Abschlussreflexion

1. Zentrale Erkenntnisse aus der Ringvorlesung

Die Ringvorlesung „Umgang mit Heterogenität in der Schule“ hat mir vor allem deutlich gemacht, dass Heterogenität viel mehr umfasst als unterschiedliche Leistungsstände. Schüler*innen unterscheiden sich beispielsweise hinsichtlich ihres Vorwissens, ihrer sprachlichen Voraussetzungen, ihrer Interessen, ihres sozialen Hintergrundes und ihrer bisherigen Erfahrungen. Gleichzeitig wurde in der Ringvorlesung deutlich, dass Kategorien wie „leistungsstark“ oder „leistungsschwach“ nicht vollkommen neutral sind. Unterschiede werden auch dadurch beeinflusst, welche Merkmale in der Schule wahrgenommen und hervorgehoben werden. Besonders wichtig fand ich deshalb das Spannungsverhältnis zwischen Heterogenität und Homogenität sowie zwischen Inklusion, Individualisierung und Selektion.

Eine zentrale Erkenntnis für mich ist, dass Unterricht deshalb möglichst an die unterschiedlichen Lernvoraussetzungen der Kinder angepasst werden sollte. Hertel beschreibt in diesem Zusammenhang adaptive Lerngelegenheiten, bei denen die Voraussetzungen der Schüler*innen und die angebotenen Lernmöglichkeiten möglichst gut aufeinander abgestimmt werden sollen (vgl. Hertel 2014, S. 22 – 23). Für meine spätere Tätigkeit als Grundschullehrerin bedeutet das, nicht davon auszugehen, dass alle Kinder mit denselben Voraussetzungen in den Unterricht kommen.

Besonders für den Mathematikunterricht finde ich diese Erkenntnis wichtig. Leistungsunterschiede sollten meiner Meinung nach nicht sofort mit unterschiedlicher mathematischer Begabung erklärt werden. Auch Vorwissen, sprachliche Voraussetzungen und unterschiedliche Erfahrungen können eine Rolle spielen. Deshalb möchte ich später versuchen, verschiedene Zugänge und Hilfestellungen anzubieten, sodass die Kinder möglichst an einem gemeinsamen Lerngegenstand arbeiten können.

Auch auf mein Fach Kunst lässt sich dies übertragen. Gerade dort gibt es häufig offene Aufgabenstellungen, bei denen die Kinder sehr unterschiedliche Ergebnisse entwickeln können. Trotzdem bedeutet eine offene Aufgabe automatisch, dass jedes Kind gleich gut damit zurechtkommt. Hilmes und Seydel machen deutlich, dass auch im Kunstunterricht ein Eingehen auf unterschiedliche Lernvoraussetzungen notwendig ist (vgl. Hilmes/Seydel 2018, S. 4 – 11). Manche Kinder benötigen beispielsweise mehr Unterstützung bei der Ideenfindung oder beim Umgang mit Materialien, während andere sehr selbstständig arbeiten können.

Eine weitere wichtige Erkenntnis betrifft für mich die Beziehungsarbeit. Vor der Ringvorlesung hätte ich den Umgang mit Heterogenität wahrscheinlich hauptsächlich mit Differenzierung und unterschiedlichen Aufgaben verbunden. Mir ist aber stärker bewusst geworden, dass auch die Beziehung zwischen Lehrkraft und Kind eine wichtige Rolle spielt. Prengel zeigt, dass neben anerkennenden pädagogischen Beziehungen auch verletzende oder beschämende Situationen im Schulalltag vorkommen und das Anerkennung für Lernprozesse von großer Bedeutung ist (vgl. Prengel 2014, S. 29 – 31). Für mich bedeutet das, Kinder auch dann respektvoll zu behandeln, wenn es Schwierigkeiten oder Konflikte gibt. Das Verhalten eines Kindes kann kritisiert werden, ohne das Kind selbst abzuwerten.

 

2. Eigene Praxiserfahrungen und Umgang mit Heterogenität

Im Rückblick auf meine bisherigen Praxiserfahrungen erscheint mir besonders das Handeln der Lehrkraft als wichtiger Faktor im Umgang mit Heterogenität. Während meines Bundesfreiwilligendienstes an der Grundschule habe ich häufig einzelne Kinder unterstützt, die im Unterricht zusätzliche Hilfe benötigen. Dabei konnte ich beobachten, wie unterschiedlich die Kinder innerhalb einer Klasse arbeiten. Manche konnten nach einer kurzen Erklärung selbstständig beginnen, während andere mehr Zeit oder weitere Unterstützung brauchten.

Damals habe ich solche Unterschiede hauptsächlich als unterschiedliche Leistungsstände wahrgenommen. Durch die Inhalte der Ringvorlesung sehe ich diese Situationen heute etwas differenzierter. Kinder bringen unterschiedliche Voraussetzungen mit und benötigen deshalb teilweise auch unterschiedliche Unterstützung. Gleichzeitig ist mir bewusst geworden, dass individuelle Förderung auch zu Zuschreibungen führen kann. Wenn beispielsweise immer dieselben Kinder vereinfachte Aufgaben bekommen oder als diejenigen wahrgenommen werden, die besonders viel Hilfe benötigen, kann sich schnell das Bild der „schwachen Schüler*innen“ festigen.

