In der Vorlesung wurde deutlich, dass Schule nicht nur Wissen vermittelt, sondern auch soziale Ungleichheiten weiter verstärken kann. Besonders hervorgehoben wurde dabei der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg. Laut Fend gehört dieser Zusammenhang zu den am meisten untersuchten Themen der Bildungsforschung (Fend, 2008, S. 38). Kinder aus sozial benachteiligten Familien haben oft schlechtere Chancen im Bildungssystem, obwohl eigentlich von „Chancengleichheit“ gesprochen wird. Des Weiteren beschreibt El-Mafaalani, dass Kinder aus sogenannten „bildungsfernen“ Familien häufig deutlich mehr leisten müssen, um die gleichen Chancen wie andere Schüler*innen zu bekommen (El-Mafaalani, 2022, S. 10). Dadurch wird deutlich, dass Bildungsfragen immer auch Gesellschaftsfragen sind und die Schule als Institution aktiv an der Herstellung von Ungleichheit beteiligt ist.
Ein weiterer zentraler Punkt im Vortrag war das sogenannte „Passungsproblem“. Damit ist gemeint, dass Schule oft nicht zur Lebensrealität vieler Schülerinnen passt, insbesondere nicht zu denen aus sozial benachteiligten Verhältnissen (Ellinger & Kleinhenz, 2021, S. 12). Die Schule orientiert sich häufig an bestimmten Normen und Erwartungen, an die sich Schüler*innen anpassen sollen. Wenn dies misslingt, entstehen schnell Konflikte, Ausgrenzung oder Distanzierung. Besonders eindrücklich fand ich die Aussagen der Jugendlichen aus dem Projekt „Inklusion im Resonanzraum Schule“. Einige Schüler*innen beschrieben, dass Lehrkräfte ihnen nicht richtig zuhören oder ihre Probleme nicht ernst nehmen. Dadurch entsteht ein Gefühl von Entfremdung und sozialer Isolation. Gleichzeitig wurde verdeutlicht, wie wichtig positive Beziehungen im schulischen Umfeld eigentlich sind.
Auch das Lehrer*innen-Schüler*innen-Verhältnis wurde im Vortrag kritisch betrachtet. Viele Jugendliche beschrieben diese Beziehung als hierarchisch und herabsetzend. Gleichzeitig wurde aber auch deutlich, dass positive Beziehungen einen riesigen Unterschied machen können. Schüler*innen beschrieben „gute“ Lehrkräfte oft als „chillig“, verständnisvoll und menschlich. Lehrkräfte, die sich Zeit nehmen und ehrliches Interesse zeigen, schaffen eher Vertrauen und Motivation. Genau deshalb spielt die Partizipation von Schülerinnen eine entscheidende Rolle für die Veränderung der Institution Schule. Schule kann inklusiver werden, wenn Schüler*innen stärker beteiligt und ihre Perspektiven ernst genommen werden. Inklusive Schulentwicklung kann also nur funktionieren, wenn Schule zu einem gemeinsamen „Resonanzraum“ wird, in dem Beziehungen auf Augenhöhe möglich sind. Für mich zeigt der Vortrag vor allem, dass gute Bildung nicht nur etwas mit Leistung zu tun hat, sondern vor allem mit Beziehungen, Verständnis und echter Beteiligung.
Literaturverzeichnis
El-Mafaalani, A.,2022, „Mythos Bildung. Die ungerechte Gesellschaft, ihr Bildungssystem und seine Zukunft“, 3. Auflage, Köln, Kiepenheuer & Witsch, S. 10
Ellinger, S. et al, 2021, „Soziale Benachteiligung und Resonanzerleben. Entfremdungsprozesse in der Schule“, Kohlhammer, S.12
Fend, H., 2008, „Schule gestalten. Systemsteuerung, Schulentwicklung und Unterrichtsqualität“, Wiesbaden, VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 38