Interkulturelles Lernen und Lehren im Netz – Unterstützung internationaler Lehrkooperationen mit digitalen Medien

von Delia González de Reufels, Andreas Lehmann-Wermser, Yildiray Ogurol und Oliver Oster

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Internationale Lehrkooperationen im Bereich der Geisteswissenschaften wurden im Wintersemester 2014/2015 bereits zum zweiten Male an der Universität Bremen mit Hilfe der technischen Unterstützung durch das Zentrum für Multimedia in der Lehre (ZMML) ermöglicht. Zwei Beispiele sollen die Herausforderungen, aber auch die Chancen dieser Seminarform vorstellen.

Die Geschichte Lateinamerikas im transatlantischen Dialog

Wie kann man tausende von Kilometern überwinden, um zusammen mit einer US-amerikanischen Kollegin ein Seminar für Studierende aus Bremen und Kalifornien anzubieten, das an der Universität Bremen und der University of California at Santa Barbara (UCSB) stattfindet? Diese Frage stellte sich Delia González de Reufels, die seit 2004 an der Universität Bremen zur Geschichte Lateinamerikas forscht und lehrt, nachdem eine kalifornische Kollegin die Universität Bremen besucht und hier an Seminaren mitgewirkt hatte. Ermöglicht hatte dies das Programm Internationalization at Home des International Office. Der Gastaufenthalt von Gabriela Soto Laveaga von der UCSB hatte gezeigt, wie anregend und spannend es ist, internationale Kooperation nicht  im Bereich der Forschung zu belassen, sondern auch auf die Lehre auszuweiten.

Nun sollte es darum gehen, über den Zeitraum eines Semesters hinweg Studierende beider Universitäten regelmäßig in einem gemeinsamen Seminar mit Hilfe von Videokonferenzen zusammenzubringen. Die deutschen und amerikanischen Studentinnen und Studenten sollten, wie in herkömmlichen geschichtswissenschaftlichen Seminaren auch, Aufsätze und Monografien lesen, deren Thesen und Ergebnisse miteinander diskutieren und dabei miteinander und voneinander lernen. Dabei sollten zwei Ebenen gleichberechtigt berücksichtigt werden: die fachlich-inhaltliche Diskussion sowie der Erwerb und Austausch von Wissen und die Reflexion darüber, wie die Studierenden mit geschichtswissenschaftlichen Texten arbeiten, wie sie Begriffe und historische Schulen einordnen, und wie es ist, sich gemeinsam Inhalte zu erschließen. Besondere Aufmerksamkeit sollte ferner erfahren, zu welchen Ergebnissen die Seminardiskussionen über aktuelle geschichtswissenschaftliche Forschung und Methodenfragen führt.

Die anfängliche Skepsis angesichts des technischen Aufwandes und der möglicherweise artifiziellen Seminaratmosphäre im Videokonferenzraum wich schnell. Dafür war einerseits die hohe Qualität der Konferenzschaltung ursächlich, für die auf der Bremer Seite Oliver Oster vom ZMML verantwortlich zeichnete. Zum anderen lag dies an der Lebhaftigkeit der Seminardiskussionen, die mehr als einmal den zeitlichen Rahmen von 90 Minuten überschritten. Daher wurde im Wintersemester 2014/2015 das „Bremenar“ – wie die Studierenden der UCSB diese Lehrveranstaltung inzwischen nannten – zum zweiten Male angeboten, diesmal zum Thema „Research and Current History of Food and Scientific Agriculture in the Third World“. Damit stand das Seminar sowohl im engen Bezug zu Forschungsthemen der beiden Hochschullehrerinnen als auch zu neueren Forschungsbeiträgen. Wie wachsende Bevölkerungen ernährt, wie sie gesund erhalten und vor Hungersnöten geschützt werden sollten, wurde hier ebenso betrachtet wie die wissenschaftliche Erforschung von menschlicher Ernährung und die Anstrengungen bezüglich landwirtschaftlicher Modernisierung im 20. Jahrhundert.

