Team-Teaching und Peer-Learning in Kombination: Voraussetzungen und Erfahrungen in der Rechtswissenschaft

von Lisa Lüdders, Ulrike Holzwarth, Pia Romeike und Jörg Riedel

Beim Übergang von schulischem zu studentischem Lernen stoßen unterschiedliche Lernkulturen aufeinander. Dem formalisierten Lernen an der Schule steht ein Wissenserwerb gegenüber, der von den Studierenden hohe Eigeninitiative sowie Lernkompetenzen erfordert. Um im Fachbereich 06 die Zugänge zum universitären Lernen zu erleichtern, wurde deshalb zum Wintersemester 2017/18 die Veranstaltung „Erfolgreiches Studieren in der Rechtswissenschaft“ durchgeführt. Als innovative Lehrformen wurden dabei das Team-Teaching sowie das Peer-Learning kombiniert eingesetzt.

Institutioneller Hintergrund

Im Rahmen des ForstAintegriert-Projektes an der Universität Bremen werden derzeit mehrere Maßnahmenpakete am Fachbereich 06 gefördert. In diesem Artikel steht ein Lehr- und Lernformat im Vordergrund, das sich den Maßnahmenpaketen 1 „Uni-Start“ sowie 4 „Studentische Lernformate“ zuordnen lässt. Grundsätzliche Ziele dieser Maßnahmenpakete sind u.a. eine Verbesserung des Übergangs von schulischem zu universitärem Lernen durch den Erwerb von Studierkompetenzen, die Adressierung vielfältiger Vorkenntnisse und Voraussetzungen, zeit- und ortsunabhängigere Angebote zu entwickeln und diese stärker in bereits bestehende Einführungsveranstaltungen der Studieneingangsphase einzubinden. Studierende höherer Semester sollen darüber hinaus durch ihre aktive Teilhabe an Lehrveranstaltungen oder durch eine Beratung von „Student zu Student“ StudienanfängerInnen dabei unterstützen, sich schneller mit spezifischen Studienanforderungen auseinanderzusetzen und gezielte Strategien zur Studienalltagsbewältigung kennenzulernen.[1]

[1] Weiterführende Informationen zu den Maßnahmenpaketen finden sich unter https://www.uni-bremen.de/forsta.html

Der Aufbau von Studierkompetenzen stellt die wichtigste Voraussetzung für studentische Forschung dar. Forschendes Studieren kann erst ermöglicht werden, wenn im Studium die Grundlagen „erfolgreichen“ Studierens aufgebaut wurden. Im Folgenden soll ein Lehr- und Lernformat vorgestellt werden, das im Wintersemester 2017/18 für das erste Fachsemester durchgeführt wurde und sowohl Prinzipien des Peer-Learnings durch Einsatz einer studentischen Coach als auch die gemeinsame Lehre im Team integriert. Der letztgenannte Aspekt greift dabei auf die Gestaltung und Durchführung von Lehrveranstaltungen der studentischen Coach mit einer Praxislehrperson (= Team-Teaching) zurück.

Grundlagen zum Team-Teaching und Peer-Learning an Hochschulen

Eine Möglichkeit, die Studierenden besser auf ihre Rolle als eigenverantwortliche Partner im Studium vorzubereiten, ist die Steigerung ihres Engagements im Lernprozess. Hierbei wurden in der Rechtswissenschaft sehr gute Erfahrungen mit dem Modell des Peer-Learnings gemacht (vgl. Zacharopoulu & Turner, 2013). Peer-Learning ist als Konzept Mitte der 1970er Jahre in den USA entstanden und hat sich seitdem hauptsächlich im angloamerikanischen Bildungssystem etabliert. Dabei ist die Tradition des Peer-Learnings vermutlich so alt wie es menschliche Lernprozesse gibt. Denn Peer-Learning lässt sich definieren als der Erwerb von Wissen und Fähigkeiten durch aktive Hilfe und Unterstützung durch Statusgleiche. Dabei organisieren Personen aus gleichen Statusgruppen ihren Lernprozess, ohne dass sie professionelle Lehrende sind (vgl. Topping, 2005: 631).

