„Time to Get Cereal“ – Philosophie in South Park (Teil III)

VOTE OR DIE!

von Max Melcher

Welchen Wert hat Demokratie, wenn alle Wahlmöglichkeiten mehr oder weniger gleich unattraktiv sind? Mitbestimmung ist unzweifelhaft ein theoretischer Grundstein unseres Staatsgebäudes, eine Säule unsere Gesellschaft, Element unseres Selbstverständnisses – doch wenn eine Person keine Unterschiede zwischen zwei Alternativen ausmachen kann, auf welcher Basis soll sie entscheiden? Inwiefern dieser Umstand bei (politischen) Wahlen vorzufinden ist, wird zweifelsfrei abhängig von Untersuchungsobjekt und Untersuchendem variieren; unstrittig scheint hingegen, dass manch gegenwärtiges System sich dieser Kritik mancher Mitglieder stellen muss. Insbesondere unmittelbar vor Wahlen wird man von verschiedenster Seite an ihre Relevanz erinnert; Politiker*innen und andere Prominente ermutigen, ohne speziell Werbung für eine Partei zu machen, das Volk zur Erfüllung ihrer „staatsbürgerlichen Pflichten“. Nicht selten impliziert der Apell dabei scheinbar das „Argument“: Wählt, damit das demokratische Wahlsystem erhalten bleibt; damit die Demokratie nicht Opfer von Antidemokrat*innen wird; damit eure Stimme Gehör findet! Wenn man jedoch auf der Basis einer (rational) begründeten Bewertung entscheiden will, aber sich keine rationalen Gründe finden lassen, wie soll man sich eine Meinung bilden, wie urteilen? Welche Stimme hat man ohne Meinung? Und warum sollte man diese Nicht-Meinung manifestieren?

Dieses Problem thematisiert Southpark (SP) in „Douche and Turd“ (deutscher Titel: Wähl oder stirb!), der achten Folge der achten Staffel: Die Southpark Elementary School muss, aufgrund politischen Drucks der Organisation PETA, die Kuh als ihr bisheriges Schulmaskottchen ersetzen. Genervt von diesem Umstand und der zur Auswahl stehenden Alternativen schlägt Kyle seinen Freunden Cartman, Stan und Kenny vor, alle Schüler*innen zu überreden, keine der Vorschläge zu wählen und stattdessen „Giant Douche“ auf den Wahlzettel zu schreiben. Vermutlich dem Habitus des grundsätzlichen Widerspruchs mit Kyle entspringend, schlägt Cartman „Turd Sandwich“ als Namen vor. Es kommt zum offiziellen Duell in der Wahl des neuen Schulmaskottchens zwischen einem „Giant Douch“ und einem „Turd Sandwich“, zu Lagerbildung und Wahlkampf.

Die eingangs beschriebene Problematik wird hier in aller Deutlichkeit ad absurdum geführt. Bei genauerer Überlegung weist das Szenario trotz (oder gerade aufgrund?) seiner Absurdität sogar erstaunlich viele Parallelen zur Kritik auf: der Vergleich von Politiker*innen und Maskottchen bzw. Repräsentanten; der Zufluss politischer Relevanz der „Kandidaten“ aufgrund einer generellen Protesthaltung; völlig inhaltsloser Wahlkampf voller Scheinargumente vertreten von teilweise sehr überzeugten Wahlhelfer*innen; die unproportionale Berücksichtigung einer lediglich durch kleine Protestgruppen betonten „Problematik“; („Bestechung“ bestimmter Wählergruppen (wortwörtlich) mit Bonbons).

Entgegen der aktuellen Situation ist in South Park nahezu jeder – Kinder, Lehrkörper, Eltern und selbst „Unbeteiligte“– von der Wichtigkeit dieser Wahl überzeugt; alle, bis auf Stan. Dieser kann keinem der Kandidaten etwas abgewinnen und sich folglich nicht entscheiden. Sein Beschluss, nicht zu wählen, wird jedoch nicht nur von seinem Freund Kyle, selbst oft Stimme der Moral in der Stadt, kritisiert: von Eltern über Lehrer bis hin zur Bürgermeisterin ist man über Stans Entscheidung förmlich entsetzt. Nach der Einschätzung der Verantwortlichen stellt sich keine andere Möglichkeit, als Stan aus der Stadt und somit der Gemeinschaft zu verbannen. In möglichst demütigender und zugleich lächerlicher Manier wird Stan aus der Stadt befördert und darf zu dieser nicht zurückkehren, ehe er die Wichtigkeit von Wahlen eingesehen hat.

