In der Vorlesung wurde deutlich, dass sowohl Intelligenz als auch Vorwissen wichtige Voraussetzungen für erfolgreiches Lernen darstellen. Intelligenz wurde dabei als Fähigkeit beschrieben, Probleme zu lösen, Zusammenhänge zu erkennen und neue Situationen erfolgreich zu bewältigen. Gleichzeitig wurde jedoch betont, dass Intelligenz allein nicht ausreicht, um Lernerfolg zu erklären.
Dass Intelligenz schulische Leistungen vorhersagen kann, zeigen empirische Befunde. Deary et al. (2007, S. 13–21) konnten bei einer großen Stichprobe von Schülerinnen und Schülern nachweisen, dass ein Zusammenhang zwischen Intelligenz und späterem Schulerfolg besteht. Dies spricht dafür, dass kognitive Fähigkeiten eine wichtige Rolle für das Lernen spielen.
Besonders spannend fand ich jedoch die Erkenntnis, dass Vorwissen für den konkreten Lernprozess häufig noch bedeutsamer ist als Intelligenz. Dies wurde anhand einer Studie von Schneider, Körkel und Weinert (1989, S. 306–312) verdeutlicht. Die Forschenden stellten fest, dass Kinder mit umfangreichem Fußballwissen eine Geschichte über ein Fußballspiel besser erinnern konnten als intelligentere Kinder mit geringerem Vorwissen. Vorwissen erleichtert also die Verarbeitung neuer Informationen und hilft dabei, neue Inhalte in bereits bestehende Wissensstrukturen einzuordnen.
Überraschend war für mich die Aussage aus der Vorlesung, dass Wissen die Intelligenz bereits relativ früh als wichtigsten Einflussfaktor für weiteres Lernen ablöst. Dadurch stellt sich für mich die Frage, wie Lehrkräfte mit den sehr unterschiedlichen Wissensständen ihrer Schülerinnen und Schüler umgehen können. Gerade in heterogenen Klassen erscheint dies als große Herausforderung. Im O-Praktikum könnte ich beobachten, wie Lehrkräfte Vorwissen erfassen und welche Maßnahmen sie nutzen, um unterschiedliche Lernvoraussetzungen zu berücksichtigen.
Für Schule und Unterricht ergeben sich daraus wichtige Konsequenzen. Wenn Vorwissen eine so zentrale Rolle spielt, sollte dieses möglichst früh diagnostiziert und bei der Unterrichtsplanung berücksichtigt werden. In der Vorlesung wurde außerdem der sogenannte Matthäus-Effekt thematisiert: Schülerinnen und Schüler mit günstigen Voraussetzungen profitieren häufig stärker vom Unterricht als Lernende mit geringeren Vorkenntnissen. Deshalb erscheint eine adaptive Unterrichtsgestaltung besonders wichtig.
Am Ende der Vorlesung wurden verschiedene Adaptionsmodelle vorgestellt. Ein Beispiel für die passive Reaktionsform nach Weinert (1997) wäre Unterricht, der sich ausschließlich am Durchschnitt der Klasse orientiert. Eine substitutive Anpassung zeigt sich beispielsweise in Förderkursen oder leistungsdifferenzierten Lerngruppen. Aktive Adaptation findet statt, wenn Lehrkräfte während des Unterrichts spontan Hilfestellungen geben. Proaktive Adaptation bedeutet dagegen, dass bereits bei der Planung unterschiedliche Materialien oder Aufgabenformate für verschiedene Lernvoraussetzungen vorbereitet werden.
Auch die von Leutner beschriebenen Adaptionsmöglichkeiten lassen sich gut im Schulalltag beobachten. Lernziele können beispielsweise individuell angepasst werden, Lehrmethoden können zwischen Einzel-, Partner- und Gruppenarbeit variieren und Lernende mit größerem Unterstützungsbedarf können zusätzliche Lernzeit erhalten.
Insgesamt hat mir die Vorlesung gezeigt, dass Lernerfolg nicht allein von Intelligenz abhängt. Vielmehr scheint das bereits vorhandene Wissen die entscheidende Grundlage für weiteres Lernen zu sein. Für mich unterstreicht dies die Bedeutung eines Unterrichts, der an den individuellen Voraussetzungen der Schülerinnen und Schüler anknüpft und diese gezielt fördert.
Deary, I. J., Strand, S., Smith, P. & Fernandes, C. (2007). Intelligence and Educational Achievement. Intelligence, 35, S. 13–21
Schneider, W., Körkel, J. & Weinert, F. E. (1989). Domain-Specific Knowledge and Memory Performance: A Comparison of High- and Low-Aptitude Children. Journal of Educational Psychology, 81, S. 306–312