Abschlussreflexion
Die Ringvorlesung hat meinen Blick auf Heterogenität dahingehend verändert, dass Unterschiede zwischen Schüler:innen nicht grundsätzlich problematisch sind. Entscheidend ist vielmehr, wie Unterschiede von Schule, Lehrkräften und Mitschüler:innen wahrgenommen, bewertet und behandelt werden. Sie können anerkannt und unterstützt, aber auch stereotypisiert und zur Grundlage von Ausgrenzung werden.
- Zentrale theoretische Erkenntnisse
Eine für mich zentrale Erkenntnis betrifft die pädagogische Beziehung. Eine gute Lehrer-Schüler-Beziehung bedeutet nicht, dass eine Lehrkraft besonders locker oder „cool“ sein muss. Vielmehr sind Anerkennung, Zuhören, Fairness, Vertrauen, Beteiligung und konkretes Feedback entscheidend. Aufgrund des hierarchischen Verhältnisses zwischen Lehrkraft und Schüler:in tragen Lehrkräfte dabei eine besondere Verantwortung.
Das wurde mir durch eine eigene Erfahrung besonders deutlich. Ich erinnere mich an eine eher seriös auftretende Lehrkraft, die häufig einen Anzug trug und zunächst eher distanziert wirkte. Gleichzeitig war sie humorvoll und für Spaß zu haben. Entscheidend für meine positive Beziehung zu dieser Person war jedoch nicht die Lockerheit, sondern die faire und professionelle Behandlung. Gute Leistungen wurden nicht lediglich mit einer guten Note bewertet, sondern durch konkretes Feedback gewürdigt. Dadurch entstand bei mir das Gefühl, dass nicht nur das Ergebnis, sondern auch meine Anstrengung und mein individueller Lernprozess wahrgenommen wurden. Rückblickend verstehe ich dadurch besser, dass Beziehungsarbeit und Unterrichtsqualität eng miteinander verbunden sind.
Zugehörigkeit ist als grundlegendes menschliches Bedürfnis zu beschreiben (Baumeister, Roy F.; Leary, Mark R.,1995, The Need to Belong) Für Schule bedeutet dies für mich, dass Schüler:innen nicht nur fachlich gefördert werden müssen, sondern auch das Gefühl brauchen, wahrgenommen zu werden und dazuzugehören. Für meine spätere Tätigkeit als Lehrkraft nehme ich deshalb mit, Feedback nicht nur zur Bewertung, sondern auch zur Anerkennung und Sichtbarmachung von Lernprozessen einzusetzen.
Eine zweite zentrale Erkenntnis betrifft die Herstellung und Verstärkung von Unterschieden durch Zuschreibungen. Die migrationsgesellschaftliche Perspektive hat mir gezeigt, dass Heterogenität nicht ausschließlich als vorhandene Verschiedenheit betrachtet werden sollte. Durch Kategorien, Normalitätsvorstellungen und Zuschreibungen können Unterschiede sozial hergestellt und verstärkt werden. Begriffe wie Othering, Kulturalisierung und institutionelle Diskriminierung helfen dabei, solche Prozesse genauer zu analysieren.
Besonders deutlich wird dies in meinen eigenen Schulerfahrungen. Eine Mitschülerin mit Behinderung wurde von anderen Schüler:innen häufig und über längere Zeit aufgrund ihres Aussehens, ihres Verhaltens und ihrer Art zu sprechen gemobbt. Rückblickend würde ich diese Situation nicht mehr ausschließlich als individuelles Fehlverhalten einzelner Schüler:innen betrachten. Vielmehr stellt sich die Frage, welche Rolle das Klassenklima, die Schulkultur und das Handeln der Lehrkräfte gespielt haben und inwiefern ihre Teilhabe ausreichend ermöglicht wurde. Inklusion erscheint mir dadurch stärker als institutionelle Aufgabe und Frage von Zugehörigkeit.
Auch Geschlechterzuschreibungen sind mir aus meiner Schulzeit bekannt. Im Kunstunterricht wurde beispielsweise die Vorstellung vermittelt, Mädchen seien grundsätzlich besser in Kunst als Jungen. Eine solche Aussage mag zunächst harmlos wirken, kann aber Erwartungen darüber erzeugen, wem Talent oder bestimmte Fähigkeiten zugeschrieben werden. Für mich als zukünftige Kunstlehrkraft ist dies besonders relevant: Ich möchte darauf achten, Schüler:innen nicht aufgrund ihres Geschlechts oder anderer Merkmale bestimmte Fähigkeiten zu- oder abzusprechen.
Auch rassistische Zuschreibungen durch einzelne Lehrkräfte habe ich während meiner Schulzeit wahrgenommen. Mithilfe der in der Ringvorlesung behandelten Konzepte kann ich solche Situationen heute differenzierter einordnen. Sie sind nicht lediglich „unangebrachte Aussagen“, sondern können Teil größerer Prozesse von Rassifizierung, Othering und Ungleichbehandlung sein. Rassismus kann entsprechend als ein gesellschaftlicher Prozess beschrieben werden, in dem Unterschiede konstruiert, bewertet und hierarchisiert werden (Leiprecht, 2016, Rassismus).
- Umgang mit Heterogenität und Beziehungsarbeit
Aus meinen Erfahrungen erscheint mir insbesondere das Handeln von Lehrkräften als ein Faktor, der den Schulalltag stark prägt. Lehrkräfte können durch Erwartungen und Zuschreibungen Unterschiede problematisieren, gleichzeitig aber durch Anerkennung, konstruktives Feedback und faire Behandlung auch Teilhabe ermöglichen. Damit wird deutlich, dass professionelles Lehrerhandeln nicht nur die Vermittlung fachlicher Inhalte umfasst.
