Studierende aktivieren mit Peer Instruction

Bunte ABC-Kacheln neben zwei stilisierten Personen und Sprechblasen auf hellem Hintergrund

von Julie Direnga — Bild: Julie Direnga (mit Stable Diffusion)

Peer Instruction ist eine aktivierende, studierendenzentrierte und effektive Lehrmethode, bei der die Studierenden zunächst eine anspruchsvolle Multiple-Choice-Frage individuell beantworten. Danach diskutieren sie mit ihren Peers darüber und stimmen anschließend erneut ab. Die Studierenden lernen dabei nicht nur die Fachinhalte, sie üben sich auch darin, im Fachkontext zu argumentieren. Der Ursprung der Methode liegt im Fach Physik und hat sich bislang in Deutschland vorrangig in die MINT-Fächer ausgebreitet.1siehe z.B. Kautz (2016) für die Ingenieurwissenschaften und Riegler (2019) für die Mathematik Die Methode ist prinzipiell jedoch für alle Fachrichtungen geeignet.

Die Geburtsstunde von Peer Instruction

Kennen Sie das? Sie haben Ihre Vorlesung perfekt ausgearbeitet: anschaulich, präzise und einem roten Faden folgend. Besser kann es niemand erklären, denken Sie sich. Aber hinterher schauen Sie in viele ratlose Gesichter. Fragen gibt es trotzdem keine.

Eric Mazur, Professor für Physik an der Harvard University, ging es eines Tages ebenso2Serious Science, Peer Instruction for Active Learning – Eric Mazur – YouTube. In seiner Verzweiflung und Ratlosigkeit fiel ihm nicht anderes mehr ein als die Studierenden anzuweisen, es sich doch einmal gegenseitig zu erklären. Der Hörsaal erwachte schlagartig zum Leben und es wurde laut. Überwältigt durch die plötzliche Energie im Raum – und weiterhin ratlos – begann Mazur den Gesprächen seiner Studierenden zu lauschen. Und was er dabei hörte und beobachtete, veränderte seine Herangehensweise an Lehre nachhaltig.

Wo er während seiner eigenen Erklärungen nur in verständnislose Gesichter geschaut hatte, erblickte er jetzt zahlreiche Momente der Erleuchtung, und das in einem Bruchteil der Zeit, die er vorher mit Erklärungsversuchen verbracht hatte. Wie konnte das sein? 

Er hörte genauer hin und machte eine Entdeckung: Die Studierenden wählten im Gespräch untereinander eine andere Sprache als er. Ihre Erklärungen waren nicht ganz so präzise wie seine, sie verwendeten teilweise sogar Begriffe falsch, doch sie verstanden einander. Und auch er verstand: Er war dem sogenannten „Fluch des Wissens“ unterlegen. Durch seine Expertise war er in seiner Denk- und Kommunikationsweise zu weit weg von den Studierenden. Er hatte verlernt, wie man als Novize denkt.

Dieser Moment war die Geburtsstunde von Peer Instruction.3Mazur, Peer instruction; Mazur, Peer Instruction

Man könnte vermuten, Mazurs Ziel sei es nun gewesen, wieder zu lernen, wie ein Novize zu denken, um dann wieder besser erklären zu können. Den Austausch der Studierenden untereinander bräuchte es dann nicht mehr, richtig? … Nicht ganz!

Denn trotz des Hineindenkens in die Studierenden fehlt eine wichtige Komponente: die Studierenden bleiben passiv. Mazur erkannte den Wert des aktiven Erklärens, und des Verbalisierens der eigenen Gedanken für den Lernprozess und etablierte in seiner Lehre fragengeleitetes Lehren („teaching by questioning“).

Der Ablauf

Wie sieht eine Anwendung der von Mazur entwickelten Methode aus? Peer Instruction lässt sich in drei Phasen und deren Schritte unterteilen. Ein Durchlauf dauert dabei etwa fünf bis zehn Minuten.

Der Peer-Instruction-Ablauf

Individualphase

  1. Es wird eine Verständnisfrage im Multiple-Choice-Format gestellt, über die die Studierenden einige Minuten lang individuell nachdenken können.
  2. Die Studierenden geben ihre Stimme zu dieser Frage ab.
  3. Die Ergebnisse der Abstimmung werden (versteckt) als Histogramm dargestellt.

Peer-Phase

  1. Die Studierenden versuchen sich gegenseitig von ihrer Antwort zu überzeugen.
  2. Die Studierenden stimmen erneut über dieselbe Frage ab.
  3. Die Ergebnisse der zweiten Abstimmung werden als Histogramm dargestellt, (ggf. im Vergleich zum Histogramm der ersten Abstimmung).

Expertisen-Phase

  1. Im Plenum wird die richtige Antwort begründet, sowie plausible Gedankengänge für die falschen Antwortmöglichkeiten gesammelt.

Vorteile und Wirksamkeit

Peer Instruction ermöglicht zahlreiche Vorteile für Lehrende und Studierende.

