Abschlussreflexion
Abschlussreflexion
1) Die Ringvorlesung „Umgang mit Heterogenität in der Grundschule“ hat mein
Verständnis von Heterogenität nachhaltig geprägt und vor allem erweitert. Ich sehe
Heterogenität nicht mehr als Ausnahme- oder Einzelfall, sondern als etwas, das ein
grundlegendes Merkmal jeder Schulklasse ist. Schüler*innen unterscheiden sich in
vielerlei Hinsicht, seien es sprachliche-, kulturelle-, soziale- oder kognitive
Voraussetzungen. Auch ihr Interesse, Erfahrungen und Arten zu Lernen sind
verschieden. Dies hat mir noch einmal mehr eröffnet, weshalb Unterricht nicht auf eine
homogene Lerngruppe ausgerichtet werden sollte, sondern viel mehr auf die
individuellen Voraussetzungen und Bedürfnisse der Schüler*innen eingegangen
werden muss, um eine Chancengleichheit generieren zu können.
Eine zentrale Erkenntnis war für mich, der Zusammenhang zwischen Vorwissen,
Motivation und dem Lernerfolg. Die Studie von Schneider, Körkel und Weinert aus dem
Jahr 1989 zeigt, dass Vorwissen einen höheren Einfluss auf den Lernerfolg hat als die
allgemeine Intelligenz eines Kindes. Dies zeigt, dass schulischer Erfolg nicht allein von
der Begabung eines Kindes abhängt, sondern viel mehr von ihrem (nicht-) vorhandenen
Vorwissen, welches dafür verantwortlich ist, wie gut neuer Input aufgenommen und
verarbeitet werden kann (vgl. Schneider et al. 1989, S. 306ff.). Dies bestärkt den Fakt,
dass besondere Rücksicht auf die individuellen Voraussetzungen der Schüler*innen
genommen werden muss, damit alle vom Unterricht profitieren können. Das wiederum
zeigt die Bedeutung von heterogenem Unterricht.
Außerdem finde ich es wichtig, Heterogenität nicht als Defizit zu verstehen, sondern als
Normalität und Bereicherung. Eng damit verbunden ist das Konzept der Diversity
Education nach Prengel aus dem Jahr 2007. Das Konzept verfolgt das Ziel, Vielfalt
anzuerkennen und unabhängig von ihren individuellen Voraussetzungen die gleichen
Bildungschancen zu bieten. Unterschiede zwischen den Schüler*innen stellen dabei
eine wertvolle Ressource für das gemeinsame Lernen (vgl. Prengel 2007, S.49ff.). In
der Vorlesung zu diesem Thema wurde deutlich, Schule muss das Ziel haben,
Lernumgebungen zu ermöglichen, in denen unterschiedliche Perspektiven sichtbar und
wertgeschätzt werden.
Diese Aspekte lassen sich gut auf den Sachunterricht übertragen. Dieser ist von
Heterogenität geprägt, da er direkt an die unterschiedlichen Erfahrungen, Interessen und
Vorkenntnisse von Kindern und ihren Lebenswelten anknüpft. Sachunterricht verfolgt
das Prinzip der Vielperspektivität, dabei werden gesellschaftliche,
naturwissenschaftliche, technische und historische Fragestellungen aus
unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet, sodass Kinder ihre individuellen
Erfahrungen direkt in den Lernprozess einbringen können. Da Kinder aber
unterschiedliche Lebenswelten haben und die Welt unterschiedlich wahrnehmen ist es
wichtig, den Unterricht offen zu gestalten, damit jedes Kind dessen individuelle Stärken
einbringen kann, aktiv und selbstforschend gelernt werden kann und die Kinder von
ihren unterschiedlichen Erfahrungen profitieren können.
Auch die Beziehungsarbeit spielt beim Lernerfolg eine wichtige Rolle. Kinder lernen
erfolgreicher, wenn sie sich wertgeschätzt und ernst genommen fühlen. Kinder müssen
sich trauen, Fehler machen zu dürfen und darauffolgend neue Lernwege auszuprobieren
und anzunehmen. Die Ringvorlesung hat gezeigt, dass gerade in heterogenen
Lerngruppen, professionelle Beziehungsarbeit bedeutet, dass die Individualität eines
jeden Kindes wahrgenommen, dessen Stärken gefördert und die unterschiedlichen
Voraussetzungen objektiv betrachtet und als Ausgangspunkt für das weitere Lernen
gesehen werden. Dies bildet die Grundlage eines inklusiven und heterogenen
Unterrichts, indem alle Kinder die gleichen Bildungschancen haben.
