RV07// Dr. Nadja Belova// Chemie – Kein Fach für alle? Gesellschaftskritische Ansätze aus der Chemiedidaktik
1.) Formulieren Sie basierend auf den Vorlesungsinhalten drei Thesen, die für Sie einen modernen Chemieunterricht für alle ausmachen. Orientieren Sie sich gerne an den Grundannahmen von STL (Scientific and Technological Literacy for All), setzen Sie jedoch eigene Schwerpunkte.
‚ Until today, science teaching in Germany in general and in chemistry and physics in particular is still criticized as being too strongly focused toward the structure of discipline approach […]. ‚ (Fischer et al., 2005; Ostermeier & Prenzel, 2005, zitiert nach Marks et al., 2014, S. 288). Dieses Zitat verweist auf die (bis heute) beherrschende Rolle der reinen Fachwissenschaft im Chemieunterricht. Damit stellt sich die Frage wie an dieser Stelle ein Paradigemenwechsel von statten finden kann, der einen modernen Chemieunterricht für Alle zum Ziel hat. Ich bin zu folgenden Thesen/Überlegungen gekommen:
- Alltagsbezug:
Chemie steckt überall im Alltag. Chemische Produkte sind auf Schritt und Tritt in allen Bereichen des Lebens zu finden. Genau aus diesem Grund sollte das erlernte (chemische) Wissen durch die Lehrkraft in einen „realen Kontext“ eingebettet werden. Beispielweise könnten die Lehrer*innen aktuelle, gesellschaftliche Themen aufgreifen in denen Bezug zu dem Unterrichtsfach hergestellt werden kann. Dadurch können sich die SuS aktiv mit dem Thema befassen und müssen nicht nur stumpf das Wissen der Lehrer*innen übernehmen.
- Digitale Medien:
Bei diesem Punkt geht es vor allem darum, dass Pädagogen*innen die Vorteile des Aufkommens sozialer Medien nutzen und diese in ihren Unterricht integrieren (Craig-Hare et al., 2018, S.102). Laut einer aktuellen Umfrage des Pew Research Center’s Internet & American Life Project nutzen 92 % der Jugendlichen zwischen 13 und 17 Jahren täglich das Internet, 76 % nutzen Social-Media-Seiten und 71 % geben an, dass sie mehr als eine Social-Media-Anwendung nutzen (Craig-Hare et al., 2018, S.83). Diese Umfrage untermauert die Relevanz der Nutzung sozialer Medien im Allgemeinen. Doch auch innerhalb der Schule/ des Klassenzimmers steigt die Verwendung interaktiver Tools und Anwendungen.
Diese haben das Potenzial, Schüler*innen und Lehrer*innen in die effiziente und effektive Praxis der Argumentation einzubinden; das bekräftigt auch die Theorie, dass Lernen eine soziale Aktivität sei (Vygotsky, 1978, zitiert nach Craig-Hare et al., 2018, S.85) und in einem authentischen Kontext stattfinden müsse (Lave & Wenger, 1991, zitiert nach Craig-Hare et al., 2018, S.85). Internettools sind in der Lage die Zusammenarbeit und den Informationsaustausch zu fördern und dadurch könnte man das Engagement und die Interaktion der Schüler*innen mit relevanten Inhalten und Praktiken steigern (Junco, Helbergert, & Loken, 2011; Kabilan, Ahmad, & Abidin, 2010, zitiert nach Craig-Hare et al., 2018, S.85).
Ich glaube auch, dass vor allem bei MINT-Fächern der Einsatz von digitalen Medien sinnvoll ist, um komplexere Inhalte besser veranschaulichen zu können. Die Lehrkraft könnte dies umsetzen, indem er/sie auf Bilder und Videos verweist, die den (komplexen) Sachverhalt darstellen. Zudem können auch Wissenschaftler*innen in den schulischen Diskurs eingebunden werden, um die Erfahrung der SuS zu erweitern und ihnen die Wissenschaft zugänglicher zu machen (Craig-Hare et al., 2018, S.85).
Nicht außer Acht zu lassen ist allerdings die „erfolgreiche“ Verwendung/Anwendung der sozialen Medien. Durch die Integration dieser, in den regulären Unterricht, können die SuS einen verantwortungsbewussteren Umgang mit Medien üben mit dem Ziel Informationen auch kritisch zu betrachten (Belova, 2023, S.24).
- Relevanz/Möglichkeiten in dem Bereich Chemie:
Meines Erachtens sollte die Vermittlung des Bildes von den Anforderungen und Möglichkeiten der (zahlreichen) Berufe in diesem Bereich ein Bestandteil des Unterrichts sein. Dadurch wird die allumfassende Relevanz dieses Faches nochmal deutlich. Zusätzlich sollte man den SuS aufzeigen, welchen Einfluss Chemie in unserer heutigen Welt übt. Veranschaulichen könnte man dies, indem man die Beziehung zwischen der Gesellschaft und Chemie aufgreift.