In der einführenden Sitzung ging es zunächst darum, den thematischen Rahmen auszuloten und einander kennenzulernen. Eine Dropbox, auf die alle SeminarteilnehmerInnen zugreifen konnten, enthielt neben dem Seminar- und Arbeitsplan des Semesters auch den umfangreichen Korpus an Texten, den beide Professorinnen gemeinsam entwickelt hatten sowie die studentischen Seminarbeiträge. Innerhalb weniger Wochen sammelte sich hier eine große Zahl an wissenschaftlichen Aufsätzen und Kurzessays der SeminarteilnehmerInnen an, die es vor- und nachzubereiten galt. Dies geschah auch im Rahmen von weiteren Seminarsitzungen, bei denen die deutschen und US-amerikanischen Studierenden jeweils unter sich blieben. Vor jeder gemeinsamen Sitzung verfassten die Studierenden einen kurzen Kommentar zu den jeweiligen Texten, auch führten sie – Studierende jeweils im Wechsel von der Universität Bremen und der UCSB – in die Sitzung ein. Das bedeutete vielfach langes Nachdenken über die gelesenen Texte und war, wie das Seminar für alle Beteiligten insgesamt, recht zeitaufwändig. Hinzu kommt, dass das Lesepensum an US-amerikanischen Universitäten deutlich höher ist und der Workload nicht aus Rücksicht auf deutsche Verhältnisse verändert werden kann.

Technische Umsetzung

Die technische Umsetzung erfolgte durch das Zentrum für Multimedia in der Lehre. Das ZMML verfügt im Rahmen des Dienstes „Media Services“ über ein Videokonferenzsystem, das für nationale und internationale Lehrkooperationen auf der Basis einer Refinanzierung angeboten wird. Das Angebot umfasst die Räumlichkeit, die Technik und die technische Betreuung vor und während der Veranstaltung, wobei das ZMML alle technischen und einige organisatorischen Aufgaben übernimmt. Der Ablauf sieht wie folgt aus:

• Das verantwortliche Lehrpersonal vermittelt den Kontakt zu den jeweiligen technischen
AnsprechpartnerInnen.
• Mehrere Tage vor Veranstaltungsbeginn stimmen die jeweiligen TechnikerInnen die technische Konfiguration der Gegenstellen ab und organisieren einen Testlauf mit dem Lehrpersonal.
• Vor jedem Veranstaltungstermin wird die Technik vom ZMML vorbereitet und geprüft. Lehrende und Studierende können sich wie in einem klassischen Seminar auf die Veranstaltung konzentrieren und müssen sich nicht um die Technik kümmern.
• Während der Veranstaltung ist im Hintergrund immer eine TechnikerIn des ZMML für technische Probleme erreichbar.

Zu den besonderen Erfahrungen dieses Seminars zählt zweifellos auch, wie unterschiedlich die Texte oft von den deutschen und den US-amerikanischen Studierenden rezipiert wurden. Während beispielsweise die kalifornischen Rückmeldungen zur Studie des Historikers Nick Cullather „The Hungry World“ aus dem Jahre 2010 enthusiastisch waren und das historische Narrativ nahezu vorbehaltlos lobten, störten sich die Bremer Studierenden an dem für sie zu starken US-amerikanischen Fokus und dem damit verbundenen Amerika-Zentrismus. Die sich hierum entspinnende Seminardiskussion zeigte auf, dass sich die Gruppe über die Bedeutung dieser historischen Arbeit einig war, auch wenn sie an unterschiedlichen Gesichtspunkten festgemacht wurde. Häufig war ferner die Herangehensweise an die jeweiligen Werke sehr unterschiedlich, was dazu zwang, den jeweils als selbstverständlich erachteten Zugriff aus kritischer Distanz zu betrachten und Begrifflichkeiten neu zu überdenken. Das alles geschah in einer Atmosphäre, die durch Interesse und Wissbegierde geprägt war. Regelmäßig kam es zu überraschenden Fragen und Beobachtungen, die auf die besondere Seminarkonstellation zurückzuführen waren. Positiv war auch der sehr respektvolle Umgang miteinander, was jedoch nicht bedeutet, dass alle stets einer Meinung waren. Häufig zeigte sich sogar, dass gerade konträre Positionen zu genauer Argumentation zwangen. Das war herausfordernd, in positiver Weise beeindruckend, aber manchmal auch anstrengend.

Abbildung: Online-Seminar mit Professorinnen und Studierenden der lateinamerikanischen Geschichte der Universität Bremen und der University of California at Santa Barbara im Dezember 2014

Online-Seminar mit Professorinnen und Studierenden der lateinamerikanischen Geschichte der Universität Bremen und der University of California at Santa Barbara im Dezember 2014

Zumal auch einige andere Dinge hier hinein spielten: die verschiedenartige Semesterplanung und Semesterzeiten sowie die Zeitdifferenz von neun Stunden zwischen Bremen und Santa Barbara müssen in der Seminarplanung berücksichtigt werden. Obschon Kenntnisse der spanischen Sprache bei Lateinamerika-Historikern in den USA vorausgesetzt werden können, sind andere Sprachen kaum vertreten. So war es für die Bremer eine besondere Herausforderung, am Ende eines langen Seminartages mit Muttersprachlern englische Seminardiskussionen zu führen und konzentriert ihren Ausführungen zu folgen. Und wer im Winter ein Seminar mit der UCSB durchführt, muss es auch aushalten können, selbst in dicken Pullovern und Stiefeln im Seminarraum zu sitzen, während die anderen Seminarteilnehmer aufgrund des milden kalifornischen Winters bisweilen nur T-Shirts und andere sommerliche Kleidung tragen.