Ebenso wichtig ist die Schulkultur beziehungsweise das Klassenklima. Das zeigt sich besonders an meiner Erfahrung mit der Mitschülerin mit Behinderung. Auch ein Fallbeispiel aus meinem Blogeintrag zu einem Klassenchat hat mir diesen Zusammenhang verdeutlicht. Dort wurden unter anderem antisemitische, rassistische und frauenfeindliche Inhalte sowie Hakenkreuze und Hitlerbilder verbreitet. Dabei handelt es sich nicht um eine persönliche Erfahrung, sondern um ein von mir bearbeitetes Fallbeispiel. Besonders relevant erscheint mir daran die Gruppendynamik: Wenn diskriminierende Inhalte innerhalb einer Klassengemeinschaft sichtbar werden und von anderen toleriert, ignoriert oder sogar mit Humor aufgenommen werden, können sie normalisiert werden.
Die Auseinandersetzung mit Mobbing und Diskriminierung hat meinen Blick deshalb dahingehend erweitert, dass solche Situationen nicht ausschließlich als Problem zwischen Täter:innen und Betroffenen verstanden werden können. Auch Zuschauer:innen, Mitschüler:innen, Lehrkräfte und die Schulkultur insgesamt sind daran beteiligt, welche Normen in einer Gruppe entstehen. Daraus ergibt sich für mich als zukünftige Lehrkraft die Verantwortung, eine klare Haltung gegenüber Diskriminierung einzunehmen.
- Fachdidaktische Übertragung
Die Erkenntnisse lassen sich auf meine Fächer Geographie und Kunst übertragen. Im Geographieunterricht sehe ich insbesondere bei Themen wie Migration, Globalisierung und gesellschaftlicher Vielfalt die Gefahr, komplexe Gruppen zu vereinfachen. Statt beispielsweise von „den Migrant:innen“ oder „der Kultur X“ zu sprechen, sollten unterschiedliche Lebenslagen und Perspektiven berücksichtigt werden. Materialien und Aufgabenstellungen sollten deshalb daraufhin geprüft werden, ob sie bestimmte Gruppen stereotyp darstellen oder gesellschaftliche Vielfalt angemessen abbilden.
Im Kunstunterricht ist für mich insbesondere die Auseinandersetzung mit Geschlechterzuschreibungen relevant. Meine eigene Erfahrung zeigt, dass Vorstellungen darüber, wer in einem Fach „Talent“ besitzt, bereits im schulischen Alltag entstehen können. Als zukünftige Kunstlehrkraft möchte ich deshalb unterschiedliche Zugänge zu künstlerischen Aufgaben ermöglichen und individuelle Interessen und Stärken berücksichtigen. Gleichzeitig erscheint mir die Qualität von Feedback besonders wichtig: Anstelle einer pauschalen Bewertung wie „schön“ oder „nicht schön“ sollte konkret erläutert werden, was gelungen ist und wie weitergearbeitet werden kann. Dadurch können fachliches Lernen und Anerkennung miteinander verbunden werden.
Fragenstellungen
Aus der Ringvorlesung würde ich insbesondere zu zwei Fragestellungen gerne im weiteren Studium noch mehr erfahren.
Die erste Frage lautet: „Inwiefern hat Ihnen die Vorlesungssitzung neue Erkenntnisse bezüglich selbst in der Schule beobachteter oder erlebter Situationen zu Aggression und/oder Mobbing vermittelt?“ Diese Frage ist für mich besonders relevant, da ich während meiner Schulzeit selbst erlebt habe, wie eine Mitschülerin mit Behinderung regelmäßig ausgegrenzt und gemobbt wurde. Durch die Inhalte der Vorlesung kann ich diese Erfahrung heute differenzierter betrachten. Mobbing wurde dabei nicht als reines Problem zwischen einzelnen Täter und Betroffenen, sondern als Gruppenphänomen beschrieben, bei dem beispielsweise auch Assistierende, Verstärkende, Außenstehende und Verteidigende unterschiedliche Rollen einnehmen. Ich würde im weiteren Studium gerne noch genauer erfahren, wie solche Gruppendynamiken entstehen und wie Lehrkräfte unterschiedliche Formen von Mobbing frühzeitig erkennen können.
Die zweite Fragestellung, die ich gerne vertiefen würde, lautet: „Welche Handlungserfordernisse leiten Sie für sich als angehende Lehrkraft aus den Erkenntnissen ab?“ Diese Frage knüpft für mich direkt an meine Überlegungen zur Beziehungsarbeit und zum professionellen Lehrerhandeln an. Die Vorlesung hat gezeigt, dass Lehrkräfte für den Umgang mit Mobbing unter anderem ein breites Gewaltverständnis, Diagnosekompetenz, Empathiefähigkeit, Perspektivübernahme und Selbstwirksamkeit benötigen. Im weiteren Studium würde ich deshalb gerne genauer erfahren, wie diese Kompetenzen konkret entwickelt werden können und wie Lehrkräfte in Mobbingsituationen professionell handeln können, ohne dabei nur auf einzelne Betroffene oder Täter zu fokussieren. Passend dazu finde ich die in der Vorlesung gestellte Frage nach präventiven Maßnahmen auf Schüler:innen-, Lehrer:innen- und Schulebene interessant.
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