Es gibt vielfältige Formen des Peer-Learnings, die sich kaum voneinander abgrenzen lassen. Die vor allem im angloamerikanischen Schulsystem am intensivsten erforschten Methoden sind Peer-Tutoring und Collaborative-Learning (ebenda: 632). Beim Peer-Tutoring gibt es eine klare Rollenzuschreibung als Tutor bzw. Tutee (engl. Bezeichnung für die studentischen Gegenüber einer Tutorin bzw. eines Tutors). Der Fokus liegt auf der Vermittlung curricularer Inhalte und die Interaktion läuft in klaren Strukturen ab. Das Collaborative-Learning hingegen orientiert sich an einer Zusammenarbeit im Hinblick auf ein gemeinsames Ziel bzw. Ergebnis (ebenda: 632). Dabei geschieht die Kooperation auf partnerschaftlicher Ebene und es sollen keine „surrogate teacher“ zum Einsatz kommen (Bruffee, 1993: 84). Vielmehr sehen beim Collaborative-Learning die Beteiligten die Institution aus derselben Perspektive – nämlich der Studierendenperspektive (ebenda: 84).

An der Universität Bremen gibt es im Rahmen des ForstA-Projekts seit 2012 studentische Coaches, die den Ansatz des Collaborative-Learnings in Lehrveranstaltungen tragen. Der Kerngedanke ist, dass sie Studierende begleiten, sich überfachliche Inhalte zum Lernen, Schreiben und Präsentieren anzueignen und diese einzuüben. Die konkreten Aufgaben werden dabei in Absprache zwischen den Lehrenden, den ForstA-Beauftragten in den Fachbereichen, den studentischen Coaches und der Studierwerkstatt festgelegt. Die studentischen Coaches erhalten dann von der Studierwerkstatt in Vorbereitungsworkshops ihr überfachliches Know-how.

Team-Teaching ist eine Form des Unterrichts, in der zwei oder mehrere Lehrkräfte oder ein multiprofessionelles Team den Unterricht gemeinsam vorbereiten, planen durchführen und evaluieren (Kirsten & Reich 2016: 10). Diese Methode nimmt in der Lehr-/Lernsituation eine wachsende Rolle ein, da es immer schwieriger wird, in heterogenen Lernkulturen individuellen Lernbedürfnissen zu entsprechen (ebenda: 11). In der Praxis ist Team-Teaching als Kombination zweier Lehrkräfte auch an Hochschulen nichts Außergewöhnliches. Allerdings ist die Zusammenarbeit zwischen Hochschullehrenden und Studierenden im Kontext des Peer-Learnings eine relativ neue Form des Team-Teachings (Gucciardi, Mach, Mo, 2017: 441).

Konzept und Ziele der Lehrveranstaltung „Erfolgreiches Studieren in der Rechtswissenschaft“

Charakteristisch für diesen Artikel sind unterschiedliche Perspektiven des Lehr- und Lernformates: die Perspektive ForstAintegriert, der Praxislehrperson, der studentischen Coach und auch der Studierenden.

ForstAintegriert (Dr. Lisa Lüdders)

Um den Einstieg in das Studium der Rechtswissenschaft zu erleichtern und bereits früh eine realistische Wahrnehmung der Studienanforderungen zu gewinnen, entstand im Sommer 2017 von mir die Idee, eine Praxislehrperson in die Studieneingangsphase einzubinden, die einschlägig im Bereich der Vermittlung von Studierkompetenzen ist. Da insbesondere das Kennenlernen und der Umgang mit Methoden der Stressbewältigung, des Lernens oder auch des Zeitmanagements im Vordergrund stehen sollten, wurde gezielt eine Person gewählt, die keine fachlichen Bezüge zu der Rechtswissenschaft besitzt. Durch den Einsatz einer überfachlichen Dozentin, Frau Ulrike Holzwarth, sollten sich nicht nur Perspektivwechsel auf Problemlagen ergeben, sondern auch die Unabhängigkeit der Studierenden gefördert werden. Da sie nicht als Prüferin an dem Fachbereich aktiv ist und auch keine Credit Points mit ihrem Lehrangebot verbunden waren, stand ausschließlich die Motivation der Studierenden, sich mit Methoden für ein erfolgreiches Studieren in der Rechtswissenschaft auseinanderzusetzen, im Vordergrund.

