Solidarität – was heißt das eigentlich?

Solidarity is not beneficence or charity” – Shirin Rai 2018:14

Der Begriff der Solidarität wird politisch und wissenschaftlich viel diskutiert. Solidarität kann einerseits als universelle moralische Verpflichtung verstanden werden und ist mit Gerechtigkeitsvorstellungen verbunden. Andererseits kann Solidarität eine Praxis, auf Grundlage gemeinsamer (politischer) Interessen sein, die auf deren Verwirklichung zielt. In sozialen Bewegungen ist Solidarität oft ein politischer Kampfbegriff und ein Aufruf an diverse Akteur*innen, sich zu positionieren.

Solidarität ist mit Fragen nach Zugehörigkeit verbunden und gilt, je nach Definition, für konkrete Konstellationen, organisatorische Aufteilungen, nationalstaatliche Identitäten, oder – allumfassend für die Menschheit oder das Leben (Mayer et al. 2024: 11).

Fest steht – Solidarität wird klar von Wohlfahrt und humanitärer Hilfe abgegrenzt. Denn sie leitet sich aus Gerechtigkeitsvorstellungen oder aus gemeinsamen (politischen) Vorstellungen ab. Versuche diese Abgrenzung zu fassen, definieren symmetrische und wechselseitige Beziehungen als Voraussetzung für Solidarität (Jaeggi 2021:54f.).

Symmetrische und wechselseitige Beziehungen – in globalen Ungleichheitsverhältnissen?

Der antikoloniale Vordenker Frantz Fanon begründet Reparationsansprüche ehemaliger Kolonien gegenüber den ehemaligen Kolonialmächten in seinem berühmten Werk „Die verdammten dieser Erde“: Der Wohlstand des Westens sei „auf dem Rücken der Sklaven“ errichtet worden (Fanon 1981: 79). Ausgehend von seinem tiefgehenden Humanismus leitet er daraus eine moralische Pflicht des Westens zu Wiedergutmachung und Reparationszahlungen an die jungen Postkolonien ab. Neben der materiellen Funktion sieht er darin eine Anerkennung von Schuld durch die ehemaligen Kolonialmächte, auch für globale Ungleichheit als Folge des Kolonialismus.

Die sogenannte Entwicklungszusammenarbeit könnte als Verwirklichung von Fanons Forderungen verstanden werden. Doch zu oft finden unter dem Deckmantel der Entwicklungszusammenarbeit Formen „neokolonialer Politikberatung“ statt, die an entwicklungspolitischen Leitlinien der Geberländer orientiert sind, ohne auf Bedürfnisse und Vorstellungen der Adressat*innen von Solidarität einzugehen oder bestehende Ungleichheits- und Abhängigkeitsverhältnisse zu adressieren (Kerner 2024: 38).

Postkoloniale Wege zur Solidarität?

Postkoloniale Perspektiven tendieren zu dem Ansatz, Solidarität im Konkreten immer wieder neu und dialogisch zu verhandeln und weichen von der Vorstellung ab, „universale Antworten auf die schwierigen Fragen der solidarischen Praxis in Ungleichheitskontexten formulieren zu können“ (Kerner 2024: 44).

Nach Gayatri Chakravorty Spivak ist es vor allem wichtig, ein gemeinsames Erkenntnisinteresse zu verfolgen, um konkrete Schritte der solidarischen Interaktionen entstehen zu lassen (vgl. Spivak 1996a,b). Chandra Talpade Mohanty arbeitet mit dem Begriff der „Koalition“ und plädiert für Solidarität ohne Identität. Solidarität basiere gerade nicht auf gemeinsamen Erfahrungen und einer gemeinsamen Identität, sondern sei vor allem ein Zweckbündnis, um Kompromisse für geteilte Anliegen zu finden (Mohanty 1992:84).

 

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