Was hat das universitäre Leben mit dem Tod zu tun? Ein fächerübergreifendes Studienprojekt der Performance Studies untersucht das Leben als letzte Gelegenheit

Heidi Schelhowe im Gespräch mit Jörg Holkenbrink

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Heidi Schelhowe: Seit 2004 wirkt das Zentrum für Performance Studies (ZPS) und das ihm angeschlossene Theater der Versammlung zwischen Bildung, Wissenschaft und Kunst (TdV) fächerübergreifend in vielen universitären Arbeitsfeldern. In der Lehre macht Ihr ein von vielen Lehrenden und Studierenden sehr geschätztes und für die Bundesrepublik einzigartiges interdisziplinäres Angebot: Studierende unserer Universität können gemeinsam mit Aufführungskünstler*innen unterschiedlicher Sparten theoretische Themen aus ihren Seminaren mit Mitteln der Performance und des Theaters untersuchen. Dies tun sie parallel und in Verbindung mit den „normalen“ Veranstaltungen ihrer Fächer.

Jörg, kannst Du als künstlerischer Leiter des ZPS etwas sagen zu Eurer neusten Inszenierung, deren Entwicklung 2015 als work in progress begonnen hat und im Wintersemester 2016/17 in einer Reihe von öffentlichen Aufführungen ihre Fortsetzung findet? Zu ihrer Entstehung, ihrem Hintergrund, zur Aufführung selbst?

Jörg Holkenbrink: Wie Du bereits angedeutet hast, Heidi, untersuchen das TdV und die Performance Studies u.a. Themen, die in Seminaren theoretisch behandelt werden, auf performative Weise. Was dies konkret bedeutet, lässt sich am aktuellen Projekt tatsächlich gut veranschaulichen. Bereits 2014 startete das ZPS unter der Leitung der Theaterwissenschaftlerin und Philosophin Anna Seitz ein Dramaturgie-Vorhaben zur vernetzten Generation, das über zahlreiche Einzelveranstaltungen in BA- und MA-Modulen sowie über die General Studies in die universitäre Lehre integriert war. 24 Studierende aus den Bereichen Biologie, Comparative and European Law, Digitale Medien, English-Speaking-Cultures, Erziehungs- und Bildungswissenschaften, Germanistik, Geschichte, Informatik, Kunstpädagogik, Kulturwissenschaften, Transnationale Literaturwissenschaft, Philosophie, Politikwissenschaft und Psychologie gingen aus ihrer jeweiligen Fach-Perspektive der Frage nach, was es denn bedeuten könnte, wenn sie als „die vernetzte Generation“ bezeichnet werden. Es entstand der Plan, sich aus Literatur, Film, Games oder theoretischen Abhandlungen reale oder fiktive prominente „Netzfiguren“ zu wählen und mit diesen als imaginären Freund*innen gemeinsam Lehrveranstaltungen zu besuchen. Die Erfahrungen konnten dann anschließend in Form von schriftlichen Dialogen mit den gewählten „Netzfiguren“ ausgewertet werden. Ziel war es, auf diese Weise dem Begriff bzw. der Metapher des Netzes in verschiedenen Seminarzusammenhängen auf die Spur zu kommen. Die Auswertung der ungewöhnlichen Erkundungen führte zu einem überraschenden Ergebnis: In der Beschäftigung mit Sozialpolitik (die vom Netz im Zusammenhang mit einem potenziellen „sozialen Tod“ spricht), der Mythologie (in der von drei Schicksalsgöttinnen, den Parzen, die Rede ist, von denen die erste unsere Lebensfäden spinnt, die zweite deren Länge bemisst und die dritte sie schließlich abschneidet) oder mit aktuellen technologischen Utopien (Transhumanisten, eine einflussreiche Bewegung vor allem in den USA, streben an, mit Hilfe Künstlicher Intelligenz und deren weiterer Vernetzung unter anderem die Unvermeidbarkeit des Alterns zu überwinden), kristallisierte sich für die Projektteilnehmer*innen im großen Rahmen des Themas „Vernetzte Generation“ mehr und mehr die verbindende, fächerübergreifende Fragestellung heraus: „Was hat das vernetzte Leben mit dem Tod zu tun?“.