Um die Identifikation mit dem Fach Rechtswissenschaft dennoch zu ermöglichen und die Studierenden darüber hinaus noch stärker zu unterstützen, wurde Frau Pia Romeike als studentische Lerncoach eingestellt. Sie hatte bereits mehrere Phasen des Studiums zu diesem Zeitpunkt durchlaufen und steht kurz vor dem Abschluss ihres Examens. Die Fachkenntnisse und das Methodenspektrum im Hinblick auf die Studierkompetenzen sollten durch gemeinsames Team-Teaching und gleichzeitig durch Peer-Learning auf die Rechtwissenschaft zugeschnitten werden. Frau Romeike sollte über die Lehrveranstaltung hinaus Ansprechpartnerin auf Augenhöhe für die Studierenden sein, sodass auch das Angebot einer wöchentlichen Lernberatungssprechstunde von ihr entwickelt wurde. Neben meinem Besuch der Lehrveranstaltungen fanden zusätzlich eine enge Absprache und mehrere persönliche Austauschtreffen mit der Studierwerkstatt (Jörg Riedel) im Bereich des Maßnahmenpakets 4 statt, um Chancen und Herausforderungen stets aus unterschiedlichen Perspektiven zu diskutieren.

Praxislehrperson (Dr. Ulrike Holzwarth)

Als Praxislehrperson habe ich ein übergeordnetes Lernziel verfolgt: das Reflektieren von bereits vorhandenen Kompetenzen sowie das Vermitteln von zusätzlichen Strategien und Techniken, um im Studium der Rechtswissenschaft erfolgreich zu sein. Die Kompetenzen kamen aus den in Abbildung 1 dargestellten Teilbereichen und wurden an den insgesamt acht Lehrterminen in unterschiedlicher Gewichtung bearbeitet. Durch den Coacheinsatz konnten die Lehrinhalte im Vorfeld spezifisch auf das Studium der Rechtswissenschaft zugeschnitten werden. Z.B. wurde im Bereich Zeitmanagement deutlich, dass für die Prüfungsvorbereitung eine sehr langfristige Planung erforderlich ist: da im Studienplan des ersten Semesters kaum Zeit für die Prüfungsvorbereitung enthalten ist, sollte damit bereits nach den ersten Vorlesungen begonnen werden, indem Inhalte konsequent und regelmäßig nachbereitet werden.

Abbildung 1: Spektrum der Inhalte der Lehrveranstaltung

Studentischer Coach (Pia Romeike)

Als Lerncoach war es mein vorrangiges Ziel, den Studierenden einen realistischen Ablauf des Jurastudiums aufzuzeigen. Das beinhaltete vor allem die Darstellung möglicher Varianten, wie das Studium aufgebaut werden kann. Dazu habe ich den Studienverlaufsplan visualisiert und Voraussetzungen, sowie Etappenziele (aus Sicht eines Studierenden) dargestellt. Auch der mit dem Studium verbundene Aufwand in zeitlicher, aber auch in mentaler Hinsicht, konnte auf diese Weise verdeutlicht werden. So erfordert dieses Studium nicht nur Fleiß und Disziplin, sondern auch psychische Bestandskraft und Resilienz.

Zusammenfassend lassen sich die Ziele, wie folgt, darstellen:

Abbildung 2: Ziele strukturiert nach sozialen Rollen

Ziele der Studierenden

Die Studierenden wurden in der ersten Lehrveranstaltung dazu befragt, welche Unterstützung sie sich wünschen. Hierbei wurden insbesondere die Vorbereitung auf den Umgang mit Prüfungen und die Verbesserung des eigenen Lern- und Schreibverhaltens genannt, sodass die Inhalte der Veranstaltung daraufhin ausgerichtet wurden.

Potenziale und Voraussetzungen des Team-Teachings

Eine Lehrkooperation zwischen einer studentischen Coach und einer Praxislehrperson stellt ein Konzept dar, das nicht nur viele Potenziale auf Seiten der Praxislehrperson und der studentischen Lehrperson bereithält, sondern bestimmte Voraussetzungen für eine gelungene Kooperation benötigt.

Praxislehrperson (Dr. Ulrike Holzwarth)

