Abschlussreflexion

1. Die Ringvorlesung hat mir verdeutlicht, dass Heterogenität kein Ausnahmefall, sondern ein grundlegendes Merkmal schulischer Realität ist. Während ich zu Beginn des Semesters Heterogenität vor allem mit unterschiedlichen Leistungsständen oder sprachlichen Voraussetzungen verbunden habe, ist mir im Verlauf der Vorlesungen bewusst geworden, wie vielfältig sich Unterschiede zwischen Schülerinnen und Schülern zeigen können. Sie betreffen unter anderem Sprache, Vorwissen, Motivation, kulturelle Hintergründe, Interessen und individuelle Lernvoraussetzungen. Besonders hilfreich war für mich, dass die einzelnen Vorträge unterschiedliche Perspektiven auf Heterogenität eröffnet haben und sich viele Inhalte gegenseitig ergänzt haben.

Eine der wichtigsten Erkenntnisse war für mich, dass Heterogenität nicht als Defizit verstanden werden sollte, sondern als Normalität und zugleich als Chance für schulisches Lernen. Besonders deutlich wurde dies in den Vorlesungen zu Diversity Education, Mehrsprachigkeit und sprachsensibler Unterrichtsgestaltung. Prengel (2007) beschreibt Diversity Education als einen Ansatz, der Vielfalt anerkennt und allen Kindern unabhängig von ihren individuellen Voraussetzungen gleichberechtigte Bildungs- und Teilhabechancen ermöglichen möchte (vgl. Prengel 2007, S. 49–53). Diese Sichtweise hat meinen Blick auf Unterricht verändert. Unterschiede zwischen Kindern müssen nicht beseitigt werden, sondern sollten Ausgangspunkt für die Gestaltung von Unterricht sein.

Für mein Studienfach Sport erscheint diese Erkenntnis besonders bedeutsam. Im Sportunterricht zeigen sich Unterschiede häufig unmittelbar, denn einige Kinder treiben bereits Vereinssport, andere verfügen über deutlich weniger Bewegungserfahrungen oder bringen Unsicherheiten im Umgang mit sportlichen Aufgaben mit. Hinzu kommen Unterschiede in Motivation, körperlichen Voraussetzungen oder kulturellen Erfahrungen mit Bewegung und Sport. Die Ringvorlesung hat mir verdeutlicht, dass guter Unterricht diese Vielfalt nicht als Problem betrachtet, sondern durch differenzierte Aufgabenformate allen Kindern Erfolgserlebnisse und Teilhabe ermöglicht. Gerade im Sport können verschiedene Schwierigkeitsstufen, offene Bewegungsaufgaben oder kooperative Spielformen dazu beitragen, dass jedes Kind entsprechend seiner individuellen Voraussetzungen lernen kann.

Eine zweite zentrale Erkenntnis betrifft die Bedeutung von Vorwissen und Motivation für erfolgreiches Lernen. Besonders eindrucksvoll war für mich die Studie von Schneider, Körkel und Weinert (1989), die zeigt, dass vorhandenes Vorwissen den Lernerfolg häufig stärker beeinflusst als allgemeine Intelligenz (vgl. Schneider et al. 1989, S. 306–312). Diese Erkenntnis relativiert die verbreitete Vorstellung, schulischer Erfolg hänge hauptsächlich von Begabung ab. Vielmehr entscheidet das bereits vorhandene Wissen darüber, wie gut neue Informationen verarbeitet und eingeordnet werden können.

Ergänzt wurde dieser Gedanke durch die Selbstbestimmungstheorie von Deci und Ryan (1993). Die Autoren beschreiben mit den Bedürfnissen nach Kompetenz, Autonomie und sozialer Eingebundenheit drei zentrale Voraussetzungen für Motivation und erfolgreiches Lernen (vgl. Deci & Ryan 1993, S. 229–231). Diese Theorie erscheint mir nicht nur für den Unterricht allgemein, sondern besonders für den Sportunterricht bedeutsam. Kinder erleben dort Erfolg oder Misserfolg oft unmittelbar. Umso wichtiger ist es, Lernumgebungen zu schaffen, in denen alle Schülerinnen und Schüler Kompetenz erleben, selbst Entscheidungen treffen können und sich als Teil der Lerngruppe fühlen.

Auch für die Beziehungsarbeit liefern diese Erkenntnisse wichtige Impulse. Eine wertschätzende Beziehung zwischen Lehrkraft und Schüler*innen bildet aus meiner Sicht die Grundlage dafür, dass Kinder sich trauen, Fehler zu machen, Fragen zu stellen und neue Lernwege auszuprobieren. Die Ringvorlesung hat deutlich gemacht, dass Motivation und Lernen eng mit sozialer Eingebundenheit verbunden sind. Lehrkräfte übernehmen deshalb nicht nur die Aufgabe, fachliche Inhalte zu vermitteln, sondern auch eine Lernumgebung zu gestalten, in der sich alle Kinder angenommen und ernst genommen fühlen.

