Geht sexuelle Dominanz mit Gesprächsdominanz einher?
Fiktionale Texte können einen Einblick in gesellschaftliche Diskurse und ihre Repräsentation geben, auch wenn sie keine authentischen Sprachdaten liefern (vgl. Baker, 2008, S. 94). Um mehr über Dynamiken zwischen sexuellen Rollen und Positionierung in Gesprächen zu erfahren, sind wir mithilfe von erotischer Literatur und selbst-publizierten Texte auf Archive of Our Own der Frage nachgegangen, ob sexuelle Dominanz mit Gesprächsdominanz einhergeht.
Da Männer im heteronormativen Verständnis das dominante Geschlecht sind, wurden Texte betrachtet, die diese Erwartung bewusst brechen, weil nur solche berücksichtig wurden, die mit „Femdom“, der Kurzform für female dominance (weibliche Dominanz), gekennzeichnet waren, und trotzdem eine heterosexuelle Beziehung und dadurch einen sexuell submissiven Mann beinhalten.
Material
Archive of Our Own (archiveofourown.org, AO3) ist ein Fanfiction- und Internetpublikationen-Archiv, in dem Nutzer:innen ihre eigenen Texte selbst publizieren können. AO3 bietet eine große Menge an Filter- und Kategorisierungsmöglichkeiten, um Werke u.a. in Bezug auf Länge, Datum der Veröffentlichung, Grad der Explizitheit, aber auch inhaltlich einzuordnen.
In unserer Untersuchung wurden acht Texte berücksichtigt, die mit der Kategorie „Femdom“ versehen waren, also eine sexuell-dominante weibliche Person beinhalten, heterosexuelle Akte darstellen und von den Autor:innen als „explizit“ markiert wurden. Um besondere Redegewohnheiten innerhalb von Fan-Gemeinschaften oder fiktionalen Werken zu vermeiden, wurden nur Texte ohne konkreten Bezug zu einem spezifischen anderen Werk, also keine Fanfiktion, genutzt. Die Texte stammen von verschiedenen Autor:innen und waren zwischen 197 und 4874 Wörtern lang. Da der Großteil der Texte auf AO3 englischsprachig ist, wurden auch in diesem Projekt mit englischsprachigen Texten gearbeitet.
Methode
Um die Beziehung zwischen sexueller und Gesprächsdominanz zu untersuchen, wurden die Sprechakte der Texte auf formale Kriterien wie Häufigkeit, Länge, Unterbrechung, Aufforderung, Satzzeichen und Sprechverben untersucht. Als Sprechakte zählten alle Textbausteine, die explizit als wörtliche Rede durch Anführungszeichen gekennzeichnet wurden. Wenn zwischen abgeschlossenen wörtlichen Reden der gleichen sprechenden Person ein weiterer Textbaustein steht, der nicht den Akt des Sprechens beschreibt, werden zwei Sprechakte gezählt:
Sprechakt 1: “So, remind me,” she said, voice casual, “how long since I locked you?”
Liam didn’t answer.
Sprechakt 2: “Three weeks?” she guessed. “Four?”
(Just a Splash of Pink, Alexandria_Jackson)
Die unterschiedlichen Kriterien wurden quantifiziert, um sie innerhalb der Texte vergleichbar zu machen und textübergreifende Durchschnittswerte aus skalierten Werten zu erzeugen. Als dominant wurden häufigere und längere Sprechakte, Aufforderung gegenüber der anderen Person und Unterbrechungen klassifiziert. Satzzeichen und Sprechverben wurden ergebnisoffen analysiert.
Im Folgenden werden die Ergebnisse der einzelnen Kategorien kurz präsentiert.
Länge und Häufigkeit der Sprechakte
Über alle Texte spricht die Dom 1603 Wörter in 172 Sprechakten, während der Sub 492 Wörter in 79 Sprechakten von sich gibt. Damit spricht die Dom 2,2-mal häufiger als der Sub und 3,3-mal so viele Wörter.
Die Länge und Häufigkeit der Sprechakte variieren zwischen den Texten stark, da manche Texte Sprechakt-lastiger waren als andere. Zwischen den Text ergibt das Verhältnis der Wortanzahl Werte zwischen 1,3 und 10,2. Aufgrund einiger sehr hoher Ausreißer wurde zur Überprüfung der Gesamtdatenmenge der Median ermittelt, der mit 3,5 dem obigen Wert von 3,3 stark ähnelt.
Das Verhältnis der Anzahl der Sprechakte streut weniger, hier variieren die Werte zwischen 1,0 und 4,0. Daraus ergibt sich ein Mittelwert von 2,4 und ein Median von 2,2, was sich mit dem obigen Wert für den Gesamtdatensatz deckt.
Da in jedem Textbeispiel die Dom signifikant mehr spricht und (mit einer Ausnahme) auch mehr Sprechakte als der Sub hat, erfüllt sie in Länge und Häufigkeit der Sprechakte die obige Definition von Gesprächsdominanz. Für diese Kategorie stimmen sexuelle und Gesprächsrolle überein.
Unterbrechungen- und Selbstunterbrechungenanalyse
Im gesamten Korpus wurden 251 Sprechakte untersucht. Dabei konnten insgesamt 10 Fälle von Unterbrechungen identifiziert werden. Diese wurden in zwei Kategorien eingeteilt: Unterbrechungen (6 Fälle) und Selbstunterbrechungen (4 Fälle).
