1. Laut der Scientific and Technological Literacy for All, ist naturwissenschaftliche Grundbildung ein integraler Teil der allgemeinen Bildung, die eine gesellschaftliche Perspektive einschließt (vgl.Holbrook & Rannikmae 2000). Meine erste, auf dieser Annahme basierende These besagt, dass ein zukunftsorientierter naturwissenschaftlicher Unterricht die kritische Reflexion sozio-ökologischer Probleme in den Vordergrund stellen sollte, um so Schüler/innen zu nachhaltigem Handeln im Sinne des Umweltschutzes zu motivieren. Zweitens muss eine zeitgemäße naturwissenschaftliche Grundbildung alltagsrelevante Kontexte wie eine gesunde Ernährung integrieren, damit Lernende fundierte Konsumentscheidungen im Hinblick auf Inhaltsstoffe oder Lebensmittelchemie treffen können, da ich selbst oft mit der Infragestellung einer unmittelbaren Relevanz des Faches für das weitere Leben konfrontiert wurde. Daran anknüpfend postuliert meine dritte These, dass moderner Chemieunterricht auch dafür genutzt werden könnte eine effektivere Drogenprävention zu unterstützen, indem biochemische Wirkmechanismen von Suchtstoffen rational aufgeklärt werden, um das Urteilsvermögen der Schüler/innen zu stärken.
2. In der gesellschaftlichen Realität zeigt sich oft eine Diskrepanz bezüglich der Annahme, chemisches und naturwissenschaftliches Wissen sei ein essenzieller Teil des Allgemeinwissens (vgl. Marks et al. 2014, S. 285), da die Chemie im klassischen Bildungsverständnis im Vergleich zu geisteswissenschaftlichen Inhalten unterrepräsentiert ist und das sogenannte Chemistry Capital (vgl. Rüschenpöhler & Markic 2020) in der Bevölkerung ungleich verteilt bleibt. Diese theoretische Annahme deckt sich mit meinen eigenen Erfahrungen aus der Schulzeit, in der der Chemieunterricht oft sehr schleppend verlief, da sich die Lehrkräfte fast ausschließlich auf diejenigen Schüler/innen konzentriert haben, die ohnehin schon ein großes Fachinteresse und ausgeprägtes Vorwissen mitgebracht haben. Als Konsequenz dieser einseitigen Ausrichtung stelle ich heute bedauerlicherweise fest, dass mir im Alltag viel grundlegendes naturwissenschaftliches Wissen fehlt und ich beispielsweise die Funktionsweise der pflanzlichen Fotosynthese nicht mehr spontan adäquat erklären könnte. Umso wichtiger ist es, dass Schule hier kompensatorisch wirkt und naturwissenschaftliche Alphabetisierung nicht als Elitenprojekt, sondern als „Bürgerrecht“ für alle Lernenden versteht.
3. Da viele Schüler/innen Chemie als nebensächliches Fach sehen oder denken, schlicht kein Talent für die Materie zu haben (vgl. Shavelson, Hubner & Stanton 1976), müssen für alle Schulformen konkrete Maßnahmen ergriffen werden, um das Fach weniger abstrakt oder überfordernd zu etablieren. Ich denke, es ist wichtig, den Kindern und Jugendlichen zu zeigen, dass die Chemie eine unverzichtbare Grundlage für das Verständnis unserer gesamten Lebenswelt darstellt. Dies gelingt insbesondere dann, wenn im Curriculum weniger abstrakte oder rein historische Aufgabenstellungen angeboten werden, sondern stattdessen alltagsnahe, gesellschaftlich relevante Kontexte den Ausgangspunkt des Lernens bilden. Darüber hinaus lässt sich eine Steigerung des Fachinteresses durch einen konsequenten Fokus auf die chemische Praxis realisieren. Das eigenständige Arbeiten im Labor sowie das Experimentieren können bei Jugendlichen zu nachhaltigen „Aha-Effekten“ führen, wohingegen diese experimentelle Praxis in meiner eigenen Schulzeit leider viel zu stark in den Hintergrund gedrängt wurde.
Literaturverzeichnis:
- Holbrook, J., & Rannikmäe, M. (2000). STL Guidebook. Introducing a philosophy and teaching approach for science education. ICASE.
- Marks, R., Stuckey, M., Belova, N., & Eilks, I. (2014). The Societal Dimension in German Science Education – From Tradition towards Selected Cases and Recent Developments. Eurasia Journal of Mathematics, Science & Technology Education, 10(4), 285-296.
- Rüschenpöhler, L., & Markic, S. (2020). Secondary school students’ acquisition of science capital in the field of chemistry. Chemistry Education Research and Practice, 21(1), 220-236.
- Shavelson, R. J., Hubner, J. J., & Stanton, G. C. (1976). Self-concept: Validation of construct interpretations. Review of educational research, 46(3), 407-441.