Abschlussreflexion
1) Der für mich zentralste Vorlesungsinhalt ist der, der sich mit der Relevanz von Intelligenz und Vorwissen befasst. Da einem immer eingetrichtert wird, dass die Intelligenz der Maßstab aller Dinge sei, war es schön sich einmal genauer mit dem Thema und der Rolle von Intelligenz und Vorwissen im Hinblick auf den schulischen Lernerfolg zu beschäftigen und vorhandene Fehlvorstellungen zu korrigieren. Beschrieben wird die Intelligenz in der Vorlesung als Problemlösefähigkeit, während das Vorwissen als das bereits vorhandene Wissen bezeichnet wird, an welches angeknüpft werden kann. Untersucht wurde der Einfluss der Intelligenz auf den Lernerfolg u.a. in der Studie von Deary et. al. (2007), bei der sich ein Zusammenhang zwischen der Intelligenz und dem späteren schulischen Erfolg bemerkbar machte (vgl. Deary et. al., 2007). Der Einfluss des (Vor-)Wissens hingegen wurde u.a. in der Studie von Schneider et. al. (1989) untersucht. Hierbei zeigte sich, dass SuS mit Vorwissen zum Thema Fußball eine ihnen zuvor vorgelesene Fußballgeschichte besser nacherzählen konnten, als SuS ohne Vorwissen, auch wenn letztere intelligenter waren (vgl. Schneider et. al., 1989). Daraus ergibt sich also, dass der Lernerfolg von Schüler*innen nicht nur von ihrer Intelligenz abhängt, sondern auch vom beeinflussbaren Vorwissen, welches man im Schulalltag aufbauen kann, um den Gewinn von zukünftigem Wissen zu vereinfachen. Meine Schulpraktika haben mir aber auch gezeigt, dass sich die Heterogenität der Schüler*innen auch auf ihr Vorwissen bezieht und sie alle mit unterschiedlichem Wissen und unterschiedlichen Erfahrungen in die Schule kommen. Dadurch fällt ihnen der Schulstoff auch unterschiedlich schwer, weshalb es umso wichtiger ist, an ihr Vorwissen anzuknüpfen und zu differenzieren. Betrachten wir z. B. das Fach Kunst, so spielt das Vorwissen, welches die Kinder z. B. im Hinblick auf das Mischen von Farben oder bestimmten Techniken mitbringen, eine deutlich wichtigere Rolle als ihre Intelligenz.
Ein weiterer für mich sehr interessante Vorlesung ist die zur Mehrsprachigkeit. Da Mehrsprachigkeit immer wieder als Problem statt als Chance angesehen wird, freue ich mich immer, wenn wir uns mit dieser beschäftigen und Vorurteile abbauen. Ein Prinzip. welches das Potenzial von Mehrsprachigkeit beschreibt, ist das Prinzip des “Translanguaging” (Garcia et al., 2015, S.25). Dies bedeutet so viel wie die gleichzeitige und flexible Nutzen mehrerer beherrschter Sprachen, um zu lernen und zu kommunizieren (vgl. Garcia, 2009c, 2014b, zitiert nach Garcia et al., 2015, S.25). Statt den Kindern die Nutzung ihrer Erstsprache zu verbieten sollte vielleicht eher versucht werden diese gezielt hin und wieder als Unterstützung mit einzubauen, um ihnen den Übergang von ihrer Erstsprache zum Deutschen zu vereinfachen und ihnen auch gleichzeitig das Gefühl zu vermitteln, dass das beherrschen mehrerer Sprachen keine Schwachstelle, sondern etwas positives ist.
Literatur
Deary, I. J., Strand, S., Smith, P., & Fernandes, C. (2007). Intelligence and educational achievement. Intelligence, 35(1), 13–21. Leutner, D. (1992). Adaptive Lehrsysteme. Instruktionspsychologische Grundlagen und experimentelle Analysen. Weinheim: Beltz.
Garcia, O. & Wei, L. (2015).Translanguaging: Language, Bilingualism and Education Palgrave Language & Linguistics Collection Education (R0) . Springer.