Abbildung 1: Aufführung "Am seidenen Faden"

Abbildung 1: Aufführung „Am seidenen Faden“

In der Inszenierungs- und Aufführungsphase 2015/16 entwickelte das Theater der Versammlung jetzt auf Grundlage dieser dramaturgischen Vorarbeiten die Performance „Am seidenen Faden“. Als Kooperationspartner konnten u.a. der Komponist Joachim Heintz sowie ein alternatives Bestattungsunternehmen, der trauerraum bremen, gewonnen werden. Der trauerraum wurde mit der Methode und den Mitteln der teilnehmenden Beobachtung erforscht (Projektteilnehmer*innen nehmen z.B. als Bestattungshilfen an der Vorbereitung und Durchführung von Trauerfeiern teil) und ist auch der Aufführungsort der Inszenierung. Der Komponist Joachim Heintz hat vor dem Hintergrund Informatik und Digitale Medien im Projekt eine „Soundmaschine“ erfunden, die während der Aufführung in einen interaktiven Austausch mit den Performer*innen und dem Publikum tritt und deren Programm immer wieder zu unvorhersehbaren Unterbrechungen, Abbrüchen und Aufzeichnungen der poetischen Spielabläufe führt. Gibt es ein digitales Weiterleben? Und wären wir gerne so unsterblich wie unsere digitalen Spuren?

Heidi Schelhowe: Ich habe Eure Aufführung ja bereits gesehen und hatte – bevor ich hinging – ein leicht mulmiges Gefühl. Wie sollte sich das sensible Thema Tod in einer Performance behandeln lassen? Ist die sehr unterschiedliche Art, in der wir mit dem Tod umgehen und wie stark wir davon selbst betroffen sind, so gestaltet, dass Alle oder doch Viele etwas mitnehmen können und sich nicht mit ihren je eigenen Gefühlen verletzt fühlen? Lassen sich interaktive Elemente, die Eure Arbeit ja auch kennzeichnen, hier wirklich realisieren? Wird man als Zuschauerin nur mit einer zwanghaft ernsten und bedrückten Miene hier agieren können? Wie nah wird mir das Thema kommen und wie weit werde ich gezwungen, es an mich heranzulassen? Jörg, kannst Du etwas zu Eurer Aufführungspraxis sagen und wie Ihr solche Fragen im Vorfeld diskutiert und welche Entscheidungen Ihr schließlich für die und in der Umsetzung getroffen habt?

Jörg Holkenbrink: Zu Beginn der Inszenierungsphase hatten wir zwei Gefahren im Auge, die wir unbedingt vermeiden wollten: Das Thema modisch, oberflächlich, rein sachlich zu behandeln oder aber das Publikum emotional zu überwältigen, zu deprimieren. Deshalb stellte sich uns die Aufgabe, wie wir eine Atmosphäre schaffen können, die es allen Beteiligten ermöglicht, durch die Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit das Leben zu befragen und die Aufführung gestärkt zu verlassen. Dabei spielte zunächst die Wahl des Aufführungsorts eine wichtige Rolle. Der trauerraum bremen strahlt mitten im Viertel als lebensnaher Ort der Ruhe und der Besinnlichkeit selbst schon eine warme, angenehme und offene Atmosphäre aus, in der die Angehörigen von Verstorbenen Raum und Zeit finden, die Realität des Todes zu akzeptieren. In der Recherche- und Erkundungsphase wirkten die Darsteller*innen dann u.a. als Bestattungshilfen an Trauerfeiern des trauerraums mit und konnten so weitere Erfahrungen in der Gestaltung und im Umgang mit Atmosphären sammeln. Diese Erfahrungen sind anschließend in den Probenprozess mit eingeflossen. Sie haben z.B. Auswirkung auf die Art, wie wir das Publikum begrüßen, auf die Raumanordnung und die Zeitstrukturen, die Spielweise, auch auf die Eröffnung des Nachgesprächs in Form einer Erinnerungsbühne, auf der Zuschauer*innen, die das möchten, noch einmal spontan auftauchende Bilder der Aufführung vor ihrem inneren Auge vorüberziehen lassen und diese den anderen Zuschauer*innen mitteilen. Die Inszenierung erzählt ja weniger eine durchgehende Geschichte; sie reiht vielmehr Assoziationsfelder aneinander, in denen das Publikum die äußeren Bilder der Inszenierung mit eigenen Imaginationen in Verbindung bringen kann. Da sich diese Assoziationen und ihre Kombination individuell sehr unterschiedlich gestalten, erleben die meisten Zuschauer*innen den anschließenden Austausch darüber erfahrungsgemäß als äußerst bereichernd. Innerhalb dieser offenen Grundatmosphäre verändern sich aber auch Atmosphären. Ernste, traurige, heitere Phasen und Momente wechseln einander ab. Die drei Schicksalsgöttinnen, die ich bereits in der Beschreibung des Dramaturgie-Semesters erwähnt habe, steuern und verweben die vielfältigen Elemente des Abends. Sie spinnen als „beschwipste Schwestern“ unsere Lebensfäden zeitgemäß am Rechner. Sie programmieren den Zufall, indem sie immer wieder live die digitalen Codes ihrer WEB- bzw. Webmaschine umprogrammieren, die unter anderem über Aufzeichnungen und deren Wiedergabe, klangliche Unterbrechungen und Einbrüche wesentlichen Einfluss auf den Fluss der Aufführung und die Untersuchung der darin thematisierten Lebensmuster nimmt. Die Inszenierung ist auch eine fragile Collage aus performativ aufbereiteten Gedichten, deren flüchtige Gegenwärtigkeit aufs Spiel gesetzt wird. Das Publikum steuert die Performance ebenfalls mit, indem es beispielsweise Momente der Stille und des Nicht-Tuns entstehen lassen kann. Außerdem gibt es die Möglichkeit, schon mal Probe zu liegen in einem Sarg. Aber wie hast denn Du, Heidi, die Aufführung erlebt?

