von Julie Direnga — Bild: Julie Direnga (mit Stable Diffusion), Salman Ahmad / Unsplash
Im Artikel Studierende aktivieren mit Peer Instruction wurde die Lehrmethode „Peer Instruction“ eingeführt und ihre spannende Entstehungsgeschichte erzählt. Hier erfahren Sie nun alles zum praktischen Einsatz in Ihrer Lehrveranstaltung: von der Erstellung guter Fragen, über KI-Einsatz bis zur technischen Umsetzung des Ablaufs. Wenn Sie die Methode noch gar nicht kennen, ist es ratsam, mit dem Einführungsartikel zu starten und anschließend zu diesen FAQ zurückzukehren.
Didaktische Überlegungen
Die folgenden Fragen behandeln verschiedene didaktische Aspekte der Methode:
Muss ich immer alle sieben Schritte durchführen?
Der Peer-Instruction-Ablauf sieht die folgenden Schritte in drei Phasen vor.
Der Peer-Instruction-Ablauf
Individualphase
- Es wird eine Verständnisfrage im Multiple-Choice-Format gestellt, über die die Studierenden einige Minuten lang individuell nachdenken können.
- Die Studierenden geben ihre Stimme zu dieser Frage ab.
- Die Ergebnisse der Abstimmung werden (versteckt) als Histogramm dargestellt.
Peer-Phase
- Die Studierenden versuchen sich gegenseitig von ihrer Antwort zu überzeugen.
- Die Studierenden stimmen erneut über dieselbe Frage ab.
- Die Ergebnisse der zweiten Abstimmung werden als Histogramm dargestellt, (ggf. im Vergleich zum Histogramm der ersten Abstimmung).
Expertisen-Phase
- Im Plenum wird die richtige Antwort begründet, sowie plausible Gedankengänge für die falschen Antwortmöglichkeiten gesammelt.
Da die Peer-Phase das Herzstück von Peer Instruction darstellt, in dem viel Lernen passiert, ist es grundsätzlich erstrebenswert, diese durchzuführen. Jedoch gibt es Situationen, in denen dies nicht sinnvoll ist. Ein Indikator ist das Ergebnis der Individualphase. Eine korrekte Antwortrate im Bereich zwischen etwa 30 % und 70 % in der ersten Abstimmung gilt als Richtwert für eine anschließende Peer-Phase. Es gibt folglich zwei Szenarien, in denen die Peer-Phase voraussichtlich nicht sinnvoll ist:
- Korrekte Antworten < 30 %: Wurde die richtige Antwort sehr selten ausgewählt, ist es unwahrscheinlich, dass sie sich in Schritt 4 durchsetzen wird. Sie sollten das Thema in diesem Fall noch einmal erklären und durch eine erneute Abfrage prüfen, ob die Erklärung wirksam war.
- Korrekte Antworten > 70 %: Wurde die richtige Antwort in der ersten Abstimmung hingegen sehr häufig ausgewählt, kann auf die Schritte 4 bis 6 verzichtet werden. Die große Mehrheit der Studierenden hat das Thema bereits verstanden und Sie können sich darauf beschränken, die richtige und falschen Antworten kurz zu erläutern (Schritt 7).

Dieses Vorgehen sollte nicht als starre Regel verstanden werden. Letztendlich gibt es nämlich auch gute Gründe, die Peer-Phase durchzuführen, wenn die Anwahl der korrekten Antwort nicht im optimalen Bereich liegt. Dominiert z.B. eine falsche Antwort die erste Abstimmung, könnte das Zuhören in der Peer Phase Ihnen wichtige Informationen für die Gründe offenlegen. Die Ergebnisse der ersten Abstimmung sind also lediglich ein Hinweis, die Entscheidung treffen am Ende Sie selbst.
Ob es zu einer für die Peer Phase günstigen Antwortverteilung kommt oder nicht, hängt auch mit der Qualität der Frage zusammen (siehe Abschnitt „Was sind Kriterien für gute Peer Instruction Fragen?“)
Wie viel Zeit benötigen die einzelnen Phasen?
Die folgenden Zeitangaben sind als Richtwerte zu verstehen, an denen Sie sich zu Beginn orientieren können. Sie werden mit der Zeit ein Gespür dafür bekommen, wie viel Zeit Ihre Studierenden benötigen.
