von Julie Direnga — Bild: Katrin Bolovtsova / Pexels
Fehler sind eine unterbewertete Ressource für das formelle Lernen an Hochschulen. Dabei haben sie das Potenzial, bei den Lernenden Neugier zu wecken, Motivation zu steigern sowie tieferes Wissen und Verständnis zu generieren. Sie bergen jedoch auch die Gefahr demotivierend zu wirken, Selbstzweifel zu fördern und so oberflächliches Lernen zu begünstigen. Welcher Effekt nun im Einzelfall eintritt, ist von mehreren Faktoren abhängig. Einige davon entziehen sich dem Einfluss der Lehrperson. Darunter fällt im Allgemeinen das, was die Lernenden mitbringen, wie z.B. allgemeine kognitive Fähigkeiten, Selbstkonzept, individuelle Ziele, aber auch Vorwissen. Andere Faktoren, wie z.B. das Fehlerklima, also der generelle Umgang mit Fehlern im Lernraum, sowie didaktische Ansätze, lassen sich durch die Lehrperson steuern bzw. wählen. Aber wie können Sie ein fehlerpositives Lernklima fördern und welche didaktischen Ansätze eignen sich besonders dazu?
Fehlerkultur und Fehlerbegriff
Fehlerkultur beschreibt den Umgang mit Fehlern sowie deren Bewertung und Aufarbeitung. Während die Veränderung gesellschaftlicher Fehlerkulturen eine Überforderung der Lehrperson darstellt, ist es möglich und zielführend, die Kultur innerhalb des Mikrokosmos einer Lehrveranstaltung aktiv zu gestalten. Ein Bewusstsein für die prägenden gesellschaftlichen Muster – inklusive der eigenen – hilft dabei, Reaktionen in Fehlersituationen besser einzuordnen und Lernprozesse zu erleichtern.
Um eine produktive Fehlerkultur zu etablieren, bedarf es einer Definition des Fehlerbegriffs. Amy Edmondson definiert Fehler als „unbeabsichtigte Handlungsabweichungen von vordefinierten Standards“ (Edmondson 2024, 20). Die Betonung der fehlenden Absicht grenzt den Fehler damit explizit von mutwilligen Regelverletzungen ab. Im Bildungskontext können Handlungen vereinfachend dann als Fehler gefasst werden, wenn sie von einem definierten Handlungs- oder Lernergebnis (Soll-Zustand) abweichen, von der Lehrperson als ungemessen bewertet werden und ohne Intention ausgeführt wurden (Steuer 2014).
Wichtig ist hierbei die Abgrenzung zum Scheitern oder Misserfolg. Während diese einen Endzustand beschreiben, der ein gewünschtes Ziel verfehlt, sind Fehler Handlungen, die zwar zum Scheitern führen können, dies jedoch nicht zwangsläufig tun. So können manche Fehler korrigiert werden, bevor es zum Scheitern kommt (z.B. das Nachholen einer Prüfung), oder der Gesamterfolg toleriert ein gewisses Maß an Fehlern (z.B. das Bestehen einer Mathematikprüfung trotz eines Rechenfehlers). Zudem wird zwischen Fehlern (Wissen ist vorhanden, wird aber nicht zielführend genutzt) und Irrtümern (Wissen fehlt gänzlich) differenziert. Da Irrtümer jedoch essenzielle Hinweise auf Wissenslücken geben, ist es im Lehrkontext hilfreich beide Phänomene unter den Fehlerbegriff zu fassen.

Ein geringeres Lernpotenzial weisen klassische Flüchtigkeitsfehler auf, da diese auf mangelnde Konzentration statt auf fehlendes Verständnis zurückzuführen sind (ebd.). Dennoch ist eine genaue Analyse ratsam, da sich Verständnisfehler oft als Flüchtigkeitsfehler tarnen – insbesondere bei wiederholtem Auftreten.
