Wer es noch nicht weiß: In der Lindenstraße in Bremen Nord befindet sich eine Erstaufnahmeeinrichtung (EAE) für Geflüchtete. Besonders durch Corona ist diese Aufnahmestelle immer mehr ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt, was eigentlich niemandem in Bremen entgangen sein dürfte. Neben einem riesigen Schriftzug am Osterdeich, der die Schließung der Einrichtung forderte, finden sich auch Plakate überall in der Stadt verteilt, besonders im Viertel, um die Aufmerksamkeit auf die dortigen Missstände zu lenken.

Plakat im Viertel

 

 

 

Plakat im Viertel zum Shutdown der Lindenstraße (Quelle: Studierende 2020)

 

 

 

Unter den Bewohner*innen des Lagers selbst kam es schon relativ früh zu Protesten und Forderungen nach einer Verlegung. Die Sammelunterkunft beherbergt so viele Menschen, dass es ihnen nicht möglich ist, einen Sicherheitsabstand zueinander einzuhalten. Sollte sich also nur eine Person infizieren, scheint es unvermeidlich, dass auch der Großteil der anderen Bewohner*innen sich ansteckt – was natürlich lebensgefährlich sein kann. Überall werden Maßnahmen durchgesetzt, um die Menschen zu schützen, während die Aufnahmestelle für Geflüchtete davon völlig unberührt bleibt. Viel zu viele Personen auf zu kleinem Raum, über eine viel zu lange Zeit, zusammen in Gemeinschaftszimmern, sind dem Virus mehr oder weniger ausgeliefert. Trotzdem werden ihre Forderungen übergangen bzw. nicht mit dem nötigen Ernst genommen.

Warum konnte es überhaupt dazu kommen? Es zeigt sich, dass Rassismus gerade in dieser Einrichtung noch sehr lebendig ist.

„Der Blick zurück lässt die Praxen (…) der Unterbringung in menschenunwürdigen Lagern (…) mit kolonial-rassistischen Kontinuitäten deuten, innerhalb derer Politik, (Sozial-)Behörden, Polizei, Justiz, Medizin und Medien kooperierten und das Vorgehen als notwendig und legitim darzustellen versuchen. Gegenwärtig geht es darum zu verstehen, welche Denk- und Wissensmuster, welche vermeintlichen, weil diskursiv erzeugten Notwendigkeiten im Festhalten an der Erstaufnahmeeinrichtung Lindenstraße (auch in und trotz Coronazeiten) konkretisiert werden. Auch hier wird das Messen mit zweierlei Maß Grundlage eines Handelns, das Menschenleben sehenden Auges gefährdet und das – wichtig, uns das immer wieder zu vergegenwärtigen – nicht alternativlos ist“ (Atali-Timmer et al. 2020).

Waren die Lebensbedingungen in der Aufnahmestelle vor Corona schon unwürdig, so hat sich die Situation noch weiter verschlechtert. Es wird sehr deutlich, dass die Menschen dort nicht gleichberechtigt behandelt oder wahrgenommen werden und offensichtlich auch nicht die Notwendigkeit für schnellen Handlungsbedarf gesehen wird. Viele Bremer*innen zeigen sich aus diesem Grund solidarisch mit den Bewohner*innen des Lagers oder fordern sogar dessen Schließung z. B. auch mit Hilfe von Demonstrationen. Diese Mentalität ist im Viertel mehr als in allen anderen Bremer Stadtteilen deutlich zu spüren.

Alle Entwicklungen können hier genau nachverfolgt werden. Unter anderem sind dort Videoaufnahmen der Bewohner*innen selbst zu sehen. Des Weiteren möchten wir auf den kompletten Artikel über rassistische Kontinuität in Bremen verweisen.

 

Quellen:

https://www.nds-fluerat.org/42766/aktuelles/fluechtlingsrat-fordert-konsequente-verteilung-von-gefluechteten-aus-grosslagern/

Atali-Timmer, Fatos;  Betscher, Silke; Broeck, Sabine, Falge, Christiane; Fischer-Lescano, Andreas; Polat, Nurhak, Satilmis, Ayla (2020): Rassistische Kontinuität. https://taz.de/Archiv-Suche/!5679550&s=rassistische%2Bkontinuit%C3%A4t&SuchRahmen=Print/


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