„Der Einsatz der Tools ist nicht beliebig!“ – Reflexionsportfolios und DoIT in der Lehramtsbildung

Interview mit Silvia Thünemann

Silvia Thünemann ist Lektorin am Fachbereich Erziehungs- und Bildungswissenschaften und Leiterin der Forschungswerkstatt Erziehungswissenschaft.

Silvia Thünemann ist Lektorin am Fachbereich Erziehungs- und Bildungswissenschaften und Leiterin der Forschungswerkstatt Erziehungswissenschaft.

Silvia Thünemann setzt im Rahmen der Lehramtsbildung in Veranstaltungen des Fachbereichs Erziehungs- und Bildungswissenschaften Reflexionsportfolios in Verbindung mit dem E-Learning-Tool DoIT ein. Unterstützt wird sie dabei durch die Kleinprojektförderung „Win a Tutor – Didaktische E-Learning-Anwendungsszenarien“ (ZMML). Im Interview mit der Resonanz sprach sie über die Chancen und Bedingungen für den Einsatz dieser Instrumente in der Lehre.

R: Sie arbeiten schon seit mehreren Jahren mit Reflexionsportfolios und DoIT. Wofür setzen Sie diese Instrumente in der Lehre ein?

ST: Ich versuche seit einigen Jahren die Arbeit mit Portfolios und DoIT als E-Learning-Tool zu verbinden, und zwar in unterschiedlichen Modulen, sowohl in unterschiedlichen Praxisphasen, als auch in herkömmlichen Seminaren. Weil diese beiden Seminarformen sehr unterschiedlich sind, gestalten sich die Herausforderungen und auch die Zuschnitte sehr unterschiedlich.

R: Wo liegen denn die Stärken dieser Instrumente?

ST: Die Vorteile der Nutzung von DoIT liegen wirklich auf der Hand: Das sind das ortsunabhängige Lernen und die zeitunabhängigen Lernphasen: man kann also lernen wann und wo man möchte. Auch die Vorteile von Portfolios als prozessbegleitende Leistungsinstrumente sind bekannt. Die Verbindung von inhaltlichen und reflexiven Fragen und die individuelle Auswahl von Fragen aus einem Fragepool sind ja Kernmerkmale des Portfolios. Es ist ein individuelles, innovatives Leistungsinstrument, das prozessbegleitend angelegt ist und nicht wie beispielsweise Referate oder Hausarbeiten erworbenes Wissen als Status quo abbildet. Die Studierenden können individuelle Wissensbestände entwickeln.

R: Und welchen Schwierigkeiten sind Sie begegnet?

ST: Meine Erfahrung ist, dass die Bedingungen für den Einsatz von blended learning zu wenig kommuniziert werden. Lehrende und auch Studierende müssen wissen, worauf sie sich einlassen! DoITs sollten immer innerhalb eines klassischen blended learning Formats eingesetzt werden, also kombiniert mit Präsenzveranstaltungen, die oftmals zu Beginn und am Ende eines Semesters liegen. In der Auftaktveranstaltung werden dann alle DoITs mit ihren Terminierungen vorgestellt, um den Ablauf transparent zu halten. Das prozesshafte Arbeiten darf nicht dazu verleiten, zwischendurch unsystematisch Aufgaben einzustellen, das nehmen Studierende uns dann zu recht übel. Auch wenn es verschiedene Deadlines innerhalb des Prozesses gibt, müssen wir als Dozent*innen zu Beginn alle Aufgabenstellungen und auch Terminierungen vorliegen haben.

Und die zweite Bedingung ist: Gerade die Arbeit mit eigenen bildungsbiographischen Reflexionen im Portfolio ist sehr sensibel und grenzwertig. Reflexion kann auch als Zumutung betrachtet werden. Wir dürfen nicht zur Reflexion auffordern und den Eindruck vermitteln, dass die Studierenden einen Einblick geben müssen, um die geforderten Credits zu bekommen. Nein, die Sensibilität von reflexiven Inhalten muss von Beginn an mitkommuniziert werden. Wir haben gute Erfahrungen damit gemacht, gleich zu Beginn einer Veranstaltung die Eigenverantwortlichkeit herauszustellen, die die Studierenden bei dieser Lernform haben. Da sind wir als Dozent*innen in der Verantwortung. Vielleicht sind die Studierenden gerade eine Generation, die allzu sorglos Informationen ins Netz stellt. Wenn wir den Einsatz von Medien zum Lehrinhalt machen, dann müssen wir auch die Sensibilität von Inhalten und Herausforderungen von online-Formaten thematisieren.