Schneider, W., Körkel, J., & Weinert, F. E. (1989). Domain-specific knowledge and memory performance: A comparison of high- and low-aptitude children. Journal of Educational Psychology, 81, 306–312
2) Ein für den Schulalltag sehr wichtiger Faktor zum Umgang mit Heterogenität ist der Punkt “Gemeinsame Lerngegenstände, differenzierte Wege zum Lernen“ (vgl. Seitz 2015 u. 2020, zitiert nach RV 12, Folie 7). Ich habe sowohl als Schülerin als auch als Praktikantin immer wieder gemerkt, dass es wirklich unterschiedliche Lerntypen gibt und dass eine Differenzierung bzw. mehrere Bearbeitungsmöglichkeiten trotz des Selben Lerngegenstandes durchaus sinnvoll sein kann und keineswegs was schlechtes sein muss. Die Schüler*innen sind alle so verschieden und die Erwartung, dass sie alle gleich arbeiten müssen, ist irrational. Während meiner Schulzeit hätte ich mir solch eine Differenzierung bzw. mehr Möglichkeiten gewünscht. Differenzieren muss nicht viel aufwändiger sein. Als ich mein Orientierungspraktikum in einer ersten Klasse gemacht habe, lernten die Kinder die Zahlen bis zehn kennen und die Lehrkraft bot verschiedene Möglichkeiten der Aneignung dieses Zahlenwissens an. Vom Schreiben der Zahlen, über das Kneten dieser bis hin zum Zuordnen von Bildkarten war alles dabei und jede/r konnte sich aussuchen, mit welchem Material er/sie arbeiten möchte. Am Ende kommt es nicht darauf an, dass alle Schüler*innen gleich lernen, sondern darauf, dass das, was sie lernen, gleich ist. Die Vorlesung hat mir nochmal das Vertrauen gegeben, dass diese Denkweise keineswegs falsch ist. Während der asynchronen Sitzung zur inklusiven Pädagogik befasste ich mich mit dem Interview mit Prof. Dr. Simone Seitz, bei dem sie drei Punkte/ mögliche „Unterrichtsprinzipien für den inklusiven Unterricht“ nennt, die berücksichtigt werden müssen: Die Anerkennung der Personalität und Individualität, die Anerkennung der Sozialität und die Anerkennung der Komplexität (vgl. Seitz, 2021). Guter Unterricht orientiert sich also am Individuum, der Gruppe und dem Kontext.
3) In der Vorlesung zur Intelligenz und zum Vorwissen wurde u.a. folgendes Zitat zu der Fragestellung, ob denn Intelligenz oder Vorwissen relevanter für den schulischen Lernerfolg ist präsentiert: “Wenn ich die gesamte Pädagogische Psychologie auf nur ein einziges Prinzip zu reduzieren hätte, würde ich folgendes sagen: der wichtigste Einzelfaktor, der das Lernen beeinflusst, ist das, was der Lernende bereits weiß. Ermittle dies und unterrichte ihn entsprechend.” (Ausubel, 1968, zitiert nach RV 7, Folie 36). Es war zwar durchaus spannend überhaupt die hohe Wertigkeit des Vorwissens zu benennen, allerdings hätte ich mir gleichzeitig auch gewünscht, dass die Vorlesung sich auch etwas mehr damit befasst, wie das Vorwissen der Schüler*innen konkret ermittelt und wie dann an das unterschiedliche Vorwissen von solch heterogenen Kindern angeknüpft werden kann, um allen Kindern möglichst dieselben Chancen bieten zu können.
Gewünscht hätte ich mir zusätzlich auch, dass wir uns mehr mit dem Thema “Lernen miteinander” befassen. Im Interview mit Prof. Dr. Simone Seitz erklärt diese, dass das Lernen miteinander mehr im Vordergrund stehen sollte, da die zentrale Ressource des Lernens sich aus dem umstand ergibt, dass unterschiedliche Lerner in einem gemeinsamen Raum sind und ein kollektiv bilden (vgl. Seitz, 2021). Entsprechend würde ich gerne Methoden und Praxisbeispiele kennenlernen, mit denen ein gemeinsames Lernen als Kollektiv gelingt.
Literatur
Deary, I. J., Strand, S., Smith, P., & Fernandes, C. (2007). Intelligence and educational achievement. Intelligence, 35(1), 13–21. Leutner, D. (1992). Adaptive Lehrsysteme. Instruktionspsychologische Grundlagen und experimentelle Analysen. Weinheim: Beltz.
Garcia, O. & Wei, L. (2015).Translanguaging: Language, Bilingualism and Education Palgrave Language & Linguistics Collection Education (R0) . Springer.
Prof. Dr. Simone Seitz (2021): Unterrichtsprinzipien für den inklusiven Unterricht. In: <span;>path2in – Lernpfade in die inklusive Pädagogik. URL: <span;>https://m.youtube.com/watch?v=sJEtILsWQ8Y&list=PLIk2wKjM9yd08tOdoGRJk6Srxx72BCW1m&index=37&pp=iAQB
Schneider, W., Körkel, J., & Weinert, F. E. (1989). Domain-specific knowledge and memory performance: A comparison of high- and low-aptitude children. Journal of Educational Psychology, 81, 306–312