BLK-Projekt FörMig (Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund) im Bereich der allgemeinbildenden Schule mittlerweile weitreichende Anerkennung gefunden hat, wurde entsprechend dem Anspruch auf Durchgängigkeit auf die Hochschulbildung zu übertragen. Dabei geht es nicht um das Lernen einer spezifischen Sprache in einem dafür vorgesehenen Setting, sondern um die durchgängige, also über die gesamte Bildungsbiografie und unter Kooperation aller an ihr beteiligten Institutionen und Personen hinweg gestalteten Unterstützung und Entwicklung sprachlicher Fähigkeiten als Grundlage für Bildung. Während damit im ursprünglichen Konzept der Ausbau des gesamten Sprachrepertoires aller Lernenden gemeint ist, konzentrierten wir uns in einem ersten Zugriff auf das Deutsche und auf Lehramtsstudierende des Faches Deutsch.

Ziel des Projektes war es, im Sinne einer durchgängigen Sprachbildung und einem interdisziplinären und integrativen Ansatz folgend die genauen Bedarfe und Bedürfnisse der Studierenden im Hinblick auf die Beherrschung der deutschen Sprache mit einer digital gestützten Lernstandserhebung und einem Fragebogen zu ermitteln und daraus eine individuelle Förderstruktur abzuleiten. 

Kennzeichnend für dieses Projekt ist seine Interdisziplinarität und sein integrativer Ansatz: Wir nehmen die Gestaltung des gesamten Lehramtstudiums im Fach Deutsch in den Blick. Im Sinne einer durchgängigen Sprachbildung halten wir es für geboten, auch die Verantwortung von Universität und ihren Lehrenden dafür hervorzuheben, um einer mit den Jahren immer heterogener gewordenen Studierendenschaft zu begegnen. Dieser Blick schließt außerdem ein, dass andere Sprachen einbezogen und genutzt werden. Der so geprägte Fokus auf die deutsche Sprache entspricht im Lehramt Deutsch dem Lern- und Studienfach in Schule (Fachunterricht Deutsch) und Studium (Studienfach Germanistik mit den großen Bereichen Sprachwissenschaft und Deutschdidaktik, zu denen Deutsch als Zweitsprache quer liegt).

Entwicklung und Einsatz von Instrumenten

Es wurde ein Fragebogen für Studierende zur Bedürfnisanalyse entwickelt, der entlang der Phasen des Schreibprozesses ermittelt, in welchen Bereichen sich Studierende nicht ausreichend kompetent fühlen und sich mehr Unterstützung wünschen.

Diese Bedürfnisabfrage wird jeweils am Ende des ersten Studienjahres eingesetzt, da hier mit dem Bericht zum Orientierungspraktikum die erste größere schriftliche Arbeit für die Studierenden ansteht. Anschließend können die Studierenden den Fragebogen jederzeit im Studium als Reflexionsinstrument und Grundlage für Beratungsgespräche zu Haus- und Qualifikationsarbeiten nutzen. 

Außerdem wurde ein digitales Self-Assessment zur Einschätzung der schriftlichen Deutschkenntnisse der Studierenden entwickelt, pilotiert und überarbeitet. Das Online-Self-Assessment beinhaltet Aufgaben auf den Ebenen Grammatik, Rechtschreibung, Zeichensetzung sowie Lexik, Semantik und Idiomatik in verschiedenen Formaten. Es gibt bspw. Lückentexte, in die vorgegebene Grundformen passend eingesetzt werden müssen, Audios, die zu verschriften sind, oder Drop-down-Menüs für Auswahlentscheidungen. Das Self-Assessment ermöglicht es, automatisiert und detailliert den Leistungsstand der einzelnen Studierenden zu ermitteln.

Bereits am Ende des Assessments können die Studierenden am PC im Testcenter kurz ihr Ergebnis sehen. Wenige Wochen später bekommen sie es aufgefächert nach Kompetenzbereichen per Mail mit einem Begleitschreiben zu Ansprechpartner*innen und Unterstützungsmöglichkeiten zugesendet. Es steht dann zur Reflexion, ggf. Identifikation und Bearbeitung von Problembereichen sowie für Gespräche mit Lehrenden sowie Kolleg*innen der Schreib- und/oder Studierwerkstatt zur Verfügung.

Um die Bearbeitung von möglichen Problembereichen gezielt zu unterstützen, wurde zudem das sogenannte SprachKraftTraining ein Selbstlerntool auf Stud.IP, entwickelt, das Aufgaben, gegliedert nach den oben genannten Bereichen zum eigenständigen Lernen anbietet und allen Studierenden zur Verfügung steht. Die Plattform wird stetig weiter mit Aufgaben gefüllt.

Geplant ist, das Assessment im 6. Semester, also am Ende des BA-Studiums noch ein zweites Mal mit der jeweiligen Kohorte durchzuführen, die drei Jahre zuvor das erste Mal das Assessment mitgemacht hat. Dies soll auch Aufschluss darüber geben, ob Reflexion, Beratung und Training mit Beginn des Studiums positive Wirkungen zeigen.

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