Kunst als Feld der Forschung und Vermittlung – Zur Reform der Studieneingangsphase des BA Kunst – Medien – Ästhetische Bildung

Von Bettina Henzler

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Der 2012 akkreditierte BA Kunst-Medien-Ästhetische Bildung des Instituts für Kunstwissenschaft und Kunstpädagogik ist ein interdisziplinärer Studiengang: Studierende befassen sich hier mit Kunst und Medien aus wissenschaftlicher, fachdidaktischer und künstlerisch-praktischer Perspektive. Der BA kann als Profil- und Komplementärfach oder mit Lehramtsoption (Gymnasium/Oberschule, Primar- und Elementarbereich) studiert werden. In den höheren Semestern des BA aber auch in den MA-Studiengängen des Instituts (Master Kunst und Kulturvermittlung; Master of Education) ist das forschende Studieren in Form des Projektstudiums und im Rahmen der Abschlussarbeiten fest verankert. In Kooperation mit außeruniversitären Einrichtungen, wie Schulen, Museen, oder Kinos werden in Seminaren vielfältige Projekte – Lehrkooperationen, Kolloquien, Ausstellungen, Filmreihen usw. – durchgeführt und in dieser Weise handlungsorientiert theoretische und wissenschaftliche Felder erarbeitet.

Es stellt sich jedoch die Frage, wie bereits in der Studieneingangsphase an das forschende Studieren herangeführt werden und dadurch der Einstieg in das interdisziplinäre Studium erleichtert werden kann. Daher wurde im Rahmen des ForstA-Projekts 2012-2014 ein intensiver Reflexions- und Kommunikationsprozess der Lehrenden initiiert, zum Zweck einer gemeinsamen Weiterentwicklung der Lehre und der Erarbeitung einer Reform der Studieneingangsphase. Im Folgenden werde ich diesen Diskussionsprozess und die entwickelten Maßnahmen in ihren Grundzügen darlegen und damit exemplarisch auch Grenzen und Möglichkeiten des forschenden Studierens reflektieren.

1. Diskussionsprozess

Über die gesamte Projektphase hinweg fand ein intensiver Austausch über die Lehre an unserem Institut statt. 15 Lehrende der Eingangsphase (vor allem aus dem Mittelbau) trafen sich regelmäßig in verschiedenen Zusammensetzungen, um sich gegenseitig ihre Seminarkonzepte vorzustellen und die Integration des forschenden Studierens zu diskutieren. Dabei standen die Module der Eingangsphase auf dem Prüfstand: Modul 1 (Seminar und Tutorium) zur Einführung in das Studium der Kunstpädagogik und Kunstwissenschaft; Modul 2 (drei Seminare) zur Vermittlung der Grundlagen aus den drei Fachdisziplinen; Modul 3 (ein Seminar über 2 Semester) als Einführung in die künstlerische Praxis mit den wählbaren Schwerpunkten Malerei, Bildhauerei, experimentelle Kunstpraxis, Foto und Video. Rückblickend ist sehr positiv hervorzuheben, dass alle Lehrenden der Eingangsmodule sich engagiert in diesen Reflexionsprozess eingebracht haben. Dies ist sicherlich auch darauf zurückzuführen, dass das Nachdenken über Vermittlung selbst Teil des Studiums an unserem Institut ist.

Was ist forschendes Studieren? Was findet schon statt, was ist möglich?

Die Frage, was eigentlich unter forschendem Studieren zu verstehen ist, war ein Ausgangspunkt und ein roter Faden dieses Diskussionsprozesses. In der Literatur zur Hochschuldidaktik reicht das Spektrum von der Teilhabe an einem kompletten Forschungsprozess (vgl. Huber 2009) bis zu Ausrichtung auf problem- und handlungsorientierte (statt lösungs- und wissensorientierte) Studienformen (vgl. Euler 2005). Da Lern- und Forschungsprozesse maßgeblich auf den Gegenständen und Methoden der jeweiligen Fachdisziplinen beruhen, haben wir gezielt Kolleg_innen der verschiedenen Fächer unseres Studiengangs eingeladen, in Vorträgen und Workshops ihre Konzepte des forschenden Studierens vorzustellen. Die Beiträge der Kunstwissenschaftlerin Prof. Dr. Barbara Welzel (Universität Dortmund), der Kunstpädagogin Prof. Dr. Christine Heil (Universität  Duisburg-Essen) und des Professors für Film und Video Gerd Roscher (HFBK Hamburg) eröffneten ein weites Spektrum, das von der Vermittlung von kunstwissenschaftlichen und ästhetischen Forschungsprozessen, über e-learning Konzepte bis hin zu künstlerischen Projekten reichte und die Bandbreite des Faches absteckte.