R: Berichten Sie doch einmal konkret, wie Portfolios und DoIT in den Praxisphasen zum Einsatz kamen.

ST: Ich habe einige Jahre Auslandsphasen im erziehungswissenschaftlichen Praktikum betreut und habe nun seit einem Jahr die Modulverantwortung für das Praxissemester der Lehramtsstudierenden für die Schulformen Gymnasium und Oberschule. Vor allem für das Auslandspraktikum hat sich das Reflexionsportfolio in Kombination mit DoIT bewährt. Der Hauptgrund war für mich, dass die Studierenden zwischen April und September zu sehr unterschiedlichen Zeiten an unterschiedlichen Orten im Ausland ein Praktikum absolvierten und ich sie nicht unbegleitet lassen wollte. Ich hätte ihnen ja auch einfach einen Aufgabenkatalog mitgeben können, so bekamen sie aber einmal in der Woche ein DoIT und es entstand auf diese Weise ein wöchentlicher Kontakt. Die Aufgaben waren prozesshaft angelegt, in den ersten zwei Wochen sahen sie also anders aus als in der Hauptphase oder am Ende des sechswöchigen Praktikums. Die große Herausforderung lag hier übrigens in den unterschiedlichen Zeiten, denn die DoITs mussten individuell eingerichtet werden. Das war möglich, weil ich die Unterstützung eines Tutors hatte. Die tutorielle Unterstützung, wie sie im Rahmen der Kleinszenarien des ZMML gegeben ist, ist meiner Meinung nach auch eine zentrale Bedingung für den Einsatz von DoIT. Der Begleitungsaufwand ist so hoch, dass es Tutor*innen erfordert. Ich kann natürlich als Lehrende ein oder zwei DoITs in ein übliches Seminar hineingeben, aber wenn ich es grundständig als Format entwickeln will, muss es eine tutorielle Begleitung geben. Dieser beschriebene Zuschnitt hat sich in den Praxisphasen als sehr erfolgreich gezeigt, gerade im damaligen Auslandspraktikum und ich denke auch zukünftig im Praxissemester, das ja erst seit kurzem in der neuen Studienstruktur durchgeführt wird.

R: Das Praxissemester ist ja deutlich länger als das Auslandspraktikum. Wie bleiben Sie da mit den Studierenden in Kontakt?

ST: Die Studierenden sind von Februar bis September in der Praxis und kommen vierzehntägig zu den erziehungswissenschaftlichen Begleitveranstaltungen. Natürlich sind diese 14 Tage oft zu lang, um Herausforderungen der Praxis zu besprechen, dafür haben wir dann DoITs. Generell wird diese Arbeit von Studierenden sehr positiv angenommen, einmal weil sie wirklich orts- und zeitunabhängig arbeiten können, und zweitens weil sie auf diese Weise ihre Medienkompetenz entwickeln können. Im Praxissemester ist übrigens die sehr heterogene Gruppe der Begleitdozent*innen eine große Herausforderung! In den Begleitveranstaltungen sind viele externe Kolleg*innen beteiligt, also Lehrbeauftragte und Lehrer*innen, die sich zum Teil zunächst Kenntnisse über Stud.IP aneignen müssen. Meine Erfahrungen aus dem ersten Durchlauf des Praxissemesters haben mir gezeigt, dass ich aufgrund der sehr unterschiedlichen Vorkenntnisse der Dozent*innen nur basale Kenntnisse zu Stud.IP verlangen, aber kein neues Tool einführen kann. Ich kann nicht davon ausgehen, dass sie sich soweit damit beschäftigen, dass sie auch DoITs einrichten und beantworten können. Bei der Begleitung des Auslandspraktikums, in dem nur ich verantwortlich war, würde ich die DoITs immer einsetzen. In dem sehr großen Praxissemester ist das schwieriger umsetzbar.