Die Überzeugung von Wahlen, als Symbol der demokratischen Ordnung, ist hier auf ein Höchstmaß überspitzt, insbesondere vor dem Hintergrund, dass dieser Wahl entgegen manch realem Vertreter, kaum Relevanz zuzuschreiben ist. In dem Szenario lassen sich keine wirklich triftigen Argumente zur Begründung einer Entscheidung finden. Nichtsdestoweniger soll und muss eine Entscheidung getroffen werden; Nicht-Entscheiden wird radikal sanktioniert. Stan befindet sich in einem handlungstheoretischen Dilemma: eine rational, d.h. auf der Basis bewerteter Gründe, gefällte Entscheidung ist aufgrund mangelnder positiver Argumente nicht möglich; die Kandidaten sind gleich schlecht. Selbst die bereits angesprochene Gruppe von „Argumenten“, die ein „gegen-etwas“ enthalten, greifen hier nicht, weil keine Anti-Demokraten zu finden sind. Beide Kandidaten sind zwar gleich schlecht, aber ihre Wahl stellt keine echte gesellschaftliche Gefahr dar. Die Wahl ist eben unbedeutend. Verbannung hingegen ist ein Übel – welches Stan jedoch der Teilhabe an dem absurden öffentlichen Schauspiel vorzieht.

Die Analogie weist zweifelsfrei erhebliche Schwachstellen auf. So besteht für reale, demokratische Wahlen ein gesetzlich geregeltes Verfahren, für dessen Wert sich starke Argumente finden lassen. Das ohnehin schmale Prozedere der Schulmaskottchenwahl wird von den Schüler*innen hingegen offenkundig umgangen. Genau hier liegt aber ein Teil der Kritik, denn obwohl in verschiedenen Ländern freilich ausgeprägte und erprobte Wahlprozesse existieren, sind Elemente der Karikatur auch in der Realität präsent. Mit dem Wahl- bzw. Auswahlprozess der Repräsentanten und Akteure einer politischen Ordnung trifft man einen empfindlichen Nerv derselben. In diesem manifestieren und explizieren sich Werte und Ideologie der Gesetzesschrift einer Gesellschaft. Auch staatstheoretische Überlegungen in der Philosophie machen ihn seit Anbeginn zum Gegenstand; Platons Politeia ist förmlich von der Bemühung um eine angemessene und adäquate Besetzung wichtiger Ämter durchdrungen. In philosophischen Debatten scheint der Fokus jedoch vorwiegend auf der Gefahr „feindlicher“ Aushöhlung und Errichtung despotischer Herrschaft gerichtet. Doch die Kandidaten im konstruierten Beispiel sind nicht wirklich gefährlich. Sie sind lediglich, gemessen an Funktion und Aufgabe eines Schulmaskottchens, vollkommen ungeeignet; fixe Protestvorschläge einer Wählerschaft, welche die anstehende Wahl nicht erstnehmen kann. Stans Entschluss zum Nicht-wählen kann, in Anbetracht dieses ihm sich bietenden Spektakels gepaart mit dem unverhältnismäßigen Druck zu einer irrationalen – weil notwendig unbegründeten – Entscheidung, durchaus als einzig nachvollziehbare Handlung ausgemacht werden.

Stan selbst bekundet jedoch zugleich, dass er keine grundsätzliche Abneigung gegen Wahlen verspürt: „I think, voting is great; but if I have to choose between a Douche and a Turd I just don’t see the point.“ Insofern kann die Folge als Appell, nicht hinsichtlich der Pflichterfüllung, als vielmehr zur überlegten und geeigneten Kandidierendenauswahl betrachtet werden. Nur wenn erstzunehmende und zugleich unterscheidbare Kandidat*innen für eine Wahl zur Verfügung stehen, ist das Prozedere sinnvoll. Der gegenwärtig forcierte allgemeine Aufruf zur Stimmabgabe scheint, wenn auch nicht ausschließlich, erst vor diesem Hintergrund berechtigt.