Darüberhinaus ging es darum, die bereits vorhandenen Erfahrungen unserer Lehrenden mit Prozessen forschenden Studierens vorzustellen und in Bezug auf die Seminare der Eingangsphase zu diskutieren. Zum einen ist das forschende Studieren in der geisteswissenschaftlichen Tradition der Kunst- und Filmwissenschaft verankert. Die in Seminaren dort üblichen Referate und Hausarbeiten haben den Charakter kleinerer Forschungsarbeiten, die von der Entwicklung eigener Fragestellungen, über das Erlernen von grundlegenden Techniken und Methoden des Forschens (Textlektüren, Schreibpraxis, Recherche, Gegenstandsanalysen) bis hin zur Präsentation und schriftlichen Aufarbeitung reichen. Zum anderen sind Aspekte des forschenden Studierens grundlegend für die kunstpädagogischen und künstlerischen Ansätze der ästhetischen Forschung, die in den Einführungsveranstaltungen zur Kunstpädagogik praktiziert werden. In den schulbezogenen Einführungsseminaren stehen problem- und handlungsorientierte Herangehensweisen im Zentrum: die Erarbeitung von Themengebieten in Hinblick auf konkrete Vermittlungssituationen sowie die Entwicklung und Erforschung von Fragestellungen mittels theoretischer, performativer oder künstlerischer Strategien. Die Seminare der künstlerischen Praxis wiederum bieten den Studierenden die Gelegenheit, künstlerische Techniken in einzeln oder kollektiv gestalteten künstlerischen Arbeiten zu erproben. In allen Seminaren werden die jeweiligen Arbeits- und Forschungsprozesse durch eine selbstkritische Reflexion in Form von Präsentationen und Dokumentationen (Prozesstagebücher, Hausarbeiten) begleitet. Die Lehre der unterschiedlichen wissenschaftlichen und praxisorientierten Seminare bewegt sich dabei im Spannungsfeld zwischen subjektorientierten Zugängen zum Feld der Kunst und Medien und den auf Objektivität gerichteten, disziplinären Ansätzen und Diskursen der Kunst- und Filmwissenschaft.

Grundfragen – Grundprobleme

Der Austausch über diese vielfältigen bereits praktizierten Vermittlungsmethoden war für die  Lehrenden eine motivierende Anregung, über die eigene Lehrpraxis nachzudenken und diese weiter zu entwickeln. Dabei wurden auch folgende grundlegende Problematiken des forschenden Studierens thematisiert.

Das forschende Studieren erfordert Zeit: Wenn Studierende sich in Gruppen (oder alleine) Fragestellungen und kleine Projekte erarbeiten, dann verlangt dies eine intensivere, auf individuelle Arbeitsprozesse ausgerichtete Betreuung durch die Lehrenden sowie Zeit für Präsentationen und die Reflexion der forschenden Herangehensweise innerhalb der Seminare. Bei Seminaren mit teilweise bis zu 50 Studierenden (in Modul 1 und 2) kann eine solche Betreuung kaum gewährleistet werden. Zudem stellte sich heraus, dass nach der derzeitigen Studienstruktur die Einführungsseminare in Modul 1  mit drei Semesterwochenstunden (SWS) und einem begleitenden Tutorium inhaltlich überlastet sind. Sie sollen in alle drei Bereiche des BA Kunst-Medien-Ästhetische Bildung einführen und zugleich Praktiken des wissenschaftlichen Arbeitens bzw. der Pädagogik vermitteln. Freiräume für forschendes Studieren werden dann fast automatisch mit einem Verzicht auf die Vermittlung von Grundlagenwissen ‚erkauft’.

