Junge Menschen werden immer früher mit digitalen Medien konfrontiert, was soziale Interaktionen und damit auch Diskriminierungsprozesse zunehmend in den virtuellen Raum verlagert. Situationen wie im vorliegenden Beispiel beschrieben kenne ich selbst aus meiner eigenen Schulzeit. Die Institution Schule versagt bei der Aufarbeitungsarbeit oft kläglich.
Die Verwendung von Hakenkreuzen sowie das Posten eines Bildes von Adolf Hitler ist offensichtlich als antisemitisch zu werten. Antisemitismus zeigt sich kulturell oft in Mythen, Ideologien, Folklore und Bildsprachen, die darauf zielen, eine abgrenzende oder feindselige Haltung gegenüber Jüdinnen und Juden zu reproduzieren (vgl. Fein 1987). Die Frage, was man „gegen seinen Onkel“ hätte, verdeutlicht eine mangelnde Distanzierung und die spielerische Aneignung nationalsozialistischer Narrative.
Indem das Gesicht des Musikers Tupac Shakur mit einem Hakenkreuz überlagert und die explizite Aussage „I hate all N*“ gepostet wird, greifen die Schüler auf rassistische Abwertungen zurück. Bei Rassismus reproduziert Vorstellungen und Alltagstheorien, durch die Menschengruppen hierarchisiert und Dominanzverhältnisse legitimiert werden, um bestimmte Gruppen von Ressourcen oder gesellschaftlicher Teilhabe auszuschließen (vgl. Leiprecht 2016). In diesem Fall wird durch die sprachliche und visuelle Markierung Othering vollzogen und „die Anderen“ werden zu Fremden gemacht (Profession Politische Bildung: 2022)
Die Institution Schule ist kein neutraler Raum. Sie spiegelt gesellschaftliche Machtverhältnisse und Ungleichheiten wieder. Rassismus und Antisemitismus zeigen sich sowohl in Leistungsbewertungen wie im Beispiel der unterschiedlichen Benotung von Lehramtsstudenten, als auch in direkten verbalen Übergriffen.
Für angehende Lehrkräfte ergeben sich aus einer Situation wie der geschilderten Handlungserfordernisse, aber auch Grenzen. Kurzfristig muss die Lehrkraft den Vorfall ernst nehmen und darf ihn keinesfalls als harmlose Jugendsprache relativieren. Die Intervention muss die Bedürfnisse und den Schutz der Betroffenen priorisieren, indem das Gespräch mit der meldenden Mutter gesucht und ihre Bitte um Vertraulichkeit bezüglich der Identität des Sohnes gewahrt wird. Gleichzeitig müssen die aktiv beteiligten Schüler mit der Bedeutung ihrer Handlungen konfrontiert werden. Langfristig stoßen Lehrkräfte jedoch an institutionelle Grenzen, weshalb die Einbindung des gesamten Kollegiums und Schulleitung erforderlich ist. Die Schule muss präventive, anlassunabhängige Angebote etablieren, um diskriminierungskritische Bildungsarbeit zu verankern und zusätzlich den digitalen Raum nachhaltig als pädagogisches Handlungsfeld begreifen.
Quellenverzeichnis
- Fein, Helen (1987): Dimensions of Antisemitism. Attitudes, Collective Accusations, and Actions. In: Fein, Helen (Hrsg.): The Persisting Question. Sociological Perspectives and Social Contexts of Modern Antisemitism. Berlin & Boston, S. 67-85.
- Informations- und Dokumentationszentrum für Antirassismusarbeit (IDA) e. V. (2022): Othering. In: Profession Politische Bildung. Online verfügbar unter: https://profession-politischebildung.de/grundlagen/grundbegriffe/othering/ (Abgerufen am 27.05.2026).
- Leiprecht, Rudolf (2016): Rassismus. In: Paul Mecheril (Hg.): Handbuch Migrationspädagogik. Weinheim und Basel: Beltz Verlag, S. 73-89.