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Gendersensibler Literaturunterricht

Erörtern Sie die zentrale Bedeutung der Lektüreauswahl im Kontext der Ansatzpunkte (Vermittler*innen, Rezipient*innen, Kompetenzziele, Lerngegenstände) eines gendersensiblen Literaturunterrichts!

Der Lektüreauswahl kommt im gendersensiblen Unterricht eine besondere Bedeutung zu. Eine vorwiegend weiblich geprägte Lesesozialisation kann zur Wahrnehmung des Lesens als „weibliche Kulturpraxis“ führen, was der Realität von Jungen in Kitas und Grundschulen häufig entspricht. Frauen prägen häufig aber nicht nur die Lesesozialisation sondern auch die Lektüreauswahl. Wissenschaftlich bewiesen ist, dass Jungen sich bevorzugt mit anderen Themen beschäftigen als Mädchen. D.h. um ihr Interesse am Lesen zu wecken sollten die Themen der angebotenen Bücher auf alle Kinder abgestimmt werden. Da die VermittlerInnen eine wichtige Rolle bzgl. der Lesesozialisation spielen, wäre es im Umkehrschluss vor allem für Jungen von großer Bedeutung, lesende und vorlesen Väter oder Großväter zu haben und darüber hinaus mehr männliche Lesevorbilder in Kitas und Grundschulen, die dann auch Einfluss auf die Literaturauswahl nehmen sollten.

Eine mögliche Folge einer weiblich geprägten Lesesozialisation wird in der Literatur als „Betrogen durch Stereotype“ bezeichnet. Das bedeutet, dass Jungen, die das Lesen als weiblich wahrnehmen, auch davon ausgehen, dass Mädchen besser lesen also lesekompetenter sind. Diese Einschätzung wiederum führt dazu, dass sie ihre eigene Lesekompetenz geringer einschätzen und die gezeigte Leistung dieser Einstellung entspricht.

Welche Erfahrungen haben Sie bislang mit den einzelnen Ansatzpunkten gendersensiblen Literaturunterrichts gemacht?

Während meines Orientierungspraktikum im zweiten Semester, meine erste praktischen Erfahrung in der Schule, ist mir die Auswahl der Pausenlektüre in den beiden Klassen die ich begleitet habe (eine dritte und eine vierte Klasse) durchaus aufgefallen, da es sich jeweils um Literatur handelte, die ich als „Genderneutral“ bezeichnen würde. In der einen Klasse waren das die Ella-Bücher und in der dritten Klasse mir unbekannte Bücher mit futuristischen Inhalten (Außerirdische, die auf der Erde bei einem Schüler unterkommen, woraus sich ein lustiges Versteckspiel entwickelt, weil er nicht entdeckt werden darf). In beiden Klassen erschien mir die Lektüreauswahl sehr gezielt zu sein, so dass sie beide Geschlechter gleichermaßen anspricht.

Aus den Erfahrungen die ich in den beiden Klassen gemacht habe, kann ich nicht bestätigen, dass die Jungen in der Lesekompetenz den Mädchen unterlegen waren. Das Verhältnis von Mädchen und Jungen die gern, viel und gut gelesen haben, war m.E. ausgewogen. Allerdings bestätigen kann ich, dass Jungen häufig Sachbücher präferieren.

Welches Potential bieten implizite vs. explizite Genderkonstruktionen für die Auseinandersetzung mit Genderdimensionen?

Beide Genderkonstruktionen eignen sich dazu, vorherrschende Klischees zu durchbrechen bzw. ihnen vorzubeugen.

Entwickeln Sie je 1-2 Forschungsfragen, die Sie beim Einsatz der vorgestellten Beispiele im Unterricht besonders interessieren würden!

Bei der Behandlung des Buches: „Adrian hat gar kein Pferd“ würde ich der Fragestellung nachgehen wollen, welche Verhaltensweisen der Protagonisten die Kinder als „Typisch mädchenhaft“ und welche als „typisch jungenhaft“ bezeichnen würden, um dann im Anschluss diese Typischen Merkmale zu besprechen und dann zu schauen auf welche Kinder in der Klasse die Merkmale zutreffen. Meine Hypothese ist, dass man die meisten Verhaltensweisen eines Geschlecht auch häufig beim anderen Geschlecht entdecken wird, so dass man die Einstellung des „typischen“ etwas aufbrechen kann.

Bei der Besprechung des Buches: „Alles rosa“ würde mich die Frage interessieren, ob die Kinder die Komplexität des Buches erfassen und differenzieren können, welche Genderordnung es im Buch gibt und wie sich diese Genderordnung in unserer Gesellschaft darstellt. Dahinter steht die Frage, ob sich die Kinder der Genderordnung unserer Gesellschaft tatsächlich schon derart bewusst sind, um dieses Buch begreifen zu können.

Wie ließe sich den verbreiteten Annahmen, Jungen seien Lesemuffel und Mädchen seien Leseratten in der Praxis entgegenwirken (optional)?

Wichtig wäre im ersten Schritt sicherlich die ständige Repetition dieser Aussage zu durchbrechen, um dem Effekt des self-fulfilling prophecy zu unterbinden.

Weitergehend wäre natürlich die Umsetzung dessen zu empfehlen, was in der Beantwortung der vorangegangen Fragen bereits dargelegt wurde:

  • Generell männliche Lesevorbilder (lesende Väter, lesende Erzieher, männliche Lesepaten in der Grundschule etc.) aktivieren, die die Wahrnehmung, dass Lesen eine weibliche Beschäftigung ist, zu durchbrechen.
  • Eine Lektüreauswahl, die auch den Interessen der Jungen entgegen kommt. Hier wäre es m.E. sinnvoll die Interessen der Kinder tatsächlich zu erheben und nicht davon auszugehen, dass den Jungen schon die blauen Bücher mit den typischen Jungenthemen gefallen werden. Laut des Einführungskurses zur Literaturdidaktik von Fr. Hollerweger gibt es auch einige Themen die „Geschlechtsunabhängig“ Interesse der Kinder wecken, wie z.B. Detektiv- oder Krimigeschichten.
  • Auch Fortbildungen für pädagogisches Fachpersonal in Bezug auf gendersensible Literaturauswahl wäre sicherlich hilfreich.
  • Die Beschränkung auf reine Leselektüre zugunsten eines Medienverbundes durchbrechen, um einerseits Jungen, aber vor allem allgemein die Kinder zu erreichen, die sich in der reinen Buchrezeption nicht wohl fühlen, aus welchen vielfältigen Gründen auch immer.

Abschließend möchte ich hinzufügen, dass ich mich mit diesen Kategorien schwer tue, Mädchen sind Leseratten und Jungen Lesemuffel. Wobei ich die Richtigkeit dieser Aussage in keinem Fall in Zweifel ziehe, möchte ich, unabhängig vom Geschlecht, die Leseprobleme EINES KINDES wahrnehmen und im einzelnen schauen, welchen Bedarf DAS KIND hat und mit welchen Maßnahmen man möglichen Problemen in der Lesekompetenz und Literaturkompetenz begegnen kann. Ich möchte das Individuum betrachten und nicht den Jungen mit dem für Jungen typischen Problem: Leseschwierigkeiten.

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