Eine weitere, wiederholt diskutierte Problematik betrifft die Strukturierung des BA-Studiums. Die mit dem Bologna-Prozess initiierte Ausrichtung des Studiums auf den Erwerb von Credit Points und kontinuierliche Leistungsabfragen sind nicht geeignet, eine forschende Haltung zu fördern (vgl. Huber 2009, S. 24ff). Denn forschendes Studieren erfordert ein von individuellen Interessen und Fragen geleitetes, engagiertes Studieren, das – wie jeder Forschungsprozess – auch das Risiko der Umwege und Irrtümer einschließt. Es basiert auf einer intrinsischen Motivation und zeitlichem Spielräumen. Im Gegensatz dazu sind viele BA-Studierende vorwiegend extrinsisch motiviert – durch das Prüfungssystem, die Angst vor dem Scheitern, die effiziente Erbringung von geforderten Leistungen usw. So führt paradoxerweise die Arbeit an eigenen Projekten im Rahmen eines zeitlich eng getakteten Studiums häufig zu einer Überforderungssituation. Eine zentrale Frage war daher, wie Freiräume für eigene Projekte innerhalb des BA-Studiums geschaffen werden können, und ob dies innerhalb eines einzigen Faches möglich ist oder ob es dafür fächerübergreifender Strukturen bedarf.

Schließlich wurde auch die (zunehmende) Heterogenität der Studienanfänger_innen und der Voraussetzungen, die diese für das Studium mitbringen, thematisiert. Studienanfänger_innen müssen erst einmal den Übergang von der Schule zur Universität meistern und an das eigenständige Studieren herangeführt werden. Insbesondere in den kunstpädagogischen Einführungsseminaren wird aus diesem Grund versucht,  die schulisch geprägte Haltung einer eher unselbständigen Aufgabenorientierung aufzubrechen und die Studierenden zur Entwicklung eigener Fragen und Arbeitsvorhaben zu ermutigen. Demgegenüber muss auch mit dem Wunsch der Studierenden nach Orientierung und nach der Vermittlung eines verfügbaren Wissens umgegangen werden. Es stellte sich uns daher die Frage, wie man von Anfang an die Verknüpfung der drei Fachschwerpunkte in den theoretischen und praktischen Seminaren erleichtern und sukzessive zu einer forschenden Haltung hinführen kann. Zudem ist festzustellen, dass die Studienanfänger_innen heute sehr unterschiedliche Voraussetzungen für das Studium mitbringen. Einigen Studierenden fehlen Grundfertigkeiten, die in der Schule erworben werden sollten, insbesondere das Verfassen stilistisch und formal korrekter Texte. Damit verbunden sind oftmals Schwierigkeiten, sich mit wissenschaftlichen Texten auseinander zu setzen, eine Grundvoraussetzung des geisteswissenschaftlichen Arbeitens. Inwiefern ist also das Einüben von Techniken des Schreibens und der Lektüre, neben den fachspezifischen Methoden, ebenfalls in das Studium zu integrieren?

Die hier skizzierten Grundfragen haben den gesamten Prozess des ForstA-Projektes an unserem Institut begleitet: Ab wann ist die Integration des forschenden Studierens sinnvoll? In welchen Eingangsmodulen ist es sinnvoll und machbar, bereits an kleinen eigenen Projekten zu arbeiten? Welche anderen Praktiken könnten stattdessen zu einer forschenden Haltung hinführen? Wie sollen Vermittlung von Grundlagenwissen, Grundkompetenzen und Praktiken des forschenden Studierens in den Eingangsseminaren gewichtet werden? Wie kann der zeitliche Rahmen für forschendes Studieren geschaffen werden? Wie ist mit dem erhöhten Betreuungsaufwand umzugehen? Wie können die Studierenden zu einem eigenständigen Lernen motiviert werden? Wie können eigenständige Arbeitsprozesse begleitet und moderiert werden?

2. Maßnahmen

Nach der Fortbildung der Lehrenden und der Reflexion bereits vorhandener Erfahrungen mit dem forschenden Studieren, stand die Entwicklung und Erprobung verschiedener Maßnahmen im Wintersemester 2013/2014 auf dem Programm. In Modul 1, für das bis dahin nur ein Seminar mit begleitendem Tutorium vorgesehen war, wurde zusätzlich eine Vorlesung eingerichtet. Die Vorlesung war als Einführung in die drei Bereiche Kunst-Medien-Ästhetische Bildung konzipiert und diente als inhaltliche Schnittstelle für die Seminare. In ihr wurden grundlegende Fragen, Theorien und methodische Ansätze des Studiengangs behandelt und Verbindungen zwischen den fachlichen Schwerpunkten hergestellt. Auf diese Weise entlastete sie die Seminare in Modul 1. Diese konnten sich stattdessen auf die Vermittlung von Grundlagen des wissenschaftlichen und pädagogischen Arbeitens konzentrieren und hatten mehr Zeit, Elemente des forschenden Studierens einzubeziehen. Die Lehrenden erprobten zudem verschiedene neue Formate, um in den Modulen 1-3 die Arbeit an eigenen individuellen Projekten zu integrieren. Flankiert wurden diese Maßnahmen in der Lehre durch den Einsatz von Tutor_innen, die im Rahmen des ForstA-Programms zu Schreib-Coaches ausgebildet wurden, und somit gezielt Techniken des wissenschaftlichen Schreibenn vermitteln konnten.