Individualphase (ca. 2 Minuten)
Geben Sie den Studierenden ausreichend Zeit, um nachzudenken und individuell zu antworten. Erfahrungsgemäß sind 60 – 90 Sekunden für die Abstimmung einzuplanen. Solange nur wenige Studierende geantwortet haben, ist das ein Zeichen, dass sie noch mehr Zeit brauchen. Verlängern Sie die Zeit ggf. in 30 Sekunden Schritten. Warten Sie jedoch nicht darauf, dass alle Studierenden ihre Stimme abgegeben haben. Wenn es zu lange dauert, verlieren Sie die Aufmerksamkeit der schnelleren unter ihnen. Ca. 75% der Stimmen sind ausreichend, um das Ende der Antwortzeit anzukündigen und zum Abgeben der restlichen Antworten innerhalb der nächsten 10 Sekunden zu appellieren.
Peer-Phase (ca. 3–5 Minuten)
In der Peer-Phase werden Argumente ausgetauscht, Fragen gestellt, Verwirrungen aufgeklärt. Dieser Vorgang braucht Zeit, die Sie als Lehrperson gut nutzen können, um sich verschiedene Argumente anzuhören (siehe Abschnitt „Was tue ich als Lehrperson, während die Studierenden diskutieren?“). Wenn es stiller wird oder Studierende beginnen, sich anderen Themen zuzuwenden, ist es Zeit, die Peer Phase zu beenden und zur erneuten Abstimmung aufzurufen.
Expertisenphase (ca. 1–5 Minuten)
In der Expertisenphase klären Sie die richtige Antwort auf und begründen diese, ggf. unter Beteiligung von Studierenden. Sind die Ergebnisse der zweiten Abstimmung zum größten Teil korrekt, kann diese Phase knappgehalten werden. Andernfalls ist eine ausführlichere Begründung angeraten, um das Verständnis bei den Studierenden sicherzustellen.
Kostet das nicht zu viel Zeit?
Als Lehrperson ist es nicht immer leicht, mit der knappen Zeit in der Lehrveranstaltung auszukommen. Wir müssen zwischen verschiedenen Lehrstrategien und -methoden entscheiden, um sicherzustellen, dass unsere Studierenden die Inhalte verstehen. Die Zeit, die Peer Instruction benötigt, ist meistens jedoch gut investiert, da sie effektives Lernen ermöglicht. Dabei kommen verschiedene Aspekte zum Tragen:
- Lernen komplexer Themen braucht aktive Auseinandersetzung. Erklärungen nur durch die Lehrperson oder Frontalunterricht haben sich bei schwierigen Themen als nicht so effektiv erwiesen1Freeman, S., S. L. Eddy, M. McDonough, u. a. „Active Learning Increases Student Performance in Science, Engineering, and Mathematics“. Proceedings of the National Academy of Sciences 111, Nr. 23 (2014): 8410–15. https://doi.org/10.1073/pnas.1319030111.. Zudem ist die Aufmerksamkeit der Studierenden durch die aktive Auseinandersetzung mit den Fragen geschärft und sie sind aufnahmebereiter für anschließende Erklärungen. Dies ermöglicht eine effektive Nutzung der anschließenden Lehrzeit.
- Lernen komplexer Themen braucht außerdem Zeit. Lehrpersonen und andere Fachexpert:innen, die bereits ausreichend Zeit und Gelegenheiten hatte, sich mit den Inhalten auf unterschiedliche Weise auseinanderzusetzen, unterschätzen diesen Aspekt häufig. Machen Sie sich bewusst, dass die Studierenden die Frage, die Sie Ihnen stellen, das erste Mal sehen, und Gedankenprozesse zum Beantworten der Frage durchlaufen müssen (Verstehen des Kontextes und der Fragestellung, Strategie zur Beantwortung finden, Strategie ausführen, Festlegen auf eine Antwort, Abstimmen).
- Gerade weil Peer Instruction Zeit benötigt, sollten Sie es gezielt für Kernkonzepte und häufige Fehlvorstellungen einsetzen, also genau dort, wo sonst viel Nacharbeit nötig würde oder sogar unentdeckte Verständnislücken blieben.
