RV02//Dr. Christoph Fantini// Grundlagen zum Umgang mit soziokultureller Heterogenität in Schule (Fokus Diskriminierung:intersektional)

Aufgabe 1)

Im Rahmen meiner langjährigen Tätigkeit in der Pflege – insbesondere über 13 Jahre hinweg, unter anderem auf einer akutpsychiatrischen Station – habe ich vielfältige Erfahrungen im Umgang mit soziokultureller Heterogenität sammeln dürfen. Sowohl im Kollegium als auch im Kontakt mit Patient*innen zeigte sich eine große Bandbreite an kulturellen Hintergründen, sozialen Lebenslagen und individuellen Voraussetzungen. Diese Vielfalt erforderte ein hohes Maß an Sensibilität, Anpassungsfähigkeit und professioneller Reflexion im beruflichen Alltag.

Im Rahmen meines Orientierungspraktikums im Bachelorstudium an einer Bremerhavener Pflegeschule konnte ich Erfahrungen im schulischen Kontext sammeln. Die Lerngruppe war ebenfalls durch eine ausgeprägte Heterogenität geprägt: Insgesamt 19 Schüler*innen, von denen der Großteil einen Migrationshintergrund hatte, brachten sehr unterschiedliche sprachliche, schulische und biografische Voraussetzungen mit.

Im schulischen Kontext habe ich Maßnahmen kennengelernt, die auf sprachliche Förderung abzielen, beispielsweise vorbereitende Kurse für Lernende mit Deutsch als Zweitsprache. Diese lassen sich dem Ansatz der Ausländerpädagogik zuordnen, da hier zunächst sprachliche Defizite fokussiert und Lernende teilweise separat unterrichtet werden, um ihre Teilnahme am regulären Unterricht zu ermöglichen (vgl. Fantini, 2026, Folie 8). Die Teilnahme an dieser Förderung für Schüler:innen mit „schlechten Noten“ verpflichtend.  Aus meiner Perspektive können solche Maßnahmen unterstützend wirken, gleichzeitig besteht jedoch die Gefahr, dass durch die Trennung soziale Integration erschwert wird. Unter Zwang und Druck zu lernen, bringt wahrscheinlich langfristig bei wenigen Schüler:innen Erfolg.

Darüber hinaus habe ich im Unterricht Situationen erlebt, in denen kulturelle und religiöse Vielfalt bewusst thematisiert wurde. Lernende hatten die Möglichkeit, eigene Erfahrungen einzubringen und sich über unterschiedliche Traditionen auszutauschen. Solche Ansätze lassen sich dem interkulturellen Lernen zuordnen, da sie das gegenseitige Verständnis fördern und zur Entwicklung von Respekt gegenüber unterschiedlichen Lebensweisen beitragen (vgl. Hartung et al., 2021, S. 7).

Besonders anschlussfähig erscheint mir in diesem Zusammenhang das Konzept der Diversity Education. Dieses geht davon aus, dass Vielfalt als grundlegendes Merkmal von Bildungsprozessen verstanden werden sollte und unterschiedliche Dimensionen – wie Herkunft, Sprache oder soziale Bedingungen – gemeinsam berücksichtigt werden (vgl. Prengel, 2018, S. 35). Aus meiner Sicht ist es wichtig, dass Lernende Vielfalt nicht als Abweichung, sondern als selbstverständlichen Bestandteil ihrer Lebenswelt erfahren.

Aufgabe 2)

Für zukünftige Praxisphasen ergeben sich daraus konkrete Beobachtungsschwerpunkte. Ich möchte insbesondere darauf achten, wie Lehrkräfte mit heterogenen Lerngruppen umgehen und welche pädagogischen Haltungen dabei sichtbar werden.

Ein besonderes Interesse gilt der Frage, wie kulturelle und religiöse Vielfalt im Unterricht integriert wird: Werden unterschiedliche Perspektiven aktiv einbezogen? Gibt es Raum für persönliche Erfahrungen der Lernenden? Und gelingt es, alle Schüler*innen gleichermaßen anzusprechen?

Darüber hinaus möchte ich beobachten, ob Heterogenität im schulischen Alltag eher als Herausforderung oder als Ressource wahrgenommen wird und wie sich diese Haltung konkret im Unterrichtshandeln widerspiegelt.

Aufgabe 3)

Aus diesen Überlegungen lassen sich zentrale Ansatzpunkte für die Weiterentwicklung von Schule ableiten. Heterogenität sollte grundsätzlich als Normalität verstanden und entsprechend im schulischen Alltag verankert werden. Konzepte wie die Diversity Education bieten hierfür eine wichtige Orientierung, da sie Vielfalt nicht nur anerkennen, sondern aktiv in Bildungsprozesse integrieren (vgl. Prengel, 2018, S. 35).

Zudem halte ich es für wesentlich, Lernenden mehr Möglichkeiten zu geben, ihre individuellen Erfahrungen und Hintergründe einzubringen. Dies kann beispielsweise durch dialogische Unterrichtsformen oder projektorientiertes Arbeiten geschehen, in denen interkulturelles Lernen gezielt gefördert wird (vgl. Hartung et al., 2021, S. 7).

Gleichzeitig sollte bei Maßnahmen zur Sprachförderung darauf geachtet werden, dass diese nicht unbeabsichtigt zu Ausgrenzung führen. Eine inklusive Gestaltung von Unterricht, die sowohl individuelle Förderung als auch soziale Teilhabe berücksichtigt, erscheint mir hier besonders wichtig.

Insgesamt wird deutlich, dass ein reflektierter und bewusster Umgang mit Heterogenität sowohl auf didaktischer als auch auf struktureller Ebene notwendig ist, um den unterschiedlichen Bedürfnissen aller Lernenden gerecht zu werden.

Literaturverzeichnis

Fantini, C. (2026). Grundlagen zum Umgang mit soziokultureller Heterogenität in Schule (Vorlesung 2, Folie 8). Universität Bremen.
Hartung, R., Krohn, B., Wirszing, D., Nas, Ö., Proll, B., Sommerhoff, M., & Wojhan, U. (2021). Kulturelle und religiöse Vielfalt in der Schule: Eine Handreichung für Lehrkräfte. Regionale Arbeitsstelle für Bildung, Integration und Demokratie (RRA) Mecklenburg-Vorpommern e. V.
Prengel, A. (2018). Pädagogik der Vielfalt. In A. Prengel, Pädagogik der Vielfalt. Verschiedenheit und Gleichberechtigung in interkultureller, feministischer und integrativer Pädagogik (S. 33–54). Springer VS.

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