R: Und wie haben Sie die Reflexionsportfolios und DoIT im Seminar integriert?

ST: Meine Kollegin Dr. Anna Schütz und ich standen im Rahmen des Moduls zur Schulentwicklung vor der Herausforderung, angesichts der veränderten Studienstrukturen und der großen Kohorten ein Seminarformat für eine sehr große Teilnehmer*innenzahl, eine Gruppe über 80 Personen, zu entwickeln. Unser entwickeltes Format sah dann zwei Seminargruppen vor, die sich zu sechs Terminen im Semester gemeinsam eine Ringvorlesung anhörten und flankierend dazu einige Seminartermine in den beiden Gruppen hatten. Zu den Ringvorlesungen, die für alle verpflichtend waren, gab es DoITs. Damit versuchten wir die Verbindlichkeit der Vorlesungen zu sichern und mit den Gruppen in Kontakt zu bleiben. Die Studierenden konnten bei den DoITs auch individuelle Schwerpunkte setzen. Am Ende des Semesters haben wir alle wieder zusammengeführt zu einem großen Abschlussworkshop. Auch in dieser Gruppe ist das DoIT sehr gut angekommen, es hat uns aber auch Grenzen gezeigt. Interessanterweise haben einige Studierende am Ende eine größere Anzahl von Präsenztreffen gefordert.

R: Welche Grenzen waren das?

ST: Das DoIT ist ein Instrument, das auch Feedback verlangt. Studierende möchten zu Recht wissen, ob ihre Bearbeitung der Aufgabe korrekt war. Ein Feedback ist jedoch – wenn man DoITs mit dem Portfolio verknüpft – bei reflexiven Inhalten arbeitsaufwändig und überhaupt nicht standardisierbar. Wir als Dozent*innen können also das DoIT nicht in allen Seminarformen einsetzen, sondern müssen die Betreuungsrelation zwischen Dozent*innen und Studierenden berücksichtigen und überlegen, ob wir überhaupt ein Feedback zusichern können. Es geht also nicht, dass wir DoITs entwickeln, die Studierende per Deadline bearbeiten, und wir dann keine Rückmeldung geben können. Diesbezüglich hat sich meine Einstellung zu den DoITs in den letzten Jahren auch geändert. Früher war ich überzeugt, ich könnte sie nahezu in jeder Seminarform einsetzen. Meine Erfahrungen mit großen Gruppen und nicht-standardisierten Inhalten, aber auch wie oben beschrieben, mit reflexiven Inhalten hat mich veranlasst, meine Haltung zu differenzieren.

Übrigens nutze ich auch eine Funktion von DoIT nicht, die bei den Studierenden eigentlich sehr beliebt ist, nämlich die Möglichkeit, dass Studierende für die Bearbeitung von Aufgaben Verlängerungen anfragen können. Vom System her ist diese Funktion sicherlich sehr sinnvoll, aber sie entspricht nicht meiner Lehrrealität. Anna Schütz und ich haben es so gehandhabt, dass die DoITs zwar termingerecht eingestellt werden müssen, die Printversion jedoch zusätzlich auch Überarbeitungen enthalten kann. Auf diese Weise können Studierende zusätzliche Kenntnisse transparent machen und diese Vorgehensweise entspricht auch dem Grundgedanken des Portfolios.

R: Bei DoIT gibt es doch auch das peer review, wo Kommiliton*innen oder Tutor*innen die bearbeiteten Aufgaben lesen können. Hätte Sie das nicht entlastet?

ST: Nicht in jeder Situation kann man mit peer review arbeiten. Gerade bei reflexiven Fragen müssen die Studierenden entscheiden dürfen, wer dieses lesen darf. Ebenfalls hat die tutorielle Unterstützung im Feedback von nicht-standardisierten Inhalten ihre Grenzen. Da müssten die Tutor*innen sich schon vertiefend eingearbeitet haben. Es ist eben eine andere Situation als wenn in einer Vorlesung Standardaufgaben gestellt werden. Hierzu haben ja auch Kolleg*innen aus anderen Fachbereichen sehr gute Formate entwickelt. Dort können Tutor*innen mit vorgegeben Antworten diese DoITs bearbeiten und ein Feedback geben. Das geht bei uns natürlich nicht.

