Naturwissenschaftlich-technische Inhalte im Sachunterricht für alle Schüler*innen

1. Die „grundlegenden psychologischen Bedürfnisse“ nach Deci und Ryan (1993) umfassen das Kompetenzerleben, die Selbstbestimmung sowie Autonomie und die soziale Eingebundenheit. Dies sind Ausgangspunkte für eine Herausbildung des Interesses für die Aufgabenvorschläge. Obwohl Samira zunächst stärkeres Interesse an den Nistkästen hatte, scheint ihr Bedürfnis nach sozialer Eingebundenheit stärker zu sein, wodurch sich das grundlegende Interesse, aufgrund des sozialen Aspekts und dem Wunsch nach Anerkennung in der Gruppe verschob. Möglicherweise wird dieser Aspekt zusätzlich dadurch verstärkt, dass bei Samira klischeehafte Rollenbilder gefestigt sind, wodurch das Bestreben nicht aus der „Norm“ zu fallen wichtiger ist, als ihrem eigentlichen Interesse zu folgen. Die sogenannte „Norm“ wäre dadurch gesetzt, dass der Großteil der Mädchen die Mandala-Aufgabe gewählt hat. Hier zeigt sich folglich, dass das Bedürfnis von Selbstbestimmung für Samira geringere Relevanz hat, da sie ansonsten autonom anhand ihrer eigenen Interessen die andere Aufgabe gewählt hätte. Jedoch ist auch zu erwähnen, dass die Selbstbestimmung innerhalb dieser Aufgabenstellung grundsätzlich gegeben ist, durch die Möglichkeit zwischen zwei Vorschlägen zu entscheiden. Das Bedürfnis nach Kompetenzerleben scheint in diesem Fall nicht von Bedeutung zu sein, da keine Informationen dazu gegeben sind, ob Samira die Aufgabenstellungen aus eigener Kraft bewältigen kann oder ob dort Schwierigkeiten auftreten könnten (vgl. Maltzahn 2014: 115).

 

2. Die Verwendung von Bildungssprache ist bei heterogenen Voraussetzungen auch im Sachunterricht erschwert, da diese SchülerInnen mit niedrigerem Sprachniveau eine erfolgreiche Teilhabe am Unterricht erschweren kann. Naturwissenschaften sind aufgrund der starken Verwendung von Fachbegriffen und Fachsprache von Sprachbarrieren oder auch Sprachherausforderungen gekennzeichnet (vgl. Brämer 1982: 5). Dies wird auch darin deutlich, dass Kinder mit Deutsch als Zweitsprache im Sachunterricht oftmals Wörter lernen, welche sie in ihrer Familiensprache gar nicht kennen, wodurch sie sich in dieser in dem Bereich gar nicht mitteilen können.

Jedoch ist dem Ansatz dieser Lehrerin nicht zuzustimmen, da eine thematisch orientierte, durchgängige Sprachförderung in jedem Fach Ziel ist. Diese Förderung ist sehr wichtig, da der Zugang zu Inhalten und dementsprechend das Recht auf Bildung nur eingelöst werden kann, wenn die Inhalte nicht nur alltagssprachlich, sondern auch bildungs- und fachsprachlich zugänglich sind (vgl. Folie 20 …).

Explizit an das Fach Sachunterricht anknüpfend ist außerdem anzumerken, dass naturwissenschaftliche und technische Kontexte auf verschiedene Weisen Sprachförderpotenzial bürgen (vgl. Sterner u.a. 2014, Tajmel 2017, Grewe 2023). Im Zuge des handlungsintensiven Lernens werden viele Sprachanlässe innerhalb des Experimentierens geboten, da diese Handlungen und Gegenstände unmittelbar mit den Beschreibungen konkret und kontextualisiert werden. Dies zeigt, dass der Sachunterricht an heterogene Sprachvoraussetzungen ansetzen sollte und kann. Die gebotenen Sprachanlässe sollten genutzt werden, anstatt die SchülerInnen in ihren sprachlichen Kompetenzen einzuschränken.

 

3. Die Themenbereiche Bildungsgerechtigkeit und die Nutzung von außerschulischen Lernorten, in diesem Fall bezüglich Lernbereichen des sachunterrichtlichen Themenbereiches, sind miteinander verknüpft. Dies erschließt sich aufgrund dessen, dass die Schülerschaft heterogene Erfahrungen mit diesen Lernorten haben. Beispielweise begegnen einige diesen Orten womöglich im Alltag, andere jedoch haben keine Berührungspunkte mit diesen oder kennen diese womöglich nicht. Eine Auseinandersetzung mit diesen Orten ist somit wichtig, um jedem Kind den Zugang zu außerschulischen Lernbereichen zu bieten und folglich eine Teilhabe aller zu gewährleisten. Denn eine vorausgehende Kenntnis über diese außerschulischen Lernorte kann nicht vorausgesetzt werden und würde eine Abhängigkeit von den privaten familiären Voraussetzungen bedeuten.

 

Literatur:

Brämer, Rainer (1982): Physik als Sprachnatur. Über die fachliche Verstellung im naturwissenschaftlichen Unterricht. natursoziologie.de In: http://www.wanderforschung.de/files/sprachnatur1265997597.pdf (zuletzt abgerufen: 17.6.2019).

Maltzahn, Katharina von (2014): Mädchen und Naturwissenschaften. Zur Entwicklung von Interessen nach der Grundschule. Weinheim und Basel: Beltz Juventa.

Murmann (2026): Folien Ringvorlesung: Naturwissenschaftlich-technische Inhalte im Sachunterricht für alle Schüler*innen.

Sterner, Franziska; Skolaude, Daria; Ruberg, Tobias; Rothweiler, Monika (2014): Versuch macht klug und gesprächig. Heft 2: Der Sprachbildungsansatz. Elbkinder Materialien https://www.elbkinderkitas.de/files/versuch_macht_klug/vmkug_heft_02_web.pdf (zuletzt abgerufen: 4.5.2025)

Tajmel, Tanja (2017): Naturwissenschaftliche Bildung in der Migrationsgesellschaft. Grundzüge einer Reflexiven Physikdidaktik und kritisch-sprachbewussten Praxis. Wiesbaden: Springer.

Grewe, Oliver 2023: Förderung der professionellen Unterrichtswahrnehmung und Selbstwirksamkeitsüberzeugungen hinsichtlich sprachsensibler Maßnahmen im naturwissenschaftlichen Sachunterricht. Konzeption und Evaluation einer video- und praxisbasierten Lehrveranstaltung im Masterstudium. Berlin: Logos.

 

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