RV04: Heterogenität, Sprache und Bildungsgerechtigkeit im Sachunterricht

1) Nach der Selbstbestimmungstheorie von Deci und Ryan (1993) spielen die Bedürfnisse nach sozialer Eingebundenheit, Kompetenz und Autonomie eine wichtige Rolle für Entscheidungen von Kindern. Samira interessiert sich zwar stärker für die Reparatur der Nistkästen, entscheidet sich jedoch für das Wald-Mandala, weil sich dort die meisten Mädchen ihrer Klasse anmelden. Das Bedürfnis nach sozialer Zugehörigkeit scheint in diesem Fall wichtiger zu sein als ihr persönliches Interesse. Kinder orientieren sich häufig an Gleichaltrigen, um Anerkennung und Sicherheit innerhalb der Gruppe zu erfahren. Zudem könnten geschlechterbezogene Rollenbilder eine Rolle spielen, da technische Tätigkeiten oft eher Jungen zugeschrieben werden (Murmann 2026, S. 11–12).   Dadurch könnte Samira befürchten, bei der Nistkastenarbeit weniger kompetent zu wirken. Die Vorlesung zeigt außerdem, dass Interessen und Kompetenzen im technischen Bereich häufig geschlechtsdifferent zugeschrieben werden (Murmann 2026, S. 12).   Sachunterricht sollte deshalb gendersensibel gestaltet werden, damit Kinder ihre Interessen unabhängig von Geschlechterrollen entfalten können.

 

2) Die Vereinfachung von Sprache kann sprachlich schwächeren Schüler*innen zunächst helfen, Inhalte besser zu verstehen. Alltagsnahe Begriffe wie „ausprobieren“ oder „genau hingucken“ erleichtern den Einstieg in Themen des Sachunterrichts. Fachbegriffe sollten jedoch meiner Meinung nach nicht dauerhaft vermieden werden, da Kinder sonst nur eingeschränkten Zugang zur Bildungssprache erhalten. Bildungssprache ist wichtig, um wissenschaftliche Zusammenhänge zu verstehen und eigene Erkenntnisse angemessen auszudrücken (Quehl & Trapp 2020, zit. nach Murmann 2026, S. 13).   Die Vorlesung betont, dass Sachunterricht an die Lebenswelt der Kinder anschließen und gleichzeitig fachliche Bildung ermöglichen soll (GDSU 2013, S. 9–10).   Deshalb erscheint ein sprachsensibler Mittelweg sinnvoll. Fachbegriffe sollten erklärt und mit Alltagssprache verbunden werden. So entwickeln Kinder schrittweise bildungssprachliche Kompetenzen. Schnebel et al. (2025, S. 10) betonen zudem, dass Schule Bildungsungleichheiten abbauen und heterogenitätssensibel arbeiten soll.   Fachsprache sollte daher nicht ersetzt, sondern verständlich vermittelt werden.

 

3) Außerschulische Lernorte wie Museen oder Naturräume können Kindern neue Lern- und Erfahrungsmöglichkeiten eröffnen. Besonders im Sachunterricht ermöglichen sie handlungsorientiertes und entdeckendes Lernen. Gleichzeitig hängt die Nutzung solcher Lernorte häufig vom sozialen Hintergrund der Kinder ab. Einige Kinder besuchen Museen oder Naturorte bereits mit ihren Familien, andere haben dazu kaum Zugang (Murmann 2026, S. 14). Dadurch können Unterschiede im Vorwissen entstehen. Außerschulische Lernorte könnten deshalb einen Beitrag zur Bildungsgerechtigkeit leisten, wenn Schulen allen Kindern solche Erfahrungen ermöglichen. Laut Perspektivrahmen Sachunterricht sollen Kinder ihre natürliche, kulturelle und technische Umwelt verstehen und sich darin orientieren können (GDSU 2013, S. 9–10).   Museen und Naturräume bieten dafür authentische Lerngelegenheiten. Gleichzeitig könnte untersucht werden, ob alle Kinder gleichermaßen von solchen Angeboten profitieren oder ob soziale Ungleichheiten bestehen bleiben. Schnebel et al. (2025, S. 10) weisen darauf hin, dass Schule Bildungsungleichheiten sowohl abbauen als auch reproduzieren kann.

Literatur:

Deci, E. L. & Ryan, R. M. (1993): Die Selbstbestimmungstheorie der Motivation und ihre Bedeutung für die Pädagogik. Weinheim: Beltz.

Gesellschaft für Didaktik des Sachunterrichts (GDSU) (2013): Perspektivrahmen Sachunterricht. Bad Heilbrunn: Klinkhardt.

Murmann, L. (2026): Naturwissenschaftlich-technische Inhalte im Sachunterricht für alle Schüler*innen. Ringvorlesung „Umgang mit Heterogenität in der Schule“, Universität Bremen, 04.05.2026.  

Quehl, T. & Trapp, U. (2020): Sprachbildung im Fachunterricht. Stuttgart: Kohlhammer.

Schnebel, S., Kuzu, T. E., Kürzinger, A., Immerfall, S., Bernhard, G. & Grassinger, R. (Hrsg.) (2025): Heterogenität gestalten – Perspektiven auf die Grundschulentwicklung. Weinheim: Beltz Juventa.  

 

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