Insgesamt zahlt sich die Investition daher durch tieferes Verständnis aus, auf welches anschließend gebaut werden kann. Praktische Strategien, um in der Vorlesung Zeit für Peer Instruction zu gewinnen, sind Stoffreduktion und/oder Flipped Classroom, also Auslagerung von Input in die Vorbereitungszeit. Auf diese Weise können Sie die Zeit in der Lehrveranstaltung effektiver nutzen und sicherstellen, dass Ihre Studierenden das Wichtigste verstehen. Rein rechnerisch nehmen die Studierenden insgesamt mehr mit, wenn z.B. nur 80% des gesamten Stoffs behandelt, dieser aber vollständig verstanden wird, als wenn 100% des Stoffs behandelt wird, der aber nur zu 50% durchdrungen wird.
Soll ich die Ergebnisse der ersten Abstimmung zeigen?
Sie können in Schritt 3 auch darauf verzichten, die Ergebnisse zu zeigen, um die nachfolgende Diskussion nicht zu beeinflussen. Oft reicht eine paraphrasierte Beschreibung aus (z.B. „Wie ich sehe, favorisieren Sie vor allem zwei Antworten“ oder „Sie sind sich sehr uneins“). Für alle spannend ist allerdings der Vergleich zwischen den Ergebnissen der ersten und der zweiten Abstimmung. In den meisten Fällen führt die Peer Instruction zu einem deutlichen Anstieg der richtigen Antworten. Zeigen Sie dies den Studierenden, wenn möglich, um deren Lernerfolg sichtbar zu machen.
Was tue ich als Lehrperson, während die Studierenden diskutieren?
Nutzen Sie als Lehrperson in Schritt 4 die Gelegenheit, den Studierenden bei der Argumentation zuzuhören ohne einzugreifen. Erklären Sie den Studierenden vorab, warum Sie dies tun, damit es nicht zu Irritationen kommt. Für die meisten Studierenden ist es ungewohnt, bei Diskussionen mit Kommiliton:innen von der Lehrperson „belauscht“ zu werden.
An dieser Stelle zeigt sich besonders, dass Peer Instruction von einer Fehlerkultur profitiert, die Personen nicht beschämt, sondern Fehler von der Person trennt und als Ressource wertschätzt. Dadurch kann die nötige Sicherheit geschaffen werden, um selbstbewusst zu argumentieren (sogar in Hörweite der Lehrperson) und trotzdem offen zu bleiben für bessere Argumente.
Was ist während der Expertisenphase zu beachten?
Geben Sie bei der Auflösung auch Erklärungen, warum oft gewählte aber falsche Antwortoptionen plausibel erscheinen können. Beteiligen Sie die Studierenden gerne daran, möglichst jedoch ohne dass sie sich dazu bekennen müssen, eine falsche Antwort gewählt zu haben. Folgende Formulierungen nehmen hier beispielsweise den Druck raus:
- „Wie könnte man argumentieren, wenn man Antwort X gewählt hat? Welche Annahmen stecken hinter dieser Antwort, die hier nicht zutreffen?“
- „Ich habe in Ihren Diskussionen häufiger Argument XY gehört. Wer kann erläutern, warum das hier nicht zum Tragen kommt?“
Was sind Kriterien für gute Peer-Instruction-Fragen?
Gute Peer Instruction Fragen zu entwerfen, ist nicht ganz trivial. In der Literatur werden verschiedene Entwurfsmuster beschrieben2Beatty, Ian D., William J. Gerace, William J. Leonard, und Robert J. Dufresne. „Designing Effective Questions for Classroom Response System Teaching“. American Journal of Physics 74, Nr. 1 (2006): 31. https://doi.org/10.1119/1.2121753., welche die diversen Herangehensweisen katalogisieren. Für den Beginn empfiehlt es sich, die folgenden drei Punkte zu beachten.
1. Den Fokus auf Konzepte statt Faktenwissen legen.
Um die Studierenden ins Argumentieren zu bringen, muss die Frage zunächst eine Diskussion ermöglichen. Riegler differenziert zwischen Konzeptfragen (günstig) und Faktenfragen (ungünstig) und argumentiert wie folgt:
„Bei Konzeptfragen stehen die Bedeutung von Begriffen, Strukturen, Zusammenhänge zwischen Konzepten oder die Anwendbarkeit von Verfahren im Vordergrund. Häufig verlangen sie, wesentliche Konzepte auf unbekannte Situationen anzuwenden oder Aussagen über Beispielsituation zu treffen. Sie ermöglichen, Verständnisschwierigkeiten sichtbar zu machen.“
„Im Allgemeinen ist es nicht ratsam, im Rahmen von Peer Instruction Faktenfragen zu stellen, die alleine durch Kenntnis oder Nachschlagen des Stoffes beantworten werden können. Derartige Fragen geben kaum zu ernsthaften Diskussionen Anlass. Sie sollten allenfalls selten gestellt werden, ebenso wie Fragestellungen, die umfangreiche, mehrschrittige Berechnungen erfordern.“
