RV11: HETEROGENITÄTSKATEGORIE GESCHLECHT IN SCHULE UND ANSÄTZE ZUR ENTWICKLUNG EINER GESCHLECHTERSENSIBLEN PÄDAGOGIK

 

1) In der Vorlesung wurde deutlich, dass Geschlecht in der Schule nicht nur biologisch verstanden werden kann, sondern auch durch das Verhalten von Kindern und Erwachsenen immer wieder hergestellt wird. Dieses Spannungsfeld wird als Inszenierung und Zuschreibung beschrieben. Unter Inszenierung versteht man, dass Kinder und Jugendliche Geschlecht selbst darstellen und durch ihr Verhalten ausdrücken. Gleichzeitig erhalten sie von anderen Menschen Zuschreibungen, indem ihnen bestimmte Eigenschaften oder Verhaltensweisen aufgrund ihres Geschlechts zugeschrieben werden (Vorlesung, Folien 26-30).

Ein wichtiger theoretischer Ansatz ist dabei das Konzept des Doing Gender. Dieses geht davon aus, dass Männlichkeit und Weiblichkeit nicht ausschließlich biologisch festgelegt sind, sondern im Alltag immer wieder hergestellt werden (Vorlesung, Folie 28). Gleichzeitig wurde in der Vorlesung auch darauf hingewiesen, dass neben gesellschaftlichen Einflüssen weitere Faktoren wie Familie, Sozialisation oder biologische Voraussetzungen eine Rolle spielen können. Die integrative Position verbindet daher soziale und individuelle Einflussfaktoren miteinander (Vorlesung, Folie 28).

Besonders interessant finde ich den Ansatz der reflexiven Koedukation nach Faulstich-Wieland. Dabei geht es nicht darum, Jungen und Mädchen grundsätzlich getrennt zu unterrichten, sondern Lehrkräfte sollen ihre eigenen Erwartungen und den Einfluss von Geschlechterstereotypen kritisch reflektieren (Vorlesung, Folie 30). Gleichzeitig warnt Faulstich-Wieland davor, Geschlecht ständig in den Mittelpunkt zu stellen, da dadurch Stereotype sogar verstärkt werden können (Faulstich-Wieland 2005, S. 2-5). Deshalb erscheint mir ein bewusster und reflektierter Umgang mit Geschlechterrollen im Schulalltag sinnvoller als eine pauschale Trennung von Jungen und Mädchen.

 

 

2) Ein Beispiel aus meiner Schulzeit waren die jährlich stattfindenden Sportturniere. In den Klassen 9 und 10 wurde Fußball gespielt. Jede Mannschaft musste zwar zwei Mädchen aufstellen, tatsächlich spielten aber fast ausschließlich die Jungen. Die Mädchen standen häufig nur mit auf dem Spielfeld und wurden nur selten ins Spiel einbezogen. Dadurch entstand der Eindruck, dass Fußball als typische „Jungensportart“ angesehen wurde und Mädchen automatisch als weniger leistungsfähiger eingeschätzt wurden. Hier zeigte sich für mich deutlich, wie Geschlecht im Schulalltag sowohl durch das Verhalten der Schüler*innen und Schüler als auch durch die Organisation des Turniers inszeniert und gleichzeitig zugeschrieben wurde.

Ähnliche Erfahrungen habe ich während meines Bundesfreiwilligendienstes an einer Grundschule gemacht. In den Pausen spielten fast ausschließlich Jungen Fußball. Einzelne Mädchen wollten zwar gelegentlich mitspielen, wurden von den Jungen jedoch häufig nicht ernst genommen oder bekamen den Ball kaum zugespielt. Die meisten Mädchen spielten stattdessen mit Springseilen, Kreide oder Rollenspielen. Gleichzeitig fiel mir aber auch auf, dass diese Einteilung nicht auf alle Kinder zutraf. Es gab durchaus einzelne Mädchen, die sehr aktiv waren und auch ruhigere Jungen. Dadurch wurde deutlich, dass Geschlecht nicht allein erklärt, wie sich Kinder verhalten.

Darüber hinaus lässt sich dieses Beispiel gut mit dem Heterogenitätsfeld Sprache verbinden. In meiner Klasse wurden mehrere Kinder mit Deutsch als Zweitsprache besonders unterstützt. Da die Klassenlehrerin häufig nicht allein im Unterricht war und ich mich gezielt um diese Kinder kümmern konnte, hatten sie gute Möglichkeiten, dem Unterricht zu folgen. Für mich zeigt dieses Beispiel, dass Geschlecht nicht isoliert betrachtet werden sollte. Auch Sprachkenntnisse oder andere Heterogenitätsmerkmale beeinflussen die Teilhabe von Kindern am Unterricht und können sich gegenseitig verstärken oder abschwächen (Fürstenau 2011, S. 8-11).

 

 

3) Für mein nächstes Praktikum möchte ich beobachten, ob Lehrkräfte Jungen und Mädchen im Unterricht unterschiedlich ansprechen, loben oder ermahnen. Außerdem interessiert mich, ob Mädchen und Jungen die gleichen Möglichkeiten erhalten, sich an allen Unterrichtsaktivitäten zu beteiligen oder ob bestimmte Aufgaben oder Rollen unbewusst geschlechterspezifisch verteilt werden.

Gleichzeitig möchte ich darauf achten, ob neben dem Geschlecht weitere Heterogenitätsmerkmale eine Rolle spielen. Besonders interessant finde ich dabei den Zusammenhang zwischen Geschlecht und Sprache. Ich möchte beobachten, ob Kinder mit Deutsch als Zweitsprache unabhängig von ihrem Geschlecht die gleiche Unterstützung und die gleichen Beteiligungsmöglichkeiten erhalten wie andere Kinder. Dadurch soll deutlich werden, dass Gender nur eine Dimension von Heterogenität ist und immer im Zusammenhang mit weiteren Merkmalen betrachtet werden sollte.

Für meine spätere Tätigkeit als Lehrkraft nehme ich aus der Vorlesung mit, dass gendersensible Pädagogik nicht bedeutet, Jungen und Mädchen grundsätzlich unterschiedlich zu behandeln. Vielmehr sollte Unterricht so gestaltet werden, dass alle Kinder unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrer Sprache oder anderen Voraussetzungen die gleichen Möglichkeiten zur Entwicklung erhalten. Dazu gehört auch, die eigenen Erwartungen und möglichen Vorurteile regelmäßig zu hinterfragen und Kindern vielfältige Rollenbilder zu eröffnen (Fantini 2019, S.12-15).

 

 

Literaturverzeichnis:

Debus, Katharina (2012): Geschlechterreflektierte Pädagogik zwischen Dramatisierung und Entdramatisierung. Berlin: Dissens e. V.

 

Fantini, Christoph (2019): Männlichkeitsentwürfe in widersprüchlichen Verhältnissen – das Beispiel Grundschule, S. 12–15.

 

Faulstich-Wieland, Hannelore (2005): Spielt das Geschlecht (k)eine Rolle im Schulalltag? Plädoyer für eine Entdramatisierung von Geschlecht, S. 2–5.

 

Fürstenau, Sara (2011): Mehrsprachigkeit als Ressource in der Schule, S. 8–11.

 

Vorlesung „Heterogenitätskategorie Geschlecht/Gender in Schule – im Spannungsfeld von Inszenierung und Zuschreibung“, Universität Bremen, Folien 26–30.

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