Die Rahmenstruktur der Veranstaltung wurde mit der ForstA-Beauftragten, Lisa Lüdders, abgestimmt. Die weitere Planung habe ich dann direkt mit der studentischen Coach vorgenommen. Pia Romeike und ich haben hierzu erst einmal telefoniert, um unsere Erwartungen und das was wir einbringen möchten, abzugleichen. Zudem hat Frau Romeike mir auch einige Fragen zum Aufbau und Ablauf eines Studiums der Rechtswissenschaft beantwortet. Auch zur genaueren Planung der Veranstaltungen habe ich ihr Fragen gestellt und daraufhin die Planung angepasst. Nach der ersten Veranstaltung haben wir eine für uns passende Unterrichtsform festgehalten: einige gezielte Inputs von Frau Romeike in Kombination mit „geplanten Interviews“. D.h. ich habe ihr Fragen gestellt, die uns für die Studierenden hilfreich erschienen. So wurden aus meiner Sicht auch die Studierenden motiviert, Fragen zu stellen. Wir haben meist am Ende der Veranstaltungen konkretisiert, was wir das nächste Mal machen und dann kurz vorher die Details besprochen. Den zeitlichen Ablauf habe ich in einer Online-Tabelle, auf die auch Frau Romeike Zugriff hatte, festgehalten. Ihre Erfahrungen und auch ihr Wissen über den Ablauf des Studiums und die sinnvollsten Prüfungsvorbereitungsstrategien waren hierbei sehr hilfreich. Außerdem war sie immer sehr offen gegenüber den Inhalten, sodass wir virtuos planen konnten. Als wichtige Kompetenzen für das Team-Teaching habe ich bei der studentischen Coach wahrgenommen: Offenheit, Entspanntheit, Vertrauen in den Seminarprozess sowie die Fähigkeit, ihre Erfahrungen auch mir zu vermitteln.

Insgesamt habe ich die Lehrveranstaltung als sehr gewinnbringend empfunden: Ich habe sowohl einiges Inhaltliche über die Rechtswissenschaft gelernt, als auch erfahren, welch hohe Motivation und Resilienz benötigt werden, um dieses Studium zu bewältigen. Gleichzeitig war es wunderbar entspannend, nicht alleine für eine Veranstaltung verantwortlich zu sein und mich darauf verlassen zu können, alle Fachfragen zum Studium von Frau Romeike beantwortet zu bekommen. Neben all diesen Potenzialen gab es auch Herausforderungen. So stellte sich die Zeitdauer von 90 Minuten als zu kurz für tiefgehende Übungen heraus. Dadurch musste der Ablauf sehr genau geplant werden und es blieb nicht so viel Spielraum wie bei einer halbtägigen Veranstaltung. Dies wurde besonders deutlich an einem einmaligen längeren Veranstaltungstag, an dem wir über vier Zeitstunden verfügten. Der von mir anfangs befürchtete zeitliche Mehraufwand für die Planung hielt sich in Grenzen. Vor Beginn der Veranstaltung habe ich mit Frau Romeike etwa eine Stunde investiert und danach haben wir uns in jeweils etwa einer halben Stunde abgesprochen.

Studentischer Coach (Pia Romeike)

Als mir Studiendekanin Prof. Ingeborg Zerbes von dem Konzept des Lerncoaches erzählte, weckte sie direkt mein Interesse an dieser Tätigkeit, da ich gerne erste Erfahrungen als Lehrende im Team-Teaching sammeln wollte. Zudem entstand ein schöner Nebeneffekt dadurch, dass sich ein Coach in der Universität verwurzelt und das eigene Netzwerk ausgebaut wird. So erhielt ich wichtige Informationen von der ForstA-Beauftragten, die auch den weiteren Kontakt zu Jörg Riedel von der Studierwerkstatt und der Dozentin Ulrike Holzwarth herstellte.

Die gemeinsame Vorbereitung mit Frau Holzwarth erfolgte sehr unkompliziert. Meine Rolle als studentischer Lerncoach wurde sowohl von der Praxislehrperson als auch von den Studierenden an- und vor allem ernst genommen. Wir begegneten uns auf Augenhöhe, was die Vorbereitungen einerseits sehr angenehm und andererseits aufgrund der oftmals gleichen Vorstellungen zeitlich erschwinglich machte. Durch Zugriff auf eine Online-Tabelle konnte ich den von ihr erstellten Ablaufplan immer einsehen und mich bereits vorbereiten. Das beinhaltete die eigene Vorbereitung von Lehreinheiten, die Gestaltung von Lehrmaterial, sowie die Beantwortung von Fragen Studierender. Ich habe mir diese Zeit gerne genommen und so auch zusätzlich eine Sprechstunde angeboten, um auf individuelle Fragen besser eingehen zu können. Zudem haben Frau Holzwarth und ich die Einheiten immer vor- und nachbesprochen. Abgestellt auf die reinen Besprechungen haben sie am Anfang etwa eine Stunde gedauert, das nahm im Verlauf der Veranstaltungen allerdings ab. Die jeweiligen Einheiten haben wir außerdem immer direkt im Online-Tool reflektiert und konnten so festhalten, was uns gut und was uns verbesserungsfähig erschien.