„Time to Get Cereal“ – Philosophie in South Park (Teil II)

Zwischen infantilem Humor und Gesellschaftskritik

von Jonathan Assmus

In Just Joking: The Ethics and Aesthetics of Humor vertritt Berys Gaut die These, Humor sei verantwortlich für die in ihm manifestierten ethischen Werte. Darüber hinausgehend spricht er moralischer Güte sogar einen positiven, moralisch Verwerflichem hingegen einen negativen Einfluss auf die Witzigkeit zu.1 Meines Erachtens trifft Gaut mit dieser Einschätzung lediglich einen Teil der Wahrheit. Manifestierte ethische Aspekte spielen in der Evaluation der Witzigkeit eine Rolle, und da Humor in Situationen auftritt, kann man durchaus von Verantwortung für die repräsentierten Einstellungen sprechen. Allerdings ist die eindeutige Zuordnung von ethisch lobenswerten bzw. verwerflichen Eigenschaften komplizierter als es auf den ersten Blick scheint – besonders im Humor. Wer ist tatsächlich das Ziel eines diskriminierenden Witzes? Die betroffene Minderheit, das fiktive (ethisch fragliche) Sprechersubjekt oder der ironische Witzeerzähler selbst? Einige Folgen der Serie South Park (SP) zeigen nicht bloß die Möglichkeit der Koexistenz dieser Ziele, sondern darüber hinaus, wie sie aufeinander aufbauend eine beißende Satire kreieren können. Um die häufig ambivalente Bedeutung des Humors zu entschlüsseln ist eine Erörterung der Relevanz von Weltanschauungen und dem Umgang mit gegebenen Situation bei Trey Parker und Matt Stone ein guter Angriffspunkt.

Unter dem Begriff Weltanschauung kann eine Menge von deskriptiven, normativen oder ästhetischen Überzeugungen subsumiert werden, die für ein konkretes Individuum den Ankerpunkt der Identität bilden. Die Notwendigkeit, sich in einer Welt zu orientieren, ist Konsequenz der Gegebenheit, in dieser Welt zu sein – mag zwischen menschlichem Verständnis der Welt und deren Realität auch häufig (vielleicht immer) ein Diskrepanz bestehen. Eine gängige Reaktion auf die Adressierung von Widersprüchlichkeiten oder Dogmen in der eigenen Weltanschauung ist Zurückweisung, Abneigung oder gar Aggressivität. Wenn allerdings in humoristischer Aufarbeitung Sakrales hinterfragt wird, ist dies eine Einladung die eigene, emotional geladene Perspektive zu transzendieren und Verständnis für andere Sichtweisen zu gewinnen.2 Auf diese Art wird durch den grenzenlosen Humor in SP der intrinsischen Komik menschlichen Lebens Rechnung getragen. Im Bewusstsein um die eigene Lächerlichkeit nehmen sich die Schöpfer von SP nicht von den humoristischen Attacken aus, was sich im ironischen Grundton der Serie widerspiegelt. Für Matt Stone ist der Versuch, für eigene Glaubensvorstellungen einen separaten Standard einzuführen, der Beginn von Intoleranz und Fanatismus.3 Diesem darf – besonders im Humor – kein Raum gegeben werden. Im Gegensatz dazu wird durch eine humoristische Einstellung zu den mehr oder weniger ernsten Problemen der Welt Toleranz praktiziert und somit die Freiheit des Denkens verteidigt; oder mit den Worten von Sigmund Freud: “Der Gedanke sucht die Witzverkleidung, weil er durch sie sich unserer Aufmerksamkeit empfiehlt, uns bedeutsamer, wertvoller erscheinen kann, vor allem aber, weil dieses Kleid unsere Kritik besticht und verwirrt.”4