Riegler 2019, S. 75
2. Wichtige Lernziele bevorzugen.
Peer Instruction ist effektiv, aber es kostet Zeit. Setzen Sie Peer Instruction daher zielgerichtet ein. Was müssen Ihre Studierenden verstanden haben, um der Lehrveranstaltung weiter folgen zu können? Oft sind dies wichtige Begriffsabgrenzungen, wie z.B. der Unterschied zwischen Geschwindigkeit und Beschleunigung in der Kinematik.
3. Die Distraktoren (falsche Antwortoptionen) sollten plausibel sein oder typische Fehlvorstellungen widerspiegeln.
Damit eine Peer-Phase sinnvoll ist (siehe Abschnitt „Muss ich immer alle sieben Schritte durchführen?“), sollte die Frage nicht zu leicht sein. Plausible Distraktoren tragen dazu bei, dass die Frage einen angemessenen Schwierigkeitsgrad hat. Sind typische Fehlvorstellungen bekannt, eignen sich diese hervorragend als Distraktoren, da sie genau der Denkweise vieler Studierenden entsprechen, und dementsprechend attraktiv erscheinen. Studierende erhalten die Gelegenheit sich durch solche Distraktoren mit ihnen eigenen Vorstellungen auseinandersetzen und sie ggf. sogar selbst in der Peer Phase zu entlarven.
Sie können sich auch mithilfe von KI-Vorschläge für Peer-Instruction-Fragen erstellen lassen. Nutzen Sie beispielsweise den folgenden Prompt, um von einer KI passgenaue „ConcepTests“ (Im Original genutzter Begriff für Peer-Instruction-Fragen) für Ihr Fach und Thema generieren zu lassen. Kopieren Sie den gesamten Text in das Eingabefeld der KI (z.B. ChatAI, zugänglich über Ihren Uni-Account) und ersetzen Sie bei Bedarf die Platzhalterangaben. Prüfen Sie das Ergebnis vor dem Einsatz in der Lehre unbedingt auf Richtigkeit und auf die hier genannten Qualitätskriterien. (Transparenzhinweis: Der Prompt wurde selbst mithilfe von ChatAI erstellt)
Prompt
„Du bist ein pädagogisch versierter Assistent, spezialisiert auf Peer Instruction nach Eric Mazur. Zuerst bitte ich dich, mir drei kurze Angaben abzufragen: 1) Fach (z. B. Physik, Chemie, Psychologie), 2) konkretes Thema/Lektion (z. B. ‚Newtonsche Gesetze‘, ‚Säure-Base-Titration‘, ‚Konditionierung‘), 3) ein konkretes Lernziel (ein kurzer Satz). Für die Abfrage 3), gib mir als Hilfe in einem Satz an, was ein Lernziel ausmacht (z. B. welches Merkmal ein gutes Lernziel hat), und nenne anschließend ein Beispiel für ein gut formuliertes Lernziel (ein Satz).
Sollte mein Lernziel nicht gut formuliert sein (und nur dann!), formuliere das Lernziel um und frage mich, ob ich dieses umformulierte Lernziel verwenden möchte oder bei meiner ursprünglichen Formulierung bleiben möchte. Fahre dann mit dem ausgewählten Lernziel fort.
Frage diese drei Angaben nacheinander und warte jeweils auf meine Eingabe.
Generiere anschließend auf Basis des bestätigten Lernziels die angeforderten ConcepTests mit folgendem Format und Anforderungen:
– Anzahl der ConcepTests: [bitte nachfragen oder standardmäßig 3 anbieten].
– Niveau: [Frage nach Hochschulsemester / Bachelor/Master / Jahrgangsstufe].
– Für jeden ConcepTest liefere:
1) Eine kurze konzeptionelle Frage (Multiple-Choice, 4 Optionen A–D; genau eine richtige Antwort),
2) Die richtige Antwort (Markierung),
3) Eine kurze (1–2 Sätze) Erklärung, warum die richtige Antwort stimmt,
4) Zwei typische Fehlvorstellungen / Distraktoren, die Studierende wahrscheinlich haben (je 1 Satz),
5) Empfohlene Zeit für Erstabstimmung + Peer-Diskussion + Zweitabstimmung (z. B. 2+4+2 min).
