Gender und Fremdsprache(n)

  1. Meine schulische Fremdsprachkarriere hatte bis zur Oberstufe keinen retrospektiv wahrnehmbaren Genderbezug. Das könnte daran gelegen haben, dass ich zu keiner der drei erlernten Fremdsprachen (Englisch, Französisch und Spanisch) einen systematischen Lernbezug hatte. Diese fehlende Anbindung an gemeinschaftliches Lernen hatte zunächst keinen spezifischen Genderbezug. Interessanterweise ab der Oberstufe sehr zutreffend für mich wurde die von Dr. Roviro angesprochene (Jungs)-Erzählung, dass (gewissenhaftes) Lernen eine Mädchensache sei. Ich konnte mich damit sehr gut identifizieren. Übersteigert wurde diese Art des rigiden Selbstbildbildes noch dadurch, dass ich, abgesehen von verheerenden Schwierigkeiten bei der Anwendung grammatischer Anpassungen in Klausuren, gute (Spanisch) bis sehr gute Leistungen (Englisch) erzielt habe. Für mich hatte dies eindeutig auch eine Genderfunktion: Lernen machen Mädchen, lernen ist Wettbewerbsverzerrung, trotzdem bin ich ohne lernen besser, daher bin ich ein Junge. Entsprechend Stolz war ich also immer, wenn meine Spanischlehrerin ihrem Schüler trotz fehlender Hausaufgaben und verheerender Ergebnisse in den Vokabeltests eine relativ gute Note geben musste. Gott sei dank ist das schon lange her, obwohl vieles davon natürlich immernoch wirkt.
  2. Der zweite Block der Vorlesung konnte relativ schlecht zu mir durchdringen. Warum das so war? Ich habe jetzt den Eindruck, dass der Rote Faden fehlte. Ich könnte aber auch einfach abgelenkt gewesen sein. Irgendwie wurden bestimmte Modelle (Williams/Burden, Heckhausen/Gollwitzer) besprochen, die nicht ganz bei mir ankamen. Einzig die Konzepte zur Selbstmotivierung und Lernerautonomie fand ich interessant, weil sie einen starken Schwerpunkt auf Differenzierung und Individualisierung legen, ohne dabei genderspezifisch zu arbeiten. Ich glaube, dass Menschen (später) nur Verantwortlich mit ihrer Umgebung/ihren Umgebungen umgehen können, wenn sie als Persönlichkeit autonom operieren können. Niemand kann sein Leben nur im Team machen, sondern wird irgendwann gezwungen sein, durch eigenermächtigung zu handeln. Wer das nicht kann, kann sich auch den Bedingungen dieser nur unterwerfen und sich nicht selbst (politisch) ermächtigen, d.h. keine Verantwortung tragen. Die Herausbildung dieser Selbsterkenntnis(se) einer unabhängigen Persönlichkeit sollte natürlich ein zentraler Ansatz von Schule sein. (Die pragmatisch-kollektive und substanzlose Verfertigung von Blogbeiträgen zeigt, dass Schule hier offensichtlich immer schlechter zu individualisieren vermag.) Daher fand ich die Idee, Fremdsprachenunterricht möglichst mit den Individuen zu verhandeln, statt immer nur Gruppen anzusprechen, welche dadurch bedauerlicherweise eingeladen werden, sich systematisch arrangieren und sich selbst damit Deindividualisieren, sehr ansprechend. Verabredungen mit einzelnen SuS zu treffen, sowie eine „Feedbackkultur“ anzuregen, bei welcher eben nicht im Vorhinein, sondern Im Nachhinein aktiv über die Lerngegenstände diskutiert wird, scheinen da sehr attraktiv zu sein.
  3. (Eine sehr interessante Aufgabe!) Eine grundsätzliche Option besteht natürlich immer darin, sämtlichen Verallgemeinerungen äußerst Kritisch zu begegnen. Unterhalb sollte man sich am besten immer des konstruktiven und exemplarischen Charakters der Aufgaben, Texte und Bilder bewusst machen. Ein dritter und gleichsam wesentlicher Punkt wäre die Möglichkeit der historischen Kontextualisierung bestimmter Quellen oder Vorlagen. Zu denken wären da die (aus heutiger Sicht schwierigen) Aussagen Herders, wie sie Herr Fantini exemplarisch angeführt und bewertet hat. Nicht zuletzt hat Frau Dr. Roviro dazu angeregt, diese Situationen kritischer Reflexion von Sprache gemeinsam mit den SuS zur Diskussion zu nutzen. Dem ist einfach nichts mehr hinzuzufügen!