SP nähert sich ausgewählten gesellschaftlichen Konflikten mit diesem philosophischen Ansatz. Eine Distanzierung zu dem Ernst der Problematik erfolgt dabei meist durch die Inkongruenz5 zwischen den etablierten Glaubenssätzen der Erwachsenen und dem begrenzten Verständnis der Grundschüler. Die kindliche Perspektive spiegelt sich in dem profanen, wenn nicht gar infantilem Humor wieder; ohne Rücksicht auf Sprachverbote oder gesellschaftliche Tabus. Durch die Entbindung der Form vom Inhalt gelingt es den Komödianten die eigene Rolle als Kritiker meta-ironisch zu reflektieren. Nicht nur die im Diskurs behandelte Thematik, sondern auch der Diskurs selbst wird in der Karikatur aufgegriffen und ad absurdum geführt. Durch die geringere ideologische Vorbelastung wirken die Kinder South Parks am Ende des Tages meist reifer als ihre Eltern und zeigen die Diskrepanz zwischen dem, was Menschen tun sollten, behaupten zu tun und tatsächlich tun6 auf.

Die Einordnung von Humor in einen konkreten Kontext ist allerdings noch von einem weiteren Aspekt abhängig: Dem Machtverhältnis zwischen den Beteiligten. Seit jeher werden Witze nicht nur in wohlwollender Absicht, sondern auch zur Ausgrenzung gesellschaftlicher Gruppen verwendet. Überlegenheit im Humor ist besonders für eine satirische Aufarbeitung der Welt von großem Interesse, da sie die Frage nach dem Verhältnis von Humor und Macht aufwirft. Wird Macht im Humor lediglich ausgedrückt oder kommt dem Humor selbst Macht zu? Meines Erachtens kann aufgrund des Einflusses von Humor auf das Selbst- und Weltverständnis, sowie die Aufarbeitung gesellschaftlicher Spannungen dem Humor eine gewisse Macht zuerkannt werden. In SP wird durch die Aufarbeitung der Rolle von Kunst und dem Spiel mit gesellschaftlichen Kräfteverhältnissen dieser Idee Tribut gezollt.

Exemplarisch für die vorliegende Interpretation der Philosophie des Humors in SP kann die Folge “Naughty Ninjas” (S19E07) angeführt werden:

Der in die Tage gekommene Polizist Barbrady wird zu einem Polizeigroßeinsatz in der Southpark Elementary gerufen und vom Einsatzleiter durch die Hintertür geschickt. Als die restlichen Polizisten die Turnhalle zuerst betreten, offenbart der Schulleiter, den Einsatz lediglich zur Bloßstellung der ständig schwatzenden Lesley angefordert zu haben. Diese identifiziert er mit einem Laser-Pointer als Störenfried. Als der unwissende Barbrady – überfordert von der angeblichen Notsituation – zur Hintertür herein kommt, hält er den nun auf ihn gerichteten Laserpointer für eine Waffe und schießt unglücklicherweise ein Kind an.

Das Problem für den Stadtrat: Das Kind gehört einer Minderheit an. Dementsprechend wird Officer Barbrady als ewig gestriger Rassist abgestempelt und entlassen. In erster Instanz richtet sich der Witz hier gegen eine progressive Bewegung, deren Insistieren auf politischer Korrektheit in den Grenzen der Sprache zugespitzt und ad absurdum geführt wird. Die Progressivität wird zu einem Maßstab diskreditiert, dessen oberflächliche Verhaltensregeln – losgelöst von jedem Inhalt – die Akzeptanz in unserer Gesellschaft markiert.

Der subversive Humor einer Southpark-Episode wäre allerdings nicht vollendet, wenn die Inkongruenz nicht in einer ironischen Verdrehung das Gegenüber ebenso zur Schau stellen würde.

Im Rausch der politischen Korrektheit und den Vorteilen der Gentrifizierung sind die übermütigen Bewohner von Southpark der Überzeugung, keine Polizei mehr zu brauchen. In der entstehenden Ideologie der political correctness werden die Gesetzeshüter als Rassisten stereotypisiert, welche nicht mehr zum progressiven Southpark passen – in den meisten Fällen trifft das Vorurteil hier sogar zu. Doch die Stimmung kippt, als sich in der Stadt Obdachlose unbehelligt ausbreiten. Um das ‘Problem‘ zu lösen, muss sich der Stadtrat an die Polizei wenden. Aus der neuen Machtposition heraus erreichen die Polizisten mit der progressiven Bürgermeisterin die Vereinbarung, polizeiliche Gewalt an den Obdachlosen auslassen zu dürfen.