Im Folgenden werde ich beispielhaft zwei Maßnahmen, die Vorlesung und eine Kooperation zwischen Theorie- und Praxisseminar, vorstellen.

Vorlesung zur Einführung in Kunst-Medien-Ästhetische Bildung

Bei der Konzeption der Vorlesung sollten verschiedene ‚Fallen‘, die mit diesem Lehrformat verbunden sind, umgangen werden. Ziel war es, den Charakter einer Einführungsvorlesung mit einem Kennenlernen von Forschungsschwerpunkten des Instituts zu verbinden. Es ging darum, die drei Fachdisziplinen Kunstwissenschaft, Medienwissenschaft und Kunstpädagogik zusammenzuführen und ein gemeinsames Curriculum für das spezifische Profil des Studiengangs zu entwickeln, das es in dieser Form bisher nur an der Universität Bremen gibt. Dafür haben Kolleg_innen der drei Bereiche (Dr. Christiane Keim, Prof. Dr. Maria Peters und ich) eng zusammengearbeitet. Statt einen scheinbar verbindlichen ‚Überblick’ über das Feld Kunst-Medien-Ästhetische Bildung anzustreben, der der Komplexität der Fächer und des wissenschaftlichen Arbeitens kaum gerecht werden kann, war unser Ausgangspunkt die Formulierung von grundlegenden Fragen: zu Kategorien und Institutionen, zu den Prozessen der Rezeption, Produktion, Forschung und Vermittlung und zu wissenschaftlichen Ansätzen (Intertextualität, Diskursanalyse/Ideologiekritik, Gender, Performance, Sound Studies) (siehe http://www.kunst.uni-bremen.de/de/aktuelles/archivierte-nachricht/article//einladung-zu.html). Diese dienten als Leitlinien für die einzelnen Vorlesungen, die von verschiedenen Kolleg_innen übernommen wurden. Je eine der Grundfragen – wie z.B. Was ist ein Bild? Was ist ästhetische Bildung? Welches Geschlecht hat die Kunst? Was charakterisiert einen filmischen Schaffensprozess? – sollte in einer Vorlesung an Beispielen aus dem eigenen Forschungsschwerpunkt diskutiert und veranschaulicht werden. Die Studierenden hatten somit bereits im ersten Semester die Möglichkeit, die Bandbreite des Studienfachs und viele der Wissenschaftler_innen des Instituts (inklusive der drei Professor_innen) kennenzulernen.

Darüber hinaus wurden verschiedene Formen erprobt, die Studierenden aktiv an der Vorlesung zu beteiligen. Zum einen war in (fast) jeder Vorlesung eine Phase eingebaut, in der die Studierenden selbst zu Wort kommen sollten: dies reichte von Fragen an die Studierenden, über Gruppenarbeiten bis hin zu einer performativen Interaktion mit dem „Theater der Versammlung“. Zum anderen wurde die Vorlesung durch e-learning auf Stud.IP begleitet. Die Einstellung von Materialien und Fragen zu den einzelnen Veranstaltungen auf dem Kommunikationstool DoIT diente dazu, die Vorlesung vertiefend nachzubereiten und Diskussionen unter den Studierenden anzuregen. Die Aufgaben waren nicht nur zur Prüfung des erarbeiteten Wissens gedacht, sondern sollten vor allem zum Weiterdenken und Einbringen des eigenen Erfahrungsschatzes anregen. Denn genau dies ist Ansatzpunkt für eine forschende Haltung: sich zunächst der eigenen Interessen in Bezug auf ein Forschungsfeld bewusst zu werden, Fragen zu entwickeln, sie zu diskutieren und Gegenstände zu suchen, an denen das forschende Studieren ansetzen kann.