2) Wenn ich an meine eigene Schulzeit und meine bisherigen Praxiserfahrungen
zurückdenke, habe ich den Eindruck, dass der Umgang mit Heterogenität von Schule zu
Schule unterschiedlich war. Teilweise hatte ich den Eindruck, die Unterrichtsgestaltung
orientiere sich am Mittelmaß bzw. dem Klassendurchschnitt. Für alle gab es dieselben
Aufgaben, die in der selben Zeit zu erledigen waren. Wer früher fertig wurde, durfte
sich an Zusatzaufgaben ausprobieren, während Kinder, die mehr Unterstützungsbedarf
hatten und dementsprechend länger brauchten, die Aufgaben als zusätzliche
Hausaufgabe beenden mussten. Kontrolliert wurde darauffolgend nur, ob die Aufgaben
vollständig erledigt wurden, nicht aber wurde auf die Schwierigkeiten der Kinder
eingegangen oder sichergestellt, dass die Thematik verstanden wurde. Somit hatten
nicht alle Schüler*innen die Chance gleichermaßen am Unterricht teilzuhaben und
Differenzen wurden schnell als Leistungsunterschiede wahrgenommen. An einer
anderen Schule wiederum, hatte jedes Kind seine individuellen Lernziele für jedes Fach
und es wurde durch häufigen Austausch zwischen Schüler*in und Lehrperson
sichergestellt, dass diese erreicht werden. Der Unterricht wurde also an die individuellen
Voraussetzungen der Kinder angepasst, sodass versucht wurde, allen Schüler*innen
gerecht werden zu können und diese in ihrer Entwicklung entsprechend begleiten zu
können. Dies führt auch auf die Pädagogik der Vielfalt nach Prengel (2007) zurück,
Kinder sollen nicht aufgrund ihrer unterschiedlichen Voraussetzungen benachteiligt
werden, Heterogenität zielt darauf ab, dass Kindern unterschiedliche Möglichkeiten
geboten werden können, erfolgreich lernen zu können. Insbesondere in der Grundschule
ist dies sehr wichtig, da Kinder mit sehr unterschiedlichen Erfahrungen, Interessen und
Fähigkeiten gemeinsam lernen. Somit stellt dieser Ansatz eine wichtige Grundlage für
Chancengleichheit im Unterricht.
3) Die Ringvorlesung hat mein Verständnis von Heterogenität im Unterricht deutlich
erweitert und gezeigt, dass guter Unterricht nur existieren kann, wenn die
unterschiedlichen Voraussetzungen und Lebenswelten aller Kinder berücksichtigt,
sprachliche Unterstützung und passende Lernangebote eine chancengleiche Teilhabe
aller Kinder am Unterricht ermöglichen.
In meinem weiteren Studium würde ich gerne mehr über den Umgang mit
Mehrsprachigkeit im Unterricht lernen. Sprachsensibler Unterricht wurde in der
Ringvorlesung zwar thematisiert, jedoch hätte ich mir noch gewünscht, wie die
unterschiedlichen Erstsprachen der Kinder konkret in den Unterricht eingebunden
werden können, ohne dabei zu vernachlässigen, die deutsche Sprache zu lernen.
Darüber hinaus interessiert mich, wie unterstützte Kommunikation erfolgreich in den
Unterricht integriert werden kann. Welche Methoden können Lehrkräfte nutzen, um
Kommunikationshilfen in den Unterricht einzubinden und dadurch die aktive Teilhabe
aller Schüler*innen, unabhängig von ihren sprachlichen oder kommunikativen
Voraussetzungen zu unterstützen (vgl. Braun, 2018, S.15ff.)? Auch dies ist für den
heterogenen Unterricht von großer Bedeutung.
Literatur:
Braun, U. (2018). Unterstützte Kommunikation. München: Ernst Reinhardt Verlag
Prengel, A. (2007). Diversity Education- Grundlagen und Probleme der Pädagogik der
Vielfalt. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften
Schneider, W.; Körkel, J.; Weinert, F. (1989): Domain- specific knowledge and memory
performance: A comparison of high- and low- aptitude children. In: Journal of
Educational Psychology, 81 (3)