In zweiter Instanz wird die Scheinheiligkeit der Ideologie zu Tage gefördert, indem die politische Korrektheit gegenüber öffentlich präsenten Minderheiten mit der Behandlung der missachteten Obdachlosen konterkariert wird. Die Form ist vom Inhalt losgelöst – die wahrhaft Hilfsbedürftigen werden (weiterhin) diskriminiert [Inhalt] und die Bewohner der Stadt können sich in scheinbarer Moralität sonnen [Form]. Parallel zu dieser Zuspitzung wird durch den Wandel der Machtverhältnisse Kritik an den Polizisten der Stadt geübt. Trotz der erfahrenen Ausgrenzung wird nicht über die eigene Stellung in der Gesellschaft reflektiert, sondern bei erster Gelegenheit Grausamkeit gegenüber Schwächeren praktiziert.

Der Humor dieser Folge richtet sich sowohl gegen die Überempfindlichkeit der Progressiven, als auch die Stereotypisierung der Reaktionären, welche in einer Farce politisch korrekter Ausdrucksweise dargestellt wird. Letztendlich stehen alle Beteiligten in ihrer Lächerlichkeit dar.

1 Siehe Berrys Gaut (1998): Just Joking: The Ethics and Aesthetics of Humor.

2 Von John Morreall wird “self-transcendence” als eine der zentralen Tugenden des Humors identifiziert. “It liberates us from the narrow perspective of fight-or-flight emotions and helps us […] to see ourselves as other people do.” Siehe John Morreall (2009) Comic Relief. A comprehensive Philosophy of Humor: S.115.

3 Diese Einstellung wurde von Stone in einem Interview mit The Associated Press formuliert, nachdem es zu einem Bruch mit Isaac Hayes über die Darstellung von Scientology kam.

4 Siehe Sigmund Freud (1905): Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten. S.107.

5 Als Inkongruenz wird in der Philosophie des Humors die Diskrepanz zwischen einer Erwartungshaltung und der realisierten Situation bezeichnet.

6 “In looking for incongruity in society, we look for discrepancies between what people should do, what they say they do, and what they actually do.” – Morreall (2009): 113.

„Time to Get Cereal“ – Philosophie in South Park

Von Jonathan Assmus und Max Melcher

Auf die Frage im 60 Minutes-Interview, ob es Linien gäbe, die sich nicht überschreiten, antworteten Trey Parker und Matt Stone simultan: „Nein!”; und nach kurzem Lachen ergänzte Stone: „Noch haben wir keine gefunden…”. Beide Künstler produzieren seit 1997 die für profanen, wie provozierenden Humor bekannte Animationsserie South Park (SP). Ausgangspunkt der Episoden ist die fiktive, gleichnamige Stadt, in welcher das Zeitgeschehen durch die teils exzentrischen Bewohner aufgearbeitet wird. Die Geschichten kontrastieren dabei die Wahrnehmung der Welt der „Erwachsenen” mit der Perspektive der vier Schuljungen Stan Marsh, Kyle Broflovski, Eric Cartman und Kenny McCormick. Im Deckmantel kindlicher Unschuld werden durch die Charaktere die Grenzen des Sagbaren und der Toleranz ausgetestet. Der subversive Humor ist laut Parker und Stone inspiriert von Monty Python, sowie dem engstirnigen Charakter Archie Bunker aus der Serie „All in the Family“. Letzterer findet in Cartman sein junges Pendant, dessen vorurteilsbehaftete Weltsicht in verschiedenen Konflikten ad absurdum geführt wird. Cartmens intolerante Einstellung bildet zugleich das Gegengewicht zu Kyles ausgeprägtem Gerechtigkeitssinn. Während es sich bei dem in Armut aufwachsenden Kenny primär um einen Comic-Relief handelt, werden Stan und Kyle oft als Repräsentationen von Parker und Stone verstanden.