Die direkte Umsetzung unserer Reflexionen und das Zusammenspiel von ihren und meinen Kompetenzen waren meiner Meinung nach das, was die Veranstaltung erfolgreich zum Ziel führte. Dabei erhielten wir die volle Unterstützung der Studierwerkstatt und von ForstAintegriert.  Um die Veranstaltung optimal begleiten zu können, sollte der Coach offen dafür sein, Kenntnisse und Fähigkeiten zu teilen und Kritik (sowohl positiv als auch negativ) als Chance zu sehen. Etwas Selbstbewusstsein und Eigeninitiative runden das Bild ab und geben dem Coach selbst die Möglichkeit, über sich hinauszuwachsen. Dabei war es eine Herausforderung, weil wir auf keine Erfahrungswerte zurückgreifen konnten. Um unsere Vorstellungen und Wünsche abzugleichen, haben wir uns im Vorhinein mit allen Beteiligten beraten und Frau Holzwarth und ich haben die Einheiten dann jeweils in Abgleich unserer Reflexionen angepasst.

Abbildung 3: Potenziale des Team-Teachings – Pia Romeike (rechts) und Dr. Ulrike Holzwarth (links) mit Spaß bei der Arbeit

ForstAintegriert (Dr. Lisa Lüdders)

Die Potenziale des Team-Teachings lassen sich aus der ForstAintegriert-Perspektive durch die erfolgreiche Integration mehrerer Maßnahmenpakete verankern. So sollten diese nicht unabhängig voneinander bestehen und stets eine intensive Kooperation mit den zentralen AnsprechpartnerInnen von ForstA vorsehen. Die Praxislehrperson, Frau Holzwarth, konnte durch eine Empfehlung der Studierwerkstatt gewonnen werden, die studentische Coach, Pia Romeike, mit dem Ansprechpartner Jörg Riedel vernetzt werden. So ergaben sich ganz neue Perspektiven für die Lehrveranstaltung und den Einsatz des Team-Teachings. ForstAintegriert besitzt somit einen größeren Handlungsspielraum, in dem neue Konzepte erprobt werden können, als ich bisher vermutet hatte. Das Zusammenspiel beider Lehrpersonen war hervorragend, sodass als wichtigste Herausforderung sicherlich die Symbiose zwischen beiden zu nennen ist. Diese Übereinstimmung im Lehr- und im Vorbereitungsstil setzt jedoch auch voraus, dass ein gewisses Ausmaß an Heterogenität nötig ist, um einen Gewinn der Studierenden durch beide Lehrenden festzustellen. Diese Heterogenität zeigte sich in den fachlichen Unterschieden. Während Frau Holzwarth ihre überfachliche Perspektive und ihre Lehrerfahrung als Expertin einbrachte, war Pia Romeike fachliche Ansprechpartnerin für das juristische Studium. Zudem verfügt sie ebenfalls über didaktische Methoden zur Umsetzung guter Lehre und ein Selbstvertrauen, sich in der Lehre zu präsentieren. Die letztgenannten Aspekte stellen eine grundlegende Voraussetzung für einen studentischen Coach dar, um sich im Team erfolgreich in Lehrveranstaltungen zu bewähren.

Potenziale und Voraussetzungen des Peer-Learnings

Während bisher der Fokus dieses Artikels auf dem Team-Teaching lag, soll nun die Ebene des Peer-Learnings und der Mehrwert der studentischen Coach in der Lehre und in zusätzlichen Angeboten diskutiert werden.

Praxislehrperson (Dr. Ulrike Holzwarth)

Ich vermute, dass sich die Studierenden über das Peer-Learning offener verhalten und mehr Fragen, auch praktischer Art, gestellt haben. Sie haben die Arbeit der studentischen Coach als sehr wertvoll wahrgenommen und sich sehr gut unterstützt gefühlt. Pia Romeikes Vertrauen in die eigenen Erfahrungen, ihre Empathie gegenüber den Studierenden, ihr Humor und ihre greifbaren Erklärungen haben aus meiner Sicht maßgeblich dazu beigetragen. Folgende Eigenschaften und Haltungen lassen sich generell daraus für die Vorbereitung anderer Coaches ableiten: Eigeninitiative, Freude am Weitergeben von Erfahrungen, Offenheit, sich auf verschiedene Sichtweisen der Studierenden einzustellen sowie ein gutes Reflexionsvermögen.

