Abschlussreflexion – Umgang mit Heterogenität in der Schule
1. Zentrale theoretische Erkenntnisse der Ringvorlesung
Wenn ich auf die Ringvorlesung „Umgang mit Heterogenität in der Schule“ zurückblicke, hat sich vor allem mein Verständnis davon verändert, was Heterogenität eigentlich bedeutet. Zu Beginn habe ich darunter hauptsächlich Unterschiede zwischen Schülerinnen und Schülern verstanden, beispielsweise hinsichtlich Herkunft, Sprache, Alter, Leistungsstand oder Beeinträchtigungen. Im Verlauf der Ringvorlesung wurde mir jedoch deutlich, dass Unterschiede nicht einfach vorhanden sind, sondern auch dadurch entstehen, wie wir Menschen wahrnehmen, einordnen und miteinander vergleichen.
Eine für mich besonders wichtige theoretische Erkenntnis ist deshalb das Verständnis von Heterogenität als sozialer Konstruktion. Gomolla (2009, S. 22) verdeutlicht, dass Normen als Vergleichsmaßstäbe wirken und damit beeinflussen, wer als „anders“ wahrgenommen wird. Hummrich (2016, S. 53) beschreibt in diesem Zusammenhang Prozesse der Homogenisierung. Dabei werden sehr unterschiedliche Menschen durch bestimmte Merkmale zu scheinbar einheitlichen Gruppen zusammengefasst. Begriffe wie „die Kinder mit Migrationshintergrund“ können beispielsweise Unterschiede markieren, obwohl die damit bezeichneten Menschen keineswegs eine homogene Gruppe bilden.
Eine zweite zentrale Erkenntnis betrifft Inklusion und Teilhabe. Booth und Ainscow (2011) verstehen Inklusion als einen Prozess, bei dem die Beteiligung aller Schülerinnen und Schüler gestärkt und Ausgrenzung verringert werden sollen. Damit verändert sich die Perspektive: Nicht der einzelne Mensch muss sich möglichst gut an bestehende Strukturen anpassen, sondern es muss gefragt werden, welche Barrieren Teilhabe verhindern. Für mich ist dies eng mit pädagogischer Beziehungsarbeit verbunden. Wertschätzung bedeutet nicht nur, Lernende freundlich zu behandeln, sondern sie als Personen wahrzunehmen und nicht auf Defizite oder einzelne Merkmale zu reduzieren.
Beide Erkenntnisse lassen sich auf meine Tätigkeit in der Pflegepädagogik übertragen. In einer Pflegeklasse können Menschen unterschiedlichen Alters, verschiedener Herkunft und mit unterschiedlichen Bildungs- und Sprachbiografien zusammenkommen. Besonders die Vorlesungen zur Mehrsprachigkeit haben mir gezeigt, dass sprachliche Schwierigkeiten nicht automatisch mit fehlendem fachlichem Verständnis gleichgesetzt werden dürfen. In der Ringvorlesung wurden Bildungssprache und formelle Sprachregister als mögliche Benachteiligung für Lernende beschrieben, die familiär weniger Zugang dazu hatten (vgl. Fürstenau, 2011). Gleichzeitig wurde auf den „monolingualen Habitus“ von Schule nach Gogolin (1994) verwiesen. Sprachsensibler Fachunterricht und die Anerkennung von Erstsprachen wurden als Möglichkeiten genannt, darauf zu reagieren.
Für die Pflegeausbildung ist dies besonders relevant, da Lernende neben Alltagssprache auch eine umfangreiche medizinische und pflegerische Fachsprache erwerben müssen. Für meinen Unterricht bedeutet das nicht, fachliche Anforderungen zu reduzieren. Vielmehr möchte ich Fachbegriffe erklären, Bedeutungen gemeinsam erarbeiten und unterschiedliche sprachliche Voraussetzungen berücksichtigen. Der gemeinsame Lerngegenstand bleibt bestehen, aber die Wege zum Lernen können unterschiedlich sein.
- Rückblick auf eigene Erfahrungen und pädagogisches Handeln
Durch die Inhalte der Ringvorlesung betrachte ich auch eigene Erfahrungen heute anders. Während meiner Ausbildung in Ludwigshafen wurde ich beispielsweise von einer Mitschülerin als „Ossi“ bezeichnet. Damals habe ich diese Aussage hauptsächlich als persönliche Zuschreibung erlebt. Heute kann ich darin einen Mechanismus erkennen, den wir in der Ringvorlesung als Homogenisierung kennengelernt haben. Meine Herkunft reichte aus, um mich einer vermeintlich einheitlichen Gruppe zuzuordnen. Individuelle Eigenschaften spielten in diesem Moment keine Rolle.