R: Sie haben sich also viel Arbeit gemacht, indem Sie Reflexionsportfolios und DoITs in der Lehre einsetzen. Warum eigentlich?

ST: Hintergrund unserer Arbeit ist unser Verständnis von Professionalisierung im Rahmen der reflexiven Lehrer*innenbildung. Wir gehen davon aus, dass ein Kernmerkmal pädagogischer Professionalität – verkürzt gesprochen – die reflexive Bearbeitung von Erfahrungen und pädagogischer Praktiken ist. Durch Reflexion wird vorhandenes Wissen erst explizit, auch mitteilbar, und kann theoretisch unterlegt werden. Gerade beim Einsatz der DoITs in den Praxisphasen können wir versuchen, das Theorie-Praxis-Verhältnis zu moderieren. Eine so verstandene pädagogische Professionalisierung beginnt von Anfang an, schon im Studium. Reflexion geschieht aber nicht einfach so und muss mitunter auch erst erlernt werden. Deshalb ist es unsere Aufgabe als Dozent*innen in der Lehramtsbildung, immer wieder reflexive Anlässe zu erzeugen.

R: Wie kommen denn die Studierenden damit zurecht?

ST: Die meisten bringen eine gute Medienkompetenz mit, so dass die Bearbeitung der DoITs keine Probleme macht. Bei Nachfragen sind ja auch die Tutor*innen ansprechbar. Generell werden prozessbegleitende neue Formate sehr befürwortet. Nur in einzelnen Fällen möchten einige Studierende lieber eine Hausarbeit schreiben. Dazu noch ein wichtiger Punkt: ich habe den Eindruck, dass bei der Bearbeitung von Aufgaben im Netz häufig der geforderte wissenschaftliche Standard schneller unberücksichtigt bleibt als bei klassischen Hausarbeiten oder Referaten. DoITs sind aber auch wissenschaftliche Leistungen, bei denen diese Standards eingehalten werden müssen. Darum mussten letztlich die Studierenden auch das DoIT-Portfolio als Print-Version abgeben.

R: Die Reflexionsportfolios stellen ja eine Prüfungsleistung dar. Ist eine Benotung nicht besonders schwierig?

ST: Reflexive Inhalte fließen natürlich nicht in die Benotung ein, gerade bildungsbiographische Reflexionen. Wir bewerten die inhaltlichen Aufgaben. Man kann in der Lehrer*innenbildung auf Reflexivität nicht verzichten, weil es ein Kernmerkmal des Berufs ist. Das müssen die Studierenden also können und ich kann sie dazu auffordern, aber ich kann auch nicht verlangen, dass sie mir alles zeigen. Das ist ein Punkt, der meines Erachtens im Einsatz von E-Learning wenig diskutiert wird. Trotz E-Learning sind die pädagogische Beziehung und der pädagogische Dialog unverzichtbar.

R: Können die Studierenden sich auch in die Situation hineinversetzen, später einmal in ihrem eigenen Berufsalltag Portfolios einzusetzen, indem sie im Studium diese Erfahrungen gemacht haben?

ST: Ich denke ja! Das Portfolio ist ja gerade in der Schule ein sehr bekanntes Leistungsinstrument, da gibt es ganz verschiedene Spielarten. Die Studierenden kommen also schon in den Praxisphasen damit in Kontakt und erproben es im Studium

R: Ich bedanke mich für das Gespräch.

Das Interview führte Stefanie Grote.

Was ist DoIT?

Über DoIT können Lehrende in StudIP den Studierenden Aufgaben stellen, die bis zu einem bestimmten Zeitpunkt bearbeitet werden müssen. Nach der (elektronischen) Einreichung der bearbeiteten Aufgabe erhalten die Studierenden wiederum ein Feedback der Lehrenden oder von anderen Studierenden (peer review). Das Tool bietet die Möglichkeit an, eine Portfoliostruktur anzulegen, mit der eine Lehrveranstaltung oder ein Praktikum mit verschiedenen Aufgabenstellungen begleitet werden können. Das Portfolio wird kontinuierlich gefüllt und stellt eine eigenständige Prüfungsleistung dar.

 

 

Bildnachweis:

  • Foto: Silvia Thünemann (Julia Baier)

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