Studentische Coach (Pia Romeike)

Den Studierenden sollen von Beginn an Kompetenzen für das Studium der Rechtswissenschaft und darüber hinaus vermittelt werden. Durch eine realistische Betrachtung, die Kenntnis, wer wann Hilfe bieten kann, eine vernünftige Organisation und sinnvolles Zeitmanagement kann das Studium deutlich erleichtert werden. Wir haben versucht, diese Information darzulegen und die Bedeutsamkeit aber auch die Möglichkeit der Erweiterung von Kompetenzen während des Studiums durch ForstAintegriert aufzuzeigen. Dabei hatte ich den Eindruck, dass meine Rolle als Lerncoach geschätzt wurde. Es brachte eine Art Nähe in die Veranstaltungen, die bei den Studierenden Offenheit auslöste. Sie stellten viele Fragen und zeigten Interesse, wodurch sich die Einheiten angenehm interaktiv gestalteten. Ich glaube, dass wir den Studierenden gerade durch die Kombination von Praxislehrperson und mir gut vermitteln konnten, wie sie an ihren Fähigkeiten arbeiten und ein Studium der Rechtswissenschaft gut bewältigen können. Frau Holzwarth vermittelte den Studierenden durch ihre didaktischen Kompetenzen das dafür erforderliche Know-How. Dadurch, dass das Studium der Rechtswissenschaft an der einen oder anderen Stelle doch sehr speziell ist, war es aber auch wichtig, den fachlichen Bezug (optimal mit eigenen Erfahrungen) aufzuzeigen. Auf diese Weise wurde die Veranstaltung von ihrer Abstraktheit gelöst und die Studierenden konnten die durch Frau Holzwarth vermittelten Techniken direkt auf ihr Studium der Rechtswissenschaft anwenden.

ForstAintegriert (Dr. Lisa Lüdders)

Beim Peer-Learning ist ein wesentlicher Vorteil darin zu sehen, dass die Inhalte der Lehrveranstaltung ernster genommen wurden, da ein Kontakt auf Augenhöhe stattfand. Der Einsatz von Frau Romeike, als Studentin eines höheren Semesters, zeigte, dass Hürden und Blockaden sehr deutlich benannt wurden und somit eine unmittelbare Konfrontation mit unangenehmen Studienanforderungen gegeben war. Gleichzeitig konnte Frau Romeike aber auch aufzeigen, welche Erfolgsstrategien sie bisher in ihrem Studium eingesetzt hatte. Durch die Rückkopplung mit der Praxislehrperson, die an dieser Stelle eine wichtige Voraussetzung für das Peer-Learning ist, entstand ein Abgleich der eigenen bisher angewandten Problemlösestrategien der studentischen Coaches. Die Erkundung weiterer Strategien kann somit zur Weiterentwicklung der studentischen Coach selbst beitragen und die Vermittlung von Inhalten im Peer-Kontext optimieren. Eine weitere wichtige Voraussetzung ist sicherlich, dass potentielle studentische Coaches bereits in Lehrveranstaltungen oder anderen universitären Angeboten des Fachbereichs wahrgenommen wurden. Hierzu zählen sehr wahrscheinlich die aktive Teilnahme an Lehrinhalten, sich bei ProfessorInnen bekannt machen und ggfs. auch in Forschungsprojekten als Hilfskraft gearbeitet zu haben, sodass auf ForstAintegriert-Ebene diese Studierenden bereits sichtbar werden.

Erfahrungsberichte der Studierenden

Sowohl auf der ForstAintegriert– als auch auf den anderen Ebenen der Lehre waren starke Hoffnungen an die Lehrveranstaltung und das zusätzliche Angebot einer studentischen Lernberatung geknüpft. So sollten die Studierenden möglichst viele praxisbezogene Tipps für ihr Studium nutzen können und auch über das erste Fachsemester hinausgehend eine Anwendung ermöglichen. Fachliche Inhalte waren nicht Bestandteil der Lehre (mit Ausnahme der Vernetzung der Methoden zu den rechtswissenschaftlichen Anforderungen), sodass auch eine Auszeit vom regulären Studienalltag geschaffen werden sollte, die jedoch durch einen professionellen Austausch begleitet wird. Während eine Ersterhebung der Erwartungen der TeilnehmerInnen durchgeführt werden konnte (N=35), gestaltete sich eine standardisierte quantitative Evaluation als schwierig, da nicht ausreichend Studierende an dieser Erhebung teilnahmen. Gründe hierfür mögen u.a. an dem Zeitpunkt der Evaluation liegen (in der Prüfungszeit) sowie der starken Überevaluierung des Fachbereichs 06. Auf Grundlage dessen wurde ein qualitatives Feedback von wenigen Studierenden gesammelt.