2. Im Rückblick auf meine eigene Schulzeit und meine bisherigen Praktika erkenne ich viele Situationen heute anders als noch vor Beginn der Ringvorlesung. Besonders deutlich wurde für mich die Bedeutung von sprachlicher Heterogenität. In meiner Schulzeit wurde Mehrsprachigkeit häufig kaum thematisiert. Deutsch galt selbstverständlich als Unterrichtssprache, während andere Erstsprachen der Schülerinnen und Schüler kaum sichtbar waren. Heute würde ich diese Situation mithilfe der Konzepte der Mehrsprachigkeit und der sprachsensiblen Unterrichtsgestaltung deutlich kritischer betrachten. Die Vorlesung hat gezeigt, dass Sprache nicht nur Unterrichtsgegenstand ist, sondern Voraussetzung für nahezu alle Lernprozesse. Schule ist deshalb – wie Ehlich und Rehbein (1986) formulieren – eine „versprachlichte Institution“.

Auch in meinen Praktika konnte ich beobachten, dass Kinder mit unterschiedlichen sprachlichen Voraussetzungen häufig sehr unterschiedliche Möglichkeiten hatten, sich aktiv am Unterricht zu beteiligen. Rückblickend wird deutlich, dass fachliche Schwierigkeiten nicht immer auf fehlendes Wissen zurückzuführen waren, sondern häufig auf sprachliche Hürden. Die Vorlesungen zur Bildungssprache und zum sprachsensiblen Unterricht haben mir geholfen, diese Situationen besser einzuordnen. Gleichzeitig habe ich erkannt, dass sprachliche Unterstützung allen Kindern zugutekommt und nicht ausschließlich mehrsprachigen Schülerinnen und Schülern.

Auch die Vorlesung zur Bedeutung des Vorwissens hat meine Sicht auf Unterricht verändert. Während meiner Praktika fiel häufig auf, dass Lehrkräfte davon ausgingen, bestimmte Grundlagen seien allen Kindern bereits bekannt. Erst während der Arbeitsphase wurde deutlich, dass einzelne Schülerinnen und Schüler über ganz andere Vorerfahrungen verfügten. Heute würde ich diese Situationen mit dem Konzept des Vorwissens erklären und daraus ableiten, dass diagnostische Gespräche oder aktivierende Einstiege vor Beginn einer Unterrichtseinheit hilfreich sein können, um den tatsächlichen Wissensstand der Lerngruppe besser einschätzen zu können.

3. Im weiteren Studium würde ich mich gerne intensiver mit der Frage beschäftigen, wie adaptiver Unterricht in der Praxis umgesetzt werden kann. Während der Ringvorlesung wurde deutlich, dass Unterricht möglichst an die unterschiedlichen Lernvoraussetzungen der Schülerinnen und Schüler angepasst werden sollte. Offen bleibt für mich jedoch, wie dies unter den Bedingungen großer Klassen, begrenzter Unterrichtszeit und unterschiedlicher Leistungsniveaus konkret gelingen kann. Besonders im Fach Sport interessiert mich, wie Differenzierung umgesetzt werden kann, ohne dass einzelne Kinder dauerhaft unter- oder überfordert werden.

Darüber hinaus möchte ich mich intensiver mit dem Thema sprachsensibler Unterricht beschäftigen. Die Vorlesungen haben gezeigt, dass Sprache in allen Fächern eine zentrale Rolle spielt. Gerade deshalb interessiert mich, wie sprachliche Förderung sinnvoll mit fachlichem Lernen verbunden werden kann, ohne dass der eigentliche Unterrichtsinhalt in den Hintergrund rückt. Obwohl dieses Thema in der Ringvorlesung bereits behandelt wurde, würde ich mir hierzu noch mehr konkrete Unterrichtsbeispiele und empirische Forschungsergebnisse wünschen.

Insgesamt hat die Ringvorlesung meinen Blick auf Schule und Unterricht nachhaltig verändert. Viele Situationen aus meiner eigenen Schulzeit und meinen bisherigen Praxiserfahrungen kann ich heute mithilfe wissenschaftlicher Konzepte deutlich besser einordnen. Besonders wertvoll war für mich, dass die einzelnen Vorträge nicht isoliert betrachtet werden konnten, sondern sich zu einem Gesamtbild zusammensetzten. Für meine spätere Tätigkeit als Lehrkraft nehme ich vor allem mit, dass guter Unterricht Vielfalt nicht reduziert, sondern sie bewusst aufgreift und als Ausgangspunkt für gemeinsames Lernen versteht.

Literaturverzeichnis

  • Deci, Edward L.; Ryan, Richard M. (1993): Die Selbstbestimmungstheorie der Motivation und ihre Bedeutung für die Pädagogik. In: Zeitschrift für Pädagogik, 39(2), S. 223–238.
  • Ehlich, Konrad; Rehbein, Jochen (1986): Muster und Institution. Untersuchungen zur schulischen Kommunikation. Tübingen: Narr.
  • Prengel, Annedore (2007): Diversity Education – Grundlagen und Probleme der Pädagogik der Vielfalt. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
  • Schneider, Wolfgang; Körkel, Joachim; Weinert, Franz E. (1989): Domain-specific knowledge and memory performance: A comparison of high- and low-aptitude children. In: Journal of Educational Psychology, 81(3), S. 306–312.

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