– Achte darauf, dass die Fragen konzeptionell sind (keine langen Rechenaufgaben), prüfend auf Verständnis, und dass Distraktoren plausible, häufige Fehlvorstellungen widerspiegeln.
– Füge optional am Ende pro ConcepTest einen Hinweis, welches Vorwissen oder welchen kurzen vorbereitenden Text / Video (1–2 Sätze) die Studierenden vor der Sitzung kennen sollten (für Flipped-Classroom-Einsatz).
Formuliere alles auf Deutsch, klar und knapp. Frage bei Unklarheiten immer kurz nach, bevor du die endgültigen ConcepTests generierst.“
Peer Instruction und KI?
Die Nutzung von KI-Sprachmodellen durch Studierende ist während der Peer Instruction nicht zu empfehlen, da sie keinen Mehrwert bringt. Im Gegenteil, sie würden eher vom eigenständigen Denken in der Individualphase abhalten. Es ist mit einem Verlust der Diagnosefunktion zu rechnen: Wenn viele Studierende vor einer Abstimmung LLM-Antworten übernehmen, sagt die Abstimmung weniger über tatsächliches Verständnis aus.
In der Peer-Phase tauschen die Studierenden ihre jeweiligen Argumente aus und versuchen sich gegenseitig zu überzeugen. Auch hier würde eine KI eher ablenkend wirken. Auch hier ist Transparenz der Schlüssel: Erklären Sie den Studierenden, warum sie auf die Nutzung von KI verzichten sollen.
Für die Lehrperson kann die KI als Werkzeug für die Erstellung von Fragen oder Ideen für Distraktoren (falsche Antwortmöglichkeiten) hingegen hilfreich sein (siehe Abschnitt „Was sind Kriterien für gute Peer Instruction Fragen?“)
Technische Umsetzung
Folgende Fragen gehen auf die technische Umsetzung der Peer Instruction ein:
Welche Möglichkeiten zur Umsetzung in der Präsenzlehre bieten sich an?
Für die technische Umsetzung von Peer Instruction gibt es in der Präsenzlehre mehrere Möglichkeiten, von „High Tech“- über „Low Tech“- bis zu „No Tech“-Lösungen. Welche davon sich für Sie eignet, hängt nicht nur von Ihren Vorlieben ab, sondern auch von den Rahmenbedingungen Ihrer Veranstaltung.
Sogenannte „Audience Response Systeme“, in denen Studierende digital abstimmen, eignen sich sehr gut für diese Methode, denn Sie erleichtern das Erfassen der Antworten, besonders in sehr großen Veranstaltungen. Für Lehrende an der Uni Bremen sind „Particify“ oder das in Stud.IP integrierte Tool „Cliqr“ zu empfehlen. Beide Tools unterstützen Zwei-Runden-Abfragen, d.h. die Ergebnisse aus den beiden Abstimmungen zu einer Frage können nebeneinander dargestellt und verglichen werden. Zudem sind sie DSGVO-konform und können mit dem Uni-Login genutzt werden, erfordern also keinen separaten Account.
Frage: Wie viele x(t)-Kurven zeigen die Bewegung eines Gegenstands mit positiver Geschwindigkeit?


Wem das zu viel Technik ist, kann zu Beginn des Semesters farbige Antwortkarten an die Studierenden verteilen. Diese DIN-A4-Seiten werden so gefaltet, dass die jeweilige Antwortoption (A–H) sichtbar ist. Durch zeitgleiches Hochhalten entsteht für die Lehrperson ein ungefähres Bild der Antwortverteilung im Raum. Die unterschiedlichen Farben der Antwortoptionen unterstützen die Lehrperson bei der schnellen Erfassung der Ergebnisse. Eine exakte Zählung ist nicht nötig.
Theoretisch lassen sich die Abstimmungen auch per Handzeichen durchführen. Dagegen spricht, dass die Studierenden weder anonym noch unbeeinflusst durch andere ihre Stimme abgeben können, was die Ergebnisse verzerrt. Daher sollte diese Methode nur in Ausnahmefällen eingesetzt werden.