Heidi Schelhowe: Mich hat die Aufführung sehr berührt, und sie hat mich und meinen Mann, der dabei war, zu vielen nachfolgenden Gesprächen auch mit unseren Freund*innen angeregt. Sehr gut gefallen hat mir, dass die Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit und der Umgang mit dem Wissen darum (statt der Verdrängung, die wir ja doch oft pflegen) ganz unpathetisch stattfinden konnte. Es gab so viele und vielfältige Gedanken, die man selbst verwerfen oder akzeptieren und weiterspinnen konnte. Ich kann mir auch vorstellen, dass die Aufführung auch für Menschen, die gerade den Tod naher Freund*innen oder Verwandter erfahren haben, berührend und anregend ist und sie dabei unterstützt, eine Haltung zum Unbegreiflichen zu finden. Inhalte und Form der Aufführung sind in keiner Weise dogmatisch oder vereinnahmend oder belastend. Was ich nicht erwartet hatte, was mir aber sehr gut getan hat, waren Passagen, an denen ich mit den anderen laut und herzlich lachen konnte und wo der Humor das Beängstigende, das mit dem Thema Tod verbunden ist, hinwegblies und Leichtigkeit aufkommen ließ. Wie immer beim TdV gab es keinen peinlichen Zwang, sondern Freiwilligkeit und Spontanität bei der Möglichkeit zum Mitmachen. Ich kann den Besuch dieser Aufführung nur allen empfehlen, auch denen, die sich gar nicht so sehr persönlich, sondern eher abstrakt „philosophisch“ mit dem Thema Tod auseinander setzen wollen. Der Veranstaltungsort und die Anwesenheit des Bestatters waren übrigens toll! Nun noch eine abschießende Frage: In verschiedenen Zusammenhängen habt Ihr bereits erläutert, dass und inwiefern Euer Lehrangebot, das eine künstlerische Orientierung im wissenschaftlichen Studium ermöglicht, eine Rolle spielt für das Forschende Lernen, das ja ein Profilmerkmal dieser Universität darstellt (z.B. in: Huber et al. 2013; Schelhowe et al. 2015). Könntest Du zum Schluss nochmal erläutern, wo Du am Beispiel Eurer neuen Inszenierung den Bezug zum Forschenden Lernen und Euren Beitrag zur Profilbildung dieser Universität in der Lehre siehst?

