RV07// Die kognitiven Dimensionen von Lernerfolg: Intelligenz vs. Vorwissen

1.)

Intelligenz wurde in der Vorlesung als Fähigkeit beschrieben, Probleme zu lösen und neue Situationen erfolgreich zu bewältigen (vgl. Gruber & Stamouli, 2020, S. 29). Sie sagt schulischen Erfolg voraus und erleichtert das Lernen. Besonders wichtig für den Lernerfolg ist jedoch das Vorwissen. Wenn neues Wissen an bereits vorhandenes Wissen anknüpfen kann, wird das Lernen erleichtert. Zwar hat Intelligenz einen Einfluss auf schulische Leistungen, Studien zeigen jedoch, dass Vorwissen noch bedeutsamer ist. Die Untersuchung von Schneider, Körkel und Weinert (1989) zeigte, dass Schüler*innen mit hohem Fußballwissen sich besser an Inhalte der Fußballgeschichte erinnern konnten als intelligentere Kinder mit geringerem Vorwissen. Die Bedeutung der Intelligenz als Treiber weiteren Lernens wird somit früh durch die Bedeutung des Wissens abgelöst. Daher sollte Unterricht an das Vorwissen der Lernenden anknüpfen (vgl. Folien 23, 27–31).

2.)

Während meines Orientierungspraktikums in einer ersten Klasse konnte ich große Unterschiede im Vorwissen der Kinder beobachten. Einige Schüler*innen konnten bereits lesen oder etwas schreiben, während andere noch gar keine Erfahrungen mit einzelnen Buchstaben hatten. Auch im Mathematikunterricht waren die Lernvoraussetzungen sehr unterschiedlich. Die Lehrkraft reagierte darauf mit differenzierten Aufgaben und individueller Unterstützung. Dabei wurde deutlich, wie wichtig es ist, den Wissensstand der Kinder zu kennen, um daran anknüpfen zu können. Ich habe selbst erlebt, dass ich manchmal davon ausging, alle Kinder hätten eine Aufgabe verstanden. Im Gespräch zeigte sich jedoch, dass einige wichtige Begriffe oder Arbeitsaufträge nicht verstanden hatten. Diese Erfahrung hat mir gezeigt, wie wichtig die Erfassung von Vorwissen für die Unterrichtsplanung ist. In meiner Klasse gab es außerdem ein Mädchen, das die erste Klasse wiederholen musste. Dementsprechend konnte sie bereits lesen und schreiben und war häufig gelangweilt beziehungsweise unterfordert. Sie las daher den anderen Schüler*innen vor. Dies stellte einerseits eine Übung und Wiederholung dar, die an ihr vorhandenes Wissen anknüpfte, und bot ihr andererseits die Möglichkeit, ihre Fähigkeiten zu zeigen und positive Erfolgserlebnisse zu sammeln. Die Beobachtungen bestätigen die Aussage der Vorlesung, dass Vorwissen eine zentrale Voraussetzung für erfolgreiches Lernen darstellt (vgl. Folien 33–35).

3.)

Überraschend fand ich die Erkenntnis, dass Vorwissen für den Lernerfolg häufig wichtiger ist als Intelligenz. Vor der Vorlesung hätte ich angenommen, dass vor allem intelligente Schüler*innen erfolgreicher lernen. Die vorgestellten Studien zeigen jedoch, dass vorhandenes Wissen einen besonders starken Einfluss auf weiteres Lernen hat. Daraus ergibt sich für mich die Frage, wie Lehrkräfte das Vorwissen ihrer Schüler*innen möglichst genau erfassen und dieses gezielt zur Motivation nutzen können. Denn gerade die Diagnose individueller Lernvoraussetzungen gehört nach Helmke (2009) zu den Merkmalen professionellen Lehrerhandelns. Außerdem interessiert mich, welche Formen der Differenzierung besonders wirksam sind. In meinem nächsten Praktikum könnte ich darauf achten, wie Lehrkräfte Lernstände diagnostizieren und ihren Unterricht entsprechend anpassen. Auch Beobachtungen zur Gruppenarbeit und zur individuellen Förderung erscheinen mir interessant. Die Vorlesung betont, dass Schüler*innen mit ungünstigen Lernvoraussetzungen mehr Unterstützung benötigen. Deshalb halte ich eine adaptive Unterrichtsgestaltung für einen wichtigen Ansatz im Umgang mit Heterogenität (vgl. Folien 33–35).

Literatur

Gruber, H. & Stamouli, E. (2020). Intelligenz und Vorwissen. In E. Wild & J. Möller (Hrsg.), Pädagogische Psychologie (S. 25–42). Berlin: Springer.

Helmke, A. (2009). Unterrichtsqualität und Lehrerprofessionalität. Diagnose, Evaluation und Verbesserung des Unterrichts (Kapitel 4.9). Seelze-Velber: Klett-Kallmeyer.

Schneider, W., Körkel, J., & Weinert, F. E. (1989). Domain-specific knowledge and memory performance: A comparison of high- and low-aptitude children. Journal of Educational Psychology, 81(3), 306–312.

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