Die Auswertung der Vorlesung erfolgte quantitativ in Form einer Evaluation  auf Stud.IP und qualitativ in Feedbackrunden mit den Lehrenden. Trotz anfänglicher Skepsis gegenüber dem Format ‚Vorlesung‘, das einer individuellen Aktivierung der Studierenden gerade nicht zu entsprechen scheint, traf die Veranstaltung sowohl bei den Studierenden, als auch bei den Lehrenden auf große Zustimmung. Denn sie übernahm in dem interdisziplinären Studiengang eine wichtige integrative Funktion. Die Studierenden würdigten den Einblick in die verschiedenen Aspekte des Studiums und bewerteten die Inhalte ebenso wie die Verknüpfung der drei Schwerpunkte mehrheitlich (je nach Frage 60-80 %) positiv. Durch die Beteiligung verschiedener Lehrkräfte als Vortragende und den gegenseitigen Besuch der Vorlesungen wurde auch der Dialog unter den Lehrenden am Institut gestärkt. Da die Arbeit der Kolleg_innen an Sichtbarkeit gewann, konnte auch in den einzelnen Seminaren gezielter aufeinander Bezug genommen werden. Gerade weil es sich dabei um ein in dieser Form neues BA-Studium handelt, kann die Vorlesung auch in Zukunft genutzt werden, sich über verbindliche Lektüren (einen Kanon an Grundlagentexten) und Inhalte zu verständigen.

Einschränkend ist jedoch darauf hinzuweisen, dass sich die Teilnahme, die meist über 60 % lag, gegen Ende der Vorlesungsreihe bis auf 40 % reduzierte. Dies lag vermutlich vor allem an dem erhöhten Druck durch Prüfungen und Referate in anderen Veranstaltungen gegen Ende des Semesters. Zudem spricht das Format der Vorlesung nicht alle Studierenden gleichermaßen an. So steht den durchgehend positiven Rückmeldungen zur Vorlesung die Angabe von 67 % der Studierenden gegenüber, die stärker eigenständige Arbeit im Seminar habe ihnen mehr gebracht. Dieses Votum macht deutlich, dass das Format der Vorlesung als Ergänzung der Seminare sinnvoll ist, diese jedoch nicht ersetzen kann. Denn es ist weniger geeignet, auf die individuellen Bedürfnisse und die Heterogenität der Studierenden einzugehen. Weiterhin ist vor allem das e-learning-System einer kritischen Revision zu unterziehen, weil es in der durch Stud.IP vorgegebenen Struktur eher als Prüfungsinstrument denn als Kommunikationstool funktioniert.

Ein Kooperationsprojekt zum Interieur

Beispielhaft für die Erprobung des forschenden Studierens in den Seminaren soll ein besonders gelungenes Kooperationsprojekt vorgestellt werden, das Dr. Angelika Bartl gemeinsam mit der Videokünstlerin Astrid Nippoldt entwickelt hat. Sie kombinierten ein Seminar zu den Grundlagen der Kunstwissenschaft (Modul 2) und ein Seminar der künstlerischen Praxis (Modul 3), die sich dem Thema des Interieurs / Innenraums widmeten. Im Grundlagenseminar wurden die analytischen Fertigkeiten und methodologischen Hintergründe der Bildanalyse anhand von Interieursdarstellungen in der Kunst erarbeitet, die dann im Grundkurs Video Ausgangspunkt für eine filmische Neuinterpretation der Bilder waren. Künstlerische Arbeiten, die eine zeitgenössische Auseinandersetzung mit kunsthistorischen Werken darstellen, u.a. von Jeff Wall, Tom Hunter und Thomas Struth, waren dabei wegweisend. Ästhetische Forschung ging hier Hand in Hand mit der kunstwissenschaftlichen Analyse, die künstlerische Arbeit wurde – wie auch in den anderen Praxiskursen unseres Instituts – als forschende, reflexive Praxis vermittelt.

Das qualitative Feedback zu dem Seminar war sehr positiv. Hier bot der Fokus auf ein spezifisches Thema und zugleich das vergrößerte Zeitfenster (vier SWS + drei SWS als Blockveranstaltungen) Raum für eigene (künstlerisch-forschende) Projekte und ermöglichte eine vertiefende Auseinandersetzung, die dem Prinzip der Forschung am ehesten entspricht. Die Kombination Theorie-Praxis war für beide Bereiche bereichernd, da die eigene künstlerische Arbeit das Interesse an der Auseinandersetzung mit theoretischen Positionen stärkte und umgekehrt, nach Aussage der Lehrenden, die künstlerischen Arbeiten der Studierenden von bemerkenswerter Qualität waren.