Letztlich sind Fehler eine notwendige Voraussetzung für Innovation und Lernen, da sie aufzeigen, welche Lösungswege nicht funktionieren (ebd.). Damit Lernende bereit sind, diese explorativen Wege zu gehen, darf die Konsequenz eines Fehlers nicht schwerwiegender sein als das Nicht-Versuchen. Dies macht eine unterstützende Fehlerkultur im Lernumfeld unabdingbar.
Fehlerkultur innerhalb der Lehrveranstaltung
Der beeinflussbare Teil der Fehlerkultur innerhalb der Lehrveranstaltung lastet auf zwei Pfeilern (Spychiger et al. 1999), die sich gegenseitig beeinflussen können.
- Lernklima
- Didaktische Ansätze
Ein fehlerfreundliches Lernklima kann den Erfolg fehlerpositiver didaktischer Methoden begünstigen. Gleichzeitig kann durch den Einsatz solcher Methoden der Umgang mit Fehlern normalisiert werden, was wiederum das Klima beeinflusst. Die Haltung der Lehrperson Fehlern gegenüber kommt in beiden Säulen zum Tragen.

Welche Maßnahmen ein lernförderliches Klima begünstigen, wird im folgenden Abschnitt behandelt. Im Anschluss werden fehlerpositive didaktische Methoden und Materialien vorgestellt. Beide Abschnitte behandeln das Thema beispielhaft für den MINT-Bereich (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) und erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
Lernförderliches Klima gestalten
Das Ziel eines positiven Lernklimas ist, dass Fehler vorrangig Neugier und Ehrgeiz auslösen, niemals jedoch Angst oder Scham. Dies erfordert eine gewisse „psychologische Sicherheit“ und gelingt vorrangig durch gute Kommunikation, Vorleben der eigenen Werte und Fehlbarkeit, sowie einer angemessenen Reaktion auf Fehler. So spielt auch die Haltung der Lehrperson in diesen Aspekten eine große Rolle. Folgende Maßnahmen können die Entwicklung eines positiven Lernklimas unterstützen:
Den Wert von Fehlern zu Beginn transparent besprechen / Regeln aufstellen und durchsetzen
- „Ich möchte, dass diese Lehrveranstaltung für Sie ein Raum ist, in dem Sie Fehler machen dürfen, denn aus Fehlern lernen wir.“
- „Niemand wird ausgelacht für eine falsche Antwort.“
Lern- und Bewertungsraum klar trennen
- „Mir ist bewusst, dass ich eine Doppelrolle als Lernbegleiter:in und Bewerter:in / Prüfer:in habe, und bemühe mich nach Kräften diese klar zu trennen.“ Dies kann unterstützt werden, indem die derzeitige Rolle nach außen sichtbar gemacht wird, z.B. indem eine bestimmte Position im Raum eingenommen wird.
- „Sie dürfen im Lernraum so viele Fehler machen, wie Sie brauchen, damit Sie im Bewertungsraum so wenige machen wie möglich.“
Eigene Fehlbarkeit (und ggf. Fehler-Scham) offen zeigen
- „Gute Frage, da erwischen Sie mich jetzt auf dem falschen Fuß. Kann das jemand von Ihnen beantworten? / Ich mach mich bis zum nächsten Mal schlau. Erinnern Sie mich gerne daran, es das nächste Mal anzusprechen.“
- „Das ist mir jetzt ziemlich unangenehm.“
Fehler und „negatives Wissen“ wertschätzen
- „Danke, dass Sie diesen weitverbreiteten Fehler aufgebracht haben. Es ist wichtig, dass wir das besprechen.“
- „Das ist eine interessante Sichtweise. Würden Sie uns erläutern, wie Sie zu dieser Schlussfolgerung gekommen sind?“
- „Ah, den Ansatz kann ich nachvollziehen, da sind schon ganz viele richtige Gedanken bei. Was in dieser Erklärung jedoch nicht funktioniert ist…“
- Sehr gut, jetzt wissen wir, wie es nicht funktioniert und warum nicht. Das ist ein wertvolles Stück „negatives Wissen“.