Erfahrungsbericht 1

Die Teilnahme an der Veranstaltung ‚Erfolgreiches Studieren in der Rechtswissenschaft’ war eine Bereicherung für mich, da mir wichtige Tipps gegeben wurden, die mir bei der Strukturierung meines Studiums weiterhelfen. Ich fand es sehr hilfreich, dass Frau Pia Romeike eine Sprechstunde angeboten hat. Dadurch wurde mehr auf individuelle Fragen und Ängste in einer vertrauensvollen Atmosphäre eingegangen.“

Erfahrungsbericht 2

Etwas nimmt man immer mit. Ein paar neue Ideen bekommt man immer und zumindest ein paar neue Vorsätze fallen für einen ab. Außerdem kann mir keiner erzählen, dass er in der Zeit, in der er nicht im Kolloquium saß mit seiner Zeit etwas Besseres angefangen hat (…). Die Dozenten waren gut gewählt. Ich würde an einen solchen Kurs immer wieder gerne teilnehmen (…) und ihn auch jedem jederzeit empfehlen.“

Erfahrungsbericht 3

„Die Veranstaltung ist sehr hilfreich für alle, die sich Unterstützung wünschen – erste Orientierung zu erhalten im Fachbereich – und mit viel Liebe und Tipps angereichert, die einem helfen einen kühlen Kopf zu bewahren, sich besser zu organisieren und einfach auch etwas über sich zu erfahren. Mir hat es Sicherheit gegeben von einer erfahrenen Jurastudentin zu erfahren, was funktioniert und was nicht und welche (Lern)horizonte für ein erfolgreiches Jurastudium notwendig sind. Sehr empfehlenswert, um sich im Erstsemestergetümmel zurechtzufinden!“

Herausforderungen im Rahmen von ForstAintegriert

Neue Lehrformate in das Studium zu integrieren, setzt eine hohe Planungsintensität voraus. So müssen Lehrpersonen und studentische Coaches zunächst rekrutiert und ein zusätzlicher Zeitaufwand durch Schulungen über das Coachprogramm der Studierwerkstatt muss ebenfalls bedacht werden. Die Vernetzung sollte daher so früh wie möglich einsetzen, da sich durch die Anzahl der Beteiligten die Terminplanung schwieriger gestalten kann. Auch die Strukturierung der Ziele des Lehr- und Lernformates ist wichtig, ergibt sich aber oft erst nach einem intensiven Kontakt. So kann aus ForstA-Perspektive nicht immer umgehend eingeschätzt werden, wie sich das Format in der Realität bewährt und ob dieses auch von den Studierenden angenommen wird. Die Zeit der Lehrveranstaltung wurde aufgrund der Lehrplanung und der Abstimmung mit den Lehrpersonen angepasst. Alle Studierenden des ersten Fachsemesters sollten zumindest potentiell die Möglichkeit besitzen, an dem Angebot teilzunehmen und dieses sollte wöchentlich stattfinden. Da im rechtswissenschaftlichen Studium unter der Woche nur wenige freie Lehrkapazitäten bestehen, wurde die Lehrveranstaltung einmal verschoben und um einen längeren Workshop ergänzt. Ein weiterer wesentlicher Nachteil ist die derzeitige Finanzierung der Lehrformate. Die methodischen Workshops der Praxislehrperson werden in anderen Organisationen durchaus besser bezahlt, sodass hier und auch bei der Finanzierungshöhe der studentischen Coaches noch mehr Kapazitäten wünschenswert wären. Die Form des Team-Teachings war für die Lehrpersonen zeitsparend, jedoch war die Vorbereitungszeit dafür intensiver. Aus Sicht der Studierenden könnte zusätzlich ein Teilnahmezertifikat sinnvoll sein, um neben ihrer intrinsischen Motivation auch eine externe Wertschätzung für den Lebenslauf zu ermöglichen.