Gender im Fokus

Die neunte Vorlesung ist eine erfrischend undogmatische Einführung in Genderaspkte und Schule gewesen. Bemerkenswert souverän und sachlich.

  1. Das Dr. Fantini eigentlich kaum über ‚Geschlecht‘ gesprochen hat, sondern über ‚gender‘ betrifft einen wesentlichen Punkt der folgenden didaktischen Erläuterungen. So weist ‚gender‘, anders als ’sex‘ weit über biopathologische Befunde hinaus, indem in dessen Zentrum die Hauptkategorien der Zuschreibungen (aussen) und Inszenierungen (selbst) und somit wandelnde Kulturpraxen unterliegt. Das unbewusste Inszenieren von Menschen steht somit im Spannungsfeld mit den von außen formunlieren Zuschreibungen. Daraus ergeben sich didaktische Fragen, welche die SuS als besonders ‚betroffene‘ Akteure in diesem Spannungsfeld zugrunde legen.
  2. „Genderplay“ beschreibt einen Punkt der Inszenierungspraxis, welcher von Dr. Fantini als außerordentlich relevant für die Lebenswelt der SuS, gerade in den höheren Klassenstufen beschrieben hat. SuS orientieren sich mit eigenem Verhalten in dem Spannungsfeld und agieren so teilweise sehr different, bzw. machen dabei jeweils individuelle (Selbst-)Erfahrungen, welche großen Einfluss auf ihren weiteren Werdegang nehmen können. Ich selbst hatte in meiner Schullaufbahn den Eindruck, als würden Mädchen diesbezüglich in einem stärkeren und normierteren Spannungsfeld agieren müssen. Hier waren es nicht zuletzt vor allem sexuelle Zuschreibungen, welche ab der 7. Klasse deutlichen Druck auf die Mädchen ausgeübt haben. So gab es Einzelne, welche das sehr stark auch den Jungs gegenüber betonten und so einen Druck auf alle anderen Mädchen ausgeübt haben. In diesem Sinne schien mit Pubertät bei Mädchen viel stärker kollektiv entwickelt, wogegen die Jungs (mich eingenommen) eher dazu tendierten, die Veränderungen und Konflikte (später) mit sich selbst auszumachen. Da ich auch den Eindruck hatte, dass unsere Klassen nicht besonders viele Heterogenitätsmerkmale aufwiesen, bleiben Heterogenitätsspezifische Überlegungen zum Genderplay eher in einer Sackgasse verloren.
  3. Man kann daraus eine Beobachtungsaufgabe ableiten, mit welcher man versucht, im Praktikum diese Aspekte heterogener Verhältnisse in Bezug auf das Verhalten Kinder in der Pubertät „im Sturm“ des Genderplays bzw der Zuschreibungen und Inszenierungen zu erfassen. Wie wirken diese auf die Geschlechter und lässt sich ein Unterschied wie in den beschriebenen Erinnerungen bestätigen? Ergänzend dazu kann man sich das Verhalten der Lk anschauen und ihre Position in diesem Spannungsfeld destillieren. Ich könnte mir Vorstellen, dass eine Vermittelnde Haltung von den SuS eingefordert wird. Die angesprochenen Ideen, welche im Sinne der reflexiven Koedukation (Faulstich-Wieland) besprochen wurden, bilden für diese Beobachtungen sicherlich eine gute Basis. Auch die Integrale Position der menschlichen Hormonellen (Grund-)Ausstattung (u.a. Boenisch 2015) bietet hier einen  plausiblen Argumentationsbackground in der „nature or nurture“- Debatte.