Agil auf das Denken der Studierenden reagieren
- „Agilität der Lehrenden“ (Arn 2023, S. 190) kann als ein Konzept beschrieben werden, welches positive Fehlerkultur fördert. Hierbei wird empfohlen, nicht zu starr am Plan festzuhalten, sondern auf die Denkprozesse der Lernenden einzugehen.
- Lesen Sie hier mehr zu aktivem Lernen und wie Lehrende es fördern können.
Didaktische Ansätze, Materialien und Methoden
Neben der Lernatmosphäre können Lehrende die Fehlerkultur in ihrer Veranstaltung über die Wahl der Lernaktivitäten beeinflussen. Eine notwendige Voraussetzung zum Fehlermachen ist, dass die Lernenden aktiv sind. Passives Rezipieren im Frontalunterricht wird viele der vorhandenen Fehlvorstellungen verdeckt halten. Dabei gibt es sowohl kleine didaktische Strategien, die niederschwellig zu adaptieren sind, als auch elaboriertere evidenzbasierte Ansätze, Materialien und Strategien. Die folgende Methoden können dabei helfen, Fehlvorstellungen aufzudecken und anzugehen:
Niederschwellige Strategien
Aufgabentyp „Fehlersuche“
- Eine ausgearbeitete fehlerbehaftete Lösung zu einem fachspezifischen Problem / einer Frage wird hereingegeben. Die Lernenden erhalten die Aufgabe, den/die Fehler zu finden und zu begründen.
- Als Ressource können eingereichte Lösungen aus vergangenen Jahrgängen dienen.
Vortests und Vorhersagen
- Fragen vor der eigentlichen Lehreinheit schaffen Neugier und Relevanz der Lehrinhalte.
- Vorhersagen treffen lassen: Wenn ich vorab auf ein Pferd gesetzt habe, verfolge ich das Rennen mit deutlich mehr Interesse und merke mir den Ausgang besser.
Fehler selbst korrigieren lassen
- Lernende sollten die Gelegenheit bekommen, ihre eigenen Fehler zu berichtigen. Dies steigert die Selbstwirksamkeit.
Fehler ggf. anonymisiert besprechen
- „Wie könnte jemand denken, der diesen Fehler gemacht hat?“ (statt
„Könnte eine Person unter Ihnen, die diesen Fehler gemacht hat mal erklären, wie man darauf kommt?“). Durch diese Wortwahl können Lernende eine Begründung für die fehlerhafte Denkweise geben ohne ihren eigenen Fehler zu offenbaren. - Außerdem werden dadurch alle Lernenden angesprochen und aktiviert, nicht nur diejenigen, die diesen Fehler gemacht haben.
Feedback zeitnah und detailliert geben
- Fehler müssen geklärt werden, um aus ihnen lernen zu können.
- Je eher dies geschieht, desto höher ist die Relevanz.
Evidenzbasierte Rahmenkonzepte
Folgende Methoden greifen etwas stärker in den Lehrprozess ein als die genannten Strategien. Sie haben jedoch den Vorteil, dass ihre Wirksamkeit gut erforscht ist, und sie der Lehrperson einen gewissen Rahmen bieten.
Just-in-Time Teaching
- Beim Just-in-Time-Teaching (Novak et al. 1999) wird die Vorlesung jede Woche an die Inhalte und Fragen angepasst, die den Studierenden nach dem Selbststudium noch schwerfallen oder sie beschäftigen.
- Dies wird durch einen kurzen Vortest abgefragt, bei dem regelmäßige Teilnahme und gute Fragen bewertet werden statt Richtigkeit der Antworten.