Gerade diese Erfahrung zeigt mir rückblickend, wie stark Sprache und Zuschreibungen den Umgang miteinander beeinflussen können. Für mein pädagogisches Handeln bedeutet das, aufmerksam darauf zu achten, wie über Lernende gesprochen wird. Bezeichnungen wie „die Ausländer“, „die Schwachen“, „die Alten“ oder auch „die DaZ-Schüler“ können schnell dazu führen, dass ein einzelnes Merkmal die Wahrnehmung einer Person bestimmt. Heterogenität anzuerkennen, darf deshalb nicht bedeuten, Menschen immer wieder auf ihre Unterschiede hinzuweisen.
Ein weiteres Beispiel aus der Ringvorlesung hat meine Einschätzung pädagogischen Handelns besonders verändert. In einer inklusiven Klasse veranstalteten vier Jungen auf dem Schulhof ein Wettrennen. Ein Schüler mit einer körperlichen Beeinträchtigung konnte daran nicht in gleicher Weise teilnehmen und blieb außen vor. Die Lehrkraft griff ein, wies die anderen Jungen zurecht und machte sie darauf aufmerksam, wie sich ihr Mitschüler fühlen könnte. Zunächst erschien mir diese Reaktion richtig und wertschätzend.
Durch die Beschäftigung mit Inklusion sehe ich diese Situation inzwischen differenzierter. Die eigentliche Barriere lag nicht beim Schüler, sondern in einer Aktivität, die bestimmte körperliche Voraussetzungen erforderte. Gleichzeitig wurde der Schüler durch das Eingreifen der Lehrkraft erneut als besonders beziehungsweise anders hervorgehoben. Eine gut gemeinte Schutzreaktion kann dadurch unbeabsichtigt eine neue Form der Ausgrenzung erzeugen. Booth und Ainscow (2011) haben mir geholfen, meinen Blick stärker auf solche Barrieren für Teilhabe zu richten.
Aus heutiger Sicht würde ich deshalb versuchen, die Schülerinnen und Schüler stärker in die Lösung einzubeziehen. Eine mögliche Frage wäre, wie ein Spiel gestaltet werden könnte, an dem alle teilnehmen können. Dadurch würde nicht über den betroffenen Schüler entschieden, sondern gemeinsam nach Möglichkeiten gesucht. Genau darin sehe ich inzwischen einen wichtigen Bestandteil pädagogischer Beziehungsarbeit: Lernende ernst zu nehmen, ihnen Beteiligung zu ermöglichen und nicht vorschnell für sie zu entscheiden.
Für mich verbinden sich die unterschiedlichen Themen der Ringvorlesung deshalb in einer gemeinsamen Erkenntnis: Professioneller Umgang mit Heterogenität beginnt mit der Reflexion des eigenen Handelns. Lehrkräfte beeinflussen durch Sprache, Erwartungen, Unterrichtsgestaltung und Beziehungen, welche Unterschiede im Schulalltag bedeutsam werden. Die Ringvorlesung hat mir keine einfache Anleitung gegeben, wie jede heterogene Lerngruppe zu unterrichten ist. Sie hat mir vielmehr gezeigt, welche Fragen ich mir stellen muss.
Für meine Tätigkeit in der Pflegepädagogik nehme ich mir deshalb besonders vor, Lernende nicht vorschnell bestimmten Gruppen zuzuordnen, sprachliche und fachliche Barrieren wahrzunehmen und unterschiedliche Lernwege zu ermöglichen. Die für mich entscheidende Frage lautet nicht mehr, wie unterschiedliche Lernende möglichst gut in bestehende Strukturen passen, sondern wie Unterricht gestaltet werden kann, damit unterschiedliche Menschen gemeinsam lernen und tatsächlich teilhaben können.
Literatur
Booth, T., & Ainscow, M. (2011). Index for Inclusion. Developing Learning and Participation in Schools. London: Centre for Studies on Inclusive Education.
Fürstenau, S., & Gomolla, M. (Hrsg.). (2011). Migration und schulischer Wandel: Mehrsprachigkeit (S. 13–23). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
Gogolin, I. (2008). Der monolinguale Habitus der multilingualen Schule (2., unveränderte Aufl.). Münster: Waxmann. DOI: 10.31244/9783830970989.
Gomolla, M. (2009). Heterogenität, Unterrichtsqualität und Inklusion. In S. Fürstenau & M. Gomolla (Hrsg.), Migration und schulischer Wandel: Unterricht (S. 21–44). VS Verlag für Sozialwissenschaften.
Hummrich, M. (2016). Homogenisierung und Heterogenität. Tertium Comparationis, 22(1), 39–58.