Studieren mit sozialen Ängsten

Ich fühle mich, wie einer der grauen Herren aus Michael Endes Momo, ständig auf der Jagd nach Zeit. Zack! Und schon wieder die Letzte in der Diskussionsrunde. Wieder zu viel drüber nachgedacht, was ich sagen, wie die anderen im Seminar darauf reagieren und wann der richtige Zeitpunkt dafür sein könnte. Eigentlich ziemlich egal, meldet sich mein Selbstbewusstsein aus der Ferne. Aber irgendwie auch nicht, entgegnet meine Unsicherheit. Und wieder gebe ich mich nicht damit zufrieden, dass ich mich immerhin irgendwann einmal zu Wort gemeldet habe.

Wenn ich dieses Semester an mein Seminar am Montag denke, fangen meine Hände an zu kribbeln. Nervosität breitet sich in mir aus, ich atme tief ein und wieder aus und versuche an etwas Anderes zu denken. Es ist ein langes vierstündiges Seminar und fordert mich immer wieder heraus. Besonders, weil es eines dieser Seminare ist, indem die aktive Mitarbeit an Diskussionsrunden Hauptbestandteil ist. Da sein, mitreden und das vor – für mich jedenfalls – vielen Menschen.

Meine Hände fangen sogar jetzt beim Schreiben noch an zu schwitzen. Danke für dieses Detail, denken sich vielleicht einige, aber es ist wichtig, darüber zu sprechen, dass soziale Ängste im Studium weitverbreitet sind und nicht zum Tabuthema werden.

Selbstsicherheit beim Reden vor vielen Menschen. Wer konzipiert so etwas eigentlich und wieso streben wir alle danach oder drängen uns selbst dazu? Gefällt mir nicht, sag ich als introvertierter Mensch dazu. Natürlich find ich das blöd und daran ist auch an und für sich nichts falsch. Trotzdem fühlt es sich oft so an. Vor allem im universitären Rahmen, in welchem „Socializing“ das A und O ist, wenn man dazu gehören möchte.

Jedes Mal wenn ich nicht auf den imaginären Tisch zwischen mir und meinen sozialen Ängsten hau‘, ein Machtwort spreche und mich mutig über sie hinwegsetze, folgt die Enttäuschung beinahe direkt. Wie ein Uhrwerk. Zum Heulen ist mir dann zu Mute. Furchtbar frustrierend ist das meiner Meinung nach, denn besonders das Studium als solches, stellt viele Menschen mit sozialen Ängsten täglich vor Herausforderungen, die oft unbemerkt bleiben.

Verdammt, denke ich mir, wieso werde ich jetzt wütend, wenn ich bloß darüber nachdenke? Der Frust kommt als Nächstes und wird schnellstmöglich von einem gewissen Maß an Hilflosigkeit abgelöst.

Manchmal fehlt mir dann einfach die Kraft und obwohl ich eigentlich etwas zu sagen hätte, bleibe ich still und leise in meiner Komfortzone. Weil die Angst doch zu groß ist und die Unsicherheit sich über all das legt, was ich sagen könnte, wie ein dunkles Tuch. Die Angst ist dann alles, was bleibt und während ich im Stillen mit mir selbst kämpfe, vergehen die Minuten. Mein Herz pocht ziemlich doll, mein Körper zittert und schwitzt.

Klar, es gibt auch gute Tage. An denen ist das Studieren mit sozialen Ängsten dann leichter, aber das ist eher die Ausnahme als die Regel. Für jetzt hilft es, mit anderen zu sprechen oder auch hier darüber zu schreiben. Denn dann wirken die für viele irrational-scheinenden Ängste plötzlich nicht mehr so bedrohlich und lassen sich besser bewältigen.

Nach vier Stunden ist das Seminar vorbei und erschöpft ziehe ich mein Résumé für meine Leistung beim heutigen Seminar. Einmal gemeldet und zwei Mal das Richtige gesagt. Zwar nicht mitdiskutiert, aber alles kann man ja auch nicht erwarten. Dann neigt sich der Uni-Tag dem Ende und auch meine sozialen Ängste verabschieden sich in den Feierabend. „Bis Morgen!“, rufen sie mir zu, während ich mir aus meinem bleigrauen Aktenkoffer eine aschgraue Zigarre angle, um mir doch ein bisschen Zeit zu nehmen.

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