Eine Folge SP wird in lediglich einer intensiven Arbeitswoche produziert. Verhältnismäßig schlichte Animationen, orientiert am Cutout-Animationsstil der Debutfolge, ermöglichen die kurze Produktionszeit. Das Team um Parker und Stone hat sich zudem im Laufe der Jahre merklich vergrößert. Die geringe Spanne von der Idee zur Ausstrahlung schlägt sich in einem hohen Maß an Aktualität nieder. Auf diesem Weg schafft es SP, Bestandteil zeitgenössischer Debatten zu sein und Kritik oder Appell in die Gesellschaft zu tragen.

Thematisch wird auf allen Ebenen und in alle Richtungen ausgeteilt: Gesellschaftliche (Miss-)Verhältnisse werden schonungslos karikiert, absurde politische Vorkommnisse direkt und polemisch angesprochen, religiöser Fanatismus schamlos verlacht. Konsequent egalitär bleibt keine Bevölkerungsgruppe von Kritik verschont. Gepaart mit dem beißend, sarkastischen Humor ist kaum verwunderlich, dass öffentliche Diskussionen um von SP angestoßene Debatten nicht selten in Kontroversen mündeten. Die wohl erste Wahrnehmbare stieß SP im Juni 2001 mit der Folge „It hits the fan“ (S05E01)“1 an, welche den Wandel des gesellschaftlichen Sprachgebrauchs thematisiert. Das im zeitgemäßen amerikanischen Fernsehen noch häufig zensierte Wort „shit“ (bzw. „shitty“) wird zu diesem Zweck ca. 200 mal verbal oder schriftlich verwendet. Die Folge spiegelt exemplarisch die Facette des infantilen Humors in SP wider: viele Witze sind schlicht oder in stumpfen, gegenseitigen Beleidigungen verpackt. Die Wortwahl fällt häufig äußerst derb aus und Entscheidungen sind des Öfteren völlig irrational. Anzumerken ist jedoch, dass die Protagonist*innen dieses groben Humors nicht ausschließlich die Kinder, als vielmehr alle Stadtbewohner*innen sind.

Obzwar der infantile Humor bis heute als markante Ausprägung erhalten geblieben ist, hat sich die Serie mehr und mehr gesellschaftskritischen Fragen zugewannt. Der Wechsel von bloßer Provokation zu bewusster Satire hat dabei auch die einhergehenden Kontroversen auf eine andere Ebene gehoben. Die Thematisierung von Scientology in der Folge „Trapped in the closet“ (S09E12) wurde anhand juristischer Überlegungen abgesichert: Karikaturen bekannter Sektenmitglieder wurden durch profanen Symbolismus maskiert. Darüber hinaus wurde zur Unterscheidung von Satire und den Glaubenssätzen Scientologys Letztere mit der Bildunterschrift „This is what Scientologists actually believe“ gekennzeichnet. Konsequenz der Satire war der Bruch mit dem Scientology-Mitglied und Sprecher der prominenten Rolle „Chef“. Trotz der Vorsichtsmaßnahmen verzögerte sich die Ausstrahlung der Folge aufgrund von Streitigkeiten mit Tom Cruise um zwei Monate – und wurde ungeachtet all dessen für einen Emmy nominiert.

Feedback zu den verschiedenen Episoden mäandert zwischen Entrüstung und Beifall. Beispielsweise erhielt die Darstellung der heiklen Problematik um den Gebrauch des Wortes „Nigger“ in der Folge „With apologie to Jesse Jackson“ (S11E01) vielerseits Lob:

Kovon and Jill Flowers, who co-founded the organization Abolish the „N“ Word, tells CNN that in this case, using it was appropriate.
»
This show in its own comedic way, is helping to educate people about the power of this word and how it feels to have hate language directed at you.«“2

Betrachtet als Mikrokosmos für die karikierte Darstellung gesellschaftlicher Stereotype und Personen des öffentlichen Lebens hat sich in South Park im Laufe der Jahre allerdings einiges verändert. Die Umgestaltung von Verhältnissen und Charakteren etwa reflektiert zunehmend die Spaltung der (amerikanischen) Gesellschaft. So wurde in Staffel 19 die bisherige Schulleiterin durch die Figur PC Principal ersetzt und Mr. Garisson – langjähriger Bestandteil der Serie als exzentrischer Grundschullehrer – zur konservativen Ikone und Ikone Konservativer aufgebaut. Garissons Ckarakterentwicklung kulminiert in der Wahl zum Präsidenten der USA- und somit zu einer erschreckend gelungenen Karikatur Donald Trumps.

