Eine europäische Vernetzungsgeschichte: Bremen und Mykolajiw im 2. Weltkrieg. Austausch zwischen Bremer und ukrainischen Geschichtsstudierenden

von Ulrike Huhn und Julia Timpe

Zwei Orte – eine gemeinsame Geschichte

Die Städte Bremen und das südukrainische Mykolajiw (Nikolajew) sowie ihre Regionen haben eine besondere Verbindung: Während des Zweiten Weltkrieges wurden zahlreiche Ukrainer und Ukrainerinnen zur Zwangsarbeit nach Deutschland deportiert, vor allem Frauen und Kinder und Jugendliche. Bremen, während des Krieges ein wichtiger Standort der maritimen Rüstungsproduktion im nationalsozialistischen Deutschland, sollte von den Fachkenntnissen der aus der Werftstadt Nikolajew deportierten Zwangsarbeiter/innen besonders profitieren.

Diese historische Verbindung wirkt noch heute weiter und in beiden Orten lassen sich Spuren finden: In Mykolajiw leben noch heute einige hochbetagte Menschen, die während des Krieges nach Deutschland deportiert worden waren. In Bremen und Norddeutschland wiederum gibt es mittlerweile mehrere Gedenkstätten, an denen diese Geschichte von Verschleppung und Zwangsarbeit nachvollzogen werden kann. Im Rahmen verschiedener Lehrveranstaltungen haben sich Studierende der Universität Bremen in den letzten zwei Jahren mit diesen Verbindungen beschäftigt, sich mit ukrainischen Studierenden und Wissenschaftler/innen ausgetauscht und gemeinsam historische Orte in Norddeutschland und der Ukraine besucht.

Im Sommersemester 2016 brach dazu zunächst eine Gruppe von 18 Bachelor- und Masterstudierenden der Integrierten Europastudien, Geschichts- und Politikwissenschaft unter Leitung von Dr. Ulrike Huhn und Dr. Julia Timpe zu einer einwöchigen Exkursion in die Ukraine auf. In Kiew und Mykolajiw trafen wir ehemalige NS-Zwangsarbeiter/innen sowie Menschen, die als Kinder von Zwangsarbeiter/innen nach Deutschland verschleppt worden waren, um von ihren Erfahrungen in Deutschland während des Krieges zu hören. An der Universität Mykolajiw nahmen wir gemeinsam mit dortigen Studierenden und Promovierenden an einem von Dr. Anatolii Pogorielov mitorganisierten zweitägigen Workshop teil. Im Fokus stand die Präsentation und Diskussion studentischer Rechercheergebnisse zu vielfältigen Kriegserfahrungen, deren Folgen und Bedeutungen in der regionalen Erinnerungskultur.

Abbildung 1: Gruppenfoto vor dem Institut für Geschichte, Politikwissenschaften und Recht der V.O. Sukhomlynsky Mykolaiv National University, Juni 2016

Der Austausch zwischen den Universitäten Bremen und Mykolajiw wurde dann im Oktober 2017 fortgesetzt, als eine Gruppe von zehn ukrainischen Studierenden für eine Woche in Bremen zu Gast war und gemeinsam mit zehn Bremer Studierenden verschiedene Orte in Bremen und Norddeutschland besuchte, an denen NS-Zwangsarbeit erinnert und erforscht wird. So besuchten wir den Denkort Bunker Valentin in Bremen-Nord, das Staatsarchiv Bremen, die KZ-Gedenkstätte Neuengamme in Hamburg sowie die Gedenkstätte Augustaschacht, ein früheres „Arbeitserziehungslager“ bei Osnabrück. Besonders wichtig und produktiv war der internationale, multiperspektivische Austausch zwischen den Teilnehmenden aus Bremen und Mykolajiw und die unterschiedlichen familienbiographischen Verbindungen mit dem Thema NS-Zwangsarbeit. Ein Höhepunkt der Woche war ein öffentlicher Workshop an der Bremer Landeszentrale für politische Bildung. Hier stellten Dr. Anatolii Pogorielov von der Universität Nikolajew sowie einige Studierende aus Nikolajew und Bremen ihre u.a. auf Akten der Staatsarchive Bremen sowie des Gebiets Nikolajew basierenden Forschungsergebnisse zum Themenkomplex NS-Zwangsarbeit vor.