High Tech
- Particify, Studi.IP Cliqr
- geeignet für kleine bis sehr große Veranstaltungen
- direkte Ergebnisdarstellung und Vergleich der Abstimmungsrunden
- Voraussetzung: Studis brauchen mobiles Endgerät und Internet
- Frage sollte vorbereitet im System sein
- DSGVO-konforme Tools nutzen
Fazit: Beste Option für Technik-affine Lehrende sowie für große oder Online-Veranstaltungen.
Low Tech
- Flashcards
- geeignet für kleine bis große Veranstaltungen
- müssen gedruckt werden und Studis müssen sie immer dabeihaben
- Antwortverteilung wird durch Lehrperson abgeschätzt und notiert
Fazit: Gute Alternative zu Audience Response Systemen. Lohnt sich aber nur bei wiederholtem Einsatz der Methode.
No Tech
- Handzeichen
- geeignet für kleine bis mittlere Veranstaltungen
- keine Vorbereitung/kein Material nötig
- Nachteil: Gegenseitige Beeinflussung des Antwortverhaltens
- Abstimmung dauert länger, da jede Antwortoption separat erfasst werden muss
Fazit: Besser als gar nicht zu aktivieren.
Was gilt es für die technische Umsetzung in der Online-Lehre zu beachten?
In Online-Veranstaltungen kommt man um die High-Tech-Lösung aus dem vorherigen Abschnitt nicht herum, doch auch dort lässt sich Peer Instruction gut realisieren. Schicken Sie die Studierenden für die Peer-Phase einfach in zufälligen Paaren (oder zu dritt) in Breakout-Räume. Sie können in Diskussionen reinhören, indem Sie ausgewählte Räume besuchen, wenn Sie dies vorher transparent kommuniziert haben (siehe Abschnitt „Was tue ich als Lehrperson, während die Studierenden diskutieren?“).
Alles klar?
Vielleicht konnte dieser Beitrag schon viele Ihrer Fragen zur Umsetzung der Methode Peer Instruction beantworten und Sie fühlen sich bereit, diese mit Ihren Studierenden auszuprobieren. Keine Sorge, wenn es noch Unklarheiten gibt: Vieles klärt sich in der Praxis. Geben Sie sich und Ihren Studierenden Zeit, sich an die Methode zu gewöhnen. Bei regelmäßigem Einsatz passiert das sehr schnell.
Falls Sie an mehr Details interessiert sind, ist – auch wenn Sie nicht aus der Mathematik kommen – das Werk von Peter Riegler „Peer Instruction in der Mathematik: Didaktische, organisatorische und technische Grundlagen praxisnah erläutert“ eine Lektüre wert. Riegler nutzt als literarisches Stilmittel einen Dialog mit einer fiktiven Lehrperson, um die Methode auf Herz und Nieren zu prüfen und typische Fragen von Lehrpersonen anzusprechen.
Literatur- und Quellennachweise
Beatty, Ian D., William J. Gerace, William J. Leonard, und Robert J. Dufresne. „Designing Effective Questions for Classroom Response System Teaching“. American Journal of Physics 74, Nr. 1 (2006): 31. https://doi.org/10.1119/1.2121753.
Freeman, S., S. L. Eddy, M. McDonough, u. a. „Active Learning Increases Student Performance in Science, Engineering, and Mathematics“. Proceedings of the National Academy of Sciences 111, Nr. 23 (2014): 8410–15. https://doi.org/10.1073/pnas.1319030111.
Heiner, Cynthia E., und Günther Kurz. „Wenn sprechen mehr bringt als zuhören“. Physik Journal 21, Nr. 6 (2022): 35–38.
Riegler, Peter. Peer Instruction in der Mathematik: Didaktische, organisatorische und technische Grundlagen praxisnah erläutert. Springer Berlin Heidelberg, 2019. https://doi.org/10.1007/978-3-662-60510-3.
Fußnoten
- 1Freeman, S., S. L. Eddy, M. McDonough, u. a. „Active Learning Increases Student Performance in Science, Engineering, and Mathematics“. Proceedings of the National Academy of Sciences 111, Nr. 23 (2014): 8410–15. https://doi.org/10.1073/pnas.1319030111.
- 2Beatty, Ian D., William J. Gerace, William J. Leonard, und Robert J. Dufresne. „Designing Effective Questions for Classroom Response System Teaching“. American Journal of Physics 74, Nr. 1 (2006): 31. https://doi.org/10.1119/1.2121753.


