RV02/ Umgang mit soziokultureller Heterogenität
1.
Mit der Auseinandersetzung der Frage, wie Schulen mit soziokultureller Heterogenität umgehen, habe ich mich zunächst in meine eigene Schulzeit zurückversetzt. Diese ist nun einige Jahre her, jedoch gab es zwei prägende Erinnerungen im Umgang mit Heterogenität.
Von der 5 bis zur 10 Klasse war ich in einer sogenannten „Inklusionsklasse“. In dieser Klasse wurden Kinder mit körperlichen und kognitiven Beeinträchtigungen gemeinsam mit Kindern ohne diagnostizierte Einschränkungen unterrichtet. Wir waren überwiegend ein gemeinsamer Klassenverband, jedoch gab es ausgewählte Lerneinheiten, in denen getrennter Unterricht stattfand. Dadurch entstand bewusst oder unbewusst eine Form der Differenzierung zwischen den Schüler*innen.
Eine solche Unterrichtsform lässt sich zunächst als ein Ansatz inklusiver bzw. diversitätsorientierter Pädagogik verstehen, da das gemeinsame Lernen im Vordergrund stand. Gleichzeitig zeigte sich jedoch eine gewisse Ambivalenz in der praktischen Umsetzung. Die Schüler*innen mit der Beeinträchtigung gehörten zwar zur Klassengemeinschaft, trotzdem haben sie nicht durchgehend am gesamten Unterricht teilgenommen. Die Zugehörigkeit dieser Schüler*innen war somit begrenzt, was automatisch ungleiche Bildungschancen widerspiegelt (vgl. Schulz. S. 111).
Eine weitere prägende Erinnerung meiner Schulzeit war der Umgang mit kultureller und religiöser Vielfalt, insbesondere mit dem Hintergrund meiner eigenen Migrationserfahrung. Als ich 2004 eingeschult wurde, war die Anzahl der Kinder mit Migrationshintergrund in meiner Schule gering, was möglicherweise mit dem Stadtteil zusammenhing Dennoch wurden religiöse Feiertage, insbesondere aus dem Islam, teilweise im Unterricht thematisiert. Ich erinnere mich daran, dass wir muslimische Schüler*innen an diesem Tag vom Unterricht befreit waren. Davor haben wir in der Klasse über die Bedeutung des Festes gesprochen.
Mit dieser Geste wurden kulturelle Unterschiede sichtbar gemacht und wertschätzend behandelt. Gleichzeitig blieb die Auseinandersetzung häufig auf einzelne Anlässe beschränkt und ging nicht tiefer. Eine kritische Perspektive wie sie zum Beispiel in der antirassistischen Pädagogik vorkommt, war kaum erkennbar.
Ebenso hatte ich den Eindruck, dass die Lehrkräfte im Umgang mit dieser Vielfalt teilweise an ihre Grenzen stießen. Dies könnte sich so erklären lassen, dass die Professionalisierungsprozesse in diesem Bereich oft nicht ausreichend ausgeprägt sind, obwohl insbesondere der Umgang mit Heterogenität eine kontinuierliche pädagogische Auseinandersetzung erfordert. (vgl.: Resch 2026, S.32)
2.
Von der eigenen Reflexion meiner schulischen Erfahrung lässt sich als Beobachtungsaufgabe für zukünftige Praktika ableiten, dass der Umgang mit Heterogenität differenzierter betrachtet werden muss. Dabei erscheint es für mich sinnvoll, gezielt darauf zu achten, inwiefern Maßnahmen wirklich inklusiv wirken oder ob sie wie zu meiner eigenen Schulzeit, eher zu einer subtilen Form der Separation führen.
Ebenso wäre zu beobachten, wie kulturelle und religiöse Vielfalt im schulalltag thematisiert wird. Erfolgt diese nur bei einem Anlass oder wird sie als selbstverständlicher Bestandteil des Unterrichtes gehandhabt.
3.
Im Zuge der Auseinandersetzung mit den oben beschriebenen schulischen Erfahrungen wird deutlich, dass weiterhin ein Entwicklungsbedarf für den Umgang mit Heterogenität besteht. Es ist wichtig, dass Inklusion eine konsequente Umsetzung benötigt, sodass Kinder mit Beeinträchtigungen nicht nur formal ein Teil der Klasse sind. Diese Umsetzung kann nur durch strukturelle Veränderungen erfolgen. Ebenso durch stärkere Individualisierung von Lernangeboten.
Unteranderem wird deutlich, dass der Umgang mit kultureller und religiöser Vielfalt häufig noch temporär erfolgt. An diesem Punkt könnten Programme ansetzen, welche die Vielfalt nicht als ein „besonderes Thema“ betrachten, sondern als ein Bestandteil des Bildungssystems.
Quellen
Günesli, H.(Hrsg.), Albers, T.(Hrsg.) Mombeck, M. (Hrsg.), Jonitta J. (Hrsg.) Resch. K. (2026): „Allheilmittel“ Individualisierung und Differenzierung: Eine soziologische und Pädagogische Betrachtung. In: Diskurs und Praktiken der Heterogenität. Pädagogisches Handeln in heterogenen Settings. Mit einem Fokus auf die Elementar- und Primarbildung. Weinheim. Verlag: Beltz Juventa. S. 32
Konz, B. (Hrsg.), Schröter, A. (Hrsg.), Schulz, M.(2022). Die Entdeckung Pädagogischer Individualität. In: DisAbility in der Migrationsgesellschaft. Betrachtungen an der Intersektion Behinderung, Kultur und Religion im Bildungskontext. Bad Heilbrunn. Verlag: Julius Klinkhardt. S. 111.