Multiperspektivität als Lernziel: Möglichkeiten und Grenzen bilateraler Lehre

Die Exkursion in die Ukraine fand im Sommersemester 2016 im Rahmen eines regulären Wahlpflichtmoduls mit zwei Seminaren am Institut für Geschichtswissenschaften statt. Dabei diente ein wöchentlich stattfindendes Seminar der inhaltlichen Vorbereitung der Exkursion sowie der Ausarbeitung von Vorträgen für den gemeinsamen Workshop in Mykolajiw; die Exkursion selbst war dann als zweites Seminar anerkannt. Beide Seminare des Moduls waren damit eng verzahnt. So mussten die Studierenden im Anschluss auch Hausarbeiten und Essays für das Bestehen des Moduls einreichen. Für die Lehrenden war wichtig, dass der große organisatorische Aufwand für die Planung und Durchführung der Exkursion als Teil der Lehrverpflichtung anerkannt wurde.

Der Rückbesuch im Herbst 2017 fand als gemeinsames deutsch-ukrainisches Austauschseminar wiederum im Rahmen der regulären Lehre (diesmal im Bereich General Studies) unter der Leitung von Dr. Ulrike Huhn am Institut für Geschichtswissenschaften statt. Noch stärker als bei der Exkursion in die Ukraine war der Rückbesuch als multiperspektivische Auseinandersetzung geplant. Für die Bremer Studierenden stellte die Auseinandersetzung mit den auch familienbiographisch geprägten Perspektiven der ukrainischen Teilnehmenden, aus deren Familien während des 2. Weltkrieges ebenfalls Angehörige zur Zwangsarbeit nach Deutschland deportiert worden waren, eine wichtige Erweiterung dar. Es wurde deutlich, dass die Bremer Studierenden, die sich im Lauf ihres Studiums in Haus- oder Abschlussarbeiten bereits mit dem Thema NS-Zwangsarbeit beschäftigt hatten, oft einen stark täter- bzw. topographisch zentrierten Blick eingenommen und entsprechende Fragestellungen verfolgt hatten. Dies hat auch mit der Quellenlage in Bremen als „Tatort“ zu tun. In der Auswertung betonten viele Studierende jedoch auch, dass die eigene Anschauung der früheren Lager- und Arbeitsorte jenseits der bisherigen Lektüre zur Organisation von Zwangsarbeit für sie sehr anschaulich vermittelt hat, wie alltäglich das Phänomen Zwangsarbeit war.

Die ukrainischen Studierenden dagegen konnten in ihren Forschungen viel stärker die Perspektive der Betroffenen einbringen, auch weil sie Zugang zu anderen Quellen hatten bzw. diese aufgrund von entsprechenden Sprachkenntnissen rezipieren können. Im Staatsarchiv von Mykolajiw sind nach den jüngsten Archivreformen in der Ukraine ehemalige sowjetischen KGB-Bestände zugänglich: Diese enthalten Akten des sowjetischen Geheimdienstes aus den so genannten Filtrationslagern, in denen nach 1945 die rückkehrenden sowjetischen Zwangsarbeiter/innen und Kriegsgefangenen aus Deutschland wegen angeblicher „Kollaboration“ mit den Deutschen befragt wurden. Vielen wurden dort die persönlichen Unterlagen und Briefe ihrer Angehörigen, die sie in den deutschen Lagern erhalten hatten, abgenommen. Daher enthalten diese Bestände seltene individuelle Zeugnisse. Studierende der Universität Mykolajiw hatten diese Akten in Vorbereitung auf den Besuch in Bremen gezielt für Arbeitsorte in Bremen durchgesehen. Das gemeinsame deutsch-ukrainische Seminar ermöglichte daher einen wichtigen Perspektivwechsel von der Täter- auf die Opferperspektive.

Abbildung 2: Familienbiographischer Workshop, Bremen, Oktober 2017

Eine Herausforderung der beiden Begegnungen war jedoch die direkte Kommunikation beider Studierendengruppen aufgrund fehlender Sprachkenntnisse beider Seiten. Nur einzelne Studierende sprachen sowohl Deutsch als auch Ukrainisch bzw. Russisch; eine direkte Verständigung auf Englisch war aufgrund der oft geringen Englischsprachkenntnisse der ukrainischen Studierenden nur begrenzt möglich. In der Praxis mussten die Gespräche immer wieder übersetzt werden, was den direkten Gedankenaustausch verlangsamte und teilweise behinderte.