Jörg Holkenbrink: Ich habe in meinen Andeutungen zum Probenprozess über die Untersuchung von und den differenzierten Umgang mit Atmosphären gesprochen. Dies ist ein Beispiel dafür, warum es Sinn macht, wissenschaftliche und praktisch-ästhetische Arbeitsweisen und Darstellungsformen miteinander zu verknüpfen. Die künstlerischen Interventionen illustrieren nicht eine bereits vorhandene theoretische Einsicht. Sie bilden vielmehr eine Art Unterbrechung der gewohnten wissenschaftlichen Formate, die einen kreativen Raum eröffnet und verdeutlicht, wie stark der Einfluss des Emotionalen in der Forschung ist. Erleben und Erkennen verbinden sich im Forschungsprozess. Nach der Dramaturgie- und Inszenierungsphase befinden wir uns zurzeit in der Aufführungs- bzw. Veröffentlichungsphase des fächerübergreifenden Studienprojekts. Kooperierende wissenschaftlicheSeminare nehmen an der Performance teil, wobei wir darauf achten, dass sich universitäres und außeruniversitäres Publikum mischt. Die gewonnen Erfahrungen fließen dann in die entsprechenden Lehrveranstaltungen zurück. Forschendes Lernen vollzieht sich hier also erstens als Recherche, Erkundung, Exkursion zu einem selbstgewählten Thema. Zweitens im Übergang zur Konzeption der Performance, bei der alternative Szenarien entwickelt, erprobt und geprüft werden. Drittens während der Performance, als neue Erfahrungen generierender Transformationsprozess, dem sich Performer*innen und Teilnehmer*innen im Zusammenspiel gemeinsam aussetzen. Und schließlich nach der Performance, als Auswertung von Fragestellungen, mit denen Performer*innen und Zuschauer*innen die Performance aufgesucht haben oder von Fragestellungen, die sich während der bzw. durch die Performance neu ergeben und an denen dann anschließend in den jeweiligen Kontexten weitergearbeitet wird. Zusammenfassend ließe sich vielleicht sagen: Das hier vorgestellte Projekt eröffnet die Möglichkeit, Zusammenhänge herstellen zu lernen.

Die nächsten Aufführungstermine von AM SEIDENEN FADEN
im trauerrraum, Brunnenstraße 15/16, 28203 Bremen
Im Rahmen der Bremer Hospiztage 2016
15.10. 2016 / 19 Uhr
16.10. 2016 / 19 Uhr
Im November

02.11. 2016 / 19 Uhr
03.11. 2016 / 19 Uhr
05.11. 2016 / 19 Uhr
06.11. 2016 / 17 Uhr
18.11. 2016 / 19 Uhr
19.11. 2016 / 19 Uhr
20.11. 2016 / 17 Uhr

UKB: 15 EUR (8 EUR)

Begrenzte Teilnehmerzahl. Anmeldung unter tdvart@uni-bremen.de

 

Über die Autor_innen:

Heidi Schelhowe ist Hochschullehrerin in der Informatik an der Universität Bremen und leitet dort die interdisziplinäre Arbeitsgruppe „Digitale Medien in der Bildung“.

Jörg Holkenbrink ist der künstlerische Leiter des Zentrums für Performance Studies der Universität Bremen und des Theaters der Versammlung zwischen Bildung, Wissenschaft und Kunst. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten zählen u.a. Performative Forschung und Lehre sowie Performanz in Forschung und Lehre.

Literatur:

Huber, Ludwig; Kröger, Margot; Schelhowe, Heidi (Hrsg): Forschendes Lernen als Profilmerkmal einer Universität. Beispiele aus der Universität Bremen. Bielefeld: Universitätsverlag Webler 2013.

Holkenbrink, Jörg (2013): Alles eine Frage der Zeit. Performance Studies: Forschendes Lernen mit dem Theater der Versammlung zwischen Bildung, Wissenschaft und Kunst. In: Huber, Ludwig; Kröger, Margot; Schelhowe, Heidi (Hrsg.): Forschendes Lernen als Profilmerkmal einer Universität. Beispiele aus der Universität Bremen, Bielefeld: Universitätsverlag Webler, 105-121.

Bebek, Carolin; Holkenbrink, Jörg (2015): Denkräume in Bewegung setzen. Performance Studies: Möglichkeiten der Transformation in fächerübergreifenden Studienprojekten mit dem Theater der Versammlung zwischen Bildung, Wissenschaft und Kunst. In: Schelhowe, Heidi; Schaumburg, Melanie; Jasper, Judith (Hrsg.): Teaching is Touching the Future. Academic Teaching Within and Across Disciplines. (Reihe „Motivierendes Lehren und Lernen an Hochschulen“). Bielefeld: Universitätsverlag Webler, 76-82.

 

 

Bildnachweis:

  • Autor_innenfoto: Heidi Schelhowe (privat); Jörg Holkenbrink (privat)
  • Abb. 1: Heidi Schelhowe; Jörg Holkenbrink

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