Der Wandel des Mr. Garisson veranschaulicht die Fülle des in 23 Jahren erarbeiteten, eigenen Kosmos. Abseits der Haupt- haben auch zahlreiche Nebencharaktere langjährige Backstories und entsprechende Folgen – SP kann auf eine gesamte Kleinstadt zurück greifen. Deren facettenreiche Bewohner*innen werden der Thematik entsprechend in die Handlung eingebunden.

Ungeachtet aller Kritik hat sich SP als gesellschaftskritische Serie mit öffentlicher Berücksichtigung etabliert. Verschiedenste Thematiken, konträre Perspektiven, scharfer Humor an der Grenze des „guten Geschmacks“ liefern zahlreiche Denkanstöße und Diskussionsbeispiele. Ein Teil eben jener soll in den kommenden Wochen in Form episodischer Kurzessays unter der Überschrift „»Time to Get Cereal« – Philosophie in South Park“ aufgearbeitet werden. Hierbei werden ausgewählte Aspekte einzelner Folgen insbesondere vor der charakteristisch-humorvollen Aufbereitung rekonstruiert und interpretiert.

Die für das Projekt namensgebende Folge aus Staffel 22 thematisiert den Klimawandel, sowie das schizophrene Verhältnis von wissenschaftlichen Erkenntnissen zu politischen Entscheidungsfindungen. Die Diskrepanz zwischen lebensweltlicher Überzeugung und theoretischer Fundierung ist häufig Quelle South Parkschen Humors. Analog zu der Selbstkritik der Folge, welche den früheren Umgang der beiden Künstler mit der Thematik Klimawandel rügt, wollen auch wir unseren Fokus auf die ernsteren Aspekte richten. Dabei werden philosophische Gedanken in den Vordergrund gerückt.

Interessierten Leser*innen wird die Sichtung der diskutierten Folgen zur Einordnung in den Kontext nahegelegt. Dies ist auf der offiziellen Internetseite kostenfrei möglich. Es ist Empfehlung der Autoren, die englische Originalvertonung zu wählen, da in der Übersetzung ein Großteil des Wortwitzes und der Authentizität verloren geht. Das bisher Geschriebene sollte allerdings verdeutlicht haben, dass ein empfindlicher Humor mit South Park schwer vereinbar ist; oder um es mit dem offiziellen Disclaimer der Serie zu sagen: All characters and events in this show—even those based on real people—are entirely fictional. All celebrity voices are impersonated…..poorly. The following program contains coarse language and due to its content it should not be viewed by anyone.“

1 Die Ausweisung der einzelnen Folgen erfolgt wie folgt: Staffel/Episode.

Ist der Mensch besonders?

von Adrian Schuder

Betrachtet man unterschiedlichste Kulturen und Religionen aus verschiedenen Epochen der Weltgeschichte, so fällt eines auf: der Mensch steht stets im Vordergrund seiner eigenen Weltanschauung. Auf den ersten Blick ist dies nicht verwunderlich, schließlich wurde die jüngere Weltgeschichte nahezu ausschließlich durch die Spezies des Homo Sapiens geprägt, sämtliche Kulturen und Staaten wurden durch ihn geschaffen und alle Religionen auf der Welt von ihm ins Leben gerufen. Menschen scheinen hinsichtlich ihrer Intelligenz, Kreativität und der Fähigkeit zur Selbstreflexion jeglicher anderen Lebensform auf der Erde deutlich voraus zu sein. Gerade aufgrund dieser scheinbaren geistigen Überlegenheit neigen Menschen nicht selten dazu, in sich selbst etwas Transzendentes zu sehen. So heißt es im Christentum, dass Gott den Menschen nach seinem Vorbild geschaffen habe.1 In der ägyptischen Mythologie weisen die Götter zwar jeweils Merkmale unterschiedlicher Tiere auf, besitzen aber größtenteils eine eindeutig menschliche Statur. Dasselbe gilt für die Götter der Azteken. Diese Beispiele zeigen, dass Menschen zu unterschiedlichen Epochen und an verschiedenen Orten auf der Welt die Ansicht vertraten, dass eine konkrete Verbindung zwischen ihnen als Menschen und dem Übernatürlichen in Form von Göttern bestünde, die sich in Gemeinsamkeiten des Wesens und der Gestalt manifestiere. Diesem Glauben liegt einerseits womöglich der Wunsch nach Spiritualität und der Verbundenheit zu etwas Transzendentem sowie ein Lebenssinn, der sich aus einer ebensolchen Verbundenheit ergibt, zugrunde. Andererseits könnten die Vorstellungen der diversen anthropomorphen Götterfiguren auch darin begründet liegen, dass Menschen dazu neigen, die eigene geistige Entwicklungsstufe betrachtend, sich selbst näher an übernatürlichen Schöpfern zu verorten, als an bloßen Tieren. Sich derart von Tieren abzugrenzen, ist tatsächlich naheliegend, wenn man sich vor Augen hält, dass Menschen dazu in der Lage sind, Sprachen zu sprechen, Städte zu bauen, durch Schrift zu kommunizieren und über den Sinn des Lebens nachzudenken.

Aber sind diese besonderen kognitiven Leistungen des Menschen Grund genug dafür, den Menschen im Geiste von Tieren abzugrenzen? Aus biologischer Sicht wäre eine derartige Trennung zwischen Mensch und Tier allein deswegen falsch, weil der Homo Sapiens von Primaten abstammt und daher selbst per Definition ein Tier ist.2 Abgesehen davon macht es wenig Sinn, alle Tiere in Bezug auf geistiges Leistungsvermögen als gleichartig zu betrachten. Beispielsweise sind Oktopusse dazu in der Lage, sich auf vielfältige Weise vor Raubtieren zu schützen. Sie können sich am Meeresboden tarnen, zwei Kokosnusshälften zusammenfügen, um sich darin zu verstecken oder Steine vor ihre Höhle schleppen, sodass kein Tier mehr durch die Höhlenöffnung passt, das größer als sie selbst ist.3 Diese unterschiedlichen Vorgehensweisen zum Schutz vor Raubtieren beweisen ein gewisses Maß an Intelligenz und Kreativität. Andere Tiere, wie z.B. Schwämme besitzen kein Gehirn und sind daher überhaupt nicht zu Denkprozessen – ganz zu schweigen von Kreativität – in der Lage. Diese Gegenüberstellung zwischen Oktopus und Schwamm veranschaulicht, dass unterschiedliche Tierarten in Hinsicht auf geistiges Vermögen sehr große Unterschiede aufweisen können.

An diesem Punkt muss die Frage gestellt werden, ob es nicht sinnvoller wäre, den Menschen in erster Linie als Tier zu betrachten, anstatt ihn strikt davon abzugrenzen oder ihm gar etwas Transzendentes zuzuschreiben. Dafür sprechen zum einen die biologische Verwandtschaft des Homo Sapiens mit Primaten sowie die Tatsache, dass die Gesamtheit aller Tierarten – selbst ohne Miteinbeziehung des Menschen – keinen kognitiven Einheitsbrei bildet, sondern tatsächlich signifikante Unterschiede bezüglich geistiger Fähigkeiten aufweist. Zum anderen existiert keine spezifische Eigenschaft des Menschen, die ihn tatsächlich von allen anderen Tieren abhebt. Der Mensch ist womöglich kreativer als jedes andere Tier, kann reflektierter denken als jedes andere Tier und verfügt über eine ausgefeiltere Kommunikationsweise als jedes andere Tier. Allerdings gibt es keine Eigenschaft, die einzig und ausschließlich dem Menschen zugehörig ist und ihn essenziell von der Tierwelt abhebt. Deshalb ist der Mensch nicht mehr und nicht weniger als ein weit entwickeltes Tier.

1 Lutherbibel (1912). 1.Mose 1:26, URL = https://www.bibel-online.net/buch/luther_1912/1_mose/1/#1 (gesehen am 29.04.2020).

2 Kratzmaier, Peter/Pfersdorff, Heike (2010): Duden. Das große Buch der Allgemeinbildung. Mannheim: Duden.

3 Kretz, Sebastian (2012): Wie Tiere denken. GEOkompakt 33, Seite 110-111.