Ich war zu Beginn der Ringvorlesung vor allem gespannt, wie sich die theoretische Konzepte, die wir kennen lernen würden auf den Alltag im Klassenzimmer übertragen würden. Ich war erst skeptisch, ob sich theoretischer Anspruch und praktische Umsetzung vereinbaren ließen. Im Laufe des Semesters kam ich zu der Erkenntnis, dass Heterogenität nicht nur eine Herausforderung für die Lehrkraft darstellt. Sie verlangt vielmehr eine grundlegende pädagogische Haltung.
Trotz meiner Vorerfahrung im Arbeitsalltag Schule habe ich mir zu Beginn des Semesters erhofft, kalkulierbare Rezepte für den Unterricht zu finden. Schnell wurde mir aber bewusst, dass gerade die bewusste Auseinandersetzung mit der eigenen Einstellung und ein positives und inklusives Schulethos die entscheidende Zutaten für den täglichen Umgang mit Diversität sind (vgl. Humphrey et al. 2006, S. 306).
Besonders aufschlussreich fand ich den Gedanken, dass eine gelungene Beziehungsarbeit den Grundstein legt, um die individuellen Lernprozesse in ihrer Komplexität überhaupt erst effektiv begleiten zu können. Ich erlangte die Erkenntnis, dass die Erstausbildung lediglich den Startpunkt einer lebenslangen Professionalisierung bildet, in der die reflexive Selbstforschung eine zentrale Rolle einnimmt (vgl. Albert 2016, S. 43). Dabei habe ich gelernt, dass mein eigenes professionelles Selbstverständnis maßgeblich davon abhängt, wie offen ich mich den wechselseitigen Interaktionen mit den Lernenden stelle und dabei mein subjektives pädagogisches Wissen stetig kritisch hinterfrage (vgl. Kelchtermans 2009, S. 257).
Die Ringvorlesung hat uns keine Step-by-Step Anleitung zum Umgang mit Heterogenität geboten, sondern versucht uns Wege zu zeigen wie man im Feld Schule Ungleichheit verringert, anstatt sie zu reproduzieren. Besonders überzeugt hat mich der Anspruch, erziehungswissenschaftliche und fachdidaktische Perspektiven am gemeinsamen Gegenstand „Heterogenität“ zu verbinden und den Blick auf die kollegiale Zusammenarbeit in der Schule zu richten. Genau diese Verbindung habe ich für meine beiden Fächer Kunst und Französisch versucht herzustellen.
Im Fach Kunst ist die ästhetische Bildung weit mehr als die Beschäftigung mit Kunstwerken oder der praktischen Arbeit. Durch spielerisches Gestalten sammeln die Kinder ästhetische Erfahrungen. Wenn die Lehre von der Wahrnehmung den Kern des Faches bildet und ästhetisch alles ist, was unsere Sinne bewegt, dann ist Heterogenität im Kunstunterricht keine Ausnahme, sondern der Normalfall. Die Wahrnehmung eines Menschen ist immer subjektiv, es gibt kein richtig oder falsch. Didaktisch heißt das für mich, proaktiv zu planen. Materialien und Methoden werden nicht nur für eine „Durchschnittsklasse“, sondern für unterschiedliche Lernvoraussetzungen der SuS vorbereitet, mit Zwecken wie Förderung, Kompensation oder Präferenz einzelner Lernender (vgl. Schmidt-Borcherding, S. 33).
Für Französisch erschien mir vor allem die Einheit zur Mehrsprachigkeit als sinnvoll. Mehrsprachigkeit ist nicht als Defizit, sondern als Kompetenz und sprachliche Praxis zu verstehen, und die Vorstellung einer perfekten, ausgewogenen Balance der Sprachen gilt heute als überholt (vgl. Garcia 2018; Cenoz 2013). Gleichzeitig hat mich die kritische Diskussion des Begriffs „Deutsch als Zweitsprache“ dafür sensibilisiert, wie schnell sprachbezogene Zuschreibungen stigmatisieren und Lernende an den Rand positionieren können (vgl. Daase 2026, S. 12). Im Französischunterricht möchte ich die Mehrsprachigkeit daher als Ressource nutzen. Beispielweise über Sprachvergleiche und die Reflexion der eigenen Sprachbiografie und darauf achten, defizitorientierte Zuschreibungen zu vermeiden, sondern die Ressourcen der lernenden anerkennen.
Die Ergebnisse des Forschungsprojekts „Inklusion im Resonanzraum Schule“ unterstreichen, dass Professionalisierung im Kontext von Inklusion dialogische und reziproke Resonanzbeziehungen braucht (vgl. Steffens 2026, S. 19). Das deckt sich mit meinen eigenen Schulerfahrungen. Wenn sozial-emotionale Antwortverhältnisse fehlen, entsteht eine Spirale fortschreitender Distanzierung, und das Lehrer-Schüler-Verhältnis wird als hierarchisch, herabsetzend erlebt (ebd., S. 12). Dabei sollte beachtet werden, dass es hier nicht die Schuld einzelner Lehrkräfte trifft, sondern die bestehenden institutionellen Verhältnisse. Daraus ergibt sich die Konsequenz, dass Beziehungsgestaltung vor allem dort gelingt, wo Lehrkräfte ihre institutionelle Rolle nicht zu ernst nehmen, und Fehler mit Humor nehmen können und authentisches Interesse an den Lernenden signalisieren. Als Lehrkraft tätig zu sein bedeutet also auch, Schülerinnen und Schüler persönlich kennenzulernen (vgl. Dewsbury et al 2022, S. 4).