Peer Instruction
- Beim Peer Instruction (Mazur 2006) wird den Studierenden eine Multiple-Choice-Frage gestellt, die sie einzeln beantworten. Anschließend sollen sie versuchen, die Person neben sich von ihrer Antwort zu überzeugen. Die dann folgende, erneute Abstimmung zeigt häufig einen deutlichen Zuwachs an korrekten Antworten.
- Bei der anschließenden Auflösung kommt häufig die o.g. Strategie „Fehler ggf. anonymisiert besprechen“ zum Tragen.
- Lesen Sie weiterführend, wie Sie Studierende mit Peer Instruction aktivieren und die Methode in Ihre Lehre integrieren.
Zweistufige Prüfungen
- Zweistufige Prüfungen ermöglichen es Studierenden, noch in der Prüfungssituation aus ihren Fehlern zu lernen und ihr Prüfungsergebnis zu verbessern. Somit bekommen sie sehr schnell Feedback in einer Phase hohen Engagements.
- Lesen Sie hier, wie Sie die zweistufige Prüfung in Ihre Lehre integrieren können.
„Tutorials“
- Ein Beispiel für Lernmaterialien aus dem MINT-Bereich, die schwierige inhaltliche Konzepte in den Fokus nehmen und mit häufig auftretenden Fehlvorstellungen arbeiten, sind die sogenannten Tutorials (basierend auf den Tutorials in Introductory Physics (McDermott; Shaffer 1998)).
- Kautz et. al. 2024 beschreiben sie wie folgt: „Der Begriff Tutorials meint sowohl die in einem wissenschaftsbasierten Prozess erstellten Materialien (Tutorial-Arbeitsblätter) als auch die damit durchgeführte Lehrveranstaltung mit Gruppenarbeit. […] Im besten Fall entsteht eine Lernumgebung, in der Fehler willkommen sind und die Suche nach Antworten genauso wichtig ist wie die Antworten selbst.“ Dies wird unter anderem durch den bewussten Verzicht auf Musterlösungen gefördert.
Literaturverzeichnis
Arn, Claudia (2023): Bildung, die das Handeln verändert: Praxiswirksamkeit, agile Didaktik und Fehlerkultur – Theoriebezüge und Methodenbeispiele, in: Cai, J.; Lackner, H.; Wang, Q. (Hrsg.): Jahrbuch Angewandte Hochschulbildung 2021, Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden, S. 187–202. DOI: 10.1007/978-3-658-40342-3_15.
Edmondson, Amy C. (2024): Wertvolle Fehler – Right Kind of Wrong: Die praktische Wissenschaft klugen Scheiterns, München: Vahlen GmbH.
Kautz, Christian; Direnga, Jan; Schäfle, Christian (2024): Physik gemeinsam konstruieren, in: Physik Journal, Nr. 1.
Mazur, Eric (2006): Peer Instruction: Wie man es schafft, Studenten zum Nachdenken zu bringen, in: Praxis der Naturwissenschaften – Physik in der Schule 55, S. 11–15.
McDermott, Lillian C.; Shaffer, Peter S. (1998): Tutorials in Introductory Physics, Upper Saddle River, NJ: Prentice Hall.
Novak, Gregory M.; Gavrin, Allen; Patterson, Evelyn; Christian, Wolfgang (1999): Just-in-time teaching: Blending active learning with web technology, in: Prentice Hall series in educational innovation, Upper Saddle River, NJ: Prentice Hall.
Spychiger, Maria; Oser, Fritz; Hascher, Tina; Mahler, Franziska (1999): Entwicklung einer Fehlerkultur in der Schule, in: Althof, Wolfgang (Hrsg.): Fehlerwelten, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 43–70. DOI: 10.1007/978-3-663-07878-4_2.
Steuer, Gisela (2014): Definition, Abgrenzung und Klassifikation von Fehlern, in: Fehlerklima in der Klasse, Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden, S. 15–31. doi: 10.1007/978-3-658-05293-5_3.