Für mich bedeutet ein gelungener Umgang mit Heterogenität deshalb nicht, allen Kindern genau das Gleiche anzubieten. Vielmehr sollte es unterschiedliche Hilfen und Lernwege geben, ohne einzelne Kinder unnötig hervorzuheben oder aus dem gemeinsamen Unterricht auszuschließen. Die Idee des adaptiven Unterrichts finde ich hierbei besonders hilfreich, da Lernangebote möglichst an die jeweiligen Voraussetzungen angepasst werden sollen (vgl. Hertel 2014, S. 22 – 23).

Auch die Beziehungsarbeit spielt nach meinen bisherigen Erfahrungen eine wichtige Rolle. Ich hatte häufig den Eindruck, dass Kinder Unterstützung besser annehmen, wenn bereits Vertrauen zur Lehrkraft oder zur unterstützenden Person vorhanden ist. Durch die Ringvorlesung ist mir deshalb noch einmal deutlicher geworden, dass eine wertschätzende Beziehung nicht nur für die Atmosphäre in der Klasse wichtig ist, sondern auch Einfluss auf das Lernen haben kann.

Für meine spätere Tätigkeit nehme ich daher besonders mit, Schwierigkeiten nicht sofort nur beim Kind selbst zu suchen. Stattdessen möchte ich auch überlegen, welche Voraussetzungen eine Aufgabe verlangt und ob der Unterricht Möglichkeiten bietet, auf unterschiedliche Bedürfnisse einzugehen.

 

3. Offene Fragen für mein weiteres Studium

Im weiteren Studium würde ich mich gerne intensiver mit der Frage beschäftigen, wie Differenzierung im Unterricht umgesetzt werden kann, ohne einzelne Kinder zu stigmatisieren. Die Ringvorlesung hat deutlich gemacht, dass unterschiedliche Lernvoraussetzungen berücksichtigt werden müssen. Gleichzeitig frage ich mich, wie dies im Schulalltag gelingen kann, ohne dass sofort erkennbar ist, welches Kind die „leichtere“ Aufgabe erhält oder besonders viel Unterstützung braucht.

Gerade für meine Fächer Mathematik und Kunst finde ich diese Frage wichtig. Im Mathematikunterricht würde mich interessieren, wie Kinder mit unterschiedlichen Leistungsständen trotzdem gemeinsam an einem Thema arbeiten können. Im Kunstunterricht würde ich gerne noch genauer erfahren, wann offene Aufgaben ausreichen und wann zusätzliche Hilfen notwendig sind. Die Beschäftigung mit Differenzierung im Kunstunterricht hat mir gezeigt, dass Offenheit allein noch nicht automatisch bedeutet, dass alle Kinder gleichermaßen unterstützt werden (vgl. Hilmes/Seydel 2018, S. 4 – 11).

Eine zweite Frage, mit der ich mich gerne weiter beschäftigen würde, betrifft die Beziehungsarbeit in schwierigen Unterrichtssituationen. Ich würde gerne mehr darüber erfahren, wie Lehrkräfte konsequent Grenzen setzen können, wenn ein Kind beispielsweise häufig den Unterricht stört oder Regeln nicht einhält, ohne es dabei persönlich abzuwerten. Durch Prengel wurde mir deutlich, wie wichtig Anerkennung in pädagogischen Beziehungen ist (vgl. Prengel 2014, S. 29 – 31). Für mein weiteres Studium würde ich mir hierzu vor allem konkrete Beispiele und Handlungsmöglichkeiten wünschen.

Insgesamt nehme ich aus der Ringvorlesung mit, dass Heterogenität ein normaler Bestandteil des Schulalltags ist. Für mich bedeutet ein guter Umgang damit, Unterschiede wahrzunehmen und zu berücksichtigen, ohne Kinder auf einzelne Merkmale oder vermeintliche Defizite reduzieren.

 

Literaturverzeichnis:

Hertel, Silke (2014): Adaptive Lerngelegenheiten in der Grundschule: Merkmale, methodisch-didaktische Schwerpunktsetzungen und erforderliche Lehrerkompetenzen. In: Kopp, Bärbel u. a. (Hrsg.): Individuelle Förderung und Lernen in der Gemeinschaft. Wiesbaden: Springer VS, S. 19 – 34.

Hilmes, Judith/Seydel, Fritz (2018): Differenzierungsprozesse im Kunstunterricht. Wahrnehmen, Steuern, Bewerten. In: Kunst + Unterricht, H. 423/424, S. 4 – 11.

Prengel, Annedore (2014): Anerkennung ermöglicht Lernen, Verletzung verhindert es. Ergebnisse und Folgerungen aus dem Projektnetz INTAKT. In: Pädagogik, H. 12, S. 29 – 31.

Einen Kommentar schreiben

Zur Werkzeugleiste springen