Für die meisten ukrainischen Studierenden stellte die vom DAAD grundfinanzierte Studienreise die überhaupt erste Auslandsreise dar. Dies hat auch mit der desolaten wirtschaftlichen Lage des Landes zu tun. Auch aus diesem Grund sei dem International Office der Universität Bremen gedankt, das aus dem Internationalisierungsfonds unbürokratisch über die DAAD-Pauschalen hinaus eine Förderung der gemeinsamen Programmkosten vor Ort in Bremen finanziert hat. Die ukrainischen Studierenden beschrieben in der Auswertung, dass sie die Reise auch als Überwindung ihrer isolierten Lage in Europa empfunden haben. Zugleich wurde ihnen deutlich, wie wichtig Fremdsprachkenntnisse dafür sind. Zugleich war es für sie eindrücklich zu erleben, dass sie dank des 2017 von der EU verfügten visafreien Reiseverkehrs nun unkompliziert nach Europa reisen können. Für EU-Bürger ist die visafreie Einreise in die Ukraine bereits seit 2004 möglich – auch umgekehrt war es für die Bremer Studierenden erhellend, wie einfach eine Reise in die Ukraine möglich ist.

Ukraine: Land im Aufbruch

Die Reise in die Ukraine im Sommer 2016 fiel auch angesichts der anhaltenden militärischen Auseinandersetzung mit den Separatistengebieten und so genannten „Volksrepubliken“ Donezk und Luhansk mit vielen innenpolitischen Aufbrüchen und Verwerfungen zusammen. Im Gespräch mit unserer Studentengruppe formulierte eine ukrainische Auschwitz-Überlebende sehr deutlich für ihre Generation: „Wir müssen neu lernen zu verstehen, was der Krieg für uns bedeutet.“ Während unserer Exkursion konnten die Bremer Studierenden diesen Aufbruch des jungen, erst 1991 aus der Zerfallsmasse der Sowjetunion hervorgegangenen Staates sehr unmittelbar erleben. Etwa beim Besuch des „Nationalen Museums für die Geschichte der Ukraine im 2. Weltkrieg“ in Kiew wurde sichtbar, wie engagiert die Suche nach einer neuen staatsbürgerlichen und nationalen Identität ausgetragen wird. So wurde das 1981 noch in der Sowjetunion gegründete Museum unter dem Namen „Museum für die Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges“ im Jahr 2015 in „Museum für die Geschichte der Ukraine im 2. Weltkrieg“ umbenannt, so dass der ukrainische Diskurs nun an die in Europa übliche Bezeichnung anschließt. Zum anderen waren im Foyer des Museums Uniformen von Kämpfern aus der Ostukraine ausgestellt, darunter auch von Freiwilligen-Verbänden. Diese Integration der jüngsten Geschichte in das Museum des 2. Weltkrieges ließ unter den Bremer Studierenden viele Fragen offen. Wie stark Geschichte da zum Stützpfeiler für eine (neue) nationale Identität wurde, war eine zentrale, in Teilen auch befremdliche Erkenntnis, die aber auch Fragen nach den eigenen als selbstverständlich vorausgesetzt gedachten Prägungen aufwarf.

Für viele Bremer Studierende war die Reise in die Ukraine oft auch die erste Reise in ein osteuropäisches Land, die ihnen eine eigene Anschauung von den aktuellen Problemen und Herausforderungen vermittelt hat. Zugleich wurde vielen bewusst, wie wenig sie bisher über diese Regionen wussten. Die gemeinsame Reise, auch das Abenteuer einer Nachtzugfahrt von Kiew quer durch das Land nach Mykolajiw und Odessa am Schwarzen Meer, ließ die Bremer Gruppe zusammenwachsen – viele sahen in dieser Reise eine der wichtigsten Erfahrungen ihres Studiums. Insgesamt zeigte die Resonanz der Studierenden, dass Veranstaltungen wie diese, die eigene Forschung und Exkursionen kombinieren, sehr nachgefragt sind. Dies schlug sich auch in der studentischen Nominierung des Moduls für den Berninghausen-Preis für gute Lehre in der Kategorie „Forschendes Lernen“ nieder.

Er-fahr-ungen und Erkenntnisse: Unerhörte Geschichten

Neben dem Austausch mit ukrainischen Studierenden und Eindrücken zur gegenwärtigen Situation der Ukraine sowie zu Prozessen und Praktiken von Identitätsbildung via Geschichte und Geschichtsschreibung gaben die Lehrveranstaltungen und Exkursionen den Bremer Studierenden auch Einblicke in Berufsfelder für Historiker/innen, Möglichkeiten zur Weiterbildung sowie Anregung für weitere Forschungsarbeiten. Zu erwähnen wäre hier zum einen die  Zusammenarbeit mit dem Denkort „Bunker Valentin“, welche den Bremer Studierenden weitere Kenntnisse über ein zukünftiges Arbeitsfeld für Historiker/innen vermittelte, auch weil die ukrainischen Seite mit den beschriebenen neuen Quellenbeständen aus dem Staatsarchiv Mykolajiw die bislang in Bremen wenig bekannten Schicksale von sowjetischen Zwangsarbeiter/innen und Kriegsgefangenen beleuchteten. Eine Studentin beschrieb, wie eindrücklich es für sie war, dass die Forschung nicht abgeschlossen ist, sondern es noch immer in einem so intensiv beforschten Gegenstand wie NS-Deutschland viele zu untersuchende Archivbestände gibt. Viele Mitglieder der Bremer Studiengruppe arbeiten bzw. arbeiteten neben dem Studium an Gedenkstätten zur Geschichte des Nationalsozialismus, wie etwa als Guide am Bremer Denkort „Bunker Valentin“ bzw. als Hilfskraft an der Gedenkstätte Hamburg-Neuengamme und konnten daher durch die Exkursionen und Lehrveranstaltungen ihre Fachkenntnisse vertiefen.