2.) Reflektieren Sie auf Basis der Vorlesungsinhalte und des Grundlagentextes, inwieweit chemisches Wissen im Allgemeinen und naturwissenschaftliches Wissen im Speziellen aus Ihrer Sicht als Teil des Allgemeinwissens (im Sinne einer „Scientific Literacy for All“) angesehen werden kann. Beziehen Sie hier auch ihre eigenen Erfahrungen aus dem schulischen Chemieunterricht/Ihrem Alltag ein.
Der Umgang mit gesellschaftlichen Problemstellungen und die Fällung rational begründeter Entscheidungen sind übergeordnete Ziele der allgemeinen Bildung (Gräber, 2002, S.9).
Eben diese Ziele werden beim chemischen Wissen/ naturwissenschaftlichen Wissen miteinbezogen und stellen somit einen interegalen Teil der allgemeinen Bildung dar (Belova, 2023, S.13).
Die Chemie und die Gesellschaft stehen in einer zusammenhängenden Beziehung zueinander (Weitze et al., 2017, S.9). Chemisches Wissen ist essentiell, um alles Mögliche zu verstehen, was zum Leben gehört. Durch meinen Chemieunterricht ist mir bewusst geworden, dass sich ohne diese (chemischen) Kenntnisse viele der großen Herausforderungen unserer Zeit – die Verschmutzung der Luft, der Erde, des Wassers – nicht bewältigen lassen (Weitze et al., 2017, S.10). Durch diesen Aspekt ist mir die Relevanz der (gesellschaftlichen) Rollen und Aufgaben der Chemie ersichtlich geworden.
3.) In einem Interview zur Sinnhaftigkeit des Hinterfragens naturwissenschaftlicher Informationen in sozialen Medien (zum Beispiel naturwissenschaftsbasierter „Fakenews“) sagte eine Lehrkraft: „Es ist blöd zu sagen, aber es ist im Endeffekt eine intellektuelle Grenze für mich; also auch-… oder Lebensumstandsgrenze, wenn die [Anm.: Die Schüler*Innen] einfach in ihrem Lebensumfeld so anders damit umgehen und nur plakative Äußerungen sozusagen verbreiten und nutzen und das auch völlig in Ordnung ist in deren Umfeld, so…, dann werden die da nicht rauskommen. Also das schaffen die dann alle nicht, das geht dann nicht, das ist dann so Kampf gegen Windmühlen.“. Verfassen Sie eine Antwort darauf.
Aus dem Interview geht hervor, dass die Lehrkraft Bedenken bezüglich des Umgangs mit naturwissenschaftlichen Informationen aus dem Netz hat. Wir leben in einer überwiegend technikaffinen Gesellschaft und gerade deswegen betrachte ich es als Notwendigkeit, sich als Lehrkraft damit auch auseinanderzusetzen. In den sozialen Medien/ im Netz können immer irgendwelche Falschmeldungen und Fake-News herumschwirren, doch als Lehrer*in sollte man in der Lage sein, seinen SuS einen bewussteren Umgang zu vermitteln. Natürlich ist es nicht möglich, dass man als Lehrkraft jeden einzelnen Schüler zum Umdenken bewegen kann. Man sollte jedoch versuchen den SuS Werkzeuge an den Tag zu legen mit denen sie in der Lage sind besser filtern zu können im Netz.
Quellenverzeichnis:
Belova, Nadja (Mai 2023): Chemie – (k)ein Fach für alle?: Gesellschaftskritische Ansätze aus der Chemiedidaktik [Vorlesung Präsentation]. Folie S.13,24.
Craig-Hare, J., Rowland, A., Ault, M., & Ellis, J. D. (2018). Practicing Scientific Argumentation Through Social Media. In Information Resources Management Association (Ed.), Social Media in Education: Breakthroughs in Research and Practice. Hershey, PA: IGI Global. S.83,85,102.
Gräber, W. (2002). „Scientific Literacy“- Naturwissenschaftliche Bildung in der Diskussion. In P. Döbrich (Hrsg.), Qualitätsentwicklung im naturwissenschaftlichen Unterricht. Fachtagung am 15. Dezember 1999 (S. 1-28). DIPF., S.9
Marks, Ralf/ Stuckey, Marc/ Belova, Nadja/ Eilks, Ingo (2014): The Societal Dimension in German Science Education – From Tradition towards Selected Cases and Recent Developments. Eurasia Journal of Mathematics, Science and Technology Education, S. 288.
Weitze, M., Schummer, J. & Geelhaar, T. (2017). Zwischen Faszination und Verteufelung: Chemie in der Gesellschaft. Springer Spektrum. S.9-10.