RV06 – Zur Notwendigkeit von Partizipation und Beziehungsgestaltung

Wieso ist Schule mehr als nur Wissensvermittlung?

1. Die Reproduktion sozialer Ungleichheit beginnt gesellschaftlich bereits bei der ungleichen Vermögensverteilung in Deutschland. Eine Familie aus den untersten 10 % benötigt somit im Durchschnitt sechs Generationen, um eine mittlere Einkommensklasse zu erreichen (vgl. OECD 2018, S. 27). Die Institution Schule ist selbst aktiv an der Aufrechterhaltung von Ungleichheit beteiligt, etwa durch schlechtere Benotung bei gleicher Leistung oder durch Übergangsempfehlungen, die aufgrund der Einschätzung der sozialen Herkunft basieren (vgl. Stubbe et al. 2017). Für eine Auseinandersetzung mit Bildung bedeutet das, dass Bildungsfragen immer auch Macht und Gesellschaftsfragen sind. Klar ist: Die Schüler/innen haben keine identischen Grundvoraussetzungen. Wer im System scheitert, stammt oft aus benachteiligenden Verhältnissen, was die vermeintliche Chancengleichheit in Deutschland als einen Mythos entlarvt.

2. Das Passungsproblem meint die fehlende Übereinstimmung zwischen der Institution Schule und der Lebenswirklichkeit der Schülerinnen, insbesondere jener aus sozial benachteiligten Schichten. Das schulische Bildungsparadigma orientiert sich oft an Normen, die nicht der Realität dieser Kinder entsprechen, wodurch deren Erfolg direkt von ihrem individuellen Anpassungsvermögen an den institutionellen Lebensstil abhängig gemacht wird (vgl. Ellinger & Kleinhenz 2022, S. 12). Im Schulalltag fühlen sich viele Schüler von ihren Lehrkräften nicht gesehen. Wenn die Chemie zwischen Lehrkraft und Schüler nicht stimmt, entsteht Distanz. Schüler merken schnell, ob ein Lehrer nur seinen Stoff durchzieht oder echtes Interesse an ihnen hat. Das Gefühl von mangelndem Interesse für ihre echten Sorgen kann hier entstehen. Die Mauer zwischen Schülern und Lehrern wird somit immer schwerer zu überwinden.

 

3. Um das System Schule inklusiv zu gestalten, ist die Partizipation der Schülerinnen essenziel. Aktuell ist das Lehrer-Schüler-Verhältnis oft noch stark institutionalisiert und durch Hierarchie und Rollenzwänge geprägt, bei der Schülerinnen lediglich als Funktionsträger wahrgenommen werden. Beziehungsgestaltung gelingt laut den Schülerinnenaussagen der Vorlesung vor allem dann, wenn Lehrkräfte „chillig“ sind(vgl. Steffens S.18), also ihre institutionelle Rolle nicht zu ernst nehmen, Humor zeigen und authentisches Interesse an den Schüler/innen signalisieren. Wahre Inklusion erfordert eine Auflösung starrer Rollenmuster hin zu Resonanzbeziehungen, in denen Schülerinnen als aktive Mitgestalter ihres Bildungsraums anerkannt und vor allem gehört werden.

 

Quellenverzeichnis:

  • Ellinger, S. & Kleinhenz, L. (2021): Soziale Benachteiligung und Resonanzerleben. Entfremdungsprozesse in der Schule. 1. Auflage. Kohlhammer, Stuttgart.
  • OECD (2018): A Broken Social Elevator? How to Promote Social Mobility. OECD Publishing, Paris. [Online unter: https://doi.org/10.1787/9789264301085-en]
  • Stubbe, T. C., Bos, W. & Schurig, M. (2017): Der Übergang von der Primar- in die Sekundarstufe. In: A. Hußmann et al. (Hrsg.): IGLU 2016. Lesekompetenzen von Grundschulkindern in Deutschland im internationalen Vergleich (S. 235–250). Waxmann, Münster.

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