Mit diesem Projekt sind die Potentiale und Grenzen des forschenden Studierens in der Eingangsphase umrissen, die auch in den anderen Seminaren deutlich wurden. Forschendes Studieren ist bereits mit Studienanfänger_innen durchaus möglich, es kann sehr motivierend sein und auch für die Lehrenden zu überraschenden Ergebnissen führen. Insbesondere kann die Arbeit an eigenen Projekten die Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Texten beflügeln. Dafür sind allerdings spezifische Rahmensetzungen notwendig. Zum einen ist eine pragmatische Eingrenzung auf einzelne Texte, Gegenstände oder Themen erforderlich, die als Ausgangspunkt für die eigenen Projekte dienen können. Eine völlig freie Herangehensweise stellt für Erstsemester dagegen eher eine Überforderung dar. Zudem ist ein großzügiger zeitlicher Rahmen – hier durch die sieben SWS gegeben – notwendig, der eine intensive Begleitung und Reflexion der individuellen Arbeitsprozesse ermöglicht. Nur so können solche Projektarbeiten und ihre Präsentationen innerhalb des Seminars sowohl für die jeweiligen Gruppen als auch ihre Zuhörer_innen zufriedenstellend erfolgen.

Ein Projekt wie das von Bartl / Nippoldt ist nicht nur aufgrund der Lehrkapazitäten jedoch derzeit leider nicht generalisierbar. Es steht in seiner starken Spezialisierung auch dem Anspruch des BA-Studiums entgegen, einen Einblick in verschiedene Bereiche sowie verbindliche Grundlagen zu vermitteln. In der Diskussion über die künftige Umstrukturierung der Eingangsphase haben wir uns daher zunächst dafür entschieden, die Koppelung von Theorie und Praxisseminaren eher für die höheren Semester weiterzuentwickeln. In der Eingangsphase soll dagegen durch Umgestaltung innerhalb der Module Freiraum für eine Heranführung an das forschende Studieren geschaffen werden. Dazu gehört die Verstetigung der ergänzenden Einführungsvorlesung, die die Seminare in Modul 1 entlastet und eine Integration der fachlichen Schwerpunkte ermöglicht. Die Seminare in Modul 1 sollen künftig Grundkompetenzen des wissenschaftlichen Arbeitens und Vermittlungspraktiken anhand von ausgewählten Gegenständen der Kunst- und Medienwissenschaft erarbeiten. In den Seminaren des Moduls 2 stehen dagegen die intensive Auseinandersetzung mit grundlegenden wissenschaftlichen Positionen der drei Bereiche im Zentrum. Die Lektüre von Grundlagentexten soll mit eigenen kleinen Forschungsarbeiten der Studierenden verbunden werden. Zudem ist für die Zukunft die Weiterentwicklung eines Tutor_innensystems geplant, das – quer zu den einzelnen Seminaren – Raum für die Bearbeitung eigener Projekte bieten soll. Eine vielversprechende Initiative vom StugA Kunst geht in diese Richtung, die ab dem Sommersemester 2014 eine von Studierenden selbst gestaltete Freie Klasse anbietet. Diese Vorhaben zeigen, dass das ForstA-Projekt  im Sinne der Nachhaltigkeit in eine kontinuierliche Reflexion und Weiterentwicklung der Lehre münden muss. Diese hängt jedoch nicht nur vom Engagement der Lehrenden, sondern auch von den künftigen personellen, finanziellen und strukturellen Bedingungen am Institut für Kunstwissenschaft und Kunstpädagogik ab.

Über die Autorin:

Bettina Henzler ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kunstwissenschaft und Kunstpädagogik mit Schwerpunkt Filmvermittlung und Filmwissenschaft. Im Rahmen des ForstA-Projektes hat sie gemeinsam mit ihren Kolleg_innen Reformen für die Studieneingangsphase des BA Kunst-Medien-Ästhetische Bildung entwickelt.

Literatur:

Dieter Euler: Forschendes Lernen. In: Sasche Spoun, Werner Wunderlich (Hg.): Studienziel Persönlichkeit. Beiträge zum Bildungsauftrag der Universität heute. Frankfurt am Main, New York: Campus Verlag 2005, S. 253-292.

Ludwig Huber: Warum Forschendes lernen nötig und möglich ist. In: Ludwig Huber, Julia Hellmer, Friederike Schneider (Hg.): Forschendes Studieren im Studium. Aktuelle Konzepte und Erfahrungen. Bielefeld 2009, S. 9-35.

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