Fazit

Der Erwerb von Studierkompetenzen stand durch Anwendung eines Team-Teaching- und Peer-Learning-Formats in der Studieneingangsphase im Vordergrund. Durch die beschriebene Lehrveranstaltung und die Lernberatungssprechstunde konnte frühzeitig auf spezifische Fragen eingegangen und die Wahrnehmung für einen realistischen Umgang mit zukünftigen juristischen Studienbedingungen geschärft werden. Gleichzeitig wurden unterschiedliche Vorkenntnisse und Voraussetzungen der Studierenden im Umgang mit den überfachlichen Methoden zum Gegenstand gemacht und damit die Heterogenität positiv in der Lehre verankert. Das Angebot wurde variabler eingesetzt und sichtbar präsentiert, z.B. Werbeaktivitäten mit Plakaten, Mails, auf der Septemberakademie und in Präsenzvorlesungen der Erstsemester. Je nach Veranstaltung könnte die Synergie aus den direkten Studienerfahrungen von Lerncoaches und den Inhalten der Praxislehrperson auch auf Fachlehrveranstaltungen in und außerhalb der Rechtswissenschaft übertragen werden. Wichtig dabei ist ein gut funktionierender und wertschätzender Umgang zwischen Coach und Lehrendem.

Abschlusszitat von Pia Romeike

„Der Einsatz von Lerncoaches ist meiner Meinung nach unheimlich wertvoll für die Studierenden. Gerade Coaches aus höheren Semestern können ihre Erfahrungen aufzeigen, Tipps geben und bringen die Nähe in die Veranstaltungen. Es ist eine tolle Aufgabe, die nicht nur den Teilnehmern ein Mehr vermittelt, sondern einem Coach ebenso. Verschiedene Perspektiven, Ansichten, Gedanken der Studierenden, das gemeinsame Lehren mit einer erfahrenen Dozentin und der schöne Nebeneffekt so manch eine Technik für sich neu zu entdecken, machen diese Aufgabe besonders spannend. Ich mache gerne als Coach weiter!“

Über die Autor_innen:

Dr. Lisa Lüdders, Dipl. Psych., B.A. Soz., koordiniert seit April 2017 das ForstAintegriert-Projekt am Fachbereich 06. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung für Methodik & Evaluation und Lehrende für Statistik im B.Sc. Psychologie des Fachbereichs 11 setzt sie studentische Forschungsprojekte praxisnah innerhalb und außerhalb ihrer Lehre bereits seit mehreren Jahren um.

Dr. Ulrike Holzwarth, Diplom Biologin, ist seit 2015 als Dozentin für die Studierwerkstatt der Universität Bremen tätig. Dort unterrichtet sie semesterübergreifend Techniken des erfolgreichen Studierens für Studierende aller Fachrichtungen.

Dipl.-Inh. (WA) Pia Romeike ist Studentin der Rechtswissenschaft im 9. Semester. Durch ihre beruflichen Vorerfahrungen bringt sie bereits fachübergreifende Qualifikationen, sowie Führungsqualität und Routine als Referentin mit. Am Fachbereich 06 ist sie als Lern- und Schreibcoach, freiwillige Korrektorin und als Tutorin im Strafrecht tätig.

Diplompädagoge Jörg Riedel koordiniert seit 2016 das ForstA-Maßnahmenpaket 4, studentische Lernformate. Als Mitarbeiter der Studierwerkstatt ist er für die Ausbildung und den Einsatz der Coaches im Rahmen des Peer-Learnings verantwortlich.

Literatur:

  • Bruffee, Kenneth A. (1993). Collaborative Learning. Peer Tutoring and Institutional Change. Baltimore: The Johns Hopkins University Press.
  • Gucciardi, Enza & Mach, Calvin & Mo, Stephanie (2016). Student-Faculty Team Teaching – A Collaborative Learning Approach. In. Journal Mentoring & Tutoring: Partnership in Learning, Vol 24, 2016, 441 – 455.
  • Kricke, Meike & Reich, Kersten (2016). Teamteaching, Weinheim.
  • Topping, Keith J. (2005). Trends in Peer Learning. In: Educational Psychology, Vol. 25, No. 6, December 2005, 631 – 645.
  • Zacharopoulou, Amanda & Turner, Catherine (2013). Peer Assisted Learning and the Creation of a „Learning Community“ for First Year Law Students. In: The Law Teacher, 47:2, 192 – 214.

Bildnachweis:

Autor_innenfotos: Lisa Lüdders (privat); Ulrike Holzwarth (privat); Pia Romeike (privat), Jörg Riedel (privat)
Abbildungen 1 und 3: Ulrike Holzwarth und Pia Romeike (privat)
Abbildung 2: Eigene Darstellung

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