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Als Berufsschullehrerin mit anderen fachlichen Schwerpunkten erscheint mir das Förderkonzept „Entdecken und Erzählen“ (Enter) zunächst eher im frühkindlichen bzw. grundschulischen Kontext verortet. Gleichzeitig lassen sich zentrale Elemente gut auf schulische Lernprozesse übertragen – auch, weil ich aus meiner Perspektive als Mutter viele sprachliche Aneignungsprozesse im Alltag beobachten kann.

Übertragbare Elemente aus „Enter“

Ein zentraler Baustein ist das dialogische Lernen. Offene Gesprächsanlässe ermöglichen es Lernenden, eigene Denkwege sprachlich zu formulieren und mit anderen abzugleichen. Das ist auch in höheren Klassen sinnvoll: Lernende werden aktiver eingebunden, statt nur Ergebnisse zu reproduzieren. Gleichzeitig erhalten Lehrkräfte Einblick in Denkprozesse und können gezielt unterstützen. Sprache fungiert hier als Werkzeug zur Strukturierung und Reflexion von Lösungswegen (vgl. Böning & Thöne, 2017).

Ebenso übertragbar ist das Prinzip des Scaffoldings. Sprachliche Hilfen wie Satzstarter („Ich erkenne, dass…“, „Der Unterschied ist…“), Visualisierungen oder Wortlisten unterstützen besonders heterogene Lerngruppen. Gerade im Mathematikunterricht hilft dies, Fachbegriffe korrekt zu verwenden und Verständnisbarrieren abzubauen (vgl. Leuders & Prediger, 2016).

Auch eine bewusste Gesprächskultur ist zentral: Zuhören, Nachfragen und strukturiertes Erklären fördern nicht nur das Verständnis, sondern auch soziale und kommunikative Kompetenzen.

Funktionen von Sprache im Mathematikunterricht

Kommunikative Funktion: Sprache dient dem Austausch über mathematische Inhalte. Beispiel: In einer Partnerarbeit erklären sich Auszubildende gegenseitig den Rechenweg bei einer Prozentaufgabe.

Kognitive Funktion: Sprache unterstützt das Denken und Strukturieren von Lösungsprozessen. Beispiel: „Zuerst berechne ich den Grundwert, dann bestimme ich den Prozentsatz.“

Darstellungsfunktion: Sprache hilft, mathematische Sachverhalte zu beschreiben. Beispiel: Eine Alltagssituation wird in mathematische Fachsprache übersetzt.

Reflexive Funktion: Sprache ermöglicht es, über das eigene Lernen nachzudenken. Beispiel: Lernende vergleichen und bewerten Lösungswege.

Beobachtungsfragen für Praktika

  1. In welchem Umfang nutzen Lernende in kooperativen Arbeitsphasen mathematische Fachsprache, und wie verändert sich dies durch gezielte Unterstützung?
  2. Welche sprachlichen Impulse setzt die Lehrkraft, und wie wirken sich diese auf Verständnis und Beteiligung aus?

Zentrale Prinzipien von „Enter“ lassen sich gewinnbringend in schulische Kontexte übertragen. Sprachliche Förderung ist eine grundlegende Voraussetzung für fachliches Lernen – besonders im Mathematikunterricht.

Literatur:

Böning, D. (2026): Integrierte (Früh-)Förderung von Sprache und Mathematik. In: Ringvorlesung „Umgang mit Heterogenität“.

Klemm, K. (2008): Vierzig Jahre Chancenungleichheit in der Grundschule – keine Hoffnung auf Abhilfe in Sicht? In: Ramseger, J. & Wagener, M. (Hrsg.): Chancenungleichheit in der Grundschule. Ursachen und Wege aus der Krise. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 17–24.

Ramseger, J. & Wagener, M. (Hrsg.) (2008): Chancenungleichheit in der Grundschule. Ursachen und Wege aus der Krise. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

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