Auffällig ist, dass alle sechs aktiven Unterbrechungen von dominanten Figuren ausgehen. Submissive Figuren unterbrechen in keinem der untersuchten Texte andere Personen. Die vier Selbstunterbrechungen verteilen sich gleichmäßig auf beide Rollen (2 Dom, 2 Sub).
Bei den Selbstunterbrechungen zeigen sich unterschiedliche Funktionen. Dominante Figuren unterbrechen sich vor allem zur Selbstkorrektur:
“Take them—” she had to clear her voice and avert her eyes. “Take them off and get in the bath.”
“Yes, And—” she caught herself. “Iwao?”
Bei submissiven Figuren scheinen Selbstunterbrechungen dagegen häufiger mit Unsicherheit oder vorsichtigen Bitten verbunden zu sein:
“Dad – Daddy,”
“Daddy,” he whined. “Can I – ?”
Die von dominanten Figuren initiierten Unterbrechungen erfüllen meist Funktionen der Gesprächskontrolle oder Machtdemonstration:
“Can I at least change into something less…” – “No.”
“Wait, wait, I didn’t mean to—” – “Nope.”
Insgesamt treten Unterbrechungen zwar nur selten auf, ihre Verteilung deutet jedoch auf eine klare Tendenz hin: Während dominante Figuren Unterbrechungen überwiegend als Mittel der Gesprächssteuerung einsetzen, erscheinen Selbstunterbrechungen bei submissiven Figuren häufiger als Ausdruck von Unsicherheit oder vorsichtiger Formulierung.
Sprechverben
Sowohl Dom als auch Sub verwenden „leise“ Sprechverben wie whispered, muttered oder murmured, wobei diese beim Sub wesentlich häufiger vorkommen; die Funktionen dieser Verben unterscheiden sich jedoch deutlich zwischen den beiden Rollen. Beim Sub drücken sie häufig Verlegenheit, Scham, Unsicherheit oder Zögern aus und markieren zugleich seine untergeordnete Position. Selbst in Momenten des Widerstands oder der Unsicherheit bleibt die Hierarchie bestehen, da der Sub Einwände nicht offen artikuliert, sondern sie lediglich murmelt oder flüstert. Der Sub erscheint dadurch wortwörtlich „kleinlaut“, wodurch seine Unterordnung sprachlich zusätzlich hervorgehoben wird. Bei der Dom sind „leise“ Sprechverben dagegen anders konnotiert. Wenn sie flüstert oder murmelt, geschieht dies meist in einem erotischen oder intimen Kontext. Das leise Sprechen signalisiert hier nicht Unsicherheit, sondern vielmehr Nähe, Verführung und Kontrolle. Die gleichen Verben erhalten somit je nach Sprecherrolle eine unterschiedliche Bedeutung: Während das leise Sprechen beim Sub Unterordnung und Verletzlichkeit ausdrückt, verweist es bei der Dom auf Souveränität und emotionale sowie sexuelle Macht. Darüber hinaus fällt bei der Dom eine deutliche Zweiteilung der verwendeten Sprechverben auf. Einerseits finden sich Verben mit negativer Konnotation, insbesondere solche des Befehlens (order, command) oder des Tadels (warn, snap). Diese Verben betonen Autorität, Macht und Kontrolle. Andererseits verwendet die Dom auch Verben mit ausgesprochen positiver und warmer Konnotation, etwa purr, insbesondere in Situationen, in denen der Sub gelobt oder bestätigt wird. Solche Verben vermitteln Zuneigung, Anerkennung und emotionale Nähe. Die Sprechverben der Dom folgen damit einer Art „carrot-and-stick“-Prinzip. Dominanz wird nicht ausschließlich durch Befehle, Drohungen oder Missbilligung hergestellt, sondern ebenso durch Lob, Bestätigung und Fürsorge. Dadurch entsteht ein komplexeres Bild von sprachlicher Dominanz, welche folglich nicht nur an Befehle und Drohungen geknüpft ist, sondern auch an die Kontrolle der positiven emotionalen Zuwendung durch die Dom.
Fazit
In acht englischsprachigen, fiktionalen, selbst-publizierten expliziten Kurztexten mit weiblichem Dom und männlichem Sub wurden die Sprechakte anhand der Kategorien Häufigkeit, Länge, Unterbrechung, Aufforderung, Satzzeichen und Sprechverben auf die Frage untersucht, ob sexuelle Dominanz mit Gesprächsdominanz einhergeht. Die Dom spricht häufiger und länger als der Sub und unterbricht als einzige andere Personen.
Einige der analysierten Kategorien tauchen sowohl bei der Dom als auch beim Sub auf, beispielsweise nutzen beide häufig Fragezeichen oder unterbrechen sich selbst. Diese gleich erscheinenden formalen Aspekte verfolgen aber unterschiedliche Ziele. Ähnlich ist bei den Sprechverben, bei denen beispielsweise die Lautstärke bei der Dom und beim Sub unterschiedliche Funktionen erfüllt.
Die untersuchten Daten deuten darauf hin, dass eine dominante sexuelle Rolle auch mit einer dominanten Rolle im Gespräch einhergeht und umgekehrt genauso eine unterwürfige sexuelle Rolle mit einer weniger dominanten Rolle. Aufgrund der geringen Anzahl der Texte kann dieses Projekt jedoch nur einen ersten Einblick in Gesprächsdominanz-Trends in Femdom-Erotika geben.
Literatur
Chapter 4 „Constructing normality: gendered discourses and heteronormativity“ in Baker, Paul (2008). Sexed Texts: Language, Gender and Sexuality. Equinox.