„Time to Get Cereal“ – Philosophie in South Park (Teil II)

Zwischen infantilem Humor und Gesellschaftskritik

von Jonathan Assmus

In Just Joking: The Ethics and Aesthetics of Humor vertritt Berys Gaut die These, Humor sei verantwortlich für die in ihm manifestierten ethischen Werte. Darüber hinausgehend spricht er moralischer Güte sogar einen positiven, moralisch Verwerflichem hingegen einen negativen Einfluss auf die Witzigkeit zu.1 Meines Erachtens trifft Gaut mit dieser Einschätzung lediglich einen Teil der Wahrheit. Manifestierte ethische Aspekte spielen in der Evaluation der Witzigkeit eine Rolle, und da Humor in Situationen auftritt, kann man durchaus von Verantwortung für die repräsentierten Einstellungen sprechen. Allerdings ist die eindeutige Zuordnung von ethisch lobenswerten bzw. verwerflichen Eigenschaften komplizierter als es auf den ersten Blick scheint – besonders im Humor. Wer ist tatsächlich das Ziel eines diskriminierenden Witzes? Die betroffene Minderheit, das fiktive (ethisch fragliche) Sprechersubjekt oder der ironische Witzeerzähler selbst? Einige Folgen der Serie South Park (SP) zeigen nicht bloß die Möglichkeit der Koexistenz dieser Ziele, sondern darüber hinaus, wie sie aufeinander aufbauend eine beißende Satire kreieren können. Um die häufig ambivalente Bedeutung des Humors zu entschlüsseln ist eine Erörterung der Relevanz von Weltanschauungen und dem Umgang mit gegebenen Situation bei Trey Parker und Matt Stone ein guter Angriffspunkt.

Unter dem Begriff Weltanschauung kann eine Menge von deskriptiven, normativen oder ästhetischen Überzeugungen subsumiert werden, die für ein konkretes Individuum den Ankerpunkt der Identität bilden. Die Notwendigkeit, sich in einer Welt zu orientieren, ist Konsequenz der Gegebenheit, in dieser Welt zu sein – mag zwischen menschlichem Verständnis der Welt und deren Realität auch häufig (vielleicht immer) ein Diskrepanz bestehen. Eine gängige Reaktion auf die Adressierung von Widersprüchlichkeiten oder Dogmen in der eigenen Weltanschauung ist Zurückweisung, Abneigung oder gar Aggressivität. Wenn allerdings in humoristischer Aufarbeitung Sakrales hinterfragt wird, ist dies eine Einladung die eigene, emotional geladene Perspektive zu transzendieren und Verständnis für andere Sichtweisen zu gewinnen.2 Auf diese Art wird durch den grenzenlosen Humor in SP der intrinsischen Komik menschlichen Lebens Rechnung getragen. Im Bewusstsein um die eigene Lächerlichkeit nehmen sich die Schöpfer von SP nicht von den humoristischen Attacken aus, was sich im ironischen Grundton der Serie widerspiegelt. Für Matt Stone ist der Versuch, für eigene Glaubensvorstellungen einen separaten Standard einzuführen, der Beginn von Intoleranz und Fanatismus.3 Diesem darf – besonders im Humor – kein Raum gegeben werden. Im Gegensatz dazu wird durch eine humoristische Einstellung zu den mehr oder weniger ernsten Problemen der Welt Toleranz praktiziert und somit die Freiheit des Denkens verteidigt; oder mit den Worten von Sigmund Freud: “Der Gedanke sucht die Witzverkleidung, weil er durch sie sich unserer Aufmerksamkeit empfiehlt, uns bedeutsamer, wertvoller erscheinen kann, vor allem aber, weil dieses Kleid unsere Kritik besticht und verwirrt.”4

SP nähert sich ausgewählten gesellschaftlichen Konflikten mit diesem philosophischen Ansatz. Eine Distanzierung zu dem Ernst der Problematik erfolgt dabei meist durch die Inkongruenz5 zwischen den etablierten Glaubenssätzen der Erwachsenen und dem begrenzten Verständnis der Grundschüler. Die kindliche Perspektive spiegelt sich in dem profanen, wenn nicht gar infantilem Humor wieder; ohne Rücksicht auf Sprachverbote oder gesellschaftliche Tabus. Durch die Entbindung der Form vom Inhalt gelingt es den Komödianten die eigene Rolle als Kritiker meta-ironisch zu reflektieren. Nicht nur die im Diskurs behandelte Thematik, sondern auch der Diskurs selbst wird in der Karikatur aufgegriffen und ad absurdum geführt. Durch die geringere ideologische Vorbelastung wirken die Kinder South Parks am Ende des Tages meist reifer als ihre Eltern und zeigen die Diskrepanz zwischen dem, was Menschen tun sollten, behaupten zu tun und tatsächlich tun6 auf.