Wer sich aber auf all dies einlässt, wird mit viel „food for thought“ und spannenden neuen Perspektiven belohnt. Es spricht für sich, dass die letzte gemeinsame Videokonferenz mit einem durchaus wehmütigen Abschied und der Hoffnung auf eine Wiederholung des Seminars endete.

Lehre in der Musikpädagogik in Kooperation mit der University of Michigan

In einem weiteren Seminar arbeiteten Studierende des Studiengangs Musikpädagogik der Universität Bremen unter Anleitung von Andreas Lehmann-Wermser mit TeilnehmerInnen an den Studienprogrammen der amerikanischen Partneruniversität zusammen. Die School of Music, Theatre, and Dance an der University of Michigan (UM) ist eine renommierte Musikhochschule, die in den letzten Jahren erhebliche Anstrengungen gemacht hat, online-Kurse weiterzuentwickeln. Neben der technischen Ausstattung gehört dazu auch eine Einbindung in das Qualitätsmanagement der UM z. B. mit protokollierten „debriefing sessions“ und einer Einbindung in das universitätsinterne Weiterbildungssystem. Der äußere Rahmen verlangt größere Anpassungsbereitschaft auf der deutschen Seite. Die Semesterzeiten weichen deutlich ab (das amerikanische Studienjahr beginnt bereits am 1. September), Fremdsprachenkenntnisse sind auf amerikanischer Seite nicht nennenswert vorhanden, dortige Studienprogramme haben mehr formale Vorgaben, auf deren Erfüllung alle Beteiligten bestehen (eine Folge der immens hohen Studiengebühren an solch renommierten Instituten).

Der Kurs fand im Wintersemester 2014/15 bereits zum zweiten Mal statt und bietet ein schönes Beispiel für interkulturelles Lernen. Der Titel lautet „Philosophy and History of Music Education“ und beinhaltet die Beschäftigung vor allem mit Klassikern der englischsprachigen Musikpädagogik. Einer „Plenumssitzung“ vor der Videokonferenzanlage folgten Phasen der „Partnerarbeit“ via Skype. Diese Partnerarbeit basierte stets auf Aufgaben zum von allen vorbereiteten Text. Allerdings ergab sich in allen Gruppen rasch ein Gespräch über die Differenzen: Wie werden zentrale Begriffe der Musikpädagogik jeweils verwendet? Welche Formen des Musikunterrichts sind als Folie stets mitzudenken? Welche persönlichen und musikalischen Biographien bestimmen euer Studium? Mit welchen Zielen studiert ihr?

Das Seminar verlangte den Bremer Studierenden sicher mehr ab, als man erwarten kann. Umfangreiche englische Texte waren von einer Woche zur anderen vorzubereiten; die Telekommunikation in einer anderen Sprache ist nicht einfach; die Einfühlung in andere Beziehungen zwischen Lehrenden und Lernenden gerade in Lehramtsstudiengängen war anspruchsvoll. Dass dennoch so etwas wie persönliche Beziehungen innerhalb kurzer Zeit entstanden – es gibt schöne Gruppenfotos mit den T-Shirts der jeweils anderen Uni – und die Rückmeldungen durchweg positiv waren, spricht für die Seminarform.

Über die AutorInnen:

Delia González de Reufels ist Professorin am Institut für Geschichtswissenschaft (FB 8) und Mitglied des ZeMKI. Sie forscht und lehrt seit 2004 zur Geschichte Lateinamerikas an der Universität Bremen.

Andreas Lehmann-Wermser war bis zum Sommersemester Professor für Musikpädagogik im Fachbereich 9 Kulturwissenschaften.

Yildiray Ogurol ist Geschäftsführer des Zentrums für Multimedia in der Lehre (ZMML) der Universität Bremen.

Oliver Oster ist Systemmanager im Zentrum für Multimedia in der Lehre (ZMML) der Universität Bremen.

 

 

Bildnachweis

  • Abb.: Universität Bremen (ZMML)
  • AutorInnenfoto: Delia González de Reufels (privat); Andreas Lehmann-Wermser (privat); Yildiray Ogurol (Universität Bremen (ZMML)); Oliver Oster (Universität Bremen (ZMML))

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