Eine andere Erkenntnis betraf das in der Geschichtswissenschaft und breiteren Öffentlichkeit viel beschworene „Ende der Zeitzeugen“ in Bezug auf die Forschung zum 2. Weltkrieg. Auf der einen Seite war unsere Gruppe davon auch betroffen. So wollten wir im Sommer 2016 in Mykolajiw eine Zeitzeugin treffen, die zur Zwangsarbeit nach Bremen deportiert worden war. Allerdings verstarb sie einen Monat vor unserem Besuch im Alter von 90 Jahren. Auf der anderen Seite öffneten sich für uns aber andere, zunächst unerwartete Perspektiven:  Wir konnten mit Mykola Prjadko und Viktor Semenenko zwei Zeitzeugen treffen, die mit ihren Eltern als Kinder nach Deutschland deportiert wurden bzw. (im Fall von Viktor Semenenko) sogar in einem deutschen Zwangsarbeiterlager geboren worden waren. Ihre Kindheitserinnerungen an die Zeit in Deutschland waren nur fragmentarisch. Im Gespräch wurde jedoch sehr deutlich, dass diese Jahre aufgrund der in der Nachkriegszeit erfolgten Verdächtigungen der deportierten Zwangsarbeiter/innen in der Sowjetunion als „Verräter“ ihren weiteren Lebensweg prägten. So kam etwa Mykola Prjadko mit seinen Schwestern 1946 in ein Kinderheim und sollte seine Mutter erst als junger Mann wiedersehen; das von ihm angestrebte Studium als Schiffsbauingenieur blieb ihm wegen seiner „falschen“ Kaderakte verwehrt. Eine „Entschädigung“ von deutscher Seite sollten beide Zeitzeugen nicht erhalten; sie hatten als Kinder ja selbst formal keine Zwangsarbeit für deutsche Unternehmen leisten müssen. Diese Begegnungen vermittelten uns sehr nachdrücklich, dass es noch viele Geschichten gibt, die bislang nicht gehört wurden.

Abbildung 3: Lisa Gernert, Geschichtsstudentin aus Bremen, und die Zeitzeugen Mykola Vasylovych Priadko und Viktor Hryhorovych Semenenko, in Mykolajiw, Juni 2016

Das Programm der beiden Exkursionswochen in Kiew, Nikolajew und Odessa im Juni 2016 sowie im Oktober 2017 in Bremen sowie Informationen und Eindrücke der Studierenden können auf folgendem Blog nachgelesen werden: https://bremkraine.hypotheses.org/

Die Begegnungswoche im Oktober 2017 wurde außerdem von einem studentischen Filmteam begleitet; der Kurzfilm ist hier abrufbar:
https://bremkraine.hypotheses.org/videodokumentation

Über die Autorinnen:

Dr. Ulrike Huhn ist Osteuropahistorikerin und seit 2011 an der Forschungsstelle Osteuropa und am Fachbereich 8 (Institut für Geschichtswissenschaft) tätig. Ihre Schwerpunkte liegen in der Erforschung von Erinnerungskulturen, Glaubenspraktiken in der Sowjetunion und sowjetischer Wissenschaftsgeschichte.

Dr. Julia Timpe lehrt an der Jacobs University Bremen als University Lecturer in Contemporary History. Zuvor war sie als Lektorin für Neuere und Neueste Geschichte am Institut für Geschichtswissenschaften der Universität Bremen (von September 2013 bis August 2016) und als Lecturer on History an der Harvard Universität tätig (Schwerpunkt jeweils Deutsche Geschichte und Geschichte des Nationalsozialismus).

Bildnachweis:

Autorinnenfotos: Ulrike Huhn (privat); Julia Timpe (privat)
Abbildung 1: Lilja Girgensohn (privat)
Abbildung 2: Anatolii Pogorielov (privat)
Abbildung 3: Lilja Girgensohn (privat)

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