Studierende erhalten durch PI die GelegenheitFür Lehrende bietet PI die Möglichkeit …
… über zentrale (und erfahrungsgemäß schwierige) Fragestellungen des jeweiligen Themas nachzudenken,

… dabei bekannte Verständnisschwierigkeiten zu überwinden, 

… sich über ihre eigenen Vorstellungen und Denkweisen Klarheit zu verschaffen und sich deren Bedeutung bewusst zu werden, 

… zu lernen, sich mit anderen über fachliche Themen auszutauschen und logisch zu argumentieren, 

… ihre eigenen Lernfortschritte besser einschätzen zu lernen und dadurch ein angemessenes Selbstvertrauen hinsichtlich ihrer Fähigkeiten zu gewinnen.
… sich ein Bild vom momentanen Kenntnisstand der Studierenden zu machen und darauf angemessen zu reagieren

… mit den Studierenden über fachliche Inhalte ins Gespräch zu kommen,

… und konkrete Vorstellungen einzelner Studierender zu den Vorlesungsinhalten kennen zu lernen.
nach Kautz, „Wissenskonstruktion – Durch aktivierende Lehre nachhaltiges Verständnis in MINT-Fächern fördern“ und Heiner/Kurz, „Wenn sprechen mehr bringt als zuhören“

Praktisch zeigen wissenschaftliche Studien zur Anwendung der Methode, dass Studierende nicht nur besser und nachhaltiger lernen.4Fagen u. a., „Peer Instruction“; Crouch und Mazur, „Peer Instruction“ Sie schätzen die Methode auch überwiegend sehr,5Meissner u. a., „Wie kommt Peer Instruction im Hörsaal an?“ da sie aktiv werden dürfen und regelmäßig Rückmeldung zum eigenen Lernfortschritt bekommen. Auch fachlich stärkere Studierende werden durch die Fragen und das Diskutieren herausgefordert. An der Technischen Hochschule Rosenheim wird die Methode seit Jahren konsequent in Kombination mit Just-in-Time-Teaching6Robert Kellner und Silke Stanzel, „Vorher lesen statt vorgelesen“; Claudia Schäfle und Elmar Junker, „Inverted Classroom and beyond 2023“ eingesetzt, und das mit Erfolg.

Theoretisch lässt sich die Wirksamkeit von Peer Instruction durch das ICAP-Modell plausibel erklären. Durch die Peer-Phase können die Studierenden die höchste Stufe des aktiven Lernens erreichen, da sie häufig in der Interaktion Wissen generieren. Die Peer-Phase ist daher essenziell für die Wirksamkeit der Methode, auch wenn es manchmal sinnvoll sein kann, sie zu überspringen.

Wann dies der Fall ist, erfahren Sie im nächsten Artikel zu Peer Instruction (demnächst hier in Wissenswert), zusammen mit weiteren Hinweisen zur praktischen Umsetzung in Ihrer eigenen Lehre.

Empfohlene Literatur

Heiner, Cynthia E, und Günther Kurz. Wenn sprechen mehr bringt als zuhören. Physik Journal 21, Nr. 6 (2022): 35–38.

Mazur, Eric. Peer Instruction: Interaktive Lehre praktisch umgesetzt. 1. Aufl. 2017. Herausgegeben von Günther Kurz und Ulrich Harten. Springer Berlin Heidelberg, 2017.

Riegler, Peter. Peer Instruction in der Mathematik: Didaktische, organisatorische und technische Grundlagen praxisnah erläutert. Springer Berlin Heidelberg, 2019.

Quellennachweise

Campus Magazin. Lernen mit Just-in-Time Teaching und Peer Instruction. written by Florian Falzeder. ARD-alpha, 8. Juni 2017.

Claudia Schäfle und Elmar Junker. Just-in-Time Teaching mit Peer Instruction: agil, aktivierend, lernendenzentriert, wirksam. Konferenzbeitrag präsentiert auf Inverted Classroom and beyond 2023: Agile Didaktik für nachhaltige Bildung, 2023.

Crouch, Catherine H., und Eric Mazur. Peer Instruction: Ten Years of Experience and Results. American Journal of Physics 69, Nr. 9 (2001): 970.

Fagen, Adam P., Catherine H. Crouch, und Eric Mazur. Peer Instruction: Results from a Range of Classrooms. The Physics Teacher 40, Nr. 4 (2002): 206–9.

Heiner, Cynthia E, und Günther Kurz. Wenn sprechen mehr bringt als zuhören. Physik Journal 21, Nr. 6 (2022): 35–38.

Kautz, Christian. Wissenskonstruktion – Durch aktivierende Lehre nachhaltiges Verständnis in MINT-Fächern fördern. Schriften zur Didaktik in den Ingenieurwissenschaften 4. Zentrum für Lehre und Lernen TUHH, 2016.

Mazur, Eric. Peer instruction: A user’s manual. Prentice Hall, 1997.

Mazur, Eric. Peer Instruction: Interaktive Lehre praktisch umgesetzt. 1. Aufl. 2017. Herausgegeben von Günther Kurz und Ulrich Harten. Springer Berlin Heidelberg, 2017.

Meissner, Barbara, Simon Roderus, und Jane Fleischer. Wie kommt Peer Instruction im Hörsaal an? Wege zum Verständnis bauen: Das Projekt HD MINT, Sonderausgabe der Didaktiknachrichten (DiNa), Nr. 12 (2016) (September 2018).

Riegler, Peter. Peer Instruction in der Mathematik: Didaktische, organisatorische und technische Grundlagen praxisnah erläutert. Springer Berlin Heidelberg, 2019.

Robert Kellner und Silke Stanzel. Vorher lesen statt vorgelesen. Physik Journal 21, Nr. 7 (2022): 35–38.

Serious Science. Peer Instruction for Active Learning – Eric Mazur – YouTube. Youtube-Video. 2014. Dauer 13:56 min.

Fußnoten

  • 1
    siehe z.B. Kautz (2016) für die Ingenieurwissenschaften und Riegler (2019) für die Mathematik
  • 2
  • 3
    Mazur, Peer instruction; Mazur, Peer Instruction
  • 4
    Fagen u. a., „Peer Instruction“; Crouch und Mazur, „Peer Instruction“
  • 5
    Meissner u. a., „Wie kommt Peer Instruction im Hörsaal an?“
  • 6
    Robert Kellner und Silke Stanzel, „Vorher lesen statt vorgelesen“; Claudia Schäfle und Elmar Junker, „Inverted Classroom and beyond 2023“

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