Uns wurde das letzte Semester über die Komplexität von Heterogenität vermittelt. Der maßgeblich prägendste Faktor ist meiner Meinung nach die soziale Herkunft. Unfairer weise entscheidet sie oft über den Bildungserfolg eines Menschen. Eine Familie aus den untersten zehn Prozent der Gesellschaft braucht durchschnittlich bis zu sechs Generationen, um eine mittlere Einkommensklasse zu erreichen (OECD 2018, S. 27). Die Institution Schule wirkt diese Ungleichheit aktiv mit. Etwa durch schlechtere Benotung bei gleicher Leistung oder durch Übergangsempfehlungen, die auf Einschätzungen der sozialen Herkunft beruhen. Dazu kommen kognitive Unterschiede zwischen Lernenden sowie psychosoziale Belastungen.
Viele dieser Feststellungen waren mir persönlich bereits vertraut. Dass die Schule ein heterogener Raum ist und nicht jede und jeder Lernende die gleichen Voraussetzungen mitbringt, war für mich keine neue Erkenntnis. Trotzdem war es interessant, die dahinterliegenden Konzepte systematisch zu vertiefen, wie zum Beispiel das „Passungsproblem“ zwischen Institution Schule und Lebenswirklichkeit der Schülerinnen und Schüler. Was ich mir jedoch zusätzlich gewünscht hätte, ist ein Thema, das meiner Erfahrung nach im schulischen Diskurs oft ausgeblendet oder gar vermieden wird: der Umgang mit Süchten und Drogenmissbrauch. Das ist ein unschönes Thema mit dem ich im Kontext Schule trotzdem viel zu oft konfrontiert worden bin. Doch Handlungskonzepte für den Umgang mit Suchterkrankungen und Substanzmissbrauch im schulischen Alltag fehlten vollständig. Dabei stoßen Beziehungsarbeit und Förderung dort an ihre Grenzen, wo Lehrkräfte nichts über die Belastungen ihrer Schülerinnen und Schüler wissen, beziehungsweise nicht wissen, wie sie angemessen reagieren können Die Ringvorlesung hat diese Perspektive jedoch nicht aufgegriffen, dabei gehört Suchterfahrung zu den Lebensrealitäten, die Heterogenität im Klassenzimmer ganz konkret prägen.
Aus dem Seminar ergeben sich für mich mehrere offene Fragen. Mich interessiert, wie adaptive Unterrichtsplanung sich im Alltag tatsächlich umsetzen lässt, ohne Lehrkräfte zu überfordern? Die Forschung zeigt, dass Lehrkräfte das Unterrichten in heterogenen Klassen als eine der größten Herausforderungen empfinden, auf die sie sich nicht hinreichend vorbereitet fühlen — hier braucht es gründliche Aus- und Weiterbildung (vgl. Dumont 2018, S. 267). Außerdem frage ich mich inwiefern man Beziehungsarbeit strukturell in der Institution Schule verankert werden könnte, statt vom individuellen Engagement von einzelnen zu vertrauen.
Rückblickend hat die Ringvorlesung mein Verständnis von Schule bereichert.. Ich nehme mit, dass Schule Ungleichheit entweder reproduzieren oder verringern kann und dass ich als angehende lehrkraft durch Beziehungsarbeit, Partizipation und fachdidaktische Offenheit Einfluss darauf habe, welche der beiden Richtungen mein Unterricht einschlägt. Zugleich habe ich verstanden, dass professionelles Handeln nicht mit dem Studium abgeschlossen ist, sondern reflexive Selbstforschung eine Lebensaufgabe bleibt (Albert 2016, S. 12).
Literaturverzeichnis
Albert, S. (2016). Die Bedeutung der reflexiven Selbstforschung für die Professionalisierung von Lehrpersonen. HiBiFo – Haushalt in Bildung & Forschung, 5(4), 35–46. https://doi.org/10.3224/hibifo.v5i4.25693
Cenoz, J. (2013). Defining Multilingualism. Annual Review of Applied Linguistics, 33, 3–18. https://doi.org/10.1017/S026719051300007X
Daase, A. (2026). Mehrsprachigkeit als Ausgangspunkt schulischer Bildung [Ringvorlesung]. Universität Bremen.
Dewsbury, B. M., Swanson, H. J., Moseman-Valtierra, S., & Caulkins, J. (2022). Inclusive and active pedagogies reduce academic outcome gaps and improve long-term performance. PLoS ONE, 17(6), e0268620. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0268620
Dumont, H. (2018). Individuelle Förderung im Unterricht [Vortrag]. Universität Bremen.
García, O. (2018). The multiplicities of multilingual interaction. International Journal of Bilingual Education and Bilingualism, 21(7), 881–891. https://doi.org/10.1080/13670050.2017.1386616
Humphrey, N., Bartolo, P., Alec, P., Calleja, C., Hofsaess, T., Janikova, V., & Wetso, G. (2006). Understanding and responding to diversity in the primary classroom: an international study. European Journal of Teacher Education, 29(3), 305–318. https://doi.org/10.1080/02619760600795122
Karakaşoğlu, Y., & Barasi, D. (2026). Aggression, Bullying, Mobbing in der Schule [Ringvorlesung]. Universität Bremen.
Kelchtermans, G. (2009). Who I am in how I teach is the message: self-understanding, vulnerability and reflection. Teachers and Teaching: Theory and Practice, 15(2), 257–272. https://doi.org/10.1080/13540600902875332
Schmidt-Borcherding, F. (2022). Die kognitiven Dimensionen von Lernerfolg: Intelligenz vs. Vorwissen [Ringvorlesung]. Universität Bremen.
Steffens, J. (2026). Partizipation und Beziehungsgestaltung (Projekt „Inklusion im Resonanzraum Schule“) [Vortrag]. Universität Bremen.