Die Einordnung von Humor in einen konkreten Kontext ist allerdings noch von einem weiteren Aspekt abhängig: Dem Machtverhältnis zwischen den Beteiligten. Seit jeher werden Witze nicht nur in wohlwollender Absicht, sondern auch zur Ausgrenzung gesellschaftlicher Gruppen verwendet. Überlegenheit im Humor ist besonders für eine satirische Aufarbeitung der Welt von großem Interesse, da sie die Frage nach dem Verhältnis von Humor und Macht aufwirft. Wird Macht im Humor lediglich ausgedrückt oder kommt dem Humor selbst Macht zu? Meines Erachtens kann aufgrund des Einflusses von Humor auf das Selbst- und Weltverständnis, sowie die Aufarbeitung gesellschaftlicher Spannungen dem Humor eine gewisse Macht zuerkannt werden. In SP wird durch die Aufarbeitung der Rolle von Kunst und dem Spiel mit gesellschaftlichen Kräfteverhältnissen dieser Idee Tribut gezollt.

Exemplarisch für die vorliegende Interpretation der Philosophie des Humors in SP kann die Folge “Naughty Ninjas” (S19E07) angeführt werden:

Der in die Tage gekommene Polizist Barbrady wird zu einem Polizeigroßeinsatz in der Southpark Elementary gerufen und vom Einsatzleiter durch die Hintertür geschickt. Als die restlichen Polizisten die Turnhalle zuerst betreten, offenbart der Schulleiter, den Einsatz lediglich zur Bloßstellung der ständig schwatzenden Lesley angefordert zu haben. Diese identifiziert er mit einem Laser-Pointer als Störenfried. Als der unwissende Barbrady – überfordert von der angeblichen Notsituation – zur Hintertür herein kommt, hält er den nun auf ihn gerichteten Laserpointer für eine Waffe und schießt unglücklicherweise ein Kind an.

Das Problem für den Stadtrat: Das Kind gehört einer Minderheit an. Dementsprechend wird Officer Barbrady als ewig gestriger Rassist abgestempelt und entlassen. In erster Instanz richtet sich der Witz hier gegen eine progressive Bewegung, deren Insistieren auf politischer Korrektheit in den Grenzen der Sprache zugespitzt und ad absurdum geführt wird. Die Progressivität wird zu einem Maßstab diskreditiert, dessen oberflächliche Verhaltensregeln – losgelöst von jedem Inhalt – die Akzeptanz in unserer Gesellschaft markiert.

Der subversive Humor einer Southpark-Episode wäre allerdings nicht vollendet, wenn die Inkongruenz nicht in einer ironischen Verdrehung das Gegenüber ebenso zur Schau stellen würde.

Im Rausch der politischen Korrektheit und den Vorteilen der Gentrifizierung sind die übermütigen Bewohner von Southpark der Überzeugung, keine Polizei mehr zu brauchen. In der entstehenden Ideologie der political correctness werden die Gesetzeshüter als Rassisten stereotypisiert, welche nicht mehr zum progressiven Southpark passen – in den meisten Fällen trifft das Vorurteil hier sogar zu. Doch die Stimmung kippt, als sich in der Stadt Obdachlose unbehelligt ausbreiten. Um das ‘Problem‘ zu lösen, muss sich der Stadtrat an die Polizei wenden. Aus der neuen Machtposition heraus erreichen die Polizisten mit der progressiven Bürgermeisterin die Vereinbarung, polizeiliche Gewalt an den Obdachlosen auslassen zu dürfen.

In zweiter Instanz wird die Scheinheiligkeit der Ideologie zu Tage gefördert, indem die politische Korrektheit gegenüber öffentlich präsenten Minderheiten mit der Behandlung der missachteten Obdachlosen konterkariert wird. Die Form ist vom Inhalt losgelöst – die wahrhaft Hilfsbedürftigen werden (weiterhin) diskriminiert [Inhalt] und die Bewohner der Stadt können sich in scheinbarer Moralität sonnen [Form]. Parallel zu dieser Zuspitzung wird durch den Wandel der Machtverhältnisse Kritik an den Polizisten der Stadt geübt. Trotz der erfahrenen Ausgrenzung wird nicht über die eigene Stellung in der Gesellschaft reflektiert, sondern bei erster Gelegenheit Grausamkeit gegenüber Schwächeren praktiziert.

Der Humor dieser Folge richtet sich sowohl gegen die Überempfindlichkeit der Progressiven, als auch die Stereotypisierung der Reaktionären, welche in einer Farce politisch korrekter Ausdrucksweise dargestellt wird. Letztendlich stehen alle Beteiligten in ihrer Lächerlichkeit dar.

1 Siehe Berrys Gaut (1998): Just Joking: The Ethics and Aesthetics of Humor.

2 Von John Morreall wird “self-transcendence” als eine der zentralen Tugenden des Humors identifiziert. “It liberates us from the narrow perspective of fight-or-flight emotions and helps us […] to see ourselves as other people do.” Siehe John Morreall (2009) Comic Relief. A comprehensive Philosophy of Humor: S.115.

3 Diese Einstellung wurde von Stone in einem Interview mit The Associated Press formuliert, nachdem es zu einem Bruch mit Isaac Hayes über die Darstellung von Scientology kam.

4 Siehe Sigmund Freud (1905): Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten. S.107.

5 Als Inkongruenz wird in der Philosophie des Humors die Diskrepanz zwischen einer Erwartungshaltung und der realisierten Situation bezeichnet.

6 “In looking for incongruity in society, we look for discrepancies between what people should do, what they say they do, and